Spindel (Heraldik)

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Spindel
 
als gemeine Figur (gemäß Siebmacher)
 
als Heroldsbild
Spindel in der rechten Hand von Eva (Hunterian PsalterW-Logo en.png, ca. 1170)

Die Spindel kommt in der Heraldik in zwei Formen vor:

  • als eine gemeine Figur: Spindel (zum Spinnen; frz.: quenouille; engl: spindle (of silk))
  • als Motiv, das sich aus der Raute ableitet und eine besonders schlanke Form der Wecke darstellt (frz.: fusée, fuseau, fusil; engl.: fusil). Das Motiv zählt in der Regel zu den Heroldsbildern, wenn es die Schild-/Feldfläche durch an die Schild-/Feldränder reichende Begrenzungslinien „aufteilt“ beziehungsweise zu den „besonderen Heroldsbildformen“, wenn es den Schild-/Feldrand nicht berührt, also im Wappen „freisteht“).

Spindel als gemeine Figur

Die Spindel wird meist mit aufgerollten Garn oder Faden in Wappen dargestellt. Eine „leere“ beziehungsweise „fadenlose“ Spindel ist zu melden.

„Die Spindel (Tafel XXIX. Figur 13.): erscheint ebenso im Wappen wie das Spinnrad (..)“

Siebmacher/Gritzner (1889)[1]

Spindel als Heroldsbild

Das Heroldsbild (beziehungsweise die heraldische Sonderform) Spindel bezeichnet man teilweise auch als Wackel, Wachel oder Spitzraute. Die rautenförmige Wappenfigur besitzt im Gegensatz ähnlichen Wappenfiguren zwei extrem spitze gegenüberliegende und zwangsweise zwei extrem stumpfe Winkel.

Abgrenzung zur Raute/Wecke

In der Früh- und der Blütezeit des Wappenwesens unterscheidet man nicht zwischen den genauen geometrischen Ausprägungen der Spindel gegenüber den Heroldbildern Wecke und Raute. Auch in der heraldischen Literatur werden die drei Begriffe (und weitere) teilweise synonym, teilweise widersprüchlich verwendet. Erst in der jüngeren Heraldik versucht man eine genauere begriffliche Abgrenzung:

  • Raute: Spitzgestelltes Quadrat bis mittelmäßiger Rhombus (frz.: losange, fusée; engl.: lozenge), WBO-Code: 0641
  • Wecke: Mittelschlanke Form der Raute, WBO-Code: 0661
  • Spindel: Sehr schlanke Form der Raute , WBO-Code: 0661

Spindel als Muster

Die Spindel kann in Einzahl, in Mehrzahl oder in Form eines Musters in Wappen erscheinen, das den Schild oder das Wappenfeld flächendeckend durch Spindel „kachelt“. Die Lage der Spindel (beziehungsweise deren Winkel/Spitzen) wird gemeldet.

  • Sind die Spitzen flächendeckend im Schild oder Wappenfeld nach dem Schildhaupt gerichtet, so bezeichnet man dies als „senkrecht gespindelt“ oder lediglich als „gespindelt“.
  • Liegen die Spindeln flächendeckend im Schild oder Wappenfeld mit den Spitzen nach rechts und links, so ist bezeichnet man dies als „waagerecht gespindelt“.

Sinngemäß ist auch eine schräg gespindelte „Kachelung“ durch Spindeln möglich. Die Richtung im Schild sollte dann mit heraldisch links oder, falls notwendig, mit heraldisch rechts genauer erwähnt sein.

Die Spindel kann durch Farbe in verwechselter Tingierung in Längsrichtung oder Querrichtung geteilt sein und muss dann auch so beschrieben werden. Der Übergang von Wecke zur Spindel ist fließend.

Wappenbilderordnung

  • Die (Garn)Spindel als gemeine Figur wurde in die Wappenbilderordnung (WBO) des Herold (Verein) im Abschnitt „Handwerksgerät“ unter der Nr. 9447 aufgenommen.
  • Die Spindel als Heroldsbild wurde in die Wappenbilderordnung (WBO) des Herold (Verein) im Abschnitt „Schrägvierungen, Rauten, Wecken, Spindeln“ unter der Nr. 0661 aufgenommen.

Abgrenzung

Weberschiffchen, naturalistisch (redend: Tuchenbach DE)

Spindeln sollen gelegentlich die aus der Weberei bekannten Weberschiffchen oder die Garnrolle symbolisch ersetzen (die durch die Kettfäden geschossen wird). Die natürliche Darstellung wird aber bevorzugt.

Symbolik

  • Die Spindel ist für redende Wappen eine geeignete Wappenfigur (zum Beispiel für Familiennamen wie Spindler, Spille, Spiller et cetera).
  • Außerhalb der Heraldik gilt die Spindel seit dem Mittelalter als ein Symbol für „häuslichen Lebens“ beziehungsweise für das von (transzendenten) Mächten vorherbestimmte (geschickte) oder von Zufällen bewirkte, der Entscheidungsfreiheit des Menschen entzogene Leben („Schicksal“).
Die Nornen spinnen die Schicksale zu Füßen des Weltenbaumes

Spindel: Die Tätigkeit des Spinnens wird häufig mit weiblichen Triaden (Dreigestalt) übernatürlicher Wesen verbunden (ParzenW-Logo.png, MoirenW-Logo.png, NornenW-Logo.png), die den Schicksalsfaden zusammendrehen, aufwickeln und abschneiden. Die weibliche Tätigkeit des Spinnens wird ihrerseits häufig mit dem Mond in Zusammenhang gebracht, dessen drei Hauptphasen (Vollmond, Sichelmond, Neumond oder Dunkelmond) auf die dreigestaltige Hekate (Hekate triformis) hinzuweisen scheinen (Ranke-Graves). Auch das Weben von Schicksalsfäden wird weiblichen Gestalten der Überwelt zugewiesen. Daß die Spindel in der Märchensymbolik eine wichtige Rolle spielt und mit Tod und Schicksal zusammenhängt, so im DornröschenmärchenW-Logo.png, ebenso mit Triaden (»Von dem bösen Flachsspinnen«, Grimms Märchen I / Nr. 14), ist bekannt. Der scheinbar sterbende und auferstehende Mond weist weibliche Schicksalsmächte dem Begriffsfeld »Unterwelt und Neugeburt« zu. In der christlichen Bilderwelt wird Maria (etwa bei der Verkündigung durch den Erzengel Gabriel) gern mit der Spindel in der Hand dargestellt, mit dem Rückverweis auf die Urmutter Eva, die ebenfalls oft spinnend abgebildet wurde (»Als Adam grub und Eva spann...«). Die Assoziation von Maria und der Mondsichel ist allgemein geläufig. – Das Spinnen als Domäne weiblicher Gottheiten und Priesterinnen ist eine weitverbreitete Vorstellung und u. a. bei Ixchel (Isch-tschél) der yukatekischen Maya bekannt, und zwar unter dem Aspekt der Göttin Chac-chel (Rätsch). Ixchel ist eine Mondgöttin und wird mit dem Webstuhl dargestellt, als Ixcanleom auch mit der Spinne verbunden. – Im europäischen Mittelalter ist die Spindel Symbol des beschaulichen Lebens und Attribut einiger weiblicher Heiligengestalten (Jeanne d'Arc, der Jungfrau von Orléans, als Hirtin; Margarete, Genoveva). – Auch sprichwörtliche Redensarten des deutschen Sprachraumes verbinden die Tätigkeit des Spinnens mit der Spinne, so etwa im übertragenen Sinn von »flunkern, halluzinieren« als »sein Garn spinnen«, ein »Hirngespinst« produzieren, wie die Spinne ihre langen Fäden aus dem Leib hervorgehen läßt; auch schlimme Ränke können gesponnen werden.“

Lexikon der Symbole (1989/1994/1998)[4]

Siehe auch

Weblinks

 Commons: Spindel (gemeine Figur) in der Heraldik – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Commons: Spindel (Heroldsbild) in der Heraldik – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. J. Siebmacher's grosses und allgemeines Wappenbuch, Einleitungsband, Abteilung B: Grundsätze der Wappenkunst verbunden mit einem Handbuch der heraldischen Terminologie (Maximilian Gritzner). Nürnberg: Bauer & Raspe, 1889.
  2. Wappenbeschreibung: „In Blau eine schräg gestellte, gestürzte, nach links gekehrte goldene Sichel, im nach oben offenen Sichelbogen eine schräglinke goldene Spindel mit Garn.“
  3. Wappenbeschreibung: „In Schwarz eine goldene Handspindel mit silbernem Faden “
  4. Lemma: Spindel. In: Knaurs Lexikon der Symbole. Verlag Droemer Knaur. 1989/1994/1998. S. 414-415.


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Dieser Artikel basiert auf dem Beitrag „Spindel_(Heraldik)“ aus der freien Enzyklopädie Wikipedia in der Version vom 11. Juni 2010 (Permanentlink: [1]). Der Originaltext steht unter der GNU-Lizenz für freie Dokumentation bzw. unter CC-by-sa 3.0. In der Wikipedia ist eine Liste der ursprünglichen Autoren verfügbar.