Wappenzensor

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Wappenzensor (= „der mit der Zensur der Wappen beauftrage“; auch Wappencensor, Blasonist [seu scutor], Wappeninspektor oder ähnlich; lat.: „armorum inspector“) ist allgemein ein Bediensteter/Beamter einer Kanzlei-/Staatsbehörde beziehungsweise eines Heroldamts, der für die Betreuung von Angelegenheiten über Wappen und dem Wappenwesen („Wappenfragen“) zuständig ist oder war.

Geschichte

Kanzleibedienstete (vermutlich zuerst niedrigere Kanzleibeamte wie Konzipisten)[1] übernahmen etwa ab dem späten 16. Jahrhundert einige historische Tätigkeiten der Herolde.

„Ab dem späteren 16. Jahrhundert wurden die Aufgaben der Herolde im Rahmen der fürstlichen Kanzleien zunehmend von Beamten wahrgenommen, die vor allem auch mit Wappenverboten befaßt waren: An der innerösterreichischen Hofkanzlei in Graz gab es seit etwa 1590 einen Wappeninspektor, an der Wiener Reichshofkanzlei nahm im 16. Jahrhundert zunächst der Reichsvizekanzler diese Kontrollfunktion wahr, seit dem 17. Jahrhundert gab es das Amt des Wappenzensors (seit 1707 Wappeninspektor), in Preußen zwischen 1706 und 1713 ein eigenes Oberheroldsamt (..)“

Gustav Pfeifer (2007)[2]

Etymologie
Der Begriff „Zensur“ ist abgeleitet vom lateinischen Wort censura, das eine strenge Prüfung bzw. Beurteilung und zugleich das Amt eines Sittenrichters (CensorsW-Logo.png) im römischen Staat bezeichnete. (..) Zum Verb censere wurde das Substantiv censura gebildet, das „Prüfung, Begutachtung, Kritik“ bedeutet und im 15. oder 16. Jahrhundert ins Deutsche übernommen wurde.[3]
Deutsche Wikipedia (2017)[4]

Gleichwohl war das Amt des Wappenzensors nicht mit dem traditionellen Heroldsposten identisch.[1] „Wappenzensur-Amt“, Kanzleiheraldik und Heroldsamt stellten in vielen Teilen institutionalisierte Weiterentwicklungen des Heroldswesens dar. Als Wappenzensurbehörden wurden territoriale Kanzleien oder Nebenämter zum Beispiel der Österreichischen HofkanzleiW-Logo.png, der ReichshofkanzleiW-Logo.png, später dem Ministerium für auswärtige beziehungsweise innere Angelegenheiten bestimmt. Im 18. Jahrhundert wurden in den Wappenzensurbehörden erstmals Personen mit überdurchschnittlicher heraldischer Fachkompetenz angestellt. Beispielsweise ernannte Kaiser Joseph I. im Jahre 1707 William O’Kelly of/ab Aghrim (gegen 1670–1751), einen irischen jakobitischen Emigranten, der zuvor als Philosophie-, Heraldik- und Geschichtsprofessor an der ständischen Ritterakademie in Wien tätig war, als österreichischen Reichswappenzensor.[1]

Tätigkeitsbild

Schwerpunkte der Aufgaben eines Wappenzensors waren/sind:

  • Festlegungen im Rahmen der Heraldik treffen
  • Aufsicht über die Wappen und das Wappenwesen eines Territoriums oder eines Herrschaftsbereichs (zum Beispiel: im ganzen Reich, in Böhmen)
  • Ausübung staatlicher Wappenkontrolle, Anmaßung von Titeln und Wappen verhindern
  • Prüfung, Beurteilung, Begutachung, Kritik von Wappen gleichwie Kontrolle über der Einhaltung traditioneller heraldischer Grundregeln bei der Erstellung und Genehmigung neuer Wappen/Wappenbriefe
  • Sicherstellung von stilistischem und inhaltlichem Niveau von Wappen
  • Verfassen von Gutachen zu Wappenentwürfen beziehungsweise Anfertigen von Expertisen zu Wappen, die gewöhnlich dem Dienstherrn zur Imprimatur vorgelegt wurden.
  • Dokumentation und Archivierung der heraldischen Akten

Wappenzensoren besaßen gewöhnlich keine unmittelbare Exekutive, um den Mißbrauch von Wappen zu entgegenzuwirken; sie erstatten aber gegenüber ihrem Dienstherrn Anzeigen und Berichte und waren teilweise bei der Festlegung von Taxen und Strafgeldern beteiligt.

Wirken

Im Laufe der Jahrhunderte entwickelten die Wappenzensoren einheitliche Bestimmungen für Wappen und ihr Bemühen, dem Wildwuchs bei der Gestaltung, Stiftung und Annahme von Wappen Einhalt zu gebieten, war in vielen Fällen von Erfolg gekrönt. Auf die „Disziplinierung“ des heraldischen Schaffens hatten sie einen außergewöhnlich großen Einfluss, der in Teilen bis heute im Wappenwesen fortwirkt.

Literatur

  • Hanns Jäger-Sunstenau: Die Wappenzensoren in den Hofkanzleien in Wien 1707-1918. In: Genealogica et Heraldica, Report of the 16th International Congress of Genealogica and Heraldic Scienes. Helsinki 1984. S. 354-364.
  • Walter Goldinger: Das ehemalige Adelsarchiv. In: Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 13. Wien 1960. S. 486 ff.

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 1,2 Jiří Brňovják: Zur Modernisierung der böhmischen Heraldik im Lichte der Kanzleipraxis bei Standeserhebungen der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. In: Herold-Jahrbuch. 21. Band. Hrsg.: Peter Bahl im Auftrage des Herold, Verein für Heraldik, Genealogie und verwandte Wissenschaften. Berlin 2016. S. 9-40
  2. Gustav Pfeifer, Bozen: Wappenbriefe. In: Handbuch Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich. Hrsg. von Werner ParaviciniW-Logo.png. Band 15. III. S. 645-674. Ostfildern 2007. ISBN 978-3-7995-4522-8
  3. wissen.de: Wortherkunft Zensur
    (MementoW-Logo.png vom 19. Mai 2013 im Internet ArchiveW-Logo.png)
  4. Seite „Zensur (Informationskontrolle)“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 14. Juli 2017, 15:45 UTC. URL: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Zensur_(Informationskontrolle)&oldid=167258040 (Abgerufen: 14. September 2017, 17:25 UTC)