Zielscheibe (Heraldik)

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1795: Robin HoodW-Logo.png beim Schießen mit Bogen und Pfeil auf eine Zielscheibe
 
Muster: Zielscheibe
(nach WBO, Nr. 9694)
 
nach Gerd Hruška, 2017
 
nach Siebmacher, 1905
3 goldene Zielscheiben mit schwarzem Zentrum und je 3 schwarzen Ringen (Wappen Freiherr von BauerW-Logo.png)

Der Ausdruck Zielscheibe (‚die Scheibe, auf die man zielt/schießt‘; auch Schießscheibe, Schützenscheibe, Strohscheibe kurz Ziel, Scheibe oder ähnlich genannt; französisch cible; englisch [archery, shooting ..] target oder ähnlich) bezeichnet in der Heraldik eine gemeine Figur.

Darstellung

Die gemeine Figur Zielscheibe ist -- heraldisch stilisiert -- idealerweise dem gleichnamigen traditionellen, mittelalterlichen Objekt nachempfunden, das bei Schießübungen mit einem Geschoss (Pfeil, Bolzen et cetera) getroffen werden soll.

(Gemeine) Zielscheibe

Oben: Beschossene Schieß­scheibe mit Spiegel (7 Ringe], flankiert von zwei Arm­brust­schieß­bolzen (SchiefbahnW-Logo.png)
1504, unten: Grafische Zielscheibeabbildung (Züricher Armbrustschützenordnung)
1573: Zielscheiben (Erzherzog Ferdinand von Österreich besucht Konstanz)

Die heraldische Zielscheibenfigur erscheint gewöhnlich als runde Scheibe mit ineinander liegenden, unnummerierten Ringen (dem sogenannten Spiegel oder Scheibenspiegel), deren Anzahl gemeldet werden kann; im Zentrum der Figur wird das Ziel beziehungsweise der „Zentrumskreis“ in der Regel in schwarzer Farbe dargestellt (vgl. die Redewendung „ins Schwarze treffen“). Alle Besonderheiten der Schießscheibenfigur sind anzuzeigen. Beispielsweise erscheint die Schießscheibe im Wappen Steger mit einem Bord (nach DWR, Nr. 9950/96: „in Blau eine goldenbordierte grüne Schießscheibe“) und die Schießscheibe im Wappen von SchiefbahnW-Logo.png wird mit Beschusslöchern und Fadenkreuz dargestellt („eine silberne, beschossene Schießscheibe [mit Fadenkreuz]“). Zielscheibenfiguren sind im Wappenschild frontal (von vorne; Vorderansicht) zu gestalten; manchmal werden sie in geringem Maße räumlich dargestellt, was durch wenige Akzentierungslinien geschieht.

Zielscheibe besonderer Art

Die realen Zielscheiben sind vielgestaltig und unterscheiden sich unter anderem in Form, Größe, Material, räumlicher Darstellung (zwei-, dreidimensional), Reaktivität (reaktiv, nicht-reaktiv), Aktion (statisch, dynamisch), und Anwendungsbereich. Die Formenvielfalt reicht von grasbedeckten Erdmauern, über Strohscheiben, runden oder quadratischen Brettern, Baumscheiben, Austernschalen bis hin zu aktuellen Zielscheiben wie eine Dartscheibe und so weiter. Die genaue Ausprägung einer Zielscheibe ist abhängig von den historischen, örtlichen, kulturellen Kontexten, dem Einsatzweck und dem Objekt, mit welchem eine Zielscheibe getroffen werden soll. Zielscheiben, wie sie beim Bogen-, Armbrust-, Pistolen-, Gewehr-, Schrotflintenschießen verwendet wurden und werden, sind über Jahrhunderte und lokale Traditionen nicht einheitlich ausgeprägt; Zielscheiben, die im Zusammenhang mit Jagd- und Militärübungen zur Anwendung kommen, haben teilweise eine andere Beschaffenheit und Gestalt als Zielscheiben, die im Umfeld spielerischer, sportlicher, ritterlicher oder anderer Geschicklichkeitaspekte (etwa beim Speerwerfen, beim Ringstechen, beim Darts) zum Einsatz kommen.

Wenn eine besondere oder spezielle Zielscheibe als Wappenfigur geführt wird, sollte sie stets unter Verwendung eines Eigennamens und/oder ihrer besonderen Charakteristika in der Wappenbeschreibung bestimmt sein. Gegebenenfalls kann man in Klammern einen Hinweis ergänzen, dass es sich bei der entsprechenden Figur um eine Zielscheibe handelt.

Baumscheibe als „Zielscheibe“

Beispielsweise erscheint im (historischen) Wappen von Buldern/Amt-BuldernW-Logo.png in der Kunstsprache der Heraldik keine „Zielscheibe“ im eigentlichen Sinn, sondern lediglich eine „Baumscheibenfigur“ („Hassel-/Holzwurfscheibe)“. Sinnbildlich steht die Baumscheibe in diesem Fall für Zielscheiben, welche traditionell an Ostersonntagen bei einem Brauchtumsfest im Raum Buldern genutzt werden. Um Missverständnissen vorzubeugen, empfiehlt es sich, das Motiv als „Baumscheibe (Zielscheibe)“ anzuzeigen.

Farbgebung

Alle heraldische Farben sind für die Figur Zielscheibe gebräuchlich; heraldisches Metall (Silber oder Gold) sind bevorzugt, wobei der Zentrumskreis im Normalfall in Schwarz gestaltet wird; besitzt er eine andere Tinktur, sollte dies angezeigt werden (z. B.: goldene Zielschiebe mit rotem Zentrumskreis).

Geschichte

Wann eine Ziel-/Schießscheibe ex­pres­sis ver­bis zum ersten Mal in einem Wappen dargestellt wird, ist unbekannt beziehungsweise nicht ausreichend erforscht. Drei Schießscheibenfiguren erscheinen zwei-über-eins beispielsweise im Wappen des Freiherren Ferdinand von Bauer (1825-1893).

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Scheibenschießen (Konstanzer Schützenfest von 1458; nach Diepold SchillingW-Logo.png: Luzerner ChronikW-Logo.png von 1513)
Fünf schwarze Scheiben (= Biathlonzielscheiben; Wappen Scheibe-AlsbachW-Logo.png)

Frühe Wappenfiguren mit kreisrunder Begrenzung innerhalb eines Wappenschildes/Feldes sind bereits ab dem 12. Jahrhundert nachweisbar. Im Siebmacher und in anderen heradischen Quellen haben diese Figuren zahlreiche Namen von späteren Wappeninterpreten bekommen (die sogenannten [Bälle], „Billen oder Pillen, Eier, Körner, Kugeln, Münzen oder Pfennige, Scheiben und so weiter [..] gleichviel ob groß oder klein, erhaben rund oder flach“)[3]. Teilweise sind die späteren Benamungen Erfindungen beziehungsweise in Einzelfällen nicht durch zeitnahe, originäre Quellen belegt oder schlüssig und konsistent hergeleitet.

Initial wird durch den Autor (Andreas Janka) des vorliegenden Beitrags in die heraldische Diskussion die weitere Vermutung eingeführt, dass einige der Wappenmotive, die in der Literatur als → Kugel-, Scheiben-, Ball-, Kreisfigur oder ähnlich angesprochen werden, womöglich in Anlehung an das „Ziel“ beziehungsweise den „Zentrums­kreis“ einer Zielscheibe gestaltet wurden. Für diese Annahme spricht, dass aus dem Mittelalter und der frühen Neuzeit zeitnahe und aussagekräftige Darstellungen der bildenden Kunst mit Zielscheiben und entsprechend gekennzeichnetem Zentrum respektive schwarzen Innenkreis vorliegen;[4] und es ist zumindest denkbar, dass neben der Pfeilfigur (ab ca. 12./13. Jhr.), der Bogenfigur (ab ca. 13 Jhr.) und den Armbrustelementen (ab ca. 14. Jhr.) auch die Zielscheibe bzw. der Zentrumskreis einer solchen als einfache „Kreisfigur“ lange vor dem 19. Jahrhundert Eingang in das Wappenwesen fand.

Für die Annahme spricht auch, dass in neuerer Zeit ebenso verfahren wird. Beispielsweise erscheinen im redenden Wappen von Scheibe-AlsbachW-Logo.png „fünf schwarze Scheiben“; diese stehen für Zielscheiben/Scheibenflächen, wie sie beim BiathlonsportW-Logo.png zum Einsatz kommen.

Unheraldische Zielscheiben

 
In Feld 2: Schild mit Zielscheibe (Emblem der St. Sebastianus Schützen­bruder­schaft; BrachtendorfW-Logo.png)
 
Gewehrlauf, von silbern und schwarz konturierter roter Schützenscheibe überlegt (FerlachW-Logo.png)[5]

Die Verwendung von wie auch immer gearteten „Ziel-/Schießscheiben“ begann vor Tausenden von Jahren parallel in zig Kulturräumen und im Grunde unmittelbar nach oder mit der Erfindung und Verwendung von FernwaffenW-Logo.png (da deren Einsatz mit Übungen mit irgendwelchen „Zielen“ nachhaltig und planmäßig verbessert werden konnte) und dauert in einigen Fällen bis heute an. In Wappen kommen einerseits Zielscheibenfiguren vor, die realen Vorbildern aus der eigentlichen „heraldischen Zeit“ nachempfunden sind; andererseits sind Zielscheibenfiguren in Wappen teilweise nach solchen Zielscheiben gestaltet, die vor oder nach der Früh-/Blütezeit des Wappenwesens gebräuchlich waren (zum Beispiel modernen Bogensport–Zielscheiben mit Zielauflage, die von innen nach außen in Farben geteilt sind, wobei jede Farbe in 2 „Ringe“ geteilt ist). Heraldische Nachbildungen von Zielscheibenobjekten, die aus Jahrhunderten vor beziehungsweise nach der „heraldischen Zeit“ stammen, widersprechen einem eher traditionell ausgerichteten Heraldikverständnis. Das Vermischen von zwei historischen Kontexten stellt ein Stilbruch dar und wird von einigen Heraldikern als unheraldisch charakterisiert. Beispielsweise ist der Schild mit der Zielscheibenfigur im Wappen von BrachtendorfW-Logo.png in gewisser Weise anachronistisch, obwohl das Motiv im Großen und Ganzen heraldisch gestaltet ist, weil es dem Emblem der St. Sebastianus Schützenbruderschaft nachgebildet ist, die erst 1892 und damit lange nach der Früh-/Blütezeit „heraldischer Zeit“ gegründet wurde.

Anachronistische und heraldische Zielscheibenvorbilder (Auswahl)
Heraldische Zeit Verfallszeit der Heraldik Neuere Zeit
Geoffrey luttrell psalter 1325 longbowmen.jpg
Archery shooting at a WA target in Northern Baden, Wuerttemberg, Germany.jpg
1250: Japanische Ziel­scheibe, wappenzeitlich passend, aber im westlichen Wappen­kultur­raum nicht gebräuchlich. 1325, Vorbild für Heraldik: englische Langbogenschützen beim Trainieren mit Zielscheibe (nach Luttrell PsalterW-Logo.png) 1540 –1560: Hermes­statue als Zielscheibe Ende der 1640er Jahre: Rautenförmige Ziel­scheibe in dem Gemälde The Archers („Die Bogenschützen“) 2010: Moderne Zielscheibe für das Bogen­schießen

Wappenzielscheiben

Schützenscheibe des Jacob Gradmann mit Wappen

Wappenzielscheiben („Wappenschützenscheiben“; „Zielscheiben mit Wappen“) sind mit Wappen oder besonderen heraldischen Elementen geschmückte Gebrauchszielscheiben. Sie finden sich in den verschiedensten Gestaltungen, Materialien und Formen.

Wappenbilderordnung

  • Die gemeine Figur Zielscheibe wurde in die Wappenbilderordnung (WBO) des Herold (Verein) im Abschnitt Andere Erzeugnisse von Menschenhand, Kriegsgerät: D. Übriges Kriegsgerät unter der Nr. 9694 aufgenommen.

Symbolik

Eine Zielscheibenfigur in einem Kommunalwappen kann auf eine Schützenbruderschaft, die Waffenherstellung oder ähnliches in einer Region verweisen. Beispielsweise steht die Zielscheibe im Wappen von FerlachW-Logo.png für das Büchsenmacherhandwerk, das dort seit dem 16. Jahrhundert urkundlich nachweisbar ist.

Außerhalb der Heraldik (zum Beispiel in der bildenden Kunst) wird das Motiv Zielscheibe gerne verwendet, wenn der Betrachter der bildliche Darstellung nicht den konkreten Gegenstand „Zielscheibe“ intendieren, sondern einen übertragenen Sinn denken soll, nämlich denjenigen, gegen den sich Spott/Kritik/Angriff oder ähnliches richtet. Beispielsweise gebrauchen politische Parteien wie die CDU das Zielscheibenmotiv, um für sich zu werben, auf mögliche Gefahren aufmerksam zu machen oder um den politischen Gegner zu diffamieren.

Paraheraldik

Auch als Logo, Badge, in der Universitäts,- Militär- und Paraheraldik ist das Motiv „Zielscheibe“ gebräuchlich.

Ehrenscheiben

Oft erscheinen auf Ehrenscheiben von Schützenvereinen (auch Sportschützenverein, Schützenbruderschaft, Schützegilde, Schützengesellschaft oder ähnlich genannt) Zielscheibenfiguren oder andere heraldische Motive. Beispielsweise wird im Jahre 2011 auf den Ehrenscheiben der Schützengilde zu Cöthen ein Wappen mit einer Zielscheibe in der Helmzier dargestellt.

Weblinks

 Commons: Ziele/Zielscheiben in der Heraldik – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Commons: Wappen auf Zielscheiben – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Wiktionary Wiktionary: Zielscheibe – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Blason ville fr Garidech (Haute-Garonne).svg Lemma Zielscheibe. In: Jacob Grimm, Wilhelm Grimm: Deutsches Wörterbuch, Leipzig 1854-1960 (www.woerterbuchnetz.de).

Siehe auch

Einzelnachweise

  • Anne Braun: Historische Zielscheiben. Kulturgeschichte europäischer Schützenvereine. Leipzig. 1981.
  1. Amt-Buldern: „Geteilt in Grün und Silber (Weiß), oben eine goldene (gelbe) Baumscheibe und untern drei im Schächerkreuzform stehende, durch einen goldenen Ring verbundene rote Büffelohren.“
  2. Buldern: „Geteilt in Grün und Silber (Weiß), oben eine goldene (gelbe) Baumscheibe und untern drei im Schächerkreuzform stehende, durch einen goldenen Ring verbundene rote Büffelohren.“
  3. Ralf von Retberg: Die Geschichte der deutschen Wappenbilder. Aus Ralf von Retbergs Nachlasse. 1884. Posthum in: Jahrbuch der k.k. heraldischen Gesellschaft Adler zu Wien. XIII./XIV. Jahrgang. Wien 1886/1887. Seite 62.
  4. Christine Kratzke: Scheibenschießen. In: Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich. Bilder und Begriffe. Band 15.II. Ostfildern. 2005. S. 525 ff. ISBN: 3-7995-4519-0. (Digitalisat; letzte Bearbeitung: 18. Dezember 2019; abgerufen: 08. Januar 2020)
  5. Wilhelm Deuer: Die Kärntner Gemeindewappen. Verlag des Kärntner Landesarchivs, Klagenfurt 2006, ISBN 3-900531-64-1, S. 92:
    Wappenbeschreibung: „Roter Halbrundschild mit schwarzstämmigem grünen Föhrenbaum, rechts oben von zwei silbernen gekreuzten Nägeln, links oben von einem nach unten gerichteten silbernen Föhrenzapfen und links unten von einem silbernen Gewehr beseitet, von dessen Lauf eine silbern und schwarz konturierte rote Schützenscheibe überlegt ist.“