Anglizismus

Aus Heraldik-Wiki
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Als Anglizismus bezeichnet man den Einfluss der englischen Sprache auf andere Sprachen. Er kann sich nicht nur in allen Bereichen eines Sprachsystems äußern, also in der Lautung, der Formenlehre, der Syntax oder im Wortschatz als Fremd- und Lehnwort, sondern auch auf allen Sprachebenen wie der Hochsprache, der Alltagssprache, dem Slang und anderen. Kritiker bezeichnen Anglizismen in der deutschen Sprache auch abwertend als Denglisch.

Anglizismus als Oberbegriff schließt Einflüsse aus allen englischen Sprachvarietäten ein; speziell werden Einflüsse aus dem britischen Englisch auch Britizismen und solche aus dem amerikanischen Englisch Amerikanismen genannt.

Anglizismen in der deutschen Sprache nach Erscheinungsform

Anglizismen treten im Deutschen am häufigsten auf lexikalischer Ebene in Erscheinung. Dabei sind folgende Phänomene zu unterscheiden:

  • Wortentlehnungen: Übernahme englischer Lexeme, die unterschiedlich stark an das Laut-, Schrift- und Grammatiksystem der aufnehmenden Sprache angepasst werden. So gilt etwa die Mehrzahl „die Killer“ und der Genitiv „des Internets“ als an das deutsche Flexionssystem angepasst. Eine scharfe Abgrenzung zwischen (angepasstem) Lehnwort und (unangepasstem) Fremdwort gibt es dabei aber nicht. Bei den Pluralformen „Fans“ oder „Chips“ etwa kann das s in der Endung sowohl als das englische als auch als das deutsche Plural-s (wie es auch in „die Autos“ und „die Müllers“ vorhanden ist) verstanden werden.
  • Lehnübersetzungen: Eins-zu-eins-Übersetzungen der Bestandteile des fremden Wortes, wie zum Beispiel brainwashing → „Gehirnwäsche“, oder der fremden Satzkonstruktion (Lehnsyntax).
  • Lehnübertragungen: Übersetzung der Idee hinter der Bildung des fremden Wortes, zum Beispiel skyscraper → „Wolkenkratzer“ (nicht „Himmelskratzer“, wie es bei einer Lehnübersetzung zu erwarten wäre).
  • Lehnbedeutungen: Übernahme des Bedeutungsspektrums des fremden Wortes, von dem Teilbedeutungen bereits bei einem deutschen Wort zu finden sind, zum Beispiel deutsch „realisieren“ im Sinne von „etwas bemerken, sich einer Tatsache bewusst sein“ nach englisch realize/realise „etwas verwirklichen, etwas bemerken, sich einer Tatsache bewusst sein“ (keine sinnliche Wahrnehmung, im Gegensatz zu to notice).
  • Scheinanglizismen: Wortschöpfungen innerhalb einer anderen als einer englischen Sprachgemeinschaft mit englischen Sprachelementen; so z B. im Deutschen Handy, Talkmaster oder Service Point. Öfters existieren solche Scheinanglizismen auch im Englischen mit der gleichen Wortform, jedoch mit einer anderen Bedeutung. Das Wort Oldtimer etwa benennt im Deutschen als Scheinanglizismus ein altes Auto (engl.: vintage car, veteran car oder classic car), während es im Englischen generell einen alten Menschen (vergleichbar unserem „Senior“ oder scherzhaft verwendetem „Oldie“) bezeichnet.

Weitere Übernahmeerscheinungen sind auf anderen sprachlichen Ebenen zu verzeichnen:

  • Formenbildung: Ebenfalls eine Form des Anglizismus ist die Übernahme englischer Konjugationsformen bei Verwendung ursprünglich englischer Verben in deutschen Sätzen. Das Partizip Perfekt von Verben wird manchmal mit der Endung -ed gebildet: geprinted. Dieselbe Endung dringt dann – wohl wegen der Ähnlichkeit zur deutschen Endung -et – vereinzelt auch in die Präsensbildung ein: er printed.[1][2]
  • Orthografie: Benutzung der englischen statt der deutschen Schreibung; zum Beispiel die englische Transkription aus nichtlateinischen Schriften (wie der kyrillischen oder der arabischen) oder Schreibung mit c in zahlreichen aus dem oder über das Lateinische entlehnten Fachausdrücken, wo dieses im neueren Deutsch meist durch k oder z wiedergegeben wird, so etwa Holocaust statt Holokaust.
    Auch der Einsatz eines Apostrophs vor dem deutschen Genitiv-s dürfte auf englischen Einfluss zurückgehen, indem er eine formale Übernahme des sächsischen Genitivs darstellt. Das Phänomen ist in der Öffentlichkeit unter der scherzhaften Bezeichnung Deppenapostroph bzw. Apostrophitis in die Diskussion eingegangen.
    Des Weiteren zählt die Verwendung der englischen Beistrichsetzung zu den Anglizismen. So gibt es im Englischen beispielsweise keine Beistriche vor that-(dass-) und anderen Nebensätzen, wohl aber innerhalb von Hauptsätzen z. B. am Satzanfang nach Adverbialen. Auch hier ist die Abgrenzung zwischen Anglizismus und falscher, aber genuin deutscher Orthografie schwierig. So kann das Weglassen von Kommas vor einem satzeinleitenden „dass“ oder „wenn“ als Übernahme des englischen Gebrauchs,[3] aber auch einfach nur „schludrige“ deutsche Rechtschreibung bedeuten, wie sie durch informelle Schreibung in E-Mails aufgekommen ist.[4]
  • Aussprache französischer Fremdwörter auf Englisch, zum Beispiel Revirement.

Kritik

Eine repräsentative Umfrage[5] über die Verständlichkeit von zwölf bekannten englischen Schlagworten für deutsche Kunden ergab im Jahr 2003, dass diese zum Teil von weniger als 10 % der Befragten verstanden wurden. Acht der zwölf untersuchten Unternehmen hätten ihre Werbefloskeln seitdem geändert. 2008 störten sich in einer Umfrage der Gesellschaft für deutsche Sprache 39 % der Befragten an Lehnwörtern aus dem Englischen. Die Ablehnung war in den Bevölkerungsgruppen am größten, die Englisch weder sprechen noch verstehen konnten (58 % Ablehnung bei der Gruppe der über 59-Jährigen, 46 % Ablehnung bei ostdeutschen Umfrageteilnehmern).[6]

Ähnliche Kritik gab es schon ab Ende des 19. Jahrhunderts gegenüber aus dem Französischen, Lateinischen oder Griechischen stammenden Begriffen. Sprachpflegevereine wie der Allgemeine Deutsche Sprachverein versuchten im Rahmen des deutschen Sprachpurismus, diese Begriffe durch deutsche Begriffe zu ersetzen.

In Frankreich stoßen Lehnwörter und Anglizismen ebenfalls auf Kritik und sollen auch durch juristische Maßnahmen wie die Loi Toubon eingedämmt werden.

Einzelnachweise

  1. Stephanie Bohmann: Englische Elemente im Gegenwartsdeutsch der Werbebranche. Tectum Verlag, 1996, ISBN 978-3-89608-964-9.
  2. Frank Puscher: Oberflächliche Fehler. In: c’t. 14/2009, S. 74, zweiter Absatz: „Sie wollen nicht gewertet, sondern gevoted werden. Sie möchten, dass man sie diggt, ihnen followed.“
  3. So etwa in: „Da ich in Irland wohne bin ich …“, „… die wir Ihnen zurückgeben wenn der Betrag …“, aus einem persönlichen E-Mail eines in Irland lebenden deutschen Muttersprachlers an Benutzer Eweht, 18. April 2010.
  4. Belege für diesbezüglich falsche Orthografie finden sich beispielsweise in zahlreichen Online-Foren. Fachliteratur bezüglich des Einflusses von E-Mail und SMS liegt seit den 1990er Jahren vor. Einige Angaben dazu finden sich in: Peter Schlobinski et al: Simsen. Eine Pilotstudie zu sprachlichen und kommunikativen Aspekten in der SMS-Kommunikation. Networx 22, 2001, S. 7.
  5. Zusammenfassung der Endmark-Studie.
  6. Studie der Gesellschaft für deutsche Sprache, Grafiken

Literatur

  • Margret Altleitner: Der Wellness-Effekt: Die Bedeutung von Anglizismen aus der Perspektive der kognitiven Linguistik. Peter Lang, Frankfurt 2007, ISBN 978-3-631-56455-4.
  • Karl-Heinz Best: Anglizismen – quantitativ. In: Göttinger Beiträge zur Sprachwissenschaft. 8, 2003, ISSN 1435-8573, S. 7–23.
  • Richard Glahn: Der Einfluss des Englischen auf gesprochene deutsche Gegenwartssprache. Eine Analyse öffentlich gesprochener Sprache am Beispiel von „Fernsehdeutsch“. 2., durchgesehene Aufl. Peter Lang, Frankfurt u. a. 2002, ISBN 3-631-38955-8.
  • Manfred Görlach: Dictionary of European Anglicisms. Oxford 2001, ISBN 0-19-823519-4.
  • Wolfgang Müller-Hasemann: Das Eindringen englischer Wörter ins Deutsche ab 1945. In: Karl-Heinz Best, Jörg Kohlhase (Hrsg.): Exakte Sprachwandelforschung. edition herodot, Göttingen 1983, ISBN 3-88694-024-1, S. 143–160.
  • Nicole Plümer: Anglizismus – Purismus – Sprachliche Identität. Eine Untersuchung zu den Anglizismen in der deutschen und französischen Mediensprache. Peter Lang, Frankfurt u. a. 2000 (Zugleich Diss.phil. Münster 1999), ISBN 3-631-36075-4.
  • Peter Schlobinski: Anglizismen im Internet. Networx 14, 2000. Online-Dokument
  • Jan Georg Schneider: Von free-floatendem Kapital, Hardlinern und Instructions. Linguistische Anmerkungen zur populären Anglizismenkritik. In: Verein Lingua et opinio e. V. (LeO) (Hrsg.): Studentische Zeitschrift für Sprache und Kommunikation. 19. Dezember 2006. – Auch online

Siehe auch

Weblinks

Wiktionary Wiktionary: Anglizismus – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
 Wikibooks: Fruchtbringendes Wörterbuch – Lern- und Lehrmaterialien

Quellenhinweis

Muster-Wappenschild-Info.png

Dieser Artikel basiert auf dem Beitrag „Anglizismus“ aus der freien Enzyklopädie Wikipedia in der Version vom 06. August 2010 (Permanentlink: [1]). Der Originaltext steht unter der GNU-Lizenz für freie Dokumentation bzw. unter CC-by-sa 3.0. In der Wikipedia ist eine Liste der ursprünglichen Autoren verfügbar.