Labyrinth

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Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Weitere Bedeutungen sind unter Labyrinth (Begriffsklärung) aufgeführt.
Fingerlabyrinth an der Pfarrkirche von Beyenburg

Labyrinth bezeichnet ein System von Linien oder Wegen, das durch zahlreiche Richtungsänderungen ein Verfolgen oder Abschreiten des Musters zu einem Rätsel macht. Labyrinthe können als Bauwerk, Ornament, Mosaik, Pflanzung (Hecken-Irrgarten und Maislabyrinth), als Zeichnung oder Felsritzung ausgeführt sein. Auch in gedruckter Form existieren Abbildungen labyrinthischer Muster. Darüber hinaus wird der Begriff im übertragenen Sinne verwendet, um einen Sachverhalt als verworren oder schwierig zu kennzeichnen.

Trojaburgen und Rasenlabyrinthe sind hingegen Schlingenornamente und keine Labyrinthe.

Das Wort Labyrinth (griechisch: λαβύρινθος labyrinthos) ist ein Lehnwort aus der vorindoeuropäischen Sprache auf Kreta. Die Herkunft des Wortes, das seit dem 18. Jahrhundert häufig mit Doppelaxt, Haus der Labrys übersetzt wird, ist ungeklärt, seine ursprüngliche Bedeutung ist nicht mehr nachvollziehbar. Es ist allgemein bekannt durch die Theseus-Sage. Labyrinthe gibt es außerhalb Europas vereinzelt auch auf anderen Kontinenten der Nordhalbkugel.

Die Bedeutung des Labyrinths als Symbol unterlag zu allen Zeiten Wandlungen. Unumstritten ist seine Verknüpfung mit dem Tod, der in seiner Mitte lauert. Hieraus entwickelte sich das Symbol des „gefahrvollen Weges“, woraus in der christlichen Umdeutung das Bild des beschwerlichen Weges des Menschen zum Reich Gottes entstand. Darüber hinaus steht das Labyrinth als Zeichen des Geheimnisses, in der Magie wurden ihm zauberische Kräfte gegen Unheil und böse Mächte zugeschrieben. Eines der ältesten Labyrinthe ist in die Wand des Domus de Janas von Luzzanas auf Sardinien, das "Tomba del Labirinto" genannt wird eingeritzt.

Arten von Labyrinthen

Kretisches („klassisches“) Labyrinth
Römisches Labyrinth
Christliches Labyrinth

Die Formen von Labyrinthen sind vielfältig. Die Art der Linienführung (des Wegemusters) erlaubt eine Typisierung. Grundsätzlich lassen sich zwei Arten unterschieden:

  • Labyrinth im engeren Sinn: Ein verschlungener Weg ohne Verzweigungen, der unter regelmäßigem Richtungswechsel zum Mittelpunkt führt. In einem solchen Labyrinth ist es nicht möglich, sich zu verirren.
  • Labyrinth im weiteren Sinn: Ein System mit Wegeverzweigungen, das auch Kreuzungen oder Sackgassen umfasst. Im deutschen Sprachbereich wird eine derartige Struktur auch als Irrgarten bezeichnet. Hier ist ein Verirren möglich und meist Sinn der Anlage.

Unklar ist, ob mit dem in der Theseus-Sage genannten Bauwerk Daidalos', das dieser der Erzählung nach für den kretischen König Minos als Gefängnis für das Fabelwesen Minotauros errichtete, ein Gebäude mit einem verzweigten Gangsystem gemeint ist, wie es der zur Orientierung verwendete Ariadnefaden nahelegt. Auch der Palast von Knossos, der als namensgebendes Objekt immer wieder vermutet worden ist, bestand aus einer Vielzahl von Gängen und Kammern, die ein Verirren nahelegen.

Abwandlungen labyrinthischer Muster, die Verzweigungen enthalten, sind vereinzelt frühestens ab dem 15. Jahrhundert belegt, echte Irrgärten entstehen im 16. Jahrhundert. Die ersten mit hohen Hecken ausgestatteten Anlagen, die betreten werden können und ein wirkliches Verirren ermöglichen, finden sich in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts (Verona, um 1570). Von diesem Zeitpunkt ab nimmt die Entwicklung der Labyrinthe im weiteren Sinn (der „echten“ Irrgärten) eine eigenständige Entwicklung, die bis heute zu immer komplizierteren Mustern und Wegenetzen geführt hat.

Von der Form her können bei den Labyrinthen im weiteren Sinn drei Arten von Mustern unterschieden werden, die – mit einigen Varianten – sehr häufig auftreten:

  • das kretische („klassische“) Labyrinth mit typischerweise sieben Umgängen (benannt nach Abbildungen auf kretischen Münzen),
  • das römische Labyrinth mit vier Quadranten (nach römischen Fußbodenmosaiken)
  • das christliche Labyrinth mit elf Umgängen (namensgebend die Fußbodenlabyrinthe christlicher Kathedralen).

Aus dem kretischen Muster kann theoretisch durch vierfache Wiederholung das römische, durch Ineinanderfügen zweier verkleinerter römischer das christliche Muster entwickelt werden. Ob sich die Muster wirklich auf diese Weise gebildet haben, ist allerdings nicht belegbar. Überlegungen, durch Aufschneiden einer Spirale oder konzentrischer Kreise und Verbinden der dabei entstehenden offenen Wegestücke sei die Grundform der labyrinthischen Figur entstanden, sind Spekulationen des späten 19. Jahrhunderts und entbehren jeder Grundlage.

Aus diesen Grundformen entwickelten sich differenziertere Muster. So wurden die Gangsysteme des römischen Labyrinths in dreierlei Weise abgewandelt: Es kamen Muster mit Serpentinen, Spiralen und einfachen oder komplexen Mäandern zustande.

Bildliche Darstellungen der Neuzeit nehmen oft die zeitgenössisch übliche Form des Labyrinths auf, auch wenn der antike Sachverhalt thematisiert wird. Es ist daher unzulässig, derartige Abbildungen als historische Quellen aufzufassen und aus ihnen auf die authentische Form eines architektonischen „Ur-Labyrinths“ schließen zu wollen.

Labyrinthe in verschiedenen Epochen

Altertum

Kretisches Labyrinth auf der Tafel von Pylos, Rückseite, 7 × 5,7 cm, gebrannter Lehm, Archäologisches Museum Athen
Römisches Mosaik: Darstellung eines Labyrinths mit dem Minotaurus im portugiesischen Conímbriga
Kretische Silbermünze mit dem „klassischen“ Muster, 400 v. Chr.

Die Datierung der möglicherweise ältesten Labyrinthe in Form von Felsritzungen ist strittig. Der älteste, sicher datierbare Fund stammt aus dem Palast des Nestor im griechischen Pylos aus der Zeit um 1220 v. Chr. Es handelt sich um eine kleine Tafel aus gebranntem Lehm, deren Rückseite ein kretisches Labyrinth zeigt. Auf der Vorderseite befindet sich ein Text in Linear-B-Schrift.

Auch der Totentempel des Königs Amenemhet III. (1844–1797 v. Chr.) mit einer großen Zahl verwirrender Räume gibt keinen Hinweis auf ein „Urlabyrinth“ im architektonischen Sinn. Antike Autoren berichten über ein umfangreiches, als Labyrinth bezeichnetes Bauwerk in Ägypten. Es handelt sich dabei um den im Fayyum-Becken gelegenen Totentempel bei der Pyramide von Amenemhet III. in Hawara; er wurde in hieroglyphischer Schreibweise mit l-p-r-n-t bezeichnet, was heute als lo-pe-ro-hunt („Palast am See“) gedeutet wird.

Die Ruinen des Palastes von Knossos werden häufig als „Labyrinth von Knossos“ bezeichnet. Eine Struktur, die auch nur eine entfernte Ähnlichkeit mit einem labyrinthischen Muster aufweist, wurde bis heute nicht aufgefunden. Die Existenz eines Labyrinths, wie es die sagenhaften Berichte beschreiben, ist archäologisch nicht nachgewiesen. Ob eine derartige architektonische Struktur jemals bestanden hatte und bei einer der schweren Naturkatastrophen zerstört wurde (etwa durch die Folgen eines Ausbruchs des Santorin), bleibt Spekulation. Möglicherweise beschränkt sich das Phänomen Labyrinth auf ornamentale Darstellungen im Zusammenhang mit dem kretischen Stierkult. Eine in Knossos gefundene, aus der Zeit um 1200 v. Chr. im Zusammenhang mit einer Opfergabe stehende Inschrift (mykenisch, Linear-B-Schrift) meint möglicherweise ein Labyrinth oder den Palast als Ganzes. Die Bezeichnung da-pu-ri-to-jo, was soviel wie „Struktur in Stein“ bedeutet, kann vielleicht als die erste bekannte schriftliche Benennung einer labyrinthischen Architektur aufgefasst werden.

Ein Zusammenhang mit Troja wird das erste Mal durch die aus einem etruskischen Grab stammende Oinochoë von Tragliatella (660–620 v. Chr.) in Form eines kretischen Labyrinths und eines Schriftzugs hergestellt.

Labyrinthe mit sieben Umgängen waren ab etwa 400 v. Chr. Motiv auf kretischen Münzen. Es handelt sich sowohl um runde als auch viereckige Darstellungen, gelegentlich ist der Schriftzug Knossos hinzugefügt. In der durch den Ausbruch des Vesuv verschütteten Stadt Pompeji befindet sich ein einfacher Graffito an einer Säule des Peristyls des Hauses Marcus Lucretius' (Via Stabiniana) zusammen mit dem lateinischen Schriftzug Labyrinthus hic habitat Minotaurus („Labyrinth, hier wohnt der Minotauros“), der aus der Zeit der Katastrophe (79 n. Chr.) stammen dürfte.

Labyrinthmuster finden sich auch als Motive römischer Fußbodenmosaiken. Etwa sechzig dieser Labyrinthe sind erhalten. Sie finden sich im gesamten Gebiet des Römischen Reiches. Es handelt um ornamentale Muster, die zu klein sind, um abgeschritten zu werden. Ihre Entstehungszeit liegt zwischen dem 2. Jahrhundert v. Chr. und dem 5. Jahrhundert n. Chr. Einige weisen im Zentrum Abbildungen des Minotauros oder der Kampfszene des Theseus' mit dem Ungeheuer auf (Minotauromachie). Gut erhalten ist das Labyrinth in der Villa des Theseus in Nea Paphos (Cypern). Andere Labyrinthdarstellungen der römischen Zeit sind mit befestigungsähnlichen Mauer- und Stadttor-Abbildungen umgeben. Das Mosaik von Loig bei Salzburg (275–300 n. Chr.) hat dreizehn Umgänge und im Zentrum eine Minotauromachie.

Das früheste bekannte Labyrinth in einer christlichen Kirche befindet sich in der Kirche von Reparatus in El Asnam (Wilaya de Chlef, Algerien). Es handelt sich um eine römische Form mit Spiralmuster und elf Umgängen. Die Darstellung stammt von 324 n. Chr., in der Mitte des labyrinthischen Quadrats befindet sich ein Anagramm mit dem Schriftzug Sancta Ecclesia.

Mittelalter

Kathedrale von Amiens, Fußboden-Labyrinth, ca. 12 × 5 m, 1894–97 nach dem zerstörten Vorbild von 1288 wiederhergestellt
Zeichnung von Villard de Honnecourt
Kathedrale von Lucca, Fingerlabyrinth, Durchmesser 50 cm, 13. Jahrhundert

Mittelalterliche Fußbodenlabyrinthe finden sich in vielen Kathedralen, zum Beispiel in der Basilika von Saint Quentin (Nordfrankreich, achteckig), in der Kathedrale von Amiens (Frankreich) und im Dom von Siena (Italien). Es handelt sich um die Form des christlichen Labyrinths, das nach dem Muster in der Kathedrale von Chartres als „Chartres-Typ“ bezeichnet wird. Dieses wohl bekannteste Fußbodenlabyrinth geht auf eine Zeichnung von Villard de Honnecourt zurück (1200/1210). Es ist rund, hat elf Umgänge, weist einen Durchmesser von 12,8 Meter auf und ist in blauem und weißem Stein ausgeführt, ein Kranz von 112 regelmäßig angeordneten Zacken bildet die Außenkante. Das runde Zentrum entspricht mit einen Durchmesser von 3,1 Meter dem inneren Teil des Fensters in der Hauptfassade.

Rasenlabyrinth in der Burgruine Reichenfels

Abweichende Muster finden sich in der Kathedrale von Bayeux (rund, zehn Umgänge, rote und schwarze Ziegel, Durchmesser 375 cm, um 1200) und in der Kathedrale von Reims (quadratisch mit Eckbastionen, elf Umgänge) aus dem frühen 13. Jahrhundert, das 1779 zerstört wurde.

Ein Fingerlabyrinth befindet sich am Westeingang der Kathedrale von Lucca (Norditalien). Es handelt sich um eine reliefierte in die Wand eingelassene Steinplatte, auf der ein rundes Labyrinth dargestellt ist, dessen Gangsystem mit dem Finger abgefahren werden kann. Ein anderes Relief eines Labyrinths befindet sich auf einer Sandsteinplatte, dem einzigen Überrest der Klosterkirche San Pietro de Conflentu in Pontremoli (bei La Spezia, Italien).

Im Gegensatz zu den kunstvollen Fußbodenlabyrinthen der südeuropäischen Kathedralen finden sich in skandinavischen Kirchen in Dänemark und den südlichen Gegenden von Schweden, Norwegen und Finnland lediglich einfache Kalkmalereien. Sie stellen fast ausschließlich den kretischen Typ dar. Es handelt sich um kleinflächige Wandmalereien, meist einfarbig auf weißem Grund ausgeführt. Sie waren unter Wandanstrichen verborgen und wurden bei Restaurierungsarbeiten Ende des 20. Jahrhunderts entdeckt und freigelegt. Beispiele in Dänemark befinden sich unter anderem in der alten Kirche von Skive (Jütland, kretisch, rot, 15 Umgänge, 125 cm), in den Kirchen von Hesselager (Fünen, kretisch, rot, 11 Umgänge, 40 cm, von 1481) und von Roerslev (Fünen, kretisch, rot und dunkelgrau, 15 Umgänge, 125 × 110 cm, 15. Jh.), von Gevninge (Seeland, kretisch, rotbraun, 11 Umgänge, 50 cm, 14. Jh.). In Schweden können die Kirchen von Grinstad (Dalsland, rot, christlicher Typ mit Zeichenfehlern, 11 Umgänge, 100 cm, zur Hälfte erhalten) und von Hablingbo (Gotland, kretisch, 18 Umgänge, 100 cm) angeführt werden; in Norwegen die Kirche von Seljord (Telemark, kretisch mit Abwandlungen, rotbraun, 11 Umgänge, 80 cm, möglicherweise 12. Jh.).

Schwer datierbar sind die Trojaburgen (in der Mehrzahl Steinlabyrinthe, aber auch einige Rasenlabyrinthe). Die Häufung der Steinsetzungen an den Küsten Skandinaviens ist auffällig. Meist handelt es sich um Anlagen vom kretischen Typ. Allerdings scheinen nur wenige auf das späte Mittelalter zu weisen. Die Datierung ist schwierig (Lichenometrie), die meisten Bauwerke fallen in das 18. und 19. Jahrhundert. Beispiele: Blå Jungfrun (Gotland, erstmals 1741 beschrieben), Steinvåg bei Gamvik (Finnmark) und zwölf Steinlabyrinthe auf den Solowezki-Inseln (Weißes Meer). Das Steinlabyrinth auf St. Agnes (Scilly-Inseln) wurde 1729 von einem Leuchtturmwärter angelegt, ähnliches dürfte für die Mehrzahl der Anlagen gelten.

Neuzeit

Bartolomeo Veneto, Bildnis eines jungen Mannes, um 1510, Öl auf Holz

Im nur in unvollständigen Abschriften erhaltenen Architekturtraktat des Antonio Averlino (genannt Filarete) aus dem 15. Jahrhundert finden sich drei Zeichnungen von Labyrinthen, die offenbar als Entwürfe für Verteidigungsanlagen zu verstehen waren. In Sebastiano Serlios Sette libri dell'architettura („Sieben Bücher über die Architektur“) werden im vierten Buch (1537) zwei quadratische Labyrinthe dargestellt, eines mit fünf, das andere mit sieben Umgängen. Sie dürften als ornamentaler Schmuck oder als Pflanzschema für Blumen oder Kräuter gedacht sein und treten in der Folgezeit an zahlreichen anderen Stellen auf.

Im Palazzo ducale in Mantua befindet sich ein beschädigtes Wandfresko eines unbekannten Meisters, das zwischen 1521–23 entstanden sein dürfte und den Olymp inmitten eines Wasserlabyrinths zeigt. Im Palazzo del Te in Mantua sind zahlreiche Darstellungen zum labyrinthischen Thema und mit Bezug zum Minotauros-Mythos, meist als Impresen vorhanden.

Erst in der späten Renaissance treten Muster auf, die sich durch zahlreiche Verzweigungen und Sackgassen von den Wegesystemen der bis dahin bekannten Labyrinthe deutlich unterscheiden. Diese Irrgärten sind eine kulturhistorisch eigenständige Entwicklung. Die ersten begehbaren Irrgärten finden sich in norditalienischen Gärten, Anlagen mit kopfhohen Wänden entstehen im italienischen Manierismus. Die frühen Irrgärten sind meist aus Spalierhecken gebildet, geschnittene Hecken treten verstärkt erst im Barock auf. Im Gegensatz zum unverzweigten Labyrinth zeichnen sich Irrgärten durch ein komplexes Wegenetz mit zahlreichen Abzweigungen, Kreuzungen und Sackgassen aus. Irrgärten vermitteln die Gefahr des Irrgangs, das Vergnügen der Zielsuche und das Spiel des Versteckens. Viele Irrgärten der Barockzeit wurden in den Lustgärten von Residenzschlössern zum Zeitvertreib der höfischen Gesellschaft angelegt, sie finden sich aber auch als Attraktion für jedermann in den Gasthausgärten in den Niederlanden des beginnenden 17. Jahrhunderts.

Das Entstehen der Irrgärten stellt eine Parallelentwicklung dar, die weder das Labyrinth als Schmuck noch als Symbol verdrängt.

In den Emblembüchern des 16. bis 18. Jahrhunderts werden Labyrinthdarstellungen als Warnungen vor der Verwicklung des Menschen in die „sündige Welt“ verwendet. In der Tafelbildmalerei finden sich zwei Gartenlabyrinthe bei Lucas van Valckenborch von 1584 und 1587. Bartolomeo Veneto malte um 1510 einen jungen Mann mit einem runden Labyrinth auf der Brust und einem mit Salomonsknoten geschmückten Mantel.

Labyrinthe entstehen auch in den folgenden Jahrhunderten. Ein Fußbodenlabyrinth schmückt einen Saal im Rathaus von Gent (helle und dunkle Fliesen, 13 × 11 m, von 1533), es bildet das zerstörte Fußbodenmosaik der Klosterkirche von St. Bertin in St. Omer nach. In der Kathedrale von Ely (Cambridgeshire) wurde 1870 ein Fußbodenlabyrinth neu geschaffen (schwarze und weiße Fliesen, 6 × 6 m). Ein Beispiel für ein Pflasterlabyrinth findet sich im Ende des 19. Jahrhunderts begonnenen Neuen Rathaus in München. Es liegt im linken Innenhof und stellt ein auf neun Umgänge verkleinertes Muster vom Chartres-Typ dar (17,5 × 18,5 m). Im Thorvaldsen-Museum (Kopenhagen) befindet sich ein Fußbodenlabyrinth (römischer Typ, rote und weiße Fliesen, etwa 5 × 5 m, 1839–48).

Gegenwart

Labyrinth vor St. Lambertus
Pflasterlabyrinth im Erholungspark Marzahn (Berlin)

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nahmen verschiedene Künstler das Labyrinthsymbol wieder auf, so der Bildhauer und Schriftsteller Michael Ayrton, der sich dem antiken Mythos von Dädalus und Ikarus widmete, die Künstlerin Alice Aycock, eine Vertreterin der Konzeptkunst, und, seit den 1980er Jahren, der Designer Adrian Fisher, der Pflasterlabyrinthe mit Darstellungen des Minotauros' schuf.

Darüber hinaus wurden Labyrinthe von verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen wiederentdeckt. Der Reiz des Geheimnisvollen und der nicht klärbare Ursprung des Labyrinthsymbols ließen es vor allem für esoterische, christliche und feministische Gruppen zur Projektionsfläche für ihre Vorstellungen werden. Zahlreiche neue Labyrinthe wurden angelegt, werden gepflegt und für Veranstaltungen genutzt. Es gibt sowohl im anglo-amerikanischen als auch im deutschen Sprachraum eine Labyrinth-Bewegung, die sich mit der Bedeutung und der Rätselhaftigkeit des Labyrinthsymbols beschäftigt. Das Abschreiten eines begehbaren Labyrinths, das als Symbol des verschlungenen Lebensweges verstanden wird, dient der Meditation und fordert zum Überdenken des eigenen Lebens auf – ein Anknüpfen an den rituellen Weg der Kirchenlabyrinthe in moderner Form.

Ein begehbares Pflasterlabyrinth wurde 2007 im Erholungspark Marzahn in Berlin eröffnet. Es stellt eine vergrößerte Nachbildung des Chartres-Labyrinths dar. Der Durchmesser der runden Anlage, die an den Vorplatz eines Hecken-Irrgartens angrenzt, beträgt 20,8 Meter. Der Entwurf stammt von dem Landschaftsarchitekten Thomas Michael Bauermeister. Im Schlosspark Schönbrunn in Wien wurde in Nachbarschaft zu einem 1999 wiederhergestellten Hecken-Irrgarten ein Labyrinth mit einem Feng-Shui-Stein errichtet. Beispiele für feministische Labyrinthe finden sich auf dem Zeughausplatz in Zürich und in Frankfurt (Frauengedenklabyrinth). Die religiöse Sinngebung des Labyrinths macht das im Jahre 2007 eingeweihte "Lebendige Labyrinth" der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands (kfd) auf dem Gelände des Klosters Helfta neu erfahrbar. Auch in Literatur und Film spielen Labyrinthe eine Rolle, so bei Jorge Luis Borges und im Roman Der Name der Rose von Umberto Eco.

Die ungeklärten Fragen nach Herkunft und Funktion der Labyrinthe

Die Anzahl archäologischer Funde mit labyrinthischem Bezug aus antiker und vorantiker Zeit ist angesichts der enormen Zeitspanne spärlich. Außerhalb des Mittelmeerraumes gibt es Fundstellen unter anderem in Syrien, Indien und Afghanistan, aber auch im präkolumbianischen Nordamerika lassen sich labyrinthische Muster nachweisen. Zwei Theorien über die Herkunft der Labyrinthform konkurrieren daher miteinander. Die erste Annahme geht von einem mediterranem Ursprung aus, dem sich eine Verbreitung in mehrere Richtungen anschloss, Bedeutungs- und Funktionswandel erfolgten regional bedingt. Die zweite Theorie unterstellt eine Entstehung an verschiedenen Orten der Nordhalbkugel zufällig und unabhängig voneinander. In diesem Fall sind unterschiedliche Bedeutungen und Gebräuche von Beginn an naheliegend, auch die Vermischung oder Verwechselung mit ähnlichen Motiven (etwa Eingeweide-Abbildungen) sind dann denkbar.

Felsritzung im Rocky Valley bei Tintagel (Großbritannien), Schieferfelsen

Noch vielfältiger sind die Mutmaßungen über die Funktion von Labyrinthen. Es lassen sich drei Gruppen von Deutungen voneinander abgrenzen.
Die erste beinhaltet alle Funktionen in einem architektonischen Sinn, ausgehend von der Idee des Gefängnissen (ursprünglich des Minotauros' der Sage), woraus sich fortifikatorische Anlagen genauso wie komplexe städtische Strukturen herleiten lassen. Viele Labyrinthmosaike bilden Stadtmauern und Tore als äußere Umgrenzung ab, auch der Bezug zum Gründungsmythos der Stadt Rom (Romulus und Remus) ist eindeutig (die vier Quartiere der Stadt Rom entsprechen der Kreuzform im Labyrinth des römischen Typs).
Die zweite Gruppe umfasst alle Deutungen, die sich auf Bewegungsabläufe beziehen. Das Abschreiten einer wie auch immer gearteten labyrinthischen Figur erzeugt eine Bewegungslinie, die als spielerische Figur (lusus Troiae, „Spiele von Troja“), als Tanz („Jungfrauentanz“ in Trojaburgen) oder rituelle Handlung (Labyrinthtanz zum Ostersonntag von Geistlichen in den mittelalterlichen Kathedralen) verstanden werden kann.
Die dritte Gruppe hat alle magischen Funktionen zum Gegenstand. Die labyrinthische Figur, meist zu klein zum Abschreiten der Gänge oder als Wandmalerei, dient dem Schutz des Privathauses (Fußbodenmosaike in Nähe der Eingangstüren römischer Villen) vor bösen Mächten oder dem Teufel (Kirchenlabyrinth). Der Träger eines Labyrinths erhofft sich dadurch Schutz (wie beim jungen Mann auf dem Tafelbild von Bartolomeo Veneto), ebenso ist das Zeichnen von Labyrinthen im Sand (Indien) zu verstehen. Die modische Vorstellung unserer Zeit, das Abgehen eines Labyrinths diene der Kontemplation und Meditation knüpft lediglich vermeintlich an alte Traditionen an.

Eine abschließende Bewertung ist nicht möglich. Das Zeichen des Labyrinths erfüllte im Laufe seiner langen Geschichte immer neue Funktionen, von denen viele heute nicht mehr erklärbar sind oder missgedeutet werden. Ein Verlust des ursprünglichen Wissens über Labyrinthe bereits in der frühen Antike ist wahrscheinlich, neue Bedeutungszuweisungen setzten möglicherweise bereits mit den Schilderungen der griechischen Sagen ein, deren Erzählkerne in der Zeit der Mythenbildung der Bronzezeit entstanden sein dürften. Das Fehlen labyrinthischer Zeichen in der Höhlenmalerei ist in diesem Zusammenhang bemerkenswert; die Neigung, jeden nicht datierbaren Labyrinthfund als „sehr alt“ zu bezeichnen ist leichtfertig (etwa die Felsritzungen in Tintagel, Cornwall, oder in Pansaimol, Goa, Indien).

Entwicklung der Forschung

Eine intensivere Beschäftigung mit Labyrinthen begann mit dem wachsenden Interesse an der Antike Anfang des 18. Jahrhunderts. So besuchte 1700 im Rahmen einer Expedition Joseph Pitton de Tournefort die Höhle bei Gortyna auf Kreta, die als ein möglicher Ort des antiken kretischen Labyrinths angesehen wurde. Noch im 19. Jahrhundert entstanden stark spekulative Theorien, die sich weitgehend an den Schilderungen antiker Autoren orientierten. Durch die zunehmende Grabungstätigkeit von Archäologen und von Privatgelehrten wurden Funde mit labyrinthischem Bezug gemacht. Das römische Labyrinthmosaik von Loig bei Salzburg wurde 1815 entdeckt, die Weinkanne von Tragliatella 1877 geborgen. Arthur Evans legte 1922 die Ruinen des Palastes von Knossos frei, in denen fortan – ohne nachvollziehbare Begründung – das Labyrinth des Daidalos gesehen wurde. Die Pylos-Tafel wurde 1957 bei Ausgrabungen gefunden.

Erst William Henry Matthews (1882–1948) gelang 1922 mit seinem Buch Mazes and labyrinths („Irrgärten und Labyrinthe“) eine erste systematische Darstellung. 1967 folgte mit Il libro dei labirinti („Das Buch der Labyrinthe“) von Paolo Santarcangeli (1909–1995) eine weitere ausführliche Darstellung der labyrinthischen Thematik. Die auf Ausstellungen in Mailand und München (Haus der Kunst, 1982) zurückgehende, umfangreiche Veröffentlichung von Hermann Kern dokumentierte erstmals katalogartig die mannigfaltigen Labyrinthformen ausführlich. In der Folgezeit wurde das Werk Bezugspunkt und Quelle weiterer Forschungen. Mit seinen populärwissenschaftlichen Arbeiten international bekannt wurde der aus Großbritannien stammende Jeff Saward, der 1983 die kleine Zeitschrift Caerdroia zum Thema gründete.

Literatur und Quellen

Allgemeinverständliche Darstellungen in deutscher Sprache

  • Frithjof Hallman: Das Rätsel der Labyrinthe. Woher kommen sie, wie alt sind sie? Damböck, Ardagger 1994, ISBN 3-900589-15-1.
  • John Kraft: Die Göttin im Labyrinth. Spiele und Tänze im Zeichen eines matriarchalen Symbols. edition amalia, Bern 1997, ISBN 3-905581-00-0.
  • Hermann Kern: Labyrinthe. Erscheinungsformen und Deutungen. 5000 Jahre Gegenwart eines Urbilds. 4. Auflage. Prestel, München 1999, ISBN 3-7913-2096-3.
  • Ilse M. Seifried (Hrsg.): Das Labyrinth oder die Kunst zu wandeln. Haymon, Innsbruck 2002, ISBN 3-85218-400-2.
  • Jürgen Hohmuth: Labyrinthe und Irrgärten. Frederking und Thaler, München 2003, ISBN 3-89405-618-5.
  • Jeff Saward: Das große Buch der Labyrinthe und Irrgärten. AT, Aarau und München 2003, ISBN 3-85502-921-0.
  • Gernot Candolini: Das geheimnisvolle Labyrinth. Mythos und Geschichte. Pattloch, München 2008, ISBN 978-3-629-02160-1.

Wissenschaftliche Literatur

  • Labirinthus. In: Johann Heinrich Zedler (Hrsg.): Großes vollständiges Universal-Lexicon aller Wissenschaften und Künste. Band 16, Halle und Leipzig 1737, Sp. 35–37. (deutsch, Fraktur)
  • William Henry Matthews: Mazes and labyrinths. A general account of their history and developments. London 1922. (englisch)
  • Helmut Birkhan: Labyrinth. In: Engelbert Kirschbaum (Hrsg.): Lexikon der christlichen Ikonographie. Band 3: Allgemeine Ikonographie. Rom 1971, Sp. 2–4.
  • Maria Cristina Fanelli: Labirinti. Storia, geografia e interpretazione du un simbolo millenario. Cerchio Iniziative, Rimini 1997, ISBN 88-86583-30-3. (italienisch)
  • Jørgen Thordrup: Alle tiders labyrinter. KunstCentret, Silkeborg 2002, ISBN 87-87643-97-9. (dänisch)
  • Paolo Santarcangeli: Il libro dei labirinti. Storia di un mito e di un simbolo. Sperling & Kupfer, Mailand 2000, ISBN 88-200-2960-X. (italienisch)
  • Labyrinthes. Du mythe au virtuel. Paris-Musées, Paris 2003, ISBN 2-87900-776-3. (französisch)
  • Fabio Collonese: Il labirinto e l'architetto. Kappa, Rom 2006, ISBN 88-7890-740-5. (italienisch)
  • Bruno Hervé: Avatars du labyrinthe de la protohistoire à la postmodernité. In: Bruno Hervé: Le jardin comme labyrinthe du monde. PUPS, Paris 2008, ISBN 978-2-8405-0602-7, S. 17–66. (französisch)

Weblinks

 Commons: Labyrinth – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien

Quellenhinweis

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Dieser Artikel basiert auf dem Beitrag „Labyrinth“ aus der freien Enzyklopädie Wikipedia in der Version vom 04. Juli 2010 (Permanentlink: [1]). Der Originaltext steht unter der GNU-Lizenz für freie Dokumentation bzw. unter CC-by-sa 3.0. In der Wikipedia ist eine Liste der ursprünglichen Autoren verfügbar.

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