Frühmittelalter

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Incipit des Gelasianischen Sakramentars in einem Manuskript aus dem 8. Jahrhundert (Vatikanische Bibliothek, Reg. Lat. 316. foll. 131v/132r)

Das Frühmittelalter bezeichnet in der Mediävistik die Periode der Geschichte nach dem Ende der Antike bis zum Hochmittelalter.

In der Regel wird damit der Zeitraum zwischen 565/632 und 962/1066 bezeichnet. Sowohl der Beginn als auch das Ende des Frühmittelalters sind nicht exakt umrissen, da die Periodisierung, je nach gewählter Forschungsperspektive, variieren kann.

Zwischen Ende der Spätantike und Beginn des Frühmittelalters

Ereignisse, die früher vielfach als kennzeichnend für das Ende der Antike und somit den Beginn des Frühmittelalters galten, sind:

In der Forschungsdiskussion der letzten Jahrzehnte hat es sich jedoch als sinnvoller erwiesen, das Ende der Antike deutlich später anzusetzen und dabei die Völkerwanderungszeit als eine Phase anzusehen, die zwischen dem Ende der Spätantike und dem Beginn des Frühmittelalters anzusiedeln ist.

Als Wendepunkte gelten jetzt zum Beispiel

Da wiederum in Byzanz/Ostrom die Spätantike erst mit der Verdrängung der lateinischen Amtssprache durch das Griechische um 625 unter Herakleios sowie mit dem Beginn der arabisch-islamischen Expansion 632 anzusetzen ist, spricht man in der Forschung daher heute häufig eher von einer Übergangsphase oder Transformationszeit, die, je nach Interpretationsansatz und betrachteter Region, zwischen dem späten 5. und dem frühen 7. Jahrhundert liegt. In diesem Zeitraum wandelte sich die spätantike-mediterrane Welt hin zu einer, die man als das so genannte europäische Mittelalter bezeichnet.

Auch das Ende des Frühmittelalters und der Beginn des Hochmittelalters hat, wie alle Epochengrenzen, kein festes Datum. Als Eckpunkte gelten unter anderem

  • die Adaptierung der Weströmischen Reichsidee durch Kaiser Otto I., den Großen (962), die vom Ostfrankenreich zum Heiligen Römischen Reich führte;
  • das Ende des ottonischen Kaiserhauses (1024);
  • das Morgenländische Schisma (1054);
  • die normannische Eroberung Englands (1066);
  • der Beginn des Ersten Kreuzzugs (1095).

Die Transformationsphase der spätantiken Welt

Der folgende Abschnitt stellt nur eine stark verkürzte Zusammenfassung dar; zu Details sei auf den Artikel Spätantike hingewiesen.

In der Zeit der Völkerwanderung stießen germanische und slawische Stämme nach Westen vor und wurden mit der Kultur der Antike und dem Christentum konfrontiert. Dort, wo die Kultur des Römischen Reiches lange Zeit bestanden hatte, wurde sie von den Germanen zumindest teilweise aufgenommen, so dass, obwohl der römische Staat im Westen langsam zerfiel, die antike Kultur weiterbestand und mit ihr auch einige wirtschaftliche und soziale Strukturen. Auch nach dem Ende des weströmischen Kaisertums 476 bzw. 480 blieb die Idee des Imperium Romanum lebendig. Der oströmische Kaiser Justinian konnte weite Teile des alten Westreichs zeitweilig wieder seiner Herrschaft unterwerfen, und noch bis etwa 600 sahen sich die germanischen Nachfolgestaaten im Westen nominell als Untertanen des einzig souveränen Herrschers, des oströmischen Kaisers. Der letzte Zug der spätantiken Völkerwanderung erfolgte 568. Erst danach ist ein beschleunigtes Verschwinden spätantiker Elemente in Westeuropa zu beobachten. Doch noch 200 Jahre später war die Idee des weströmischen Kaisertums so wirkungsmächtig, dass Karl der Große seine Erneuerung versuchte.

Der spätrömische Staat war recht stark bürokratisiert und zentralisiert gewesen (siehe dazu Spätantike). Da mit ihm auch die übergeordnete Herrschaftsgewalt und die vereinheitlichten Verwaltungsstrukturen verloren gingen, bildeten sich neue Herrschaftsstrukturen heraus, die auf der germanischen Tradition der Personenverbände basierten. Eine Adelsschicht bildete sich heraus, die auf der Grundherrschaft gründete, d.h. auf Recht über Haus und Grund und allen darauf lebenden Personen. Diese Macht wurde auf die Verwandtschaft ausgedehnt, später auch über die eigentlichen Familien hinaus, bis hin zu hierarchischen Strukturen, an deren Spitze der König stand.

Gesellschaft, Kirche, Staat

Rekonstruktionsversuche frühmittelalterlicher Mode. V.l.n.r.: Sachsen 6. Jh., Franken 9. Jh., Normanne und Lettin 11. Jh.

Die frühmittelalterliche Gesellschaft war agrar- und naturalwirtschaftlich geprägt. Im Vergleich zur Antike verloren Handel und Geldwirtschaft an Bedeutung, wenn auch die moderne Forschung betont, dass es neben den Brüchen in bestimmten Bereichen durchaus auch Kontinuität zur Spätantike gegeben hat.

Die römische Gesellschaft war stark arbeitsteilig organisiert gewesen, Wirtschaft und Handel waren von intakten Fernhandelswegen abhängig. Doch ihr Nutzen für die eroberten Gebiete war nicht groß genug, um dieses System trotz der Schwächung der Zentralgewalt aus eigenen Kräften aufrecht zu erhalten. Geld, Architektur und Römisches Recht galten vielerorts als überwundene Zeichen der Fremdherrschaft und konnten sich nicht durch ihren praktischen Wert behaupten. Nicht nur äußere Einflüsse, sondern auch die christliche Reform des Autoritätsverständnisses, das den persönlichen Kontakt (Gnade) gegenüber den unpersönlichen Festlegungen bevorzugte, schwächten die zentralistischen Strukturen des Reichs. Mit dem Zusammenbruch des weströmischen Staates zerfiel dieses empfindliche System, und die nun wieder auf lokale Märkte angewiesenen Menschen hatten, auch wenn sie gewollt hätten, nicht mehr die Mittel und das technische Know-How, um die Errungenschaften der Antike weiter zu pflegen. Es fehlte an Spezialisten, ohne die die hochentwickelte Gesellschaft der Antike nicht fortbestehen konnte. So ging zwischen dem Ende des 4. bis zum 7. Jahrhundert die Masse aller literarischen Werke verloren (siehe Bücherverluste in der Spätantike; schon Cassiodor versuchte nur noch die Restbestände durch Kopieren zu sichern), vor allem aber sank das Niveau der materiellen Kultur unter den Stand nach der römischen Eroberung: Um 600 lebte ein Bauer an Rhein oder Themse also weitaus primitiver als seine Vorgänger um Christi Geburt.

Als der Staat weitgehend zerfiel, blieb die Kirche die einzig übergeordnete Institution. Allerdings wurde auch hier die Macht fragmentiert; viel Macht lag bei den Bischöfen, die für gewöhnlich von benachbarten Bischöfen in Synoden, manchmal auch von Volksversammlungen (Ambrosius) ernannt wurden und nicht vom Papst, da das Primat des Papsttums sich noch nicht herausgebildet hatte. Der wesentliche Träger der Kultur und des Wissens war die Kirche, darin speziell die Klöster der Benediktiner oder der Iroschotten, denen später die Bendediktinerregel auferlegt wurde (z. B. dem Kloster St. Gallen). Das Lesen und Schreiben beherrschten meist nur Angehörige des Klerus und Teile des Hochadels. Die Wissenschaft beschränkte sich weitgehend auf die Bereitstellung und Systematisierung des vorhandenen Wissens und das Kopieren von Werken antiker Autoren. Dabei wurden auch praktische Aspekte aus der Antike tradiert, z. B. Obstbau und Weinbau. Die geschichtlichen Personen und Ereignisse des 7. bis 10. Jahrhunderts sind großenteils aus den vielen handschriftlichen und datierten Dokumenten der Mönche aller Länder Europas bekannt (z. B. Beda Venerabilis).

Auch im Oströmischen Reich (Byzanz) fand der Übergang zur frühmittelalterlichen Kultur statt, wenn er sich auch in anderen Bahnen vollzog, da im Osten die antike Kultur eher fortbestand als im Westen. Beschleunigt wurde die Entwicklung des oströmischen Reiches hin zum Byzantinischen Reich durch die Islamische Expansion um 640, wodurch Byzanz seinen spätantiken Charakter weitgehend verlor und ebenfalls ins Mittelalter eintrat. Von Bedeutung für die Entwicklung war zudem die Justinianische Pest, die 541 ausbrach und den ganzen Mittelmeerraum in immer neuen Seuchenzügen betraf, was zu einem erheblichen Bevölkerungsverlust geführt haben dürfte, der wohl vielerorts den Übergang zum Mittelalter beschleunigte.

Siehe auch


Die Gebietsaufteilung im Vertrag von Verdun (843)


Literatur

  • The New Cambridge Medieval History. Verschiedene Hrsg. Bd. 1–3. Cambridge 1995–2005.
    (Die umfassendste Darstellung des Frühmittelalters, verfasst von angesehenen Fachwissenschaftlern.)
  • Arnold Angenendt: Das Frühmittelalter. Die westliche Christenheit von 400 bis 900. 3. Aufl., Kohlhammer, Stuttgart, Berlin und Köln 2001, ISBN 3-17-017225-5.
    (Profunde Darstellung des renommierten Kirchenhistorikers.)
  • Roger Collins: Early Medieval Europe 300–1000. 2. Aufl., New York 1999, ISBN 0-312-21886-9.
  • Hans-Werner Goetz: Europa im frühen Mittelalter. 500–1050 (Handbuch der Geschichte Europas 2). Ulmer, Stuttgart 2003, ISBN 3-8001-2790-3.
    (Einführung mit Forschungsteil und reichhaltigen Literaturangaben, die zudem Europa als gesamtgeschichtlichen Raum wahrnimmt.)
  • Walter Pohl (Hrsg.): Die Suche nach den Ursprüngen - Von der Bedeutung des frühen Mittelalters (Forschungen zur Geschichte des Mittelalters, Band 8). Österreichische Akademie der Wissenschaften, Wien 2004, ISBN 3-7001-3296-4.
    (Aufsatzsammlung mit umfangreichem Quellen- und Literaturverzeichnis.)
  • Friedrich Prinz: Von Konstantin zu Karl dem Großen. Entfaltung und Wandel Europas. Düsseldorf und Zürich 2000, ISBN 3-538-07112-8.
    (Darstellung, die vor allem die Kontinuitäten und Brüche der Spätantike zum Mittelalter hin herausarbeitet.)
  • Julia M. H. Smith: Europe After Rome. A New Cultural History 500–1000. Oxford 2005.
  • Chris Wickham: Framing the Early Middle Ages. Europe and the Mediterranean, 400–800. Oxford 2005.
    (Wichtige wirtschafts- und sozialgeschichtliche Darstellung.)
  • Chris Wickham: The Inheritance of Rome: A History of Europe from 400 to 1000. London 2009.
    (Hervorragende, gut lesbare und aktuelle wissenschaftliche Gesamtdarstellung des Frühmittelalters.)

Weblinks

Quellenhinweis

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Dieser Artikel basiert auf dem Beitrag „Frühmittelalter“ aus der freien Enzyklopädie Wikipedia in der Version vom 03. Juni 2010 (Permanentlink: [1]). Der Originaltext steht unter der GNU-Lizenz für freie Dokumentation bzw. unter CC-by-sa 3.0. In der Wikipedia ist eine Liste der ursprünglichen Autoren verfügbar.