Nationes

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Wappen von Nationes in Bologna

Die Nationes sind Korporationen in Verbindung mit den frühen europäischen Universitäten sowie die erste Form von studentischen Zusammenschlüssen.

Die Hauptfunktion der zunächst als Schutzbünde von Professoren und Scholaren vor allem im Ausland gegründeten Nationen der akademischen Korporation war im Grunde zweigeteilt. Eine Nation war zum einen eine Rechts- und Sozialgemeinschaft, welche die Interessen und Privilegien ihrer Mitglieder zu wahren suchte und ihnen einen Lebensunterhalt zu ermöglichte; zum anderen übernahm sie Aufgaben organisatorischer Art (Immatrikulation), der Mitgestaltung in Leitungsgremien sowie administrativen Arbeiten.[1]

Allgemeines

Magister mit Scholaren

Mit der Entstehung der ersten europäischen Universitäten entstanden auch die Zusammenschlüsse der Studenten. Aufgrund ihrer herkünftlichen Sortierung werden sie innerhalb der Studentenverbindungen als Vorläufer der Landsmannschaften (Studentenverbindungen) bezeichnet. Sie gab es an den frühen hohen Schulen in Ravenna, Bologna, Salerno und Padua, aber auch in Paris, Oxford und Cambridge waren sie etwas später üblich.

Es gab in der Regel keinen bruderschaftlichen Charakter, statt dessen bestand für jeden Scholaren eine Zwangsmitgliedschaft und es waren Beiträge zu entrichten.

Unterscheidung

Es werden die Nationes nördlichen Typs von denen südlichen Typs unterschieden. Während die nördlichen Nationes von Magistern authoritär geleitet wurden und aus ihnen ab dem 12. Jahrhundert weitere Korporationstypen entstanden, sollten die etwas älteren Nationes südlichen Typs noch Jahrhunderte bestehen bleiben. So entstanden im Norden, an der Pariser Universität "Sorbonne", die "Bursen" sowie an den Universitäten in Oxford, Cambridge und wohl auch an der Sorbonne, die Kollegien, auch Collèges genannt, welche die Nationen später ablösten.

Die Mitglieder der Universität schlossen sich der Nation an, die ihrer Herkunft am ehesten entsprach. Studenten und Professoren sprachen lateinisch.

Südlicher Typ: Modus Bononiensis

Aufnahme eines Studenten in die ’’Natio Germanica Bononiae’’, die deutsche Nation an der Universität Bologna, ca. 15. Jahrhundert. Nicolaus Kopperlingk de Thorn wurde 1496 darin aufgenommen.

Die südlichen Nationes kamen erstmals mit der Gründung der Universität Bologna (vermutlich 1088) auf. Sie wurde schon früh „universitas magistrorum et scholanum“ genannt und die Studenten erhielten das Recht, bei der Rektorenwahl mitzubestimmen und konnten so Professoren und den Universitätsapparat stark beeinflussen im Gegensatz zu den nördlichen Nationes.

Man gliederte die Gesamtheit (universitas) der Professoren und Studenten einer Hochschule in siebzehn Nationes ein. Hier wurden die Nationes wiederum in den Diesseitigen (citramontanorum), das waren die drei Nationes Italiener, und die Jenseitigen (ultramontanorum), vierzehn Nationen aus den übrigen Regionen, unterschieden. Hier gab es beispielsweise eine „deutsche“ Nation, die bis ins 17. und 18. Jahrhundert hinein eine bedeutende Rolle spielte.

Nördlicher Typ: Vier-Nationen Modell

Das Vier-Nationen Modell der Alma mater in Paris hatte eine territoriale Einordnung der Landsmannschaften nach den vier Himmelsrichtungen eingeteilt und wies schon das Fakultätsprinzip auf. So gab es an der Universität Paris die englische Nation für die Nord- und Osteuropäer, dazu die normannische, die pikardische und die gallische Nation. So wurden die Scholaren aus deutschsprachigen Regionen zusammen mit „Engländern“ und Nordeuropäern zur „natio anglicana“ zusammengefasst.

Seit dem mittleren 13. Jahrhundert setzte sich dieses Modell europaweit durch.

Gründung deutscher Universitäten

Mit der ersten Gründung auf deutschem Reichsgebiet 1348 in Prag erhielten auch im Heiligen Römischen Reich die Nationes Einzug. An der Karls-Universität in Prag gab es am Ende des Mittelalters eine regionale Einteilung in eine böhmische (zu der tschechisch- und deutschsprachige Scholaren zählten), eine bayerische, eine sächsische sowie eine polnische Nation.

Auch hatten Nationes eigene Schutzpatrone: Kaiser Karl V. gestattete beispielsweise den beiden Vorstehern der deutschen Nationes das Recht, Notare zu ernennen, Waffen zu tragen und uneheliche Kinder zu legitimieren.

In Leipzig (Universität Leipzig, gegründet 1409) gab es die meißnische, sächsische, bayerische und polnische Nation, während es in Wien (Universität Wien, gegründet 1365) die österreichische, rheinische, ungarische und die sächsische Nation gab. In Königsberg (Universität Königsberg, gegründet 1544) gab es 1670 die Pommern, Schlesier, Preußen und die Westfalen.

Aufnahmerituale

Hauptartikel.svg Hauptartikel: Pennalismus

Ein Neuling musste einen Eid absolvieren, der ihn fest an die Nation band. Der Aufnahmeritus (Deposition (Universität)) wurde zuerst als inoffizieller Akt von Paris übernommen. Der Neuling (Bejan, Fux, Voss) musste sein „tölpelhaftes Verhalten“ ablegen, „abstoßen“, um ein echter Student zu werden. Qualvolle körperliche und seelische Behandlungen musste der „Fux“ über sich ergehen lassen, zusätzlich musste er ein Depositionsgeld und einen Depositionsschmaus „blechen“. Die Nationen zeigten die ersten Ansätze einer Selbstverwaltung und entwickelten eine eigene Tracht. Später wurde die Deposition (Universität) ein offizieller Aufnahmeakt.

Teilweise war es den Scholaren verboten in ihrer Heimatsprache zu sprechen.

Auflösung

Je konsistenter sich das Fakultätssystem mit ihren vier Richtungen, Artes, Jurisprudenz, Medizin und Theologie durchsetzte, desto obsoleter wurde die gestalterische Mitwirkung der Nationes.

  • Der Verstaatlichungsprozess der frühen Neuzeit in denen die autonomen Universitäten unter etatistische Kuratel gerieten, führte zu einer „Professionalisierung“ des akademischen Personals und zu einer Reduzierung der Mitbestimmung.
  • Im Deutschen Reich gab es im 18. Jahrhundert an die 45 Universitäten,[2] was zu einer Regionalisierung der Hochschulen und zum Rückgang von peregrinatio academica und Internationalität führte. [3]
  • Bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts sank die Zahl der Studenten auf etwa 5000 ab. Dies hängt neben der gestiegenen Anzahl von Universitäten mit den dauerhaften Kriegen dieser Zeit zusammen.
  • Die konfessionelle Bindung der jeweiligen Territorien und ihrer Universitäten. Im reformatorischen Prozess wurden Bursen und Kollegien aufgelöst und es verlor sich auch die Bedeutung der Nationen im Zusammenschluss konfessionsgleicher Studenten.

An der Leipziger Universität gab es die Nationen noch bis 1830 als Formalität. So musste sich Johann Wolfgang von Goethe noch in die bayerische Nation einschreiben.

Heutige Umfassung: Studentnation

Hauptartikel.svg Hauptartikel: Studentnation

Noch heute lebt an Universitäten in Schweden (besonders in Lund und Uppsala), Finnland und Estland die Organisationsform der Nationes mit ähnlichen Aufgaben weiter.

Literatur

  • Sabine Schumann. Die "nationes" an den Universitäten Prag, Leipzig u. Wien. Ein Beitrag zur älteren Universitätsgeschichte, Diss. phil. Berlin 1974.
  • Siegfried Hoyer. Die scholastische Universität bis 1480. In: Alma Mater Lipsensis. Geschichte der Karl-Marx-Universität Leipzig. Leipzig 1984.

Einzelbelege

  1. Rainer A. Müller: Landsmannschaften und studentische Orden an deutschen Universitäten des 17. und 18. Jahrhunderts aus:Historia academica, Band 36, Würzburg, 1997, S.15f.
  2. Th.Ellwein: Die deutsche Universität - Vom Mittelalter bis zur Gegenwart. 1985, S.305-307
  3. Vergleiche: I. Matschinegg: Bildung und Mobilität. Wiener Studenten an italienischen Universitäten in der frühen Neuzeit in:K. Mühlberger/ Th. Maisel: Aspekte der Bildungs- und Universitätsgeschichte 16. bis 19. Jahrhundert., S.307ff.

Siehe auch

Quellenhinweis

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Dieser Artikel basiert auf dem Beitrag „Nationes“ aus der freien Enzyklopädie Wikipedia in der Version vom 01. Juni 2010 (Permanentlink: [1]). Der Originaltext steht unter der GNU-Lizenz für freie Dokumentation bzw. unter CC-by-sa 3.0. In der Wikipedia ist eine Liste der ursprünglichen Autoren verfügbar.