Spinnrad (Heraldik)

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Spindelspinnrad
(europäisch-amerikanisch)
 
Flügelspinnrad
(noch handbetrieben, aus dem Hausbuch Schloss WolfeggW-Logo.png, 1480)
Bild unten: Spinnende Frau (gemäß einem Manuskript aus dem 14. Jahrhundert)

Spinnrad (frz.: rouet à filer; engl.: spinning wheel) ist in der Heraldik ein allgemeiner Ausdruck für eine gemeine Figur, die in unterschiedlichen Formen auftritt. Er steht unter anderem zum Beispiel für:

  • ein Spindelrad (auch Spindelspinnrad, Großes Rad, Wanderrad, Handspinnrad oder (Baum-)Wollrad genannt): Gewöhnlich ein handgetriebenes technisches Hilfsmitteln mit Spindel und Schwungrad (fast immer ohne Spinnflügel) zum Verspinnen von Fasern. Es gelangte gegen Ende des 12. Jahrhunderts aus dem orientalischen Raum nach Europa und gilt als Vorläufer des „(Flügel)Spinnrads“.
  • ein (Flügel)Spinnrad (auch Trittrad genannt): Üblicherweise ein technisches Hilfsmitteln mit dem charakteristischen Spinnflügel zum Verspinnen von Fasern und ca. seit dem 17. Jahrhundert mit dem typischen Fußantrieb.
  • ein Schnurrad (auch Schwungrad genannt): Antriebsrad eines Spindel- oder Flügelspinnrades, das sich von vielen heraldisch stilisierten Rädern nicht oder nur durch den Blason unterscheidet.

Darstellung

Um Verwechselungen zu vermeiden, empfiehlt es sich, auf den mehrdeutigen Ausdruck Spinnrad in der Wappenbeschreibung grundsätzlich zu verzichten. Statt dessen sollte man das entsprechende Wappenmotiv mit einem wohldefinierten und konsistenten Ausdruck umschreiben und im Zweifelsfalle einzelne Bauteile (Flügel, Spindel, Antriebsriemen) und deren Tinktur benennen.

Spindelspinnrad / Flügelspinnrad

Wenn ein Spindel- oder Flügelspinnrad mit vielen, mehr oder weniger räumlichen Details oder relativ komplex in einem Wappen dargestellt wird, widerspricht dies der heraldischen Regel von der Einfachheit eines Wappenmotivs. Diese beiden Formen des Spinnrads sollten möglichst einfach und heraldisch stilisiert im Wappen erscheinen. Eine einheitliche Tingierung des Spindelspinnrads oder des Flügelspinnrads kann die heraldisch gewollte Darstellung unterstützen. Weichen einzelne Bestandteile dieser Spinnräder in der Tinktur von der restlichen Figur ab, ist dies zu melden. Perspektivische Darstellungen dieser Spinnradformen kommen in Wappenschildern vor, gelten aber als unheraldisch.

Schnurrad

Manchmal charakterisiert der mehrdeutige Ausdruck Spinnrad in den Wappenbeschreibungen ein einfaches Schnurrad. Es erscheint als halbes oder volles Rad im Schild. Daß es ein ein Schwung-/Antriebsrad eines technischen Hilfsmittels zum Verspinnen von Fasern ist und kein gewöhnliches Rad wird manchmal nur durch die Wappenbeschreibung oder durch entsprechende heraldisch-wissenschaftliche Expertisen deutlich.

Spinnrad als Nebenfigur

Die Figur Spinnrad erscheint in Wappen auch als Nebenfigur, zum Beispiel neben einer Frau als Hauptfigur, die spinnt oder das Spinnrad hält et cetera.

Abgrenzung

  • Die gemeine Figur Spinnrad sollte nicht mit einer Haspel (auch Weife genannt) verwechselt werden, die als gemeine Figur manchmal in Wappen erscheint (in Anlehnung an ein technisches Hilfsmittel zum Auf- und Abwickeln von langgestreckten Materialien wie Garnen, Seilen, Drähten und Bändern).
  • Die gemeine Figur Spinnrad sollte nicht mit einem SpulradW-Logo.png verwechselt werden, die als gemeine Figur manchmal in Wappen erscheint (in Anlehnung an ein technisches Hilfsmittel zum Auf- und Umspulen von Garn in der Hand- und Haus-Weberei).

Wappenbilderordnung

  • Das Spinnrad wurde in die Wappenbilderordnung (WBO) des Herold (Verein) im Abschnitt Andere Erzeugnisse von Menschenhand: Haus- und Küchengeräte unter der Nr. 9067 aufgenommen.

Symbolik

Das Motiv Spinnrad symbolisiert außerhalb der Heraldik oft das traditionelle Textilhandwerk.

Mythologie

Das Spinnen und das Spinnrad sind in der Mythologie in zahlreichen Konnotationen präsent. Sie werden „etlichen SchicksalW-Logo.pngsgöttinnen - so der griechischen KlothoW-Logo.png - zugewiesen (vergleiche MoirenW-Logo.png, ParzenW-Logo.png. Spinnen und Weben gelten als Erfindung der Göttin AtheneW-Logo.png. Die sterbliche ArachneW-Logo.png, die die Göttin in der Kunst des Spinnens und Weben übertreffen wollte, hat sie zur Strafe in eine Spinne verwandelt. ArachnidaW-Logo.png ist noch heute der wissenschaftliche Name der Spinnentiere. In der germanischen Mythologie spinnen die NornenW-Logo.png die Schicksalsfäden.“[3] Die gesponnen Schicksals-/Lebensfäden, das Spinnen und das Spinnrad stehen in engem Zusammenhang mit dem „Mondes“ als Sinnbild für die Zeitmessung der konkreten lebendingen Zeit:

„Als Herrin alles Lebendigen »webt« die Mondgottheit die Schicksale. Zuweilen ist sie als gewaltige Spinne gedacht (Paresi in Brasilien, Hottentotten, Banksinseln, Borneo u. a.). Auf Nias glaubt man, daß jedesmal, wenn der Mond stirbt, seine Seele als Spinne auf der Erde erscheint. Als Spinnerin ist der Mond bei nordamerikanischen Stämmen, in Sumatra, China und der europäischen Volkssage (Sagen: I) vorgestellt. Die schicksalspinnenden Moiren (moirai) sind Mondgottheiten. Eine in Troja bezeugte Göttin am Spinnrad war auch im Vorderen Orient bekannt (hethitische Ischtar, ephesinische Atargatis u. a.). Schicksal als der vom Mond gewebte »Lebensfaden« ist für den Menschen eine längere oder kürzere Spanne gelobter Zeit.“

Religion in Geschichte und Gegenwart (1909-2000)[4]

Märchen

„In Märchen ist das Spinnen Ausweis von Fleiß oder inneren Reifungsvorgängen und fungiert oft als Heiratsprobe der Frau. So in folgenden Kinder- und HausmärchenW-Logo.png (KHM) der Brüder GrimmW-Logo.png: Die zwölf BrüderW-Logo.png (KHM 9), Die drei SpinnerinnenW-Logo.png (KHM 14), Frau HolleW-Logo.png (KHM 24), Die sechs SchwäneW-Logo.png (KHM 49), DornröschenW-Logo.png (KHM 50), RumpelstilzchenW-Logo.png (KHM 55), AllerleirauhW-Logo.png (KHM 65), Die zwölf JägerW-Logo.png (KHM 67), Die WassernixeW-Logo.png (KHM 79), Die faule SpinnerinW-Logo.png (KHM 128), Die SchlickerlingeW-Logo.png (KHM 156), Die Nixe im TeichW-Logo.png (KHM 181), Die Gänsehirtin am BrunnenW-Logo.png (KHM 179), Spindel, Weberschiffchen und NadelW-Logo.png (KHM 188).“[3]

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Wappenbeschreibung: „Gespalten von Grün und Silber; vorne ein silberner Floßanker, hinten ein senkrecht stehendes halbes schwarzes Spinnrad.“
  2. Wappenbeschreibung: „In Rot auf goldenem Dreiberg eine silberne Espe mit drei Zweigen, beseitet rechts von einem halben silbernen Spinnrad, links von einem halben silbernen Zahnrad.“
  3. 3,0 3,1 Seite „Spinnen“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 29. März 2017, 10:32 UTC. URL: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Spinnen&oldid=164057096 (Abgerufen: 8. Mai 2017, 10:24 UTC)
  4. Eliade, M: Stichwort: Mond. In: Die Religion in Geschichte und GegenwartW-Logo.png (RGG). Handwörterbuch für Theologie und Religionswissenschaft. S. 22121 (vgl. RGG Bd. 4, S. 1094). J. C. B. Mohr (Paul Siebeck). Dritte Auflage als Bd. 12 der Digitalen BibliothekW-Logo.png. Berlin. 1909-2000.


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Dieser Artikel basiert auf dem Beitrag „Spinnrad_(Heraldik)“ aus der freien Enzyklopädie Wikipedia in der Version vom 27. Juli 2012 (Permanentlink: [1]). Der Originaltext steht unter der GNU-Lizenz für freie Dokumentation bzw. unter CC-by-sa 3.0. In der Wikipedia ist eine Liste der ursprünglichen Autoren verfügbar.