Wappenschwindel

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Unter den umgangssprachlichen Begriffen Wappenschwindel, Wappenfälschung, Wappenbetrug, Wappenpiraterie o. ä. werden allgemein alle Handlungen verstanden, bei denen zum Beispiel

oder ähnliches zwischen einem wie auch immer gearteten Wappenangebot seitens eines Anbieters und einer wie auch immer gearteten Wappenanfrage seitens eines Nachfragers vorliegen.

Neben möglichen Manipulationen an der Wappendarstellung finden bei diesen Handlungen meist formlos, mündlich, telefonisch oder in Schriftform falsche Aussagen oder Erklärungen bzw. Vorspiegelungen oder Unterdrückungen von Tatsachen über das Alter, den Umfang der Führungsberechtigung, die Quelle, die Darstellung oder andere Daten eines Wappens statt. Wappenschwindel, Wappentäuschung und Wappenbetrug o. ä. können unter anderem vorsätzlich, nicht vorsätzlich, bewußt oder unbewußt erfolgen.

Beispiele

Gefälschtes „Wappen Vigelius“, das bis auf wenige Details dem Original-Wappen entspricht.

Bei einer Täuschung über das Alter wird entweder ein selbst entworfenes Wappen als überkommenes verkauft oder ein neues Wappen mit einer erfundenen Genealogie. Der Umfang der Führungsberechtigung ist nicht richtig wiedergegeben, wenn der Wappenschwindler ein existentes Wappen einer Familie mit gleichem oder ähnlichem Namen verkauft und behauptet, alle Träger des gleichen Namens seinen berechtigt, das Wappen ebenfalls zu führen. Über die Quelle des vermeintlich alten Wappens wird getäuscht, wenn eine nicht existente Fundstelle des Wappen angegeben wird oder eine existierende Quelle angegeben wird, in der es nicht enthalten ist.

Fälschung des Wappen Vigelius

Vom „Wappen Vigelius“ wurde eine Fälschung angefertigt, die bis auf wenige Details dem Original entspricht. Im Original-Blason ist von einem schwarzen Tor und zwei schwarzen Fenstern die Rede. Das Tor ist in der Fälschung vorhanden, aber die Fenster fehlen. Außerdem fehlt ein goldener Knopf auf dem roten Dach und die schräggeteilten Hornpaare passen in der Zeichnung so nicht. Direkter Hinweis, daß es sich um ein Fälschung handelt, ist der Vermerk Europäische Wappensammlung auf dem Blatt, die es nie gegeben hat. Vermutlich wurde die Fälschung vom Wappenfälscher Eugen Ferdinand Schwartz (02.11.1817 † nach 1888) erstellt, wie ein Vergleich mit dem „Wappen Schwarte“ nahelegt, das aus der Hand von Schwartz stammt und bei dem Schild, Decke, Helm, Krone, die Kringel um den Namen „Schwarte“ genauso wie in der „Fälschung Vigelius“ aussehen (nur die Figuren im Schild und die Helmzier wurden verändert, siehe Seite 130 in: „Der Wappenschwindel ...“). Der Blason zum Original-Wappen Vigelius lautet:

„330. Colorierter Kupferstich. „Rom. Caes. Mai. Consilarius Georgius Vigelius senior Doctor“: Geviert 1 und 4 in S. ein von zwei abwärts geschrägten g. Pfeilen durchbohrtes r. Herz; 2 und 3 in G. zwei aufrechte # Pilgerstäbe nebeneinander. Gekrönter offener Helm mit r. s. und # g. Decken; ein gemauerter Thurm mit # Thor und zwei Fenstern r. Dache und g. Knopfe zwischen s. r. bezw. g. # nach außen sechsmal schräggetheilten Hornpaare. Darunter steht „Beata Mediocritas“.“

Jahrbuch Adler (1891)[1]

Die Fälschung wird hier mit freundlicher Genehmigung von Horst Huhle wiedergeben, der das Blatt im „Ramsch“ seiner Tante in Bremen fand. Diese war Grafikerin und stammte aus einer angesehenen Bremer Familie, Vater Bankdirektor der Bremer Bank, Großvater Gestalter bei der Besteckschmiede Koch & Bergfeld Bremen, die u. a. auch an den Zarenhof lieferten. Ob der Erwerb der Wappenfälschung daher rührt, ist offen.

Geschichte

Die Wappenschwindelunternehmen waren vor allem von 1806 bis 1932 aktiv. Ein Grund dafür war, dass die deutschen Fürstenhöfe seit Ende des Alten Reiches (1806) die Ausstellung von Wappenbriefen, von wenigen Ausnahmen abgesehen, einstellten, da die Hofpfalzgrafen, die dies bis dahin durchgeführt haben, mit seinem Ende verschwunden waren. Erst 1912 gründete König Friedrich August III. von Sachsen eine „Sächsische Stiftung für Familienforschung“, die in seinem Namen Wappenbriefe für Bürgerliche ausstellte.

Bekannte historische Wappenschwindler

  • Max Asten, nannte sich selbst „von Asten“ (* 1828; †1897). Etwa 1850 bis 1895 in Neustadt an der Saale
  • Hugo Bieler (* 1827). 1856 bis 1890 in Berlin
  • Wilhelm Karl Fleischmann (* 1849; † 1913) in München
  • Gebhardt Gartenschmidt (* 5. Dezember 1773 in Bregenz; † 8. Januar 1847 Wien), Sohn des 1761 von München nach Bregenz eingewanderten Malers Joachim Benedikt Gartenschmid, vorgeblich: „Wappenmaler des ehemals bestandenen Niederländischen Departments der Heraldik, Auf dem Lugeck Nr. 733“
  • Berthold Großkopf (* 1874; † 1915) in Karlsruhe. Nach seinem Tod übernahm sein Bruder Emil die Werkstatt
  • Paul Gründel (* 1857; † 1931) in Dresden
  • Raimund Günther (* 1860; † 1935 ) in Salzburg
  • Adolph Hebensperger (* 1864; † 1897) in München
  • Hermann Hermann (* 1874; † 1952) in Wien
  • Levi Herschbach (auch Leopold bzw. Hirschbach; * 1805; † 1893) in Köln
  • Carl Friedrich Kettnich (* 1800; † 1854)
  • Franz Eduard Knapp (* 1871; † 1947)
  • Karl Krahl (* 1819; † 1891)
  • Franz Kuboth (* 1870; † 1923)
  • Franz Kunze (* 1788; † 1853)
  • Christian Kurz (* 1836; † 1886)
  • Eugen Kurz (* 1864; † 1928)
  • Hans Limbacher (* 1863; † 1923)
  • Thaddäus Mikoda (ca. ab 1835)
  • Carl Wilhelm Muth (* 1817; † 1876)
  • Emil Poenicke (* 1846; † 1924)
  • Nicolaus Pohl (* 1803; † 1872)
  • Conrad Gottlieb Heinrich Schüßler (* 20.09.1853 in Nürnberg; † 18.12.1923 in Dresden). Sohn des des Oberlehrers Christian Schüßler und der Babette Neumann. Arbeitete zeitweise mit dem Wappenfälscher Paul Gründel zusammen. Beide betrogen mit erfundenen genealogischen Angaben.
  • Eugen Ferdinand Schwartz (02.11.1817 in Luschitz/Böhmen † nach 1888). Von 1846-1856 war er bei Wiener Gewerbebehörde als Wappenmaler registriert.
  • Thaddeus Spängler (* 1862; † 1926)
  • Georg Stark (* 1831; † 1894)
  • Leonhard Stark (* 1868; † 1951)
  • Joseph Stein (* 1784; † 1843)
  • Max Wappenstein (* 1837; † 1890)
  • Gustav Winkler (* 1803; † 1874)

Wappen- und Genealogiebetrug in der Gegenwart

Im Jahr 2004 wurde in Belgien der Niederländer Wilhelmus Pince Van Der Aa, der auch unter den Namen Wilhelm von der Aa auftritt, wegen Betrugs vom Gericht zu einem Jahr Haft und 5.000 Euro Buße verurteilt. Van der Aa bot mit Massenwurfsendungen als Geschäftsmann des Verlages Historique in Leidschendam Informationen zu Stammbäumen und Wappen an (Zielgruppe: 1,3 Millionen Flamen). Zirka 20.000 Menschen nahmen das Angebot einer persönlichen und zertifizierte Familienforschung an, erhielten aber im Buchformat nur unzusammenhängende und unvollständige Informationen vermutlich aus dem Mormonenarchiv (bzw. aus anderen öffentlichen Quellen).[2]

Auch in Holland und England war der Geschäftsmann aktiv. In Deutschland agierte van der Aa spätestens seit 2002, wobei Anschriften, Namen, Absendersadressen und Organisationsformen ständig wechselten und Telemarketing-Firmen wie Kluth Telemarketing GmbH bzw. Gottsmann Agentur für Telemarketing als Partner fungierten. Im Zusammenhang mit van der Aa und der Dienstleistung wurden in Deutschland unter anderem folgende Benennungen verwendet, die vorgeblich Seriösität vermitteln:

  • Steinadler Familienforschung
  • Steinadler Verlag
  • SGN (vermutlich: Stiftung Genealogie)
  • Genealogische Stiftung SGN
  • SGH Stiftung für Genealogie und Heraldik

Die deutsche Kripo warnte vor den Aktivitäten von van der Aa und die Staatsanwaltschaft ermittelte wegen Betrugs gegen ihn.[3]

Erste Seite eines „Betrugsbuchs“, hier: Die Heer Familien, Weltbuch 11874 von Halbert's Family Heritage
Unzusammenhängende Verwendung des Wappens der Familie „de Heer“ für die Familien „Heer“ im „Betrugsbuch“: Die Heer Familien, Weltbuch 11874 von Halbert's Family Heritage

Genealogische und heraldische „Betrugsbücher“

Durch die Popularität der Genealogie und der Heraldik entstand ein Massenmarkt für heraldische bzw. genealogische „Betrugsbücher“ (engl. „scam genealogical books“)[4]. Diese Bücher enthalten meist nur allgemeine, unzusammenhängende oder unvollständige heraldisch-genealogische Information. Selten haben diese einen Bezug zu der Familie des Käufers. Gleichwohl gaukeln juristisch schwer angreifbare Floskeln, das Aufreten oder die Werbung der Publizierenden der Käuferschicht vor, daß dieser Bezug in dem Werk vorhanden wäre oder eine entsprechende Dienstleistung diesen erbringen würde. Der Inhalt der „Betrugsbücher“ reduziert sich auf kopierte Zitate aus urheberrechtsfreien Werken, auf Banalitäten oder auf öffentlich zugänglichen Daten z. B. aus Telefonbüchern oder der Mormonendatenbank:

„Für 97 Mark inklusive Versand bekommt man eine etwa 120 Seiten starke Kladde mit Namen und Wappenlöwen in Gold. Die Ahnenforschung erweist sich als Nachhilfeunterricht durch Lexikonwissen. In erster Linie geben die Autoren Allgemeinplätze der Heraldik zum besten.“

DER SPIEGEL 23/1993 über Halbert's Family Heritage[5]

Grundsätzlich glieden sich „Betrugsbücher“ in folgende Abschnitte:

  • Triviale Abschnitte über Geschichte
  • Allgemeine und triviale Kapitel über allg. Herkunft/Bedeutung des jeweiligen Familiennamens
  • Triviale Kapitel über die Geschichte der Heraldik sowie Abschnitte über heraldisches Basiswissen
  • Leere Tafel, Stammbäume, Tabellen, Formulare zur Genealogie, die der Käufer mit seine Daten selber ergänzen soll.
  • Ein paar Adressen zur Forschung (Archive, Bibliotheken etc.)
  • Ein Liste von Personen mit gleichen Familiennamen, manchmal mit Adresse, Telefonnummer o. ä., meist mit einer hochspielenden Überschrift versehen (z. B. für den Familiennamen „Heer“: „Das internationale Heer Register“).

Die amerikanischen Wikipedia nennt folgende „Betrugsbücher“/Hersteller[6]

  • Burke's Peerage World Book of (Mustermann); nicht zu verwechseln mit Burke's PeerageW-Logo en.png
  • Halberts Family Heritage - World Book of (Mustermann);
    dt.: Die (Mustermann) Familien im Weltbuch;
    Halbert wurde 1999 vom Federal Government wegen Mail-Betrugs stillgelegt.
  • William Pince Publishers - SGN Genealogical Foundation
  • Maxwell MacMaster[7]

Siehe auch

Literatur

  • HEROLD, Verein für Heraldik (Hrsg.): Der Wappenschwindel, seine Werkstätten und ihre Inhaber - Ein Blick in die heraldische Subkultur. Verlag Degener & Co., 1979, Neustadt an der Aisch. ISBN 3-7686-7013-9
  • Reise, H.: Vom Wappenwesen und Wappenschwindel. Göttingen. 1948.

Weblinks

Show-handle-HW.png Bernhard Peter: Einführung in die Heraldik: Wappenschwindel

Einzelnachweise

  1. Jahrbuch der Heraldisch-Genealogische Gesellschaft Adler von 1891, Nr. 330. Seite xlvii
  2. Vgl. HetVolk vom 27. November 2004, belgische Zeitung
  3. Vgl. Detailliertes Protokoll zu den Aktivitäten von van der Aa. Internet-Seite von ahnenforschung.net. Aufgerufen: 9.9.2010
  4. Vgl. Ancestry.com - Genealogy Scams (englisch)
  5. Spiegel 23/1993: Ahnenforschung im Telefonbuch. Rubrik: Modernes Leben. S. 226.
  6. Siehe: Scam genealogical bookW-Logo en.png, englische Wikipedia
  7. MorphCorp LLC of Denver State settles suit


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Dieser Artikel basiert auf dem Beitrag „Wappenschwindel“ aus der freien Enzyklopädie Wikipedia in der Version vom 01. September 2010 (Permanentlink: [1]). Der Originaltext steht unter der GNU-Lizenz für freie Dokumentation bzw. unter CC-by-sa 3.0. In der Wikipedia ist eine Liste der ursprünglichen Autoren verfügbar.