Gotik

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Die Kathedrale Notre-Dame de Reims, ein herausragendes Beispiel französischer Gotik
Lichtdurchfluteter Raum: Chor des Veitsdoms in Prag
Gotischer Grundriss (Kölner Dom)

Die Gotik ist eine Strömung der europäischen Architektur und Kunst des Mittelalters. Sie entstand um 1140 in der Île-de-France (Gegend um Paris) und währte nördlich der Alpen bis etwa 1500. Der zuvor vorherrschende Bau- und Kunststil ist als Romanik, der nachfolgende als Renaissance bekannt. Der gotische Stil ist nur in der Architektur genau abzugrenzen, während dies auf den Gebieten der Plastik und Malerei nicht in gleicher Klarheit möglich ist.

Die Gotik war eine Epoche der Verbildlichung der christlichen Ideenwelt und bediente sich dabei in großem Umfang der Symbolik und Allegorie. Herausragende Kunstschöpfung ist die gotische Kathedrale, das Gesamtkunstwerk des Mittelalters, Architektur, Plastik und (Glas-)Malerei vereinend. In der Architektur unterscheidet man weiterhin Früh-, Hoch- und Spätgotik, die in den verschiedenen europäischen Landschaften unterschiedlich schnell übernommen wurden.

Da der Spitzbogen als ein zentrales Element der Baukunst der Gotik gilt, wurde der Stil ursprünglich als Spitzbogenstil bezeichnet. [1] Die Bezeichnung Gotik (v. ital. gotico ‚fremdartig‘, ‚barbarisch‘; ursprünglich ein Schimpfwort, abgeleitet von der Bezeichnung des Germanenstammes der Goten) wurde in der Renaissance durch den italienischen Kunsttheoretiker Giorgio Vasari geprägt, der damit seine Geringschätzung der mittelalterlichen Kunst gegenüber dem goldenen Zeitalter der Antike ausdrückte. Auch wenn die Bewertung Vasaris heute nicht mehr geteilt wird, wurde diese Bezeichnung übernommen.

Baukunst

Historische Grundlagen im 11. bis 13. Jahrhundert

Chorumgang der ehem. Klosterkirche Saint-Denis, vor 1144
Kathedrale von Chartres
Sainte-Chapelle in Paris

Im Mittelalter bestimmten die Könige, der Adel und der Klerus die Bauprogramme der zentralen Bauten und deren Baustil. Die Macht des adeligen Klerus wuchs im 10. Jahrhundert und wurde bestimmend für die Bauentwicklung. Die starke Rolle der Klöster mit ihren burgartigen geschlossenen Anlagen wirkte sich stilbildend aus. In der Romanik waren Kirchenbauten Stätten für die sakrale Aufgabe und Zentrum des dörflichen oder städtischen Lebens. Sie mussten aber auch die Funktion von beschützenden, wehrhaften Bauanlagen mit übernehmen. In den aufstrebenden Städten schützen dann jedoch Stadtmauern und Burgen die Stadtanlage.

Das 12. und 13. Jahrhundert ist geprägt vom geistigen, theologischen, politischen, wirtschaftlichen und technischen Aufbruch. Die Ansprüche an den Kirchenbau veränderten sich deshalb:

  • Die geistigen Grundlagen der Gesellschaft und der Kirche wurden durch die philosophischen Strömungen der Scholastik bestimmt. Der neue, alles fordernde Anspruch des Gottes der Christen fordert die Eingliederung der Menschen und der Regierenden in das Gefüge der christlichen Weltordnung von Himmel und Erde, Zeit und Ewigkeit. Der Kampf zwischen Kaiser und Könige einerseits und Papst sowie Kurie andererseits führte zu einem Wettbewerb in der Baukunst.
  • In theologischer Hinsicht wurden Kirchen und Kathedalen ein gebauter Teil der Liturgie. Sie weisen auf das Himmlische Jerusalem. Aus dem Kosmos, vom Gottesreich, wird das göttliche Licht gesandt und das Immaterielle wird zur gebauten Materialität voller Licht. Der Tempel Salomons war einer der erwünschten Inbegriffe, der als Kathedale noch gesteigert werden sollte. Die Kathedrale von St. Denis sollte nach Abt Suger der neue Tempel Salomons werden. Durandus von Mende († 1296) schrieb: „Alles, was zu den kirchlichen Gottesdiensten, Dingen und Schmuck (ornamenta) gehört, ist voller göttlicher Zeichen und Geheimnisse.“[2] Zum Anspruch wurde: Gotische Kirchenbauten sollen wie der Kosmos eine vollkommene Einheit werden: Schön, harmonisch und klar, durch Licht, Geometrie, Proportionen, Material und Farbe. In der Romanik gab es Fenster, in der Gotik wird das Licht, die Lichtbündelung, zum wesentlichsten Gestaltungselement der Kirche. Die Strahlen der Sonne, das Licht Gottes, sollen die ganze Kirche erfassen und das Bauwerk zur gebauten Metaphysik verwandeln. Vor allem in Frankreich entwickelte sich diese Lichtarchitektur von der Kathedrale von Saint-Denis (ab1130/35) bis zur Kathedrale von Chartres (1194–1260) und der Sainte-Chapelle (1244–1248) in Paris zur Vollkommenheit.
  • Politisch wurden Kirchenbauten zu einer Demonstration der Macht: Der Macht von Kaisern, Könige und Herrschenden, der Macht des erstarkten Klerus, der Macht der Päpste, die mit Innozenz III. (1198–1216) seinen Höhepunkt erreichte. Es war die Zeit des Investiturstreites, der Auseinandersetzung von Papst und Kaiser darüber, wer im Land die Bischöfe einsetzt (investiert). So entstanden Romanische Kaiserdome in Deutschland oder königliche gotische Kathedralen in Frankreich als Ausdruck dieser Macht. Auch die Macht der Ordensgemeinschaft nahm zu. Aber auch die Stärkung der Städte führte zu „Bauten der Macht“ in der Mitte der Stadt.[3]
  • Die wirtschaftliche Entwicklung in bestimmten Regionen und in den Städten wächst. Gerade die Städte erwerben die Kraft, um die aufwendigen Bauten der Gotik realisieren zu können. In Frankreich war die wirtschaftliche Grundlage das Erstarken des französischen Königtums im 12. Jahrhundert auf Kosten des niederen Adels und die wirtschaftliche Stärkung der durch die Könige geförderten, aufblühenden Bürgerstädte. Der Neubau von Saint-Denis diente als königlichen Grablege.
  • Auch die technische Baukunst der Romanik entwickelte sich ständig weiter. Rippengewölbe, Spitzbogen und Strebepfeiler wurden in der Romanik bereits erfolgreich eingeführt und romanische Bauten werden zunehmend höher und stärker belichtet. Aber geistiger, christlicher Anspruch, politische Macht und wirtschaftliche Kraft machten Bauwerke erforderlich, welche über das Maß der Romanik hinaus führen mussten, mit einer Architektur von beeindruckender, machtvoller Höhe, die mit Licht von oben, also von Gott, durchströmt wird.

Die Kirchen wurden zu gotischen Gesamtkunstwerken.

Entstehung des Stils

Der Beginn der Gotik ist in der Forschung umstritten. In der Fachliteratur existieren Datierungsunterschiede von rund 70 Jahren. Für viele Forscher begann die Entwicklung der Gotik in Frankreich in der Île-de-France zwischen 1130 und 1140. Einige betrachten die Klosterkirche von Saint-Denis und die Kathedrale von Laon nur als Vorstufen und lassen die eigentliche Gotik erst um 1200 beginnen (1195 Kathedrale von Bourges, 1211 Reims).

Von der Romanik zur Gotik

Der gotische Stil hat sich im Mittelalter aus dem Stil der Romanik heraus entwickelt. Die Gotik schafft keine grundsätzliche neue Typologie. Das gotische Bauwerk wird verstärkt als Einheit verstanden in dem jedes Einzelteil vom Ganzen abhängt. Für die Wandlung vom romanischen zum gotischen System finden sich viele Vorstufen bereits in der Romanik, vor allem in der Normandie, in den französischen Kronländer und in Burgund.[4]

In der romanischen Basilika Sainte Marie-Madeleine in Vézelay wurde beispielsweise das Kreuzgratgewölbe verwendet. Aber erst als die Konstruktion des Kreuzrippengewölbes gelang konnte sich ein neues Bausystem entwickeln. Es ermöglichte die Kombination von verschieden Gewölbezuschnitten. Die romanische Abteikirche Saint Philibert in Tournus zeigt, wie mit der Quertonne als Gewölbe die Kirche sehr hell, lichtdurchflutet wird. Die Fassadengestaltung dieser Kirche, von unten bis in die Türme hinein eine Einheit, zeigt den Willen auf zu einem durchgehenden Prinzip, wie in der späteren Gotik. Auch der Spitzbogen als zentrales Element der Gotik findet sich vereinzelt unter anderem in der Burgundischen Romanik. [5] Den Chorumgang gibt es bereits im 11. Jahrhundert in der Romanik. Das System Umgang und Kapellenkranz wird in der Gotik zu einem zusammenhängenden System von Stützen und Gewölben weiterentwickelt.

Die Anfänge in Frankreich

Die Kirchen Saint-Denis, Saint-Martin-des-Champs und die Sens zählen zur Gründungsphase der Gotik.

Saint-Denis

Der französische König Ludwig VI. und der mit ihm befreundete Abt Suger von Saint-Denis (nördlich von Paris) hatten bei der Entwicklung gotischer Architektur eine wichtige Rolle. Suger war Mönch und Verwalter, „der die königlichen Besitzungen und die seines eigenen Klosters erfolgreich gegen raubgierige Feudalherren zu verteidigen wusste“. Ludwig VI. brachte ihn bis an die politische Spitze des Staates. 1122 wurde Suger Abt von Saint-Denis, 1147, während des zweiten Kreuzzuges, Regent von Frankreich.

Die Abtei Saint-Denis, Grablege des französischen Königshauses, nahm schon in der Zeit der Romanik „unter den großen Abteien Frankreichs eine Stellung von höchster Machtfülle“ ein. Sie war eng mit dem Königshaus der Kapetinger verbunden und dem König direkt unterstellt.

Mit dem Westbau von Saint-Denis wurde um 1130 begonnen. Der Chorneubau, dessen Ausführung von Abt Suger geplant wurde, gilt allgemein als Initialbau der Gotik. Hier wurde erstmals der burgundische Spitzbogen (Beispiel: Cluny) mit dem normannischen Kreuzrippengewölbe (Beispiel: St-Étienne de Caen, Gewölbe ab 1120) kombiniert und die Gewölbelasten auf Strebepfeiler abgeleitet. Dadurch konnte auf die bisher vorherrschende massive Wand als statisches Element verzichtet werden. Die dadurch mögliche Reduzierung der Wandfläche zugunsten von Fenstern ermöglichte den Kirchen nicht nur ein grazileres Aussehen als das der romanischen Kirchen, sie waren auch viel stärker vom Licht durchflutet.

Die Kathedrale sollte einen umfassenden Herrschaftsanspruchs des französischen Königtums gegenüber den Baronen dokumentieren. Er war noch nicht Alleinherrscher. Sein Gebiet war klein und von mächtigen Reichen umgeben. Die großen Diözesen waren königliche Bistümer und unterstanden der Krone. Mit Hilfe der Kirche konnte er seinen Einfluss zielstrebig stärken. In diesem Prozess war die gotische Architektur von großer symbolischer Bedeutung.

Die Fassade von Saint-Denis, gleichzeitig Triumphbogen und Burg, könnte als die Wiedererschaffung des karolingischen Westwerks gedeutet werden. Sie entstand unmittelbar vor dem Chor und ist, obwohl sie sich schon von den Formen der Romanik gelöst hat, noch nicht ganz als gotisch einzuordnen.

Kathedrale von Amiens

Weitere frühe Entwicklung

Die Architektur der Nachbarländer Frankreichs, so auch des deutschen Kaisertums war um 1150 die Romanik, die Architektur des französischen König – der Königsstil – war die Gotik. Die Gotik stand in Frankreich zunächst in Konkurrenz zur Romanik. Der schnellere Wandel von der Romanik zur Gotik wurde in Frankreich auch durch den deutschen Investiturstreit begünsigt. In Frankreich kam es in dieser Zeit zu keiner entscheidenden Auseinandersetzung zwischen Papst und König, da die Päpste unter französischem Einfluss standen. Der Machtanspruch der neuen Architektur zeigt sich daran, dass in jedem der Krone neu unterworfenen Gebiet eine gotische Kathedrale errichtet wurde als deutlicher Hinweis, wer hier von nun an die Macht hatte.

Erfolgsrezept für die weitere Entwicklung des Stils war, dass jeder Großbau das vor ihm Erreichte zusammenfasste und zugleich Grundlage für die Nachfolgebauten wurde. Die Kathedralen von Sens, Senlis, Noyon, Paris und Laon waren wichtige Stationen auf dem Weg zur Hochgotik, die Anfang des 13. Jahrhundert in Chartres, Soissons, Reims und Amiens erreicht war. Von dort aus breitete sich der Stil durch international arbeitende Baumeister im ganzen westlichen und mittleren Europa aus.

Baukörper

Grundriss der Kathedrale von Sens dreischiffige Basilika der Frühgotik (1140/45) als Langhaus
Grundriss der kreuzförmigen Kathedrale von Laon (1155–1235)

Vom Zentralbau zum basilikalen Langbau

In der Romanik war noch der Zentralbau mit lediglich einer Richtungsachse dominant z. B bei den Palastkirchen. Die liturgischen Funktionen vermehrten sich und die Anzahl der Personen, die am Gottesdienst teilnahmen ebenfalls. Die Kirchen wurden größer und das gerichtete, kubische Langhaus als Saal, Halle oder Basilika waren nun ein wesentliches Bauelement der Kirchen. Die Bauelemente Atrium, Vorhalle, Westwerk und Turm bzw. Seitentürme, Langhaus mit oder ohne Seitenschiffen, evtl. das Querhaus, Chorjoch, Hauptapsis, evtl. Nebenapsiden und Chor mit Chorumgang addierten sich zu einem komplexen Raumgefüge; man spricht von dem Additiven Prinzip in der Romanik. Die Gotik schaffte keine grundsätzlich neue Gebäudetypologie. Die häufigsten Formen des Grundrisses waren, wie in der Romanik, der einfache Langbau und das lateinische Kreuz. Aber statt der Addition von Bauelementen in der Romanik wurde in der Gotik ein integriertes Bauprinzip verfolgt, bei dem jedes einzelne Element vom Ganzen abhing.

Als querschiffslose gotische Kirchen steht am Anfang die dreischiffige Kathedrale von Sens (1140–1160) im damals ranghöchsten Erzbistum in Frankreich, mit einer einfachen, übersichtlichen Gliederung in einem gebundenen System (ein quadratisches Mitteljoch und je zwei Joche in den Seitenschiffen) und einem einfachen Chorumgang ohne Nebenkapellen. Dabei ist die Raumhöhe gegenüber den großen romanischen Kirchen noch eher bescheiden. Als Richtungsbauten folgen z. B. die Kathedrale von Senlis (1153–1191) als dreigeschossige, dreischiffige Emporenbasilika (Querhaus: Mitte des 13. Jahrhunderts), die Kathedrale Notre-Dame de Paris (seit 1163) als fünfschiffige Emporenbasilika (Querhaus: 14. Jahrhundert), die dreischiffige Kathedrale von Reims (1211–1311) oder die Kathedrale von Bourges (ab etwa 1195) als fünfschiffige Basilika mit doppeltem Chorumgang und kleinen Nebenkapellen.

Kreuzförmige Planungen waren beispielsweise die dreischiffige Kathedrale von Laon (1155–1235), oder die für die Gotik sehr bedeutende Kathedrale von Chartres (1194–1260) mit einem nur kurzen Querschiff (zwei Joche), aber auch die Kathedrale von Salisbury (1220–1258) mit seinen zwei Querschiffen mit drei bzw. zwei Jochen.

Raumquerschnitt und Proportion wurden in der Gotik deutlich steiler. Die Höhe steigert sich im Verhältnis zur Breite. In der Romanik ist dieses Verhältnis um 1:2 bis 1:2,5. (St. Michael in Hildesheim 1:1,9, Speyer I bei 1:2,5) und in der Gotik um 1:3 bis 1:3,5 (Kathedrale von Reims 1:3 und Kathedrale von Amiens 1:3,3)

Der Chor als Altarraum in Kirchen

Die Tradition der Anlage von Chöre entsprach der regionalen Tradition mit manchmal fast gegensätzlichen Richtungen. Beim Chor von St-Denis wurde 1140/43 im Anschluss an die karolingische Abteikirche über die Außenkrypta zwei kreuzgewölbte schmale Joche als Umgang angeordnet, welche die Flucht des alten Mittelschiffs aufnahmen. Die sieben Kapellen sind sehr flach ausgebildet. In der Champagne wurde unter anderem in der Kathedrale von Reims (1150–1160) der Samson-Chor realisiert, mit einem einfachen Umgang und fünf Kapellen, jeweils mit einem intimen Sakralraum. Bei der Kathedrale Notre-Dame de Paris wurden die zwei Seitenschiffe der fünfschiffigen Gesamtanlage als doppelter Chorumgang ohne gesonderte kleine Kapellen weitergeführt. Die Zahl der Stützen nimmt nach Außen zu. Die sehr offene Choranlage erhält viel Licht. Eine gewisse Ähnlichkeit kann bei der Kathedrale von Bourges (um 1195) beobachtet werden.

Die Außenfronten der gotischen Chöre spiegelt das gebaute Gesamtsystem der Kirchen wider. In der Hochgotik werden die äußeren Strebepfeiler ein wichtiges gestalterisches Element.

Die Türme

Kathedrale von Laon: Westliche Doppelturmfassade

Die Kirchtürme sollten Machtanspruch verkünden. In der Gotik wurde dieser Anspruch bis an die Grenzen des technisch Möglichen gesteigert: Höher, leichter und organischer, als Teil des Gesamtbaus.

Die Doppelturmfassade ist in der Frühgotik der fast ausschließliche Bautyp der Westfassade, da in der Frühgotik die Form der Basilika prägend war. Die Fassade mit dem Turm soll sich organisch in das gotische Gesamtgebäude einfügen und so stehen die Türme vor den Seitenschiffen; dazwischen das Mittelschiff mit der Vorhalle. Zu verweisen ist auf die Kathedralen und Kirchen in Paris, Chartres, Laon, Reims, Caen, Bourges, Wells, Köln, Bamberg, Naumburg, Bremen, Marburg, Amiens etc.

Das Ulmer Münster

Einzeltürme waren ein Ideal in der deutschen und niederländisch/flämischen Gotik. Als Beispiel sind zu nennen der Freiburger Münster (ab 1200), dessen 116 Meter hoher, fast quadratischer Turm in der Mitte der Längsachse steht. Nachdem dieser Turm vollendet wurde, setzte ein Wettbewerb der Städte ein. Einzeltürme entstanden beispielsweise für den Ulmer Münster mit einer Turmhöhe von 161,53 Meter sowie unter anderem in Landshut, Frankfurt am Main, Danzig oder Mons. Der Turm vom Straßburger Münster ist zwar ein Einzelturm, aber auf einer Anlage, die für zwei Türme gedacht war. Der Südturm (1359–1433) vom Stephansdom in Wien erreicht eine Höhe von 136,67 Meter.

Einzeltürme als Vierungsturm finden sich bei den Kathedralen von Salisbury und Canterbury

Vieltürmige Basiliken hatten in der Romanik eine große Bedeutung (z. B. Dom zu Limburg). In der Frühgotik wurde die dreischiffige Kathedrale von Laon ein viel gerühmtes Beispiel für seine fünf realisierten Türme; geplant waren sieben Türme: zwei Westtürme, jeweils zwei an den Querhaus-Fassaden und ein Vierungsturm. Auch Reims sollte ursprünglich 7 Türme erhalten, aber nur Drei wurden realisiert und in Chartres waren sogar 9 Türme geplant. Ideal, so fand ein französischer Baumeister, seien Kathedralen mit sieben Türmen, doch in der Hoch- und Spätgotik wurden andere Ideale verfolgt.

Konstruktion und Stil

Das Bestreben der gotischen Baumeister waren aufstrebende Bauwerke mit einem hohen Maß an Licht und eine Einheit der architektonische Struktur und Erscheinung. Um dieses zu erreichen wurden die schon in der Romanik bekannten Konstruktionselemente wie Rippengewölbe, Spitzbogen und Strebepfeiler konsequent weiterentwickelt. Gestalterische und statische Belange verbinden sich. Es wird an der Stelle eines eher additiven Prinzips der Romanik ein Prinzip der Einheit angestrebt, bei der jede Einzelheit, konstruktiv wie gestalterisch, mit dem Ganzen in Übereinstimmung stehen soll. Dieses gelingt erst mit der Hochgotik.

So ist die Gotik gekennzeichnet durch ein eigenes konstruktives System im architektonischen Aufbau, das die Baukunst der Antike und der Klassik (Stütze und Last) erheblich weiterentwickelt. Das Prinzip eines statischen Gleichgewichts wird hergestellt in dem die seitlich wirkenden Schubkräfte durch aufliegende Druckkräfte ausgeglichen werden. Die seitlich wirkenden Schubkräfte werden bei hohen Bauten auf die seitlichen Strebepfeiler abgeleitet. Das gotische Konstruktionsprinzip gestattet durch den Spitzbogen, dass über unterschiedlich große Räume gleich hohe Wölbungen bestehen. Marcel Aubert erläuterte 1963 das Prinzip so:

„Die Gewölbekappen sind zwischen den Bogen gespannt, die spitzbogigen Umriß haben; Druck und Schub sammeln sich in den vier Ecken des Gewölbejochs, die durch die Strebebogen ausreichend abgestützt werden müssen: große steinerne Arme, die sich über die Dächer der Seitenschiffe bis zur Höhe der Gewölbeauflager und der Gurtbogen des Mittelschiffs schwingen, die sich auf Widerlager stützen und mit ihrem eigenen Druck einen Teil des Seitenschubs von oben auffangen, der bereits von dem Gewicht des oberen Mauerwerks, des Dachstuhls und der Decke senkrecht nach unten abgeleitet wird.“[6]

Die häufigsten Formen des Grundrisses im Kirchenbau waren das lateinische Kreuz (wie schon in der Romanik) und der einfache Langbau.

Stilmerkmale der Gotik

  • Das Kreuzrippengewölbe
    Schematischer Aufbau eines gotischen Gewölbes

In der Romanik wurde vereinzelt bereits das Kreuzgratgewölbe verwendet. Aber erst als die Konstruktion des Kreuzrippengewölbes gelang konnte sich ein neues Bausystem entwickeln. Es ermöglichte die Kombination von verschieden Gewölbezuschnitten.

Die große Neuerung bestand darin, dass bei einem gedachten Quadrat als Grundriss nicht vier Rundbögen über die vier Seiten des Quadrates gestellt wurden, sondern zwei Rundbögen mit gemeinsamem Mittelstein über die beiden Diagonalen. Dadurch war die Stabilität des Gewölbes gesichert, und die statisch nun weniger wichtigen Bögen über den vier Seiten wurden spitz nach oben gebaut, um die gleiche Höhe wie die beiden längeren und höheren Rundbögen über den Diagonalen zu erhalten. So wird es auch möglich, ein Gewölbejoch über einen rechteckigen Grundriss zu erstellen (statt nur über quadratischen). Auch konnten nun die Gewölbekappen zwischen den Kreuzrippen frei aufgemauert werden ohne eine volle Verschalung zu erstellen. Damit wird die Gestaltung freier als in der Romanik. In der weiteren Entwicklung des Stils wurden auch komplizierte Netzgewölbe erstellt. Kennzeichnend für den Stil blieb die Verwendung von Gewölberippen.

  • Der Spitzbogen

Der Spitzbogen gilt als ein zentrales Element der Baukunst der Gotik, die früher auch als Spitzbogenstil bezeichnet wurde. Seine Einführung hatte zunächst konstruktive aber auch formale Gründe. Erste Spitzbögen fanden sich bereits in der Romanik. Der Spitzbogen war konstruktiv gegenüber den früher dominierenden Rundbogen eine Annäherung an die Bogenform, die dem günstigen statischen Kräfteverlauf einer Parabel entspricht. Die Verwendung des Kreuzrippengewölbes führte dazu, dass der Spitzbogen auch aus formalen Gründen zum wichtigsten Gestaltungselement wurde, um so die Einheit der Gesamtform zu bewirken.

  • Die aufgebrochene, hohen Wände mit großen Fenstern
Großflächige Fenster und filigrane Ornamentik: Südseite der Notre-Dame de Paris mit Rosette

Die Romanik prägte eine massive, festungsartige Bauweise von Wand und Baukörper mit kleinen Fenstern. Das Kreuzrippengewölbe ermöglichte es, die Wände durch ein filigranes System von Säulen aufzulösen, das die Last des Gewölbes in senkrechter Richtung trug. Man verwendete im Wandbereich eine Vielzahl großflächiger Fenster, die das Gebäude leicht und lichtdurchflutet erscheinen ließen. Ein typisches Stilelement sind auch kreisrunde Rosettenfenster an repräsentativen Fassaden, meist über dem Hauptportal. Um die durch die massearme Bauweise in den Säulen auftretenden enormen Querkräfte aufzufangen, setzte man das am Außenbau angebrachte Tragwerk der Strebepfeiler ein und, um die Querkräfte möglichst gering zu halten, den Spitzbogen. Das so entstandene Strebewerk, das oftmals von hoher Filigranität sein kann, prägt den Außenbau der französischen Kathedralgotik. Der Innenraum wurde auf diese Weise von einigen statischen Elementen befreit. Praktisch jedes Element eines gotischen Baukörpers ist tragend. Trotzdem stürzten einige Kathedralen noch während der Bauphase ein oder mussten nachträglich aufgrund auftretender Risse mit weiteren kraftableitenden Elementen verstärkt werden. Die Baumeister der Gotik gingen nach dem Prinzip Versuch und Irrtum vor und schufen damit neue Konstruktionen.

  • Die Betonung der Vertikalen
Betonung der Vertikalen: Lübecker Marienkirche

Dieses Stilmerkmal ist besonders im gotischen Kirchenbau eindrucksvoll zu beobachten. Die Gewölbe erreichten Scheitelhöhen bis 48 m (Kathedrale von Beauvais eingestürzt und unvollendet geblieben, Chor im Kölner Dom 45 m. Im Vergleich der romanische Dom zu Speyer: 33 m).

Das proportionale Verhältnis von Höhe und Breite des Raumquerschnitts nimmt deutlich zu. Die Höhe steigt im Verhältnis zur Breite. Bei Bauten der Antike zur Zeit von Konstantin liegt das Verhältnis von Breite zu Höhe noch bei 1:1,5. In der Romanik ist dieses Verhältnis bei z. B. St. Michael in Hildesheim bereits bei 1:1,9 und beim Bauabschnitt Speyer I des Domes zu Speyer bei 1:2,5. Einen weiteren, größeren Sprung zur Steigerung der Vertikalität finden dann in der Gotik statt. Das Breiten-/Höhenverhältnis bei der Kathedrale von Reims liegt bei 1:3 und bei der Kathedrale von Amiens 1:3,3.[7]

  • Das Strebewerk
Schnitt durch das Langhaus der Kathedrale von Reims
Oberhalb der Seitenschiffe die übereinanderliegende Strebebögen. Neben den Seitenschiffen, eingebunden in den Außenwände, stehen die Strebepfeiler.

Das Strebewerk ist ein zentrales konstruktives und gestalterisches Element der höher werdenden Kirchenbauten. Es setzt sich aus Strebepfeilern und Strebebögen zusammen und dient dazu, den Gewölbeschub und die Windlast aus dem Mittelschiff einer Basilika und den Hochchor beim Umgangschor seitlich abzuleiten

  • Der Pfeiler

Schlanke strukturierte Pfeiler auf polygonalem Grundriss, die meist mit Diensten umstanden sind, prägen das Stützwerk.

  • Die Ornamentik

Die Ornamentik aus geometrischen Formen, wie z. B. Kreisen und Bögen, die in Werk- oder Backstein ausgeführt wurden. Man bezeichnet dies als sogenanntes Maßwerk, das auch in die Fenster eingesetzt wird. Die Vorlagen zu vielen gotischen Ornamenten stammen aus der Pflanzenwelt. Eine besondere Rolle spielte dabei das Eichenlaub. Aber auch Motive und Formen aus der Menschen- und Tierwelt waren beliebt. An den Spitzen von Giebeln und Türmen verwendete man oft eine Kreuzblume als Ornament (vergleiche auch Wimperg). In der Spätgotik schließlich werden auch verschlungenere und kompliziertere Formen in vielfältigen Fischblasen- und Flammenmustern (Flamboyant) ausgebildet.

Bauherren und Baumeister

Bauherr

Der Bauherr einer Bischofskirche war als Hausherr das Kapitel (siehe Domkapitel, Stiftskapitel) und nicht der Bischof. Der Bau von Stifts- und Klosterkirchen wurde vom Abt oder der Äbtissin eingeleitet und vom Patronastsherren finanziell und auch inhaltlich bestimmt oder beeinflusst. Kapitel und Bischof oder Stadt und Stadtpfarrer einigten sich über die Organisation zur Ausführung einer Bischofs- oder Pfarrkirche in unterschiedlichster Weise und bestellten wie z.B. in Narbonne zum Bau der Kathedrale von Narbonne jeweils zwei Kanoniker und zwei Kleriker als Administratoren auf Zeit. Bauherren wurden auch als Kirchmeister, procuratoren, magister fabrice, magister operis, operarius oder auch als architectus bezeichnet.

Baumeister

Datei:Steinmetzzeichen.jpg
Typisches gotisches Steinmetzzeichen an einem Profil

Die Leiter der Bauausführung hießen oft Werkmeister (wercmeistere) oder Baumeister, welche zumeist aus dem Steinmetzhandwerk hervor gingen und die mittelalterlichen Architekten waren. Auch Bezeichnungen wie magister operis wurde angewandt. Bei der Ausführung hatten der Steinmetzmeister (magister lapicidae) und der Maurermeister (magister caementari) sowie der Sculptor Bedeutung. Die Meister der Bauausführung wechselten bei jedem Bauwerk häufiger, schon auf Grund der langen Bauzeiten.

Bekannt wurden einige bedeutende Dombaumeister oder Bau- und Steinmetzmeister der Gotik:

Die Meister konnten oft an ihrem Steinmetzzeichen erkannt werden, eine im Mittelalter übliche Markierung, die sie auf ihrer Arbeit anbrachten.

Kirchen als sozialer Treffpunkt

Lettner in der gotischen Kathedrale von Bristol

Eine Kathedrale oder Kirche des Mittelalters war als sozialer Treffpunkt das Zentrum des dörflichen oder städtischen Lebens, in dem sich die unterschiedlichsten politischen, sozialen und geistlichen Funktionen bündelten. Bis zum Aufkommen der Rathäuser im 13. Jahrhundert war die Kirche zentraler Versammlungs-, Beratungs- und Wahlort für die Organe der bürgerlichen Gemeinde, ebenso wurden dort Rechtsgeschäfte abgewickelt. Das Langhaus einer Kathedrale war ein religiöser und gesellschaftlicher Treffpunkt der Stadt.[8] Die Kirche wurde gelegentlich auch als Warenspeicher, Stall, Gasthaus, Hurentreff, Markt, Festung und Zufluchtsort für die Bevölkerung benutzt. Aufgeführt wurden im Kirchenraum auch die beliebten Mysterienspiele, die sich aus den jährlich wiederholten Lesungen der Messe entwickelt hatten.

Weitere Verbreitung und Weiterentwicklung

In der Architektur wird unterschieden in Früh-, Hoch- und Spätgotik, die sich in den verschiedenen Regionen unterschiedlich entwickelten:

Frühgotik Hochgotik Spätgotik
Frankreich 1140–1200 1200–1350 1350–1520
Italien seit 1200
England 1170–1250
Early English
 
1250–1350
Decorated
 
1350–ca. 1550
Perpendicular,
Flamboyant
Deutschland 1220–1250 1250–1350 1350–ca. 1520/30

Als sich Anfang des 16. Jahrhunderts die Renaissance nördlich, östlich und westlich der Alpen ausbreitete, verlor der gotische Stil schnell an Einfluss.

Stilstufen

Flamboyantstil der Abteikirche in Vendôme in Frankreich
Abteikirche Bath im Perpendicular Style

Neben der allgemeinen zeitlichen Unterscheidung in Früh-, Hoch- und Spätgotik wird auch unterschieden in verschiedene Stilstufen oder Bauweisen:

  • Als Flamboyant (franz. für „flammend“) wird die letzte Stilstufe der Spätgotik in Frankreich und England bezeichnet.
  • Der Perpendicular Style (englisch: „senkrechter Stil“) ist ein für England typische Stilstufe der Spätgotik.
  • Der Decorated Style (englisch Decorated Period) ist eine Phase in der englischen Gotik, die von 1250 bis 1370 dauerte.
  • Die Backsteingotik ist eine in Norddeutschland und dem Ostseeraum verbreitete Bauweise vom 12. bis 16. Jahrhundert (Siehe besonderen Abschnitt weiter unten).
  • Die Deutsche Sondergotik ist als Begriff eine umstrittene, ideologisierte Stilstufenbezeichnung der Gotik des 14. und 15. Jahrhunderts in Deutschland.
  • Der Chiaramontestil ist ein gotischer Baustil des 14. Jahrhunderts in Sizilien.
  • Als Nachgotik wird der außerhalb der eigentlichen Epoche in der Renaissance und auch noch im Barock weitergeführte gotische Baustil bezeichnet.
  • Die Neugotik oder Neogotik ist eine der frühesten Stilarten des Historismus im 19. Jahrhundert. Die Formensprache orientierte sich lediglich an einem idealisierten Mittelalterbild der Gotik.

Frankreich

Um 1200, als in Deutschland noch große spätromanische Neubauten entstanden, setzte in Frankreich bereits die Entwicklung zur hochgotischen Kathedrale ein. Die Mauerflächen wurden weiter reduziert, komplizierte offene Strebesysteme leiteten den Gewölbeschub ab.

Nun verschwanden auch die letzten romanischen Erinnerungen, in ganz Nordfrankreich und den Nachbarländern entstanden in rascher Folge zahlreiche Großbauten.

Am Anfang stehen die Dome in Soissons und Chartres. Chartres wirkt jedoch altertümlicher als Soissons, der Architekt schuf hier bewusst eine „Gottesburg“, es finden sich hier tatsächlich zahlreiche Elemente des zeitgenössischen Burgenbaues wieder. Auch die große Stiftskirche in Saint-Quentin wirkt moderner, allerdings wurde hier nur bekanntes neu interpretiert. Chartres zwang nun den Erzbischof von Reims zum Bau einer zumindest „gleichwertigen“ Kathedrale, hier wurde schließlich der französische König geweiht. Günstigerweise brannte der alte Dom 1210 ab, es entstand der berühmte hochgotische Neubau.

In der Normandie wurden die Kathedralen in Coutances und Bayeux begonnen, in der Grafschaft Maine wuchs Saint-Julien in Le Mans in den Himmel, nach 1231 wurde die Abteikirche in Saint-Denis bei Paris nach fast hundert Jahren Stillstand auch im Langhaus gotisch erneuert. Außer riesigen Kathedralen, wie etwa Amiens, Metz, Rouen, Bourges, Auxerre und Beauvais entstanden große Kloster- und tausende Pfarrkirchen und Kapellen. Der Höhepunkt der Auflösung und vertikalen Streckung der Architektur war mit dem Schlussstein des Chorgewölbes der Kathedrale von Beauvais 1272 in 48 Metern Höhe erreicht worden, die Gewölbe stürzten jedoch bereits 12 Jahre später ein und mussten erneuert werden, um beim Einsturz des monumentalen Vierungsturmes 1573 wieder zerstört zu werden. Die Kirche wurde nie vollendet.

Da an den meisten großen Kirchen jahrhundertelang gebaut wurde, weisen viele auch Elemente der verschiedenen gotischen Epochen auf, da man sich nicht sklavisch an die ursprünglichen Pläne hielt, sondern die neuen Einflüsse mit verarbeitete. Im Allgemeinen wurde zuerst der Chor begonnen, dann das Querhaus, die Langschiffe und Fassaden wurden teilweise erst von der Neogotik vollendet.

Ein Beispiel des Flamboyantstils in der Sainte-Chapelle

Als besonders reines Beispiel hochgotischer Architektur errichtete man ab 1318 in Konkurrenz zur dortigen Kathedrale die gewaltige Abteikirche Saint-Ouen in Rouen. Der wenig bekannte Bau ist 137 Meter lang, die Gewölbe schließen in 33 Metern Höhe.

Bereits gegen 1300 setzen manche Kunsthistoriker die Vorläufer der französischen Spätgotik an. Der Hundertjährige Krieg brachte die Bautätigkeit im ersten Drittel des 15. Jahrhunderts weitgehend zum Erliegen. Danach entstand nur noch eine neue Kathedrale (Nantes, 1434), dafür zahlreiche große Pfarrkirchen für die nach Ende des Krieges rasch anwachsende Stadtbevölkerung. Viele Großbauten wurden jedoch auch weiter- und fertiggebaut, so die Kathedralen in Auxerre, Troyes, Meaux, Tours und andere. Manche dieser Großbauten wurden nun durch prachtvolle Westfassaden abgeschlossen, auch Querhausfassaden entstanden im spätgotischen Flamboyant-Stil. Dieser, besonders reich verzierte Dekorationsstil hat seinen Namen von seinen „flammenden“, grotesken Maßwerk- und Zierformen, die oft riesige Flächen überziehen. (Toul, Tours, Alencon, Évreux u. v. a.).

Die Umstrukturierung der Wirtschaft

Mit der Gotik setzte eine Phase der generellen Umstrukturierung im Wirtschaftsleben des Landes ein. Nicht die Landwirtschaft sondern das Finanzwesen dominierte den Warenverkehr; der Handelsschwerpunkt verlagerte sich vom Land in die Stadt. Die Landbevölkerung strömte in die Städte. Gleichzeitig vollzog sich der Wechsel der Klosterkirche auf dem Land zur Bischofskirche in der Stadt.

Kathedralbau und gesellschaftliche Schichten

Den neuen Stil befürworteten das Königshaus, das städtische Bürgertum, der monarchisch orientierte Adel, das Kirchenkapitel und zum Teil auch die Bischöfe.

Dagegen standen die zum Abstieg bedrohten Führungsschichten des Feudaladels mit seinen Ländereien, die in den gotischen Kathedralen Manifestationen einer neuen, ihnen feindlichen Macht sahen. Dagegen waren auch diejenigen Mönchsorden, deren Machtstellung auf dem Land gefährdet wurde, zunächst also die Zisterzienser, später – nach 1220 – vor allem die neuen Bettelorden der Dominikaner und Franziskaner, die sich oft zum Sprachrohr der städtischen Unterschichten machten – und natürlich waren auch die Ketzerbewegungen gegen die neue prachtvolle Architektur. In Paris gab es deshalb schwere Konflikte zwischen dem Kathedralklerus und den an der Universität unterrichtenden Gelehrten dieser genannten Orden: Thomas von Aquin, Bonaventura von Bagnoregio und Albertus Magnus. Und all diese Orden bildeten denn auch für ihre Kirchen andere Baukonzepte aus, die sozusagen architektonische Leitbilder gegen die gotischen Kathedralen darstellen.

Auch unter den Befürwortern der Gotik gab es Zwist aus Konkurrenz- und Prestigedenken. Die Bischöfe und der Adel wollten mit den Kathedralen ihre Macht manifestieren. Die aufstrebenden Bürger der Städte wollten aber ebenfalls ihren frommen Beitrag leisten. Das duldeten Klerus und Adel aber nicht. Sie wiesen die Spenden der Bürger ab, da das Werk der Kathedrale allein ihr Verdienst sein sollte. Darüber gab es sogar Aufstände der Bürger, die ihren Beitrag erzwingen wollten. Später errichteten Bürger deshalb auch die nach ihnen benannten Bürgerkirchen, als eigene Machtdemonstration gegen den Bischof, oft nah beim Dom. Dabei wurde versucht die Kathedrale zu übertrumpfen.

Deutschland

Die gotische Architektur breitete sich in Deutschland erst mit einiger Verzögerung aus. Teilweise muss man auch von einem Übergangsstil zwischen Romanik und Gotik sprechen, z. B. bei den Domen von Limburg a. d. Lahn und Bamberg. Besonders am Magdeburger Dom, der 1209 als erster gotischer Bau in Deutschland entstand, sind die Übergänge vom romanischen zum gotischen Baustil erkennbar, womit eine nahezu einzigartige Überlieferung dieses Umbruchs erhalten geblieben ist. Das Erscheinungsbild ähnelt hier zumeist noch den wuchtigen, romanischen Kirchen; einzelne Gebäudeteile weisen jedoch schon gotische Tendenzen auf. Die lokalen spätromanischen Bautraditionen wurden meist nur sehr zögerlich durch die westlichen Neuerungen verdrängt.

Die ersten rein gotischen Kirchenbauten auf heutigem deutschen Staatsgebiet waren ab ca. 1230 die Liebfrauenkirche in Trier und die Elisabethkirche in Marburg. Das konkurrierende Halberstädter Domkapitel begann seinerseits mit dem Bau einer hochgotischen Kathedrale (Dom zu Halberstadt) nach Reimser Vorbild, von der allerdings nur drei Langhausjoche realisiert werden konnten, der übrige Bau zog sich bis gegen 1500 hin. Die große Domkirche ist einer der wenigen im Mittelalter vollendeten Großbauten Europas, sie gilt vielen Kunsthistorikern als die beste „deutsche“ Umsetzung des französischen Kathedralschemas.

Kölner Dom (Gesamtansicht der Westfassade)

Die hochgotischen Teile der Kathedrale in Köln (erst im 19. Jahrhundert nach den Originalplänen vollendet) versuchen gar, die westlichen Vorbilder zu übertreffen. Die Großbauten von Köln und Beauvais erreichten die Grenze des statisch und bautechnisch Möglichen, was beim französischen Beispiel sogar zum Einsturz großer Bauteile führte. Bayerns einzige „französische“ Kathedrale ist der Regensburger Dom, das Vorbild St. Urbain in Troyes ist hier offensichtlich. Das Straßburger Münster gehört heute zu Frankreich, darf aber als ein Hauptwerk der deutschen Hochgotik gelten. Besonders seine Westfassade steht auf einer Stufe mit den besten Leistungen westlicher Baumeister. Die benachbarten Florentiuskirche in Niederhaslach und Georgskirche in Schlettstadt entstanden praktisch als Nebengedanken zu dem Straßburger Bau. Im nahen Freiburg im Breisgau entstand mit dem Münster ein weiteres Hauptwerk deutscher Gotik, der Hauptturm mit seinem durchbrochenen Helm gilt manchen gar als der „schönste Turm der Christenheit“. Auch das benachbarte und architektonisch verwandte Theobaldusmünster zu Thann gilt als eine Meisterleistung der Kirchen- und Turmbaukunst.

Neben den großen Bischofskirchen entstanden rasch zahlreiche Pfarrkirchen in den Städten, die manchmal die Ausmaße der Dombauten erreichten oder sogar übertrafen (Ulmer Münster, Freiburger Münster). Die deutsche Gotik löste sich immer mehr vom westlichen Vorbild, es entstand die sogenannte „Deutsche Sondergotik“, auch „Reduktionsgotik“ genannt. Kennzeichen dieser Sonderentwicklung ist neben der meist wesentlich „schlichteren“ äußeren Erscheinung deutscher Sakralbauten (Verzicht auf aufwendige offene Strebesysteme) auch die Vereinfachung der Grundrisse und die Bevorzugung der Hallenbauweise. Die Halle ermöglichte jedoch die Entwicklung einiger aufwendiger Wölbesysteme, „deutsche“ Kirchen werden oft vom prächtigen Netz- oder Schlingrippengewölben überspannt (Annaberg, Freiberg). Besonders die Spätgotik schuf hier bedeutende Beispiele.

Zu lokalen Zentren entwickeln sich die süddeutschen Reichsstädte, besonders Nürnberg und Regensburg, und die Hansestädte an der Ostseeküste, hier vor allem Lübeck und Stralsund.

Lange Zeit hielt man, vor allem im 19. Jahrhundert, die Gotik für einen typisch deutschen Stil – entgegen der älteren Überzeugung. Nach den Befreiungskriegen gegen Napoleon 1811–1815 wurde die gotische Baukunst zum Inbegriff einer urdeutschen christlichen, mittelalterlichen Weltordnung verklärt. Und dieses romantische Traumbild eines deutschen Mittelalters wurde zum positiven Gegenbild erhoben gegen – einerseits – die Unordnung und Verunsicherung der aufblühenden industriellen Welt und – andererseits – die kollektive Verunsicherung in der Politik nach der Französischen Revolution von 1789, die bestimmt war durch die Kriegszüge Napoleons und die staatliche Zersplitterung.

1815 wurde auf dem Wiener Kongress das nachnapoleonische Europa neu geordnet. In Deutschland kamen die katholischen Rheinlande skurrilerweise ausgerechnet an das protestantische Preußen und die preußischen Herrscher sorgen dafür, dass vor allem der seit Jahrhunderten liegen gebliebene Kölner Dom als Inbegriff der vorgeblich deutschen Gotik ab 1842 vollendet wurde, was bis 1880 auch gelang. 1871 gelang im Anschluss an den deutsch-französischen Krieg die Vereinigung der deutschen Länder zum Zweiten deutschen Reich und der damals noch nicht vollendete Kölner Dom wurde dadurch gleichsam zum architektonischen Inbegriff deutscher Größe – und gleichzeitig wurde damit die Gotik zu einem deutschen Stil.

In dieser Hochphase der Glorifizierung der deutschen Gotik war aber schon Franz Theodor Kugler als erster – im dritten Band seiner „Geschichte der Baukunst“ 1859 – an die Öffentlichkeit getreten mit der Behauptung, dass das Heimatgebiet der Gotik Nordfrankreich ist – und er konnte das auch beweisen. Nicht Deutschland, sondern ausgerechnet der Erbfeind Frankreich sollte demnach die Gotik erfunden haben. Diese Erkenntnis setzte sich in Deutschland nur langsam durch, bewirkte jedoch später den Siegeszug der Neoromanik.

England

Westfassade von Westminster Abbey in London
Das Oktogon der Kathedrale von Ely, ein Meisterwerk des Decorated Style

Die englischen Kathedralen der Gotik besitzen im Osten oft zwei Querhäuser und einen geraden Chorabschluss. Der Chor wurde stark verlängert und statt einer Apsis häufig eine Marienkapelle (Lady Chapel) angebaut. Bei den Außenansichten der Kathedralen fallen vor allem die breiten Westfassaden auf, sowie dass der Vierungsturm oft die Haupttürme überragt. Eine weitere Eigenart der englischen Gotik ist die besondere Betonung der Länge, im Gegensatz zum eher augenfällig Höhenstreben des Kontinents. Die englischen Bauten wurden nahezu ausnahmslos dreischiffig gebaut; statt durch doppelte Seitenschiffe oder Seitenkapellen eine Vergrößerung der Fläche zu erreichen, gab es extreme Längen-Breiten-Relationen, die Abteikirche von St. Albans und die Kathedrale von Winchester erreichen Längen von ca. 170 m.

Auf der Insel kam es ab etwa 1175 zur Übernahme „moderner“ kontinentaler Bauformen, die sich mit der heimischen anglonormannischen Tradition (Norman Style) zur Early English Period (1175–1260) genannten Frühgotik verbanden, insbesondere durch den Zisterzienserorden ins Land gebracht. Zu den Stilmerkmalen des Early English Style, welches sehr karg ist, gehört das Kreuzrippengewölbe. Im 13. Jahrhundert begann die Entwicklung komplizierter Gewölbeformen (Sterngewölbe) und dekorativere Muster der Rippen (z. B. Scheitelrippen). Als erster englischer Bau der Gotik gilt der zwischen 1175 und 1184 von Wilhelm von Sens errichtete Chor der Kathedrale von Canterbury.

Während des Decorated Style (1250–1370) war kaum eine Wandflächen ohne Maßwerkverblendung, auch die Gewölberippen fügen sich zu reicheren Mustern (Stern- oder Netzgewölben) zusammen. Der Spitzbogen wird zum Kielbogen. Der erhöhte Lichtgaden lässt den Einbau größerer, farbiger Fenster zu und erhellt so den Innenraum. Beispiele für den Decorated Style finden sich in Westminster Abbey in London (Chor, begonnen 1246) sowie in den Kathedralen von York (etwa 1290–1340) und Wells (etwa 1290–1340). Ein Meisterwerk der Decorated ist das 1321 bis 1353 erbaute Vierungs-Oktogon der Kathedrale in Ely mit seiner den Turm abschließenden Laterne.

Der Perpendicular Style (1330–1560) (lat. perpendiculum: Lot, Richtschnur) nahm die Ornamentik des Decorated Style zugunsten eines klaren, geometrischen Stils mit Betonung der Weiten zurück. Die Fenster wurden sehr breit, bedeckten oft die ganze Ostseite und bekamen einen sehr flachen Spitzbogen, den Tudorbogen, der sich entwickelte weil normale Spitzbögen bei den neuen Ausmaßen der Fenster keinen Platz gefunden hätten. Das Fächergewölbe tritt auf.

Der neue Stil wurde erstmals in der Kathedrale von Gloucester verwirklicht (Chor, Kreuzgang mit Fächergewölbe, 1337–1357). Weitere Beispiele sind die Winchester Cathedral (Langhaus, begonnen 1394), King’s College Chapel in Cambridge (begonnen 1446) und die Henry VII. Chapel in Westminster Abbey (1503–1519). Im Stil des Perpendicular wurde in England über 200 Jahre lang gebaut, also weit über das Ende des Mittelalters hinaus. Noch 1640 wurde beispielsweise in Oxford das Treppenhaus des Christ Church College mit einem Fächergewölbe gebaut. Im Tudor Style vermischte sich der Perpendicular Style mit Formen der Renaissance. England ist das einzige europäische Land, in dem der gotische Stil nie ganz ausstarb, sondern auf dem Land teilweise weiterexistierte und im Gothic Revival wieder aufgegriffen wurden.

Italien

Der Mailänder Dom, errichtet ab 1386

Die spätmittelalterliche Baukunst Italiens war lange Zeit nicht als Gotik anerkannt, gingen ihr doch eine Vielzahl typischer Merkmale der französischen Kathedralgotik ab. Der gotische Kirchenbau Italiens wurde eingeleitet von den Bettelorden, die wiederum von den Zisterziensern geprägt waren: irdische Schwere und Solidität anstelle himmelstrebender Formen und transzendentaler Beleuchtung. Die Bauplastik wurde auf das Notwendigste reduziert, die großflächigen Wände mit umfangreichen Freskenzyklen gestaltet. Die Kirchenbauten der Franziskaner und Dominikaner standen häufig in Konkurrenz zueinander, und Kirchen standen insgesamt in Rivalität zu den teils festungsartigen Kommunalpalästen. Dies führte nicht wie in Frankreich zu immer neuer Steigerung eines einheitlichen Konzepts, sondern zu Selbstdarstellung durch Originalität.

Ab 1387 entstand im lombardischen Mailand der gewaltige Dom, dessen gotische Konstruktions- und Dekorationsformen auf großen Widerstand der einheimischen Bevölkerung stießen. Der Stadtherr Gian Galeazzo Visconti wollte die Macht und den Einfluss seiner Stadt und seines Geschlechtes durch eine der größten Kathedralen Europas manifestieren. Ein internationales „Expertengremium“ begann mit der Planung des riesigen, fünfschiffigen Sakralbaues, dessen Innenraum an die Kathedrale von Bourges erinnert, aber auch auf lokale romanische Vorbilder (Piacenza) zurückgeht. Es kam hierbei zu erbitterten Kontroversen unter den Baumeistern, so zog sich etwa Heinrich Parler gekränkt vom Baubetrieb zurück, nachdem sein Vorschlag zur Erhöhung des Mittelschiffes als zu „unitalienisch“ abgelehnt worden war. Die endgültige Fertigstellung des Mailänder Domes zog sich bis ins 20. Jahrhundert hin.

Als Konkurrenzbau zu Mailand entstand in Bologna die fünfschiffige Basilika San Petronio, deren schlichter, klar gegliederter Innenraum typisch für die italienische Gotik ist.

In Siena wurde der romanische Dom ab dem frühen 13. Jahrhundert gotisiert, bemerkenswert ist hier vor allem Giovanni Pisanos dreiportalige Westfassade (ab 1284), die wohl auf französische Vorbilder zurückgreift.

Niederlande und Belgien

Auch der niederländische Kulturkreis, insbesondere das Herzogtum Brabant entwickelte ab dem 14. Jahrhundert eine eigene „Reduktionsgotik“, die oft in vereinfachter Form an die französischen Vorbilder angelehnt ist und als Brabanter Gotik bezeichnet wird. Als Hauptvertreter gilt der französische Baumeister Jehan d'Oisy aus der Picardie. Als Hauptwerke der Epoche dürfen die Dome in Utrecht, Herzogenbosch, Antwerpen, Tournai und Brüssel gelten, auch zahlreiche große Pfarrkirchen entstanden, etwa in Brügge, Gent und Ypern. Flandern war wegen seiner Nähe zu Nordfrankreich diesen französischen Einflüssen natürlich in besonderem Maße ausgesetzt, einige Innovationen wurden sogar dorthin zurückgegeben. Besonders die Spätgotik schuf hier einige der beeindruckendsten mittelalterlichen Sakral- und Profanbauten Europas, es sei nur an die großen, reich verzierten Rathausbauten dieser Region (Oudenaarde, Brüssel) erinnert. In Deutschland ist der Dom zu Xanten deutlich von der niederländischen Gotik beeinflusst, auch andere niederrheinische Bauten sind hier zu nennen (St. Nicolai in Kalkar, Stiftskirche in Kleve, Maria-Magdalena in Goch, Willibrordi-Dom in Wesel).

Österreich

Ähnlich wie in Bayern ist das heutige Österreich eigentlich ein Land ohne Kathedralen, als gotischer Großbau ist nur der Wiener Stephansdom zu nennen, eine große Halle mit zwei geplanten riesigen Chorseitentürmen, von denen nur einer vollendet wurde. Bedeutende Klosterkirchen mit Hallenchören sind in Heiligenkreuz und Zwettl zu finden, eine große Stadtpfarrkirche besitzt Braunau.

Osteuropa

St.-Anna-Kirche in Vilnius

In der gotischen Sakralarchitektur Polens, Böhmens, Mährens, Ungarns und anderer ost- und ostmitteleuropäischer Länder mischen sich einheimische Sonderentwicklungen mit den aus Westeuropa und Deutschland importierten Grundstrukturen. In den von deutschem Bürgertum dominierten Städten und Regionen herrschten natürlich mitteleuropäische Einflüsse vor, durch die Handelsbeziehungen der Ostseestädte gelangten auch niederländische Elemente in diesen Raum, als Beispiel sei hier die Danziger Marienkirche angeführt.

In Böhmen blieb die große Kathedrale auf dem Prager Hradschin bis ins frühe 20. Jahrhundert unvollendet, der hoch- bis spätgotische Chor des Veitsdomes wurde von einem französischen Meister begonnen und von Peter Parler weitergebaut. Als Höhepunkt böhmischer Architektur gilt neben dem Veitsdom die der heiligen Barbara geweihte „Kathedrale“ von Kuttenberg (Kutna Hora). Auch das nahe Kolin an der Elbe besitzt einen bedeutenden Chorbau der Parlerschule. In Most (Brüx) wurde die spätgotische Dekanatskirche in einer spektakulären Aktion etwa 800 Meter verschoben, um die reich gewölbte Halle vor dem Braunkohletagebau zu retten.

Auch das ehemalige Groß- und Kleinpolen besitzt zahlreiche gotische Sakralbauten. Als Baumaterial dominiert der Backstein, besonders die Zisterzienserarchitektur war hier lange stilprägend. Bei der großen Kathedrale (ab 1320) auf dem Wawel in Krakau sind diese Einflüsse heute durch spätere Umbauten teilweise verwischt, die zweischiffige, sterngewölbte Kirche in Wislica (um 1350) verweist auf Vorbilder der klösterlichen Profanarchitektur (Refektorien, Kapitelsäle).

Die Krakauer Marienkirche war im Mittelalter die Pfarrkirche der deutschen Gemeinde. Die steile Backsteinbasilika besitzt einen originellen spätgotischen Turmhelm, der von einer goldenen Krone bekrönt wird. Einen „französischen“ Umgangschor weist die Posener Domkirche auf, der Bau präsentiert sich heute jedoch wegen der verheerenden Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges überwiegend als Rekonstruktion des ursprünglichen mittelalterlichen Zustandes.

Die Baltischen Staaten (Estland, Lettland und Litauen) besitzen einige größere Backsteinkirchen norddeutscher oder westfälischer Prägung in den alten Hansestädten Riga und Reval (Tallin), von den deutschen Vorbildern weit entfernt ist allerdings die prachtvolle Backsteinfassade mit Elementen der „Flammengotik“ der litauischen St.-Anna-Kirche in Vilnius.

In Rumänien konnte sich der gotische Baustil auf Grund der Zugehörigkeit zum orthodoxen Kulturkreis schwer entfalten. Dennoch ist die rumänisch-orthodoxe Kirche die einzige unter den orthodoxen Kirchen, die gotische oder gotisch beeinflusste Bauwerke akzeptiert hat. Die Gotik blieb aber vor allem auf Siebenbürgen beschränkt, welches zur Zeit der Gotik zum Königreich Ungarn gehörte. Der Einfluss abendländischer Kultur auf die Rumänen lässt sich hier in den rumänisch-orthodoxen Holzkirchen der Maramuresch und dem Apuseni-Gebirge belegen. Außerhalb des Karpatenbogens lässt sich die Gotik in einigen der Moldauklöstern, sowie in vereinzelten Kirchen aus der Walachei und Moldau belegen.

In Siebenbürgen hingegen gibt es zahlreiche Bauwerke der deutschen und teilweise der ungarischen Minderheit, die im gotischen Stil errichtet wurden. Die größte und wohl bekannteste darunter ist die Schwarze Kirche in Kronstadt. Die Schwarze Kirche ist nicht nur die größte gotische Kathedrale im Südosten Europas, sondern auch die südöstlichste. Gleichzeitig ist sie der größte Kultbau zwischen dem Stephansdom in Wien und der Hagia Sophia in Istanbul.

In den anderen mehrheitlich christlich-orthodoxen Staaten Ost- und Südosteuropas konnte sich die Gotik wegen der Zugehörigkeit zum orthodoxen (byzantinischen) Kulturkreis nicht entfalten.

Schweiz

Die Schweizer Gotik ist in der Westschweiz naturgemäß an Frankreich orientiert (Lausanne, Genf), die Deutschschweiz besitzt in den Münstern von Basel, Bern, Zürich und Freiburg im Üechtland (ursprünglich deutschsprachig) vier größere gotische Sakralbauten. Bern und Fribourg erinnern mit ihren Einturmfassaden an das Münster in Freiburg im Breisgau.

Skandinavien

Der Nidarosdom in Trondheim

In Dänemark begann die Rezeption der französischen Gotik noch früher als in Deutschland. Der Backsteindom von Roskilde mit seinem Umgangschor wirkt zwar auf den ersten Blick wie ein Ableger der deutschen Backsteingotik, verweist aber deutlich auf direkte westliche Vorbilder, etwa Noyon und Laon. Die weitere Entwicklung war jedoch weitgehend von Norddeutschland und Westfalen abhängig, ein besonderes Kennzeichen sind die einfachen Treppengiebel zahlreicher dänischer Backsteinkirchen. Größere Dombauten finden sich auch in Århus und Odense. Die dänische Spätgotik bevorzugte den Bautypus der Pseudobasilika (Staffelhalle), das Innere dieser Kirchen ist meist nach norddeutscher Art weiß gekalkt.

In Schweden wurden die großen Dombauten in Uppsala und Skara im 19. Jahrhundert stark neugotisch verändert, in Uppsala hat man diesen Umbau um 1970 wieder weitgehend zurückgebaut. Auch hier wird direkter französischer Einfluss deutlich, der allerdings wie bei seinem dänischen Gegenstück Roskilde ohne Nachfolge blieb. Stilprägend wurden neben Lübeck (Malmö) vor allem die westfälischen Hallenkirchen, als Baumaterial finden sich sowohl der Back- (Sigtuna) als auch der Werkstein (Linköping). Auch die norddeutsche Hallenbauweise war oft richtungsweisend, etwa in Våsteras oder Vadstena, die dortige Brigitten-Klosterkirche gilt als einer der bedeutendsten Sakralbauten Skandinaviens.

Gotland besitzt heute noch 91 gotische Kirchen, die westfälischen Vorbilder haben sich hier zu einer durchaus eigenständigen Architektursprache weiterentwickelt. Das bedeutendste Beispiel steht natürlich inmitten der stark befestigten alten Handelsstadt Visby, die meisten sonstigen Kirchen dieser für Skandinavien einmaligen mittelalterlichen Stadt sind nur als Ruinen erhalten.

Das Hauptwerk der Gotik in Finnland ist der große Dombau in Turku (Åbo), eine steile Backsteinbasilika norddeutsch-schwedischen Schemas (Gewölbehöhe im Mittelschiff 24 m). Auch der sonstige Sakralbau ist aus politischen und kulturellen Gründen weitgehend an Schweden orientiert.

Norwegen besitzt im Dom zu Trondheim eine größere, an der englischen Gotik ausgerichtete Kathedrale, die typisch englische Screen-Fassade ist allerdings überwiegend eine Ergänzung des letzten Jahrhunderts.

Spanien und Portugal

Kathedrale von Segovia bei Nacht

Die frühen großen spanischen Dome in Burgos, Toledo und León folgen noch deutlich den französischen Vorbildern, erst ab etwa 1300 beginnt eine deutlichere Sonderentwicklung der spanischen Sakralarchitektur.

1298 wurde mit dem Bau der Kathedrale von Barcelona begonnen, deren Langhaus sich bereits der Hallenform annähert. 1329 folgte die große Seefahrerkirche Santa María del Mar, ebenfalls eine riesige „Staffelhalle“. Typisch für die aragonesisch-katalanische Gotik ist das schlichte, ja karge Äußere der Kirchen, die oft wie Festungen wirken. Ab 1312 begannen südfranzösische Meister mit dem Bau des Chores der Kathedrale von Girona, ab 1417 fügte man diesem ein gewaltiges, einschiffiges Langhaus an. Mit einer Spannweite von 23 Metern wurde hier das breiteste Gewölbe der Gotik geschaffen, die Gewölbehöhe beträgt 34 Meter.

Das Hauptwerk der mallorquinischen mittelalterlichen Architektur ist die Kathedrale Santa María in Palma de Mallorca, die um 1300 begonnen wurde. Die riesige dreischiffige Basilika ist etwa 110 Meter lang, die Schauseite ist die zum Meer gelegene Längsfront mit ihrer dichten Reihung fialengekrönter Strebepfeiler und doppelter Strebebögen.

Andalusien schuf nach der Reconquista mit der Kathedrale in Sevilla einen der gewaltigsten Sakralbauten Europas und die größte gotische Kirche der Welt. Ab 1401 begonnen, zog sich der Bau bis 1519 hin. Er wurde auf den Grundmauern der islamischen Moschee errichtet, deren großes Minarett, die Giralda, zum Glockenturm umgestaltet wurde. Auch hier wurde der fünfschiffige Innenraum der Hallenform angenähert, das Äußere gliedert ein aufwändiges System von Strebepfeilern und -bögen.

Als sich anderen Ortes bereits die Renaissance durchzusetzen begann, entstanden im 16. Jahrhundert die spät- bis nachgotischen Kathedralen von Salamanca, Segovia und Plasencia. Noch bis ins beginnende 18. Jahrhundert galt die Gotik als die „moderne“ Architektursprache, die Renaissance war jedoch als Stilrichtung gleichberechtigt. Die Gotik repräsentierte den Sieg des Christentums über den Islam, weshalb noch lange auf Elemente dieses mittelalterlichen Baustils zurückgegriffen wurde. Diese „Nachgotik“ enthält natürlich zahlreiche Abwandlungen der klassischen Formen. Spätgotischen Charakter trägt die 1477 begonnene Kathedrale Santa María in Astorga

Sternengewölbe im unvollendet gebliebenen Kloster Batalha

Auch in Portugal finden sich etliche herausragende Werke gotischer Architektur. Anfangs waren die Bettelorden stilprägend, um 1300 begannen der Hof und später der Adel mit der Auftragsvergabe. 1330 wurde Sta. Clara in Coimbra geweiht, um 1350 der Kreuzgang der Kathedrale in Évora begonnen. 1388 begann man mit der Planung des Klosters Batalha. Den Bau des Dominikanerkonvent hatte der König als Dank für den Sieg über die kastilische Armee bei Aljubarrota gelobt. Er diente später auch als königliche Grablege. Eine große, netzgewölbte nachgotische Halle ist die Kirche des Hieronymitenklosters in Belém (1517). Das Kloster ist – ebenso wie der bekannte Torre de Bélem – ein gutes Beispiel für die „manuelinische Architektur“, die den Abschluss der portugiesischen Gotik bildet. Anders als in Spanien sind maurische und islamische Einflüsse (Mudéjar-Stil) in Portugal eher die Ausnahme.

Hallenkirchen

Eine besondere Form des gotischen Kirchenbaus stellen die Hallenkirchen dar. Besonders in Deutschland war dieser Bautypus beliebt, er kommt aber auch in Frankreich (Poitiers u.a) und anderen Ländern vor. Die höchste im Mittelalter realisierte Hallenkirche ist die Marienkirche in Danzig.

Im Zuge der Sonderentwicklung der deutschen Gotik wurde die Halle gar das bevorzugte Bauschema, besonders Stadtpfarrkirchen wurden oft als Hallen oder Staffelhallen realisiert. Im Gegensatz zur Basilika besitzen hier alle Seitenschiffe die gleiche Höhe, sodass das Kirchenschiff einer riesigen Halle ähnelt. Einem besonders harmonischen Raumkonzept folgen die im Grundriss nahezu quadratischen städtischen Hallenkirchen Westfalens. Das herausragendste Beispiel ist die Wiesenkirche in Soest. Eindrucksvoll sind die süddeutschen Hallenumgangschöre von St. Sebald und St. Lorenz in Nürnberg.

Eine Zwischenform ist die erwähnte Staffelhalle (Pseudobasilika), die besonders in der Spätgotik verbreitet war. Hier ist das Mittelschiff etwas höher als die Seitenschiffe, auf eine eigene Belichtung durch Fenster wurde aber verzichtet. Ähnlich wie bei der echten Halle werden die Gewölbe meist von einem riesigen, einteiligen Dach überspannt. Die spanische Gotik schuf jedoch einige riesige Staffelhallen mit durchfensterten Obergaden.

Oft wurden älteren Basiliken nachträglich zweischiffige Hallen als Seitenschiffe angefügt, manchmal mit reichen Gewölbefigurationen (Ulmer Münster, Augsburger Dom), die manchmal wie eigenständige Kirchenräume wirken.

Profanbauten

Anders als in der Romanik, sind aus der Gotik zahlreiche Profanbauten erhalten. Während der Sakralbau die gotische Architekturentwicklung anführte, konnte sich auch der Profanbau den neuen Entwicklungen nicht entziehen. Anders als beim Kirchenbau stand die Zweckmäßigkeit vor der künstlerischen Gestaltung (zum Beispiel flächige Wandform). Merkmale sind beispielsweise die Profilierung der Fenster und Türen, Treppengiebel, so genannte Katzentreppen und gegebenenfalls Gewölbetechnik. Folgende Entwicklungen sind festzuhalten:

  • Wandlung der Burg zum Schloss: Der Wehrzweck der Fürstenburg trat im Verlauf der Gotik zunehmend hinter den Wohnzweck zurück. Der Wandel in der Kriegführung (Feuerwaffen, Söldnerheere) reduzierte die Bedeutung der Befestigung, während der Repräsentationswille neu hinzutritt. Der gotische Burgenbau übernahm zahlreiche Elemente der sakralen Architektur, gelegentlich entstanden sogar kreuzgangähnliche Innenhöfe. Zahlreiche Säle und Kammern wurden nun eingewölbt, maßwerkgeschmückte Fensterreihen durchbrachen die Außenwände, reich geschmückte gotische Kapellen entstanden. Besonders in der Spätgotik entstanden hier profane Meisterwerke wie etwa die Albrechtsburg in Meißen, der Wladislawsaal der Prager Burg oder die reich verzierten Burgschlösser in Amboise und Josselin sowie der Herzogspalast in Poitiers (um 1390) in Frankreich. Als größter Profanbau der Gotik gilt die Marienburg des Deutschen Ordens in Polen.
  • Eine besondere Form des gotischen Palastbaus entwickelte sich in Venedig, man könnte von einer Zuckerbäckergotik sprechen. Merkmale dieser Gotik sind z. B. verdrehte Säulen und orientalisch anmutende Spitzbögen. Diese Formensprache ist durch den Einfluss des Orients und Byzanz auf Venedig zu erklären, der durch den Handel mit diesen Gebieten entstand. Ein gutes Beispiel für diese Sonderentwicklung bietet die Ca'd'Oro mit ihren gewundenen Pilastern und den Fenstern, welche denen in einem arabischen Schloss gleichen.
  • Die Stadtbefestigung wird die wichtigste Bauaufgabe der Stadtbürger. In Deutschland erhalten viele Städte in früh- oder hochgotischer Zeit ihre Stadt- und Befestigungsrechte. Es entstehen feste Mauern ab der zweiten Hälfte des 12. Jahrhundert Neben der eigentlichen Mauer entstehen Wehrtürme und Torbauten. Mit der Verbreitung der Feuerwaffen wandeln sich Wehrtürme von hohen Bauformen hin zu niedrigen, massiven Geschütztürmen, und die Torbauten entwickelten sich hin zu komplexen Torburgen. Umfangreiche Stadtmauern sind heute besonders in Franken erhalten (Rothenburg ob der Tauber, Dinkelsbühl, Nürnberg).
  • Der gotische Wohnbau war in West-, Mittel- und Nordeuropa nach weitgehend vom Fachwerkhaus geprägt, allerdings entstanden – besonders in Süddeutschland, Österreich und Ostmitteleuropa – zahlreiche Städte und Märkte mit Häusern aus Werk- oder Backsteinen. Ein bis heute erhaltenes Merkmal solcher gotischen Städte sind die teilweise eingewölbten Laubengänge, die früher meist als überdachte „Verkaufsstände“ genutzt wurden. In Bayern und Österreich sind hier vor allem Landshut, Burghausen, Neuötting, Braunau und Innsbruck zu nennen. Auch die zahlreichen, im Zuge der Ostkolonisation angelegten Städte Polens, Böhmens und Mährens haben sich ihre gotischen Grundrisse noch gut bewahrt, oft wurden solche Kolonialstädte um riesige Marktplätze (Ringe) angelegt. Als Beispiele seien Domazlice, Telc, Budweis, Pilsen und Krakau angeführt.
  • Mit dem Bedeutungszuwachs der mittelalterlichen Stadt entsteht Bedarf nach städtischen Funktionsbauten:
    • Das Rathaus ist ein Mehrzweckgebäude für Ratsstube, Festsaal, Ausschank, Handel (Lübeck ab 1230, Brügge ab 1376, Perugia ab … und viele andere). Der zunehmende Repräsentationsbedarf wohlhabender Städte schlägt sich in Größe und Aufwand der Bauten nieder (Brüssel ab 1402, Löwen ab 1439), diese Höhepunkte städtischer Profanarchitektur werden deshalb mitunter als „Kathedralen des Bürgertums“ bezeichnet.
  • Je nach Größe und Bedeutung der Stadt treten andere Gemeinschaftsbauten hinzu wie: Tuch- und Fleischhallen (Ypern ab 1250, Antwerpen ab 1509), Zunft- und Gildehäuser (Gent/Haus der freien Schiffer ab 1530), Tanz- und Hochzeitshäuser (Köln/Gürzenich ab 1447).
  • Vor allem in Flandern und Italien symbolisiert ein Belfried – oft in der Höhe mit Kirchtürmen konkurrierend – die Macht der Stadt.
  • Schulen und Spitäler werden meist von Klöstern betrieben, besonders von Franziskanern, daher sind diese Funktionsbauten oft in die Stadtklöster integriert.
  • Bauernhäuser: Im Alpenraum kennen die Ladiner das gotische Haus, in der Regel herrschaftliche Häuser wie Gerichte, als ein Beispiel ladinischer Häusertypen.

Backsteingotik

Hauptartikel: Backsteingotik und Hauptwerke der Backsteingotik

In Nord- und Nordostdeutschland, Skandinavien und Polen entwickelte sich die Sonderform der Backsteingotik. Große Sakralbauten aus diesem Baumaterial besitzen in Deutschland etwa Lübeck (Marienkirche), Stralsund, Wismar, Greifswald und Bad Doberan. Besonders die Lübecker Marienkirche diente als Vorbild für zahlreiche weitere Kirchen in ganz Nord- und Nordosteuropa. Sie orientiert sich – in materialbedingt vereinfachter Form – an der klassischen Kathedralgotik sowie der Scheldegotik, auch das offene Strebesystem westlicher Kathedralen wurde hier in Backstein übertragen.

Auch in Bayern finden sich in den steinarmen Landschaften Ober- und Niederbayerns zahlreiche Backsteinbauten. Die Sakralbauten sind meist als Hallen ausgeführt, manchmal wurden reiche Hausteinverzierungen eingearbeitet. Ein bekanntes Beispiel ist die Frauenkirche in München. Den höchsten Backsteinturm der Welt besitzt Landshut, seine Hauptkirche St. Martin steht mitten in einer der am besten erhaltenen gotischen Altstädte Europas.

Farbe in mittelalterlichen Kirchen

Beispiel für die Fassung von Figuren an gotischen Kirchen: Das Tympanon des Freiburger Münsters

Es ist üblich geworden, mittelalterliche Bauwerke in der so genannten Steinsichtigkeit[9] zu belassen und viele Betrachter glauben, dass dieses Bild dem originalen Eindruck entspricht. Aber bereits ein Erlass des Pariser Präfekten aus dem 13. Jahrhundert verfügte, dass keine Figur aus Stein hergestellt werden darf, die nicht mit polychromer Bemalung versehen wird, sei sie für eine Kirche oder einen anderen Ort bestimmt[10]. Nicht nur die großen Fenster waren durchgehend farbig, auch die Wände waren teilweise mit Fresken bedeckt und die einzelnen strukturellen Bauglieder waren farblich voneinander abgesetzt. Originale Farbreste wurden häufig auf den Orgelemporen gefunden, bei denen die Wandflächen von der später eingebauten Orgel so verdeckt wurden, dass man sie nicht übertünchen konnte oder wollte.

St.-Nikolai-Kirche (Stralsund): Ausgemaltes Kreuzrippengewölbe

Das Thema Farbe in mittelalterlichen Gebäuden ist für die heutige Denkmalpflege umstritten. Man weiß zwar, dass ursprünglich vieles bemalt war, besonders Portale, Fensterrosen und Teile der Türme[11], kennt aber nicht die Details[12]. Über die Innenräume sind wir besser informiert. Generell lässt sich sagen, dass die architektonischen Glieder farblich von der Grundfläche abgehoben wurden, also beispielsweise ein Dienst von der Dienstvorlage oder der Wand. Man verwendete nur wenige Farbtöne und scharfe Kontraste wurden vermieden, um die Wirkung der farbigen Glasfenster nicht zu stören. Bevorzugte Grundfarben waren Weiß sowie Ocker-, Rot- und Rosétöne[13].

Trotz dieses Kenntnisstandes scheut man sich jedoch oft, die Farbe nachzutragen. Einer der Gründe ist, dass wir uns seit dem beginnenden 20. Jahrhundert kirchliche Innenräume in asketischem Weiß und Grau gewöhnt sind und die lebhafte Farbigkeit von Innenräumen, die nach dem neuen Kenntnisstand renoviert worden sind, gewöhnungsbedürftig ist.

Limburger Dom, Westseite

Im 19. Jahrhundert hatte man noch romanische und gotische Kirchen farbig ausgemalt, oft in einem byzantinischen oder dem Beuroner Stil, die jedoch parallel zu den Umwälzungen in der zeitgenössischen Kunst, aus der Mode kamen. Die Restaurierungen vieler Kirchen im Zweiten Weltkrieg wurden dazu genutzt, die Ausmalungen des 19. Jahrhunderts zu entfernen und auf Farbe vollständig zu verzichten. Noch heute wird kontrovers darüber diskutiert, ob man die romanischen und gotischen Kirchen wieder farbig ausmalen soll. Dabei gibt es mittlerweile vorbildliche Restaurierungen der alten farbigen Fassungen wie beispielsweise den Limburger Dom, die Pfarrkirche in Boppard oder auch den Braunschweiger Dom.

In Frankreich scheut man sich offensichtlich noch, Ähnliches zu versuchen. Lediglich in einigen Kapellen sind vereinzelt Farbrekonstruktionen zu sehen, beispielsweise in der Achskapelle der Kathedrale von Coutances in der Normandie aus dem 14. Jahrhundert Hier hat man einmal gewagt, wenigstens in einem kleinen Raum die alte Farbigkeit auch in den Details wiederherzustellen oder doch zumindest nach alten Mustern neu zu erfinden. Und dabei besitzt gerade Frankreich einen der berühmtesten Innenräume, der die originale farbintensive Ausmalung des Mittelalters noch besitzt, die Sainte-Chapelle in Paris.

Neben der Farbe spielte auch die prunkvolle Ausstattung der Kirchen mit Altären, Baldachinen, Leuchtern und Lampen aus Gold, Silber, Email, geschmückt mit Edelsteinen usw. eine wesentliche Rolle – alles Gegenstände, die sich heute höchstens in den Schatzkammern befinden[14].

Bei den französischen gotischen Kirchen ist nicht nur die originale Farbigkeit weitgehend verschwunden, sondern man hat auch die alten, sehr farbintensiven Fenster später zur Zeit der Aufklärung und besonders nach der Revolution entweder durch Grisaillefenster oder durch schlichtes farbloses Glas ersetzt.

Entwicklung der Stilbezeichnung

Der sich in Frankreich entwickelnde Stil und die neue Bautechnik wurden um 1280 als opus francigenum bezeichnet. [15] Auch im 20. Jahrhundert findet der Begriff french style oder französischer Stil in der Fachliteratur wieder Anwendung. Im deutschen Sprachraum setzte sich im Mittelalter die Bezeichnung Spitzbogenstil durch.

Die heutige Bezeichnung Gotik (ital. Gotico) wurde in der Renaissance durch den italienischen Kunsttheoretiker Vasari geprägt; geringschätzig vergleicht er so den für ihn fremdartigen und barbarischen Stil der Gotik gegenüber dem goldenen Zeitalter der Antike. Diese negative als Beschimpfung gedachte Bezeichnung hat sich durchgesetzt, nicht hingegen die negative Bewertung.

Die Bezeichnung Gotik führte im 18. und 19. Jahrhundert zu der irrigen Auffassung, dass der Stil ein typischer deutscher Stil sei. Goethe, Schlegel und andere sprechen von der deutschen Baukunst; ein Missverständnis, das sich erst Mitte bis Ende des 19. Jahrhunderts aufklären lässt.

Nachbeurteilungen

Mit dem Beginn der Renaissance hoffen die italienischen Baumeister, dass durch die klassischen Formen die „verwerfliche Baukunst der finsteren Mittelalters“ überwunden sei. Alles Gotische ist nun bei ihnen schlecht. Der Kunsthistoriker Giorgio Vasari nennt verachtend um 1550 die Gotik „maniera tedesca“ und „maniera de’ Goti“ und beschreibt sie als mönströs und barbarisch, so negativ, wie die Goten aber auch der Norden Europas in der Geschichtsbetrachtung der Italiener bewertet wurde. Francesco Florio beschreibt um 1477 die Gotik am Beispiel der Kathedrale von Tours jedoch positiv: „Die Kirche ist schön, insgesamt erfreulich, ganz vollkommen….“ Die Bezeichnung des Stils als Gotik durch Vasari wurde jedoch übernommen. Ab der Mitte des 18. Jahrhunderts wurde die Gotik zunehmend besser beurteilt. In England und Frankreich findet eine positive Bewertung statt durch den englischen Landschaftsgärtners Batty Langley, durch den französischen Gelehrten Bernard de Montfaucon in Les Monuments de la Monarchie française (1733), durch Jean Lebeuf in Histoire de la ville et de tout le diocèse de Paris (1757) oder durch den Jesuiten-Priester und Architekturtheoretiker Marc-Antoine Laugier in An essay on architecture (1755) sowie über den Straßburger Westbau. Goethe verteidigt 1772 die in Frankreich entstandene Gotik, auch wenn er in irrender Weise bemerkt: „… das ist deutsche Baukunst, unsere Baukunst, da der Italiener sich keiner eigenen rühmen darf, viel weniger der Franzos.“

In England und Deutschland wird der gotische Baustil wieder belebt. In dem als Nachgotik bezeichneten Baustil entstanden Neubauten in gotischer Form, so wie bei den Erweiterungen der englischen Universitäten von Oxford und Cambridge, bei dem von Horace Walpole von 1749 bis 1776 errichteten Landhaus Strawberry Hill an der Themse nahe Twickenham (London), bei der Deutschordenskirche in Wien, beim Gotischen Haus im Wörlitzer Park (1773–1813) oder bei dem durch Friedrich II. beeinflussten, 1754/55 errichteten Nauender Tor in Potsdam.

Der Reiseschriftsteller und Revolutionär Georg Forster rühmt den Kölner Dom in seinen Beschreibungen von 1790 und der deutsche Kulturphilosoph Friedrich Schlegel lobt 1804/05 in Grundzüge der gothischen Baukunst diese Stilepoche, aber auch er spricht wie Goethe von der „deutschen Baukunst“. Im 19. Jahrhundert findet die Gotik durch die Fachwelt eine breite Würdigung in Werken unter vielen Anderen von John Britton in The Architectural Antiquities of Great Britain (1807–1814) und Chronological History and Graphic Illustrations of Christian Architecture in England (1826) oder durch den deutschen Kunsthistoriker Franz Kugler (1808–1858) in Handbuch der Kunstgeschichte (1842) und Geschichte der Baukunst.[16]

Vor allem aber setzt sich im 19. Jahrhundert die Neugotik oder Neogotik (1830 bis 1900) als Kunst- und Architekturstil des Historismus durch. Um an die Geisteskultur der mittelalterlichen Städte anzuknüpfen, errichtete man in neugotischem Stil vor allem Kirchen, Parlamente, Rathäuser und Universitäten, aber auch andere öffentliche Bauten wie Postämter, Schulen oder Bahnhöfe.

Plastik und Skulptur

Hauptartikel: Gotische Plastik

Der Typus der Portalskulptur wird, beginnend mit den Skulpturen von St. Denis (1140) und Chartres zumeist als Indikator für die Abgrenzung der frühen Gotik gegen die späte Romanik verwendet. Ausgehend von diesen „Bauplastiken“ emanzipiert sich in dieser Epoche die Freiplastik in der europäischen Kunstgeschichte. Anders als in Architektur und Malerei stützt sich die Skulptur häufig erkennbar auf antike Vorbilder. Als bedeutender Erforscher gelten die Kunsthistoriker Wilhelm Vöge und Emile Mâle.

Die sogenannte Bauplastik war während der Gotik ein fester Bestandteil der Architektur. Es bestand ein Hang zur Proportionsgenauigkeit. Besonders wichtig waren Gesicht und Hände, da diese als Ausdruck der inneren Bewegungen verstanden wurden. Die Figuren waren durch Gewänder verhüllt und im sogenannten S-Schwung ausgeführt, welcher ihre Bewegung darstellen sollte. Die in der Gotik zunehmend selbstbewusster werdenden Künstler verewigten sich gelegentlich auch selbst in der einen oder anderen Nebenplastik.

Schulen und Werke

Da v. a. für Nordeuropa wenige Künstler namentlich bekannt sind, bedient sich die Kunstgeschichte einer Zuschreibung zu Schulen oder einer Autorfiktion (Meister), wie auch in der Malerei. Zu den bekanntesten Werke der gotischen Plastik zählen: Das Portale von Chartres, die Bauskulptur von Reims und Strassburg, das Werk Niccolò Pisanos, die Triumphkreuzgruppen von Halberstadt und Wechselburg, die Skulpturen in Naumburg und Magdeburg und die Schnitzaltäre von Riemenschneider, Michel Pacher und Veit Stoß. Dieser wirkte insbesondere in Krakau und Nürnberg. Sein bekanntestes Werk ist der größte gotische Altar der Welt, der Krakauer Hochaltar, der sich in der Marienkirche in Krakau befindet.

Stile

Man unterscheidet in der Skulptur und Plastik der Gotik verschiedene Stile mit Hilfe einer Terminologie des Faltenwurfs, die z. T. auch für die Malerei angewendet wird.

Als bedeutendster gilt der sog. Internationale Stil oder Weiche Stil, der sich um 1400 in Europa ausbreitet. Bekannte Beispiele sind die Krumauer Madonna und die verlorene Thorner Madonna, die neuere Kunstgeschichte zählt aber auch die Werke der italienischen Kunst des 15. Jahrhunderts u. a. Donatellos dazu.

Malerei

Die Gotik breitete sich in der bildenden Kunst Anfang des 13. Jahrhunderts über Europa aus. Die gotische Malerei ist in ihrer frühen und mittleren Phase ganz Bedeutungsmalerei, bei der meist nicht die naturalistische Darstellung von Personen oder Perspektive im Vordergrund steht, sondern die Anordnung, Proportionierung und Farbgebung nach religiösem Sinninhalt. In der Wahl der Motive herrschte eindeutig das Religiöse vor (Flügelaltäre, Andachtsbilder, etc.), es wurden aber durchaus auch weltliche Motive wie das höfische Leben, Jagd und Feste aufgegriffen.

Nördlich der Alpen verdrängte am Anfang der Gotik die Glasmalerei das Fresko, begünstigt durch die Entstehung großer Fensterflächen, und erlebte eine Blüte.

Hier nahm Italien eine Sonderstellung ein, als sich hier die Architektur große Wandflächen erhielt. Den Höhepunkt der Fresken der Gotik liefert sicherlich Giotto di Bondone mit seinem nie da gewesenen Naturalismus. Er belebt seinen Raum mit Tiefe und geht auf jede seiner Figuren in Mimik und Gestik individuell ein.

Neben der Glasmalerei erblühte in Frankreich ab Mitte des 13. Jahrhundert auch die Buchmalerei, mit der zunehmend nicht nur liturgische Werke sondern auch Stundenbücher und weltliche Handschriften ausgestattet wurden. Der Gipfel dieser Entwicklung bildeten die Gebrüder Limburg und ihr Meisterwerk, das Très Riches Heures du Duc de Berry (1413–1416). Lange Zeit blieb die Buchmalerei vorherrschende Form der Malerei, in Frankreich z. B. bis Anfang des 15. Jahrhundert und nahm so großen Einfluss auch auf die Entwicklung der Tafelmalerei.

Hier bildet Italien wiederum eine Sonderstellung, da hier die Tafelmalerei schon zu Beginn der Gotik eine Vorrangstellung innehatte. Cimabue ist der Erste, der Schritte auf dem Weg des Naturalismus geht. Zwar bleiben seine Werke noch sehr byzantinisch, aber gewinnen schon erste Tiefe. Ihm folgt Duccio, dessen Malerei mit ihren fließenden Linien, den locker fallenden Gewändern und der schon erhöhten Tiefe den neuen Stil zeigen, sich aber noch nicht vom alten lösen.

Dies gelingt Giotto di Bondone. Er bemüht sich darum, alle Elemente eines Bildes zu einer stimmigen Einheit zusammenzufügen, was einen wesentlichen Fortschritt der Malerei bedeutet. Er ist so genial, dass er, obwohl er eindeutig der Gotik zugehörig, oft auch als der Wegweiser der Renaissance genannt wird.

Die Gotik in ihrem reinsten Stil in Italien verkörperte Simone Martini mit seiner höfischen Eleganz. Seit der 2. Hälfte des 14. Jahrhundert nahm die Tafelmalerei durch den Einfluss der Italiener auch nördlich der Alpen eine vorrangige Stellung zu der Buchmalerei ein, nicht zuletzt durch Martini, aber auch wegen des weitgereisten Gentile da Fabriano und Pisanellos. Zentren der Kunst bildeten sich in Böhmen und am Papsthof in Avignon. Dorthin wurde 1340/41 auch Martini berufen, womit sich sein Einflussgebiet weiter ausdehnte.

Unter der Synthese von Martinis höfischer Eleganz und der flämischen Bestrebung der Detailgenauigkeit, durch die Vermischung italienischer und französischer Einflüsse entstand in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhundert ein Internationaler Stil, auch Schöner- oder Weicher Stil genannt. Dieser Stil war gesamteuropäisch, im Gegensatz zu den davor nebeneinander existierenden Strömungen. Wichtige Schulen entstanden an den Höfen in Paris, Mailand und Böhmen, wo Kaiser Karl IV. die neue Kunst förderte.

Die Internationale Gotik bevorzugt weiche Gesichtszüge, eine geschwungene Haltung der dargestellten Personen (S-Kurve) und eine fließendweiche, üppige Darstellung des Faltenwurfs.

Ein gutes Beispiel wie international dieser Stil wirklich ist, liefert das Wilton-Diptychon. Das Einzige worauf sich Kunsthistoriker bei ihm festlegen können ist, dass es gegen Ende der Regierungszeit Richards II. von England durch die Hand eines Flamen, Engländers, Franzosen oder Böhmen entstand.

Um 1420 trennt sich die Entwicklung. In Italien beginnt die Frührenaissance, im Norden treten die flämischen Primitiven auf, die der höfischen Eleganz bürgerliche Schlichtheit entgegensetzt. Der Goldgrund weicht endgültig. Stattdessen wird die Landschaftsdarstellung perfektioniert und die Verblauung entwickelt. Verstärkt werden Szenen in Innenräumen gezeigt. Es gelingt ihnen eine stimmige Perspektive zu zeigen, obwohl sie nicht wie in Italien konstruiert wird. Ein Mitbegründer dieser Richtung ist Robert Campin. Jan van Eyck etabliert die Ölfarbe durch die Verwendung eines neuen Bindungsmittels. Die Ölfarben haben gegenüber den Temperafarben den Vorteil, länger ihren Glanz zu bewahren. Ein Schüler von Campin, Rogier van der Weyden stellte Menschen in einer neuen psychischen Intensität dar und perfektionierte die Darstellung von Stofflichkeit. Außerdem verbindet er den Naturalismus der Flamen mit der Formensprache der Gotik. Hieronymus Bosch stellte der Natürlichkeit der Anderen eine bizarre, verschreckende Welt entgegen, voll von Endzeitstimmung, und blieb der Spätgotik stärker verhaftet.

In der Phase der Spätgotik trat verbreitet Endzeitstimmung auf, da man glaubte, 1500 könnte die Welt untergehen. Es war eine Zeit des Umbruchs, in der man sich vermehrt mit der Passion Christi beschäftigte und diese immer drastischer darstellte. Andererseits wurde der Einfluss der Renaissance immer stärker. Einer der letzten großen Maler der Gotik war Matthias Grünewald, den man als geistigen Antipoden Dürers sehen kann. Seine Darstellungen der Kreuzigung zählen zu den drastischsten, der Isenheimer Altar ist sein Meisterwerk. Nach dieser Zeit (ca. 1525/30) setzte sich die Renaissance endgültig durch. Nur in England blieb die Gotik wie auch in der Architektur noch einige Zeit erhalten, ein Beispiel sind die Porträts von Elisabeth I.

Fresken

Tafelmalerei

Buchmalerei

Hauptartikel: Gotische Buchmalerei

In Frankreich und England setzte die Gotik in der Buchmalerei um 1160/70 ein, während in Deutschland noch bis um 1300 romanische Formen dominant blieben. Während der gesamten gotischen Epoche blieb Frankreich als führende Kunstnation bestimmend für die stilistischen Entwicklungen der Buchmalerei. Zeitgleich mit dem Übergang von der Spätgotik zu Renaissance verlor die Buchmalerei ihre Rolle als eine der bedeutendsten Kunstgattungen infolge der Verbreitung des Buchdrucks in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts.

An der Wende vom 12. zum 13. Jahrhundert trat die kommerzielle Buchherstellung an die Seite der monastischen Buchproduktion. Ausgangspunkt für diesen gravierenden Einschnitt waren die Universitäten, für die Buchmalerei war jedoch der hohe Adel bedeutsamer, der wenig später als Auftraggeber weltlicher höfischer Literatur hinzukam. Der meistillustrierte Buchtyp war das für den privaten Gebrauch bestimmte Stundenbuch. Mit der Herausbildung kommerzieller Ateliers treten in der Gotik immer mehr Künstlerpersönlichkeiten namentlich in Erscheinung. Ab dem 14. Jahrhundert wurde der Meister typisch, der eine Werkstatt leitete, mit der er sowohl in der Tafel-, als auch in der Buchmalerei tätig war.

Stilistische Charakteristika, die während der gesamten Gotik gültig blieben, waren ein weicher, durchschwungener Figurenstil mit geschmeidigem, kurvig linearem Duktus, höfische Eleganz, überlängte Figuren und fließende Faltenwürfe. Weitere Kennzeichen waren die Verwendung zeitgenössischer architektonischer Elemente zur dekorativen Gliederung der Bildfelder. Ab der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts fanden in ganz Europa meist rote und blaue Fleuronné-Initialen als typische Dekorform der Manuskripte des unteren und mittleren Ausstattungsniveaus Verwendung. Selbständige Szenen, die als historisierte Initialen und Drolerien am unteren Bildrand boten Raum für phantasievolle, vom illustrierten Text unabhängige Darstellungen und trugen wesentlich zur Individualisierung der Malerei und zur Abkehr von erstarrten Bildformeln bei. Ein naturalistischer Realismus mit Perspektive, räumliche Tiefenwirkung, Lichteffekte und realistische Anatomie der dargestellten Personen setzte sich, ausgehend vom Realismus der Kunst der südlichen Niederlande, setzte sich im Laufe des 15. Jahrhunderts zunehmend durch und weist auf die Renaissance.

Kunsthandwerk

Vor allem viele Goldschmiedearbeiten der Gotik sind erhalten, wie z. B. das Goldene Rössl aus einer Pariser Werkstatt, das Basler Antependium oder der Klosterneuburger Altar. Zum herausragenden Kunsthandwerk der Gotik gehören auch die Bildwirkereien, insbesondere der Spätgotik, als diese ihre Blütezeit hatten. Ein Beispiel dafür ist der sechsteilige Millefleurs-Wandbehang Dame mit dem Einhorn (fr. La Dame à la licorne) des Pariser Musée national du Moyen Âge.

Einzelnachweise

  1. Günther Wasmuth (Hrsg.): Wasmuths Lexikon der Baukunst; Berlin, 1929–1932, 4 Bände
  2. Durandus von Mende: Rationale divinorum officiorum. In: Günther Binding: Was ist Gotik. S. 44; Primusverlag, Darmstadt 2006, ISBN 978-3-89678-571-8.
  3. Gerlinde Thalheim (Hrsg.): Wege zur Backsteingotik. Bauten zur Macht; Monumentverlag, Bonn 2002, ISBN 3-935208-14-6
  4. dtv-Atlas zur Baukunst Band 2, S. 397
  5. Fritz Baumgart: DuMont's kleines Sachlexikon der Architektur, Köln 1977
  6. Marcel Aubert: Hochgotik S. 23; in Kunst der Welt, Holle, Baden-Baden 1963
  7. Werner Müller, Gunther Vogel: dtv-Atlas zur Baukunst, Band 2, S. 377; dtv, München 1981, ISBN 3-423-03021-6
  8. Brooke, Christopher: Die Kathedrale in der mittelalterlichen Gesellschaft. In: Swaan, Wim: Die großen Kathedralen; Köln 1969, S. 19
  9. Oursel, S. 62: „Werksteinromantik“
  10. Günther Binding: Was ist Gotik? Eine Analyse der gotischen Kirchen in Frankreich, England und Deutschland 1140–1350. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2000, ISBN 3-534-14076-1, S. 286
  11. Swaan, S. 117
  12. Verschwundenes Inventarium. Der Skulpturenfund im Kölner Domchor. Köln 1984
  13. Nußbaum, S. 163
  14. Oursel, S. 62
  15. Günter Binding: Opus francigenum; Ein Beitrag zur Begriffsbestimmung. In: Archiv für Kulturgeschichte, S. 45–54, 1989
  16. Günther Binding: Was ist Gotik. S. 15 ff, Primusverlag, Darmstadt 2006, ISBN 978-3-89678-571-8.

Literatur

alphabetisch geordnet

Überblick

  • Arno Borst: Lebensformen des Mittelalters. Frankfurt/Berlin/Wien 1979. (enthält u. a. eine deutsche Übersetzung des berühmten „Gervasius“-Berichts).
  • Georges Duby: Die Zeit der Kathedralen. Kunst und Gesellschaft 980–1420 [1976]. Frankfurt am Main [1992] 2. Auflage 1994.
  • Géza Entz: Die Kunst der Gotik. Emil Vollmer, München 1981, ISBN 3-87876-340-9.
  • Michael Camille: Die Kunst der Gotik. 1996.
  • Florens Deuchler: Gotik. Herrsching: Pawlak, 1981 (= Belser Stilgeschichte), ISBN 3-88199-042-9.
  • Erlande-Brandenburg, Alaine: Gotische Kunst. Von. Freiburg-Basel-Wien 1984.
  • Emile Mâle: L’Art religieux du XIIIe siècle en France. Paris 1899.
  • Emile Mâle: L’Art allemand et l’art français du Moyen Âge. Paris 1917.
  • Matthias Puhle (Hrsg.): Aufbruch in die Gotik, Philipp von Zabern, Mainz 2009, ISBN 3-8053-4062-1.
  • Rolf Toman, Achim Bednorz: Gotik. Architektur – Skulptur – Malerei. Könemann im Tandem-Verlag, 2005, ISBN 3-8331-1038-4.

Architektur

  • Günter Bandmann: Mittelalterliche Architektur als Bedeutungsträger. 10. Auflage. Gebr. Mann, Berlin, ISBN 3-7861-1164-2.
  • Lottlisa Behling: Die Pflanzenwelt der mittelalterlichen Kathedralen. Böhlau, Köln 1964.
  • Günther Binding: Baubetrieb im Mittelalter. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1993, ISBN 3-534-10908-2.
  • Günther Binding: Maßwerk. Wiss. Buchgesellschaft, Darmstadt 1989, ISBN 3-534-01582-7.
  • Günther Binding: Der früh- und hochmittelalterliche Bauherr als „sapiens architectus“. Wiss. Buchgesellschaft, Darmstadt 1998, ISBN 3-534-14248-9.
  • Günther Binding: Hochgotik. Die Zeit der grossen Kathedralen. Taschen, Köln 1999, ISBN 3-8228-7117-6.
  • Günther Binding: Was ist Gotik? Eine Analyse der gotischen Kirchen in Frankreich, England und Deutschland 1140–1350. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2000, ISBN 3-534-14076-1.
  • Günther Binding, Susanne Linscheid-Burdich: Planen und Bauen im frühen und hohen Mittelalter nach den Schriftquellen bis 1250. Darmstadt / Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2002, ISBN 3-534-15489-4.
  • Matthew Holbeche Bloxam: The principles of Gothic ecclesiastical architecture. With an explanation of technical terms, and a centenary of ancient terms. Bogue, London 1849 (Digitalisat).
  • Johann Josef Böker: Architektur der Gotik. Bestandskatalog der weltgrößten Sammlung an gotischen Baurissen (Legat Franz Jäger) im Kupferstichkabinett der Akademie der Bildenden Künste Wien, mit einem Anhang über die mittelalterlichen Bauzeichnungen im Wien Museum am Karlsplatz. Verlag Anton Pustet, Salzburg 2005, ISBN 3-7025-0510-5; Rezension von Klaus Jan Philipp in: Journal für Kunstgeschichte Band 10, 2006, Heft 4, S. 314–317 „C. 1 Architektur und Plastik“.
  • Harald Busch, Bernd Lohse (Hg.): Baukunst der Gotik in Europa; Buch und Zeitverlag, Köln 1981.
  • Ulrich Coenen: Die spätgotischen Werkmeisterbücher in Deutschland als Beitrag zur mittelalterlichen Architekturtheorie. Untersuchung und Edition der Lehrschriften für Entwurf und Ausführung von Sakralbauten. Verlag Mainz, Aachen 1989, ISBN 3-925714-20-0.
  • Kurt Gerstenberg: Deutsche Sondergotik. Delphin, München 1913 (2. duchgesehene Auflage: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1969).
  • Johann Wolfgang von Goethe: Von der Deutschen Baukunst, D. M. Ervini Steinbach. o.O. 1772.
  • Hans Jantzen: Kunst der Gotik. Klassische Kathedralen Frankreichs. Chartres, Reims, Amiens. Erweiterte Neuausgabe. Reimer, Berlin 1987, ISBN 3-496-00898-9.
  • Bodo W. Jaxtheimer: Gotik. Die Baukunst. Eltville am Rhein: Bechtermünz Verlag, 1990, ISBN 3-927117-43-9 (beschreibt die Baukunst der Gotik in Frankreich, Deutschland, England, Belgien, den Niederlanden, Skandinavien, Italien und auf der Iberischen Halbinsel; mit 350 Fotos und Zeichnungen).
  • Hervé Kergall: Gotische Kathedralen und Kunstschätze in Frankreich; Bechtermünz, Eltville 1990, ISBN 3-927117-56-0.
  • Dieter Kimpel, Robert Suckale: Die gotische Architektur in Frankreich. 1130–1270. Überarbeitete Studienausgabe. Hirmer, München 1995, ISBN 3-7774-6650-6.
  • Werner Müller: Grundlagen gotischer Bautechnik. Deutscher Kunstverlag, München 1990, ISBN 3-422-06055-3.
  • Norbert Nußbaum, Sabine Lepsky: Das gotische Gewölbe. Die Geschichte seiner Form und Konstruktion. München 1999, ISBN 3-422-06278-5.
  • Norbert Nussbaum: Deutsche Kirchenbaukunst der Gotik. 2. Auflage. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1994, ISBN 3-534-12542-8.
  • Uwe A. Oster: Die großen Kathedralen. Gotische Baukunst in Europa. Primus, Darmstadt 2003, ISBN 3-89678-240-1.
  • Erwin Panofsky: Gotische Architektur und Scholastik. Zur Analogie von Kunst, Philosophie und Theologie im Mittelalter. Dumont, Köln 1989, ISBN 3-7701-2105-8.
  • Hans Sedlmayr: Die Entstehung der Kathedrale. Zürich 1950 (zuletzt VMA, Wiesbaden 2001, ISBN 3-928127-79-9).
  • Otto von Simson: Die gotische Kathedrale. 2., verbesserte Auflage. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1972, ISBN 3-534-04306-5.
  • Rolf Toman (Hrsg.):Gotik – Architektur. Skulptur. Malerei, Tandem Verlag, 2004, ISBN 978-3-8331-3511-8.
  • Ernst Ullmann: Die Welt der gotischen Kathedrale. Union Verlag, Berlin 1981, ISBN 3-85063-117-6.
  • Martin Warnke: Bau und Überbau. Soziologie der mittelalterlichen Architektur nach den Schriftquellen. Suhrkamp, Frankfurt 1984, ISBN 3-518-28068-6.

Siehe auch

Weblinks

 Commons: Gotik – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Quellenhinweis

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Dieser Artikel basiert auf dem Beitrag „Gotik“ aus der freien Enzyklopädie Wikipedia in der Version vom 01. Juni 2010 (Permanentlink: [1]). Der Originaltext steht unter der GNU-Lizenz für freie Dokumentation bzw. unter CC-by-sa 3.0. In der Wikipedia ist eine Liste der ursprünglichen Autoren verfügbar.