Narr (Heraldik)

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Narr
(nach Siebmacher)
Verspottung der Wappennarren
„Narr“ mit böhmischen Wappen als Spielkartenfarbzeichen

Narr (von Althochdeutsch Narro, auch „Tor“ von töricht; frz.: fou; engl: fool; jester) ist einerseits in der Heraldik eine seltene gemeine Figur oder ein Helmkleinod (in der Kunst auch als Schildhalter dargestellt). Der Narr wird in dieser oder ähnlicher Form häufig in der Paraheraldik verwendet (insbesondere bei Karnevals-/Faschingswappen und -orden).

Andererseits werden das Wappenwesen und „Narren“ in vielfacher Weise in Kultur, Literatur und vom Volksmund aufeinander bezogen (z. B. bezeichnet man bereits in der Renaissance Wappenliebhaber und Wappenkundige ironisch-spöttisch als „Wappennarren“).

Synonyme

HW Gtk-go-forward-ltr.png Hauptartikel: Geck (Heraldik)

Eine andere heraldische Bezeichnung für eine Narrenfigur ist Geck (mnd.: geck, =„Narr“, unter anderem Schimpf-/Kraftwort für „Verrückter“, „Schalk-“/„Hofnarr“, „Bischof“, „Possenreißer“, „Verliebter“, „Feigling“ und ähnliches[1]). Der Ausdruck Geck ist altertümlich und mehrdeutig und daher nicht zum Blasonieren geeignet.

Darstellung

Das Wappenmotiv Narr ist heraldisch stilisiert gewöhnlich einem Mann in einem Narrenkostüm und mit mehreren spezifischen NarrenattributenW-Logo.png nachempfunden, wodurch der „Narr“ als solcher unmittelbar erkennbar ist. Es ist etwa ab dem 14. Jahrhundert (oder ein bißchen früher) gebräuchlich. Zu den verwendeten Narrenattributen zählen beispielsweise Nacktheit, Tonsur, Brot, Keule, Marotte, Spiegel, Blase/Bollen, Wurst, Karbatsche, Pritsche, Schellen, Stundenglas, Gugel, Eselsohren, Hahnenkopf, Fuchsschwanz und so weiter. Wenn die Narrenattribute allein im Wappenschild dargestellt sind, können sie gegebenenfalls nach dem Grundsatz „pars pro toto“ als Symbol für den Narr stehen.

Narren (Tafel XIII. Figur. 62-64) finden sich in verschiedener Gestaltung vor, wie diese u. a. Beispiele lehren.“

Siebmacher / Maximilian Gritzner (1889)[2]

Verbreitung und Gebrauch

Unten: Narr mit einer teilweise ähnlich gestreiften Kleidung wie der Mann im Wappen derer von Heynitz

Die „Narrenfigur“ kann auf den Namen des Wappenführenden verweisen. Manchmal erscheint sie gewissermaßen als heraldische Spott-/Schimpf-/Humorparodie, wobei diese nicht zwingend abwertenden Charakter bezogen auf den Wappenführenden hat, sondern indirekt die Bedeutung des Wappens für diesen bestätigt und womöglich als derb-humoristische Verspottung der Gegner/Feinde des Wappenführenden gedeutet werden kann. Ein Narr findet sich beispielsweise pfeifend im Wappen der Familie Ungelter und als sprechendes Motiv im Wappen der „Narringer von Narregg“[3][4]. Wenn sich ein Familienname an „Fasching“, „Fastnacht“, „Karneval“ etc. anlehnt, erscheint im Familienwappen teilweise eine Figur mit Gugel oder anderen Narrenattributen (z. B. im Wappen der Züricher Familie „Fastnacht“[5]). Diese Wappenmotive kann man in gewissem Sinn als gemeine Figur „Narr“ ansprechen, auch wenn sie anders blasoniert sind.

Narr im Wappen Heynitz

1910: „Narr“ im Wappen Heynitz

Auch der Mann mit einer von Silber und Schwarz vielfach geteilten Kleidung im Wappen der Familie Heyn-/HeinitzW-Logo.png stellt möglicherweise einen Narren dar und könnte ein Rebus auf den Familiennamen sein. Der Narr symbolisierte durch seine Gottesferne und seine Nähe zum Teufel vanitas (lat. Vergänglichkeit), stand also für den Tod. So wie man in der volkssprachliche Formel „Hein“ beziehungsweise „Freund Hein“ den gefürchteten Tod umschrieb, ohne seinen eigentlichen Namen zu nennen, so zeichnete man in der bildenden Kunst teilweise einen Narren, wo man sich scheute, den Tod direkt darzustellen. Andere Quellen vermuten, daß der Mann im Wappen Heynitz einen Herold darstellt, was eher unwahrscheinlich ist, da diese meist mit einer charakteristischen Heroldstracht erscheinen, zum Beispiel mit einem Mantel, der mit dem Wappen des Dienstherrn des Herold geschmückten ist (Tappert).

Narrenorden

1645: Orden der Narren (Ordenszeichen nach Thomas de Rouck)

Ein als Geck/Narr gestaltetes Motiv ist im Zusammenhang mit einem speziellen Ordenszeichen für das Spätmittelalter überliefert (Orden der NarrenW-Logo.png, auch Narrenorden oder Orden der Gecken; L'Ordre des fous genannt)[6]. Die Darstellung des „Blasan ost Simbolum“[7] der im Jahre 1381 geschlossenen Gecken-Gesellschaft der „Ritterschaft von Cleve“, wird bei Seyler nach einer alten Nachricht folgendermaßen beschrieben:

„Die Blasan ost Simbolum was, eenen glieck, aenhebbende een Kappe, een Reoxken Eschiquete d' argent en de gueules, met bellen d' Or geele Koussens, Schwarte Schanen en een vergulde Schottel met fruyt in de handen, die de Braedern musten draghen gestickt okt gebordeurt op hun Kleedt.“
Das Ordenszeichen also stellte einen Narren vor, der eine von Silber und Roth geschachte Kappe mit gelben Schellen und schwarzen Schuhe hatte und eine vergoldete Schüssel in der Hand hielt (..)“

Gustav Adelbert Seyler (1885-1890)[8]

Abgrenzung

Großes Wappen der Stadt Meißen (ohne Narrenfigur!)

Teilweise werden in der Literatur oder im Volksmund heraldische Figuren zu Narren umgedeutet. Beispielsweise erscheint ein armloser, bärtiger Männerrumpf mit rot-silbern gestreifter Bekleidung und ebensolchem Spitzhut im Wappen der Markgrafschaft Meißen (erstmals als Helmkleinod im Siegel Friedrichs des Strengen, 1349)[9].

Die Rot-silbernen Streifen sind den Farben des thüringischen Löwen entlehnt und keine Narrenattribute. Spätere Jahrhunderte betreiben EisegeseW-Logo.png, wenn sie diese Mannrumpffigur in meißnerischen Wappen oder Derivaten als „Geck/Narr“ beziehungsweise als „Meißner Judenkopf“, „Jude“, „Heidenkopf“ oder ähnliches bezeichnen und dessen Kopfbedeckung zu einem Juden- oder Narrenhut umdeuten.

Wappenbilderordnung

Schildbürger

Schildbürger II
(moderne Bronze von Ursula Stock)

Die zweite Ausgabe des „Lalebuchs“ mit dem Titel „Die Schiltburger“, einem Werk, das zur NarrenliteraturW-Logo.png zählt, wurde in der Vergangenheit teilweise im Zusammenhang mit Heraldik erwähnt. In dem Buch geht es um die Bewohner einer späteren „Narrenprovinz“, die ursprünglich sehr weise und gelehrt waren, sich aber närrisch stellten, um fremden Fürsten nicht dienen zu müssen. Das Konzept war so erfolgreich, daß die gespielte Narrentum bald wesenhaft wurde und aus den ehemals klugen Bewohnern „richtige“ Narren wurden, die jede Metapher und Aussage wörtlich interpretierten. Einige Autoren geben nun an, daß der Ausdruck „Schildbürger" eigentlich folgendes bedeute:

  • ein mit einem Schilde versehener, bewaffneter Bürger[10]
  • ein Bürger, der sich ein Schild/Wappen zugelegt habe[11]
  • den auf sein Wappen (= Schild) stolzen ritterbürtigen Bürger, bzw. den sich wie ein Bürger gebärenden Bauer[12]

Nach diesen Autoren werden die „wappenführenden Bürger“ durch die Verwendung des Begriffs „Schildbürger“ für die Bewohner der Narrenprovinz demnach bewußt lächerlich gemacht und als alberne, einfältige, beschränkte „Narren“ oder „Spießbürger“ verspottet.

Paraheraldik

Narren finden sich häufig in Logos und anderen paraheraldischen Zeichen, die man im Zusammenhang mit dem Brauchtum rund um Karneval, Fastnacht und Fasching entwirft.

Siehe auch

Webseiten

  • NarrW-Logo.png (Wikipedia)
  • Der Narrenorden. Hoymann, Rainer: Vor 625 Jahren wurde am 12. November 1381 die „geselscap van den gecken“ in Kleve gegründet.

Einzelnachweise

  1. Blason ville fr Garidech (Haute-Garonne).svg Lemma Geck. In: Jacob Grimm, Wilhelm Grimm: Deutsches Wörterbuch, Leipzig 1854-1960 (woerterbuchnetz.de).
  2. J. Siebmacher's grosses und allgemeines Wappenbuch, Einleitungsband, Abteilung B: Grundsätze der Wappenkunst verbunden mit einem Handbuch der heraldischen Terminologie ( M. Gritzner). Nürnberg: Bauer & Raspe, 1889.
  3. Beschreibung nach Alois Lenz: „Mann im Narrenkostüm mit einer Schellenkappe auf dem Kopf, die Linke in die Seite gestemmt, mit der Rechten eine Blase/Saublodern schwingend.“
  4. Angaben gemäß Internet: Diskussionsfaden „Wappenrätsel“ im forum.heraldik-und-kunst.de. Aufgerufen am 10. Mai 2011.
  5. Blason: „In Blau gespalten von Gold und Rot mit Gugel gekleideter Mannesrumpf.“
  6. Ferdinand von Biedenfeld: Geschichte und Verfassung aller geistlichen und weltlichen, erloschenen und blühenden Ritterorden (..), Band 1, Verlag Bernhard Friedrich Voigt, Weimar 1841, S. 109
  7. Weddigen, P. F.: Westfälisches Magazin zur Geographie, Historie und Statistik. Band 1. Heft I. S. 14
  8. Seyler, Gustav Adelbert: Geschichte der Heraldik. Wappenwesen, Wappenkunst, Wappenwissenschaft. In: J. Siebmachers großes Wappenbuch. Band A. Repgrografischer Nachdruck der Ausgabe Nürnberg 1885-1889 (1890). Neustadt an der Aisch. 1970. S. 326
  9. Deutsche Wappenrolle. enthaltend alle Wappen, Standarten, Flaggen, Landesfarben und Kokarden des Deutschen Reiches, seiner Bundesstaaten und regierenden Dynastien. Julius Hoffmann, Stuttgart 1897 (Reprint: Köln. ISBN: 389836545X S. 34).
    Tafeln wieder abbgebildet: Jürgen Arndt: Wappen und Flaggen des Deutschen Reiches und seiner Bundesstaaten (1871-1918). 1. Auflage. Harenberg Kommunikation, Dortmund 1979, ISBN 978-3-921846-81-0.
  10. Heyse, Karl Wilhelm Ludwig und Johann Christian: Handwörterbuch der deutschen Sprache. Band 2. Heinrichshofen. 1849.
  11. Honegger, Peter: Die Schiltburgerchronik und ihr Verfasser Johann Fischart. Hamburg. 1982.
  12. Ertz, Stefan: Schilda und die Schildbürger. In: Euphorion 59. 1965.