Schilf (Heraldik)

Aus Heraldik-Wiki
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Rohrkolben
 
im Wappen Mermoser
(vor 16 Jhr.)
 
im Codex Manesse
(1305/15: Wappen der Taler)
Illustrationen: Röhrichtpflanzen in Naturform
 
PfahlrohrW-Logo.png
(Arundo donax)
 
SchilfrohrW-Logo.png
(Phragmites australis)

Schilf ist in der Heraldik sowohl ein Ober-/Ordnungsbegriff als auch ein mehrdeutiger Ausdruck für verschiedene gemeine Figuren, die im weitesten Sinn großwüchsigen, schilfartigen RöhrichtpflanzenW-Logo.png nachempfunden sind (hauptsächlich dem „Rohrkolben“ [Typha], dem „Pfahlrohr“ [Arundo donax] oder dem „Schilfrohr“ [Phragmites australis]).

Unterscheidung von Schilf-Figuren

Die Differenzierung einzelner Schilf-Wappenfiguren sowie ihre Benennung in der Wappenbeschreibung stehen in der Heraldik noch am Anfang. Weder gibt es für die einzelnen Figuren genaue und spezifische Gestaltungsvorgaben noch sind die Benennungen für die schilfartigen Wappenmotive eindeutig oder einheitlich. Die gemeldeten Namen der Figuren folgen in weiten Teilen nicht einer genauen botanischen Taxonomie, klingen aber durch einen historischen, umgangssprachlichen oder lokalen Sprachgebrauch an allgemein bekannte Schilf-Naturformen an. Dadurch wird ein vages Unterscheiden und eine gewisse Erkennbarkeit im heraldischen Sinn erleichtert. Der Wortlaut der Blasonierung ist mehr oder weniger nachvollziehbar, so daß die jeweiligen Schilf-Wappenmotive in einem Wappen im Großen und Ganzen entsprechend darstellbar sind.

Die heraldische Literatur unterscheidet allgemein, ungenau und nicht einheitlich zwischen folgenden Wappenfiguren:

Häufige Wappenbeschreibung Synonyme Anzahl Darstellung WBO, Nr.
Rohrkolben
Schilfkolben
Mooskolben
Seekolben
Schilf
Schilfrohr
Schilfstengel
Rohrstengel
Schilfrohrstengel
Kolben
frz.: crosse de roseaux;
engl.: reed, reed-mace oder bulrush
1 bis 3, selten 4 oder 5 Rohrkolben mit Kolben
(Typha)
2462
2462-767
Schilfhalm
Schilfstengel
Rohrstengel
Schilfschaft
Schilf
Schilfrohr
Schilfgras
Schilfstaude
1 bis 3, selten 4 oder 5 pfahlrohr- oder schilfrohrartige Pflanzen ohne Kolben
(Arundo donax oder Phragmites australis manchmal auch nur Typha-Sprossachse)
Schilfgarbe
Schilfbündel
Schilfstrauß
Schilf
Rohrbündel
Reetgrasbündel
Bund aus Schilfrohr
frz.: gerbe/touffe de roseau;
engl: sheaf/tuft/bundle/bunch of reed
Mehrere unbestimmte Röhrichtpflanzen teils mit Kolben
teils ohne Kolben
teils gemischt (Pflanzen mit/ohne Kolben)
zusammengefaßt zu einer Garbe, einem Bündel oder einem Strauß
2462-768
Schilfröhricht Schilf
Schilfstauden
engl.: reed (cane brake, reed bed)
2 oder mehrere unbestimmte Röhrichtpflanzen Frei gestaltete Pflanzengesellschaft
teils mit Kolben
teils ohne Kolben
teils gemischt (Pflanzen mit/ohne Kolben)

Eine genaue botanische Taxierung oder biologische Beschreibung der Schilf-Figuren ist in der älteren Heraldik nebensächlich. Erst die neuere Heraldik bemüht sich um einen einheitlichen Sprachgebrauch, ein „einwandfreies Erkennen, ein klares Unterscheiden und ein sicheres Bestimmen“[1] der diversen Röhrichtpflanzen, wenn sie als Wappenfigur erscheinen. Es ist zu erwarten, daß in Zukunft - gestützt auf die jüngere Botanik - genaue heraldische Ausdrücke und spezifische Gestaltungsvorgaben für Röhrichtpflanzen Einzug in das Wappenwesen und in die Wappenbeschreibungen finden.

Rohrkolben / Schilfkolben / Mooskolben

Der Rohrkolben (auch Schilfkolben, Mooskolben oder ähnlich genannt; lat. typha; frz.: typha oder massette, manchmal auch mißverständlich masse de roseau; engl.: typha, bulrush, reedmace, cattail, catninetail, punks, corn dog grass, cumbungi oder raupo) ist in der Heraldik eine gemeine Figur, die gewöhnlich der gleichnamigen Pflanze (Typha) nachempfunden ist. Im Wappenwesen sind auch Darstellungen gebräuchlich, die sich an den natürlichen „Rohrkolben“ anlehnen, aber mit dem Ausdruck „Schilfrohr“ beschrieben sind. Den letztgenannten Ausdruck verbindet man außerhalb der Heraldik jedoch eher mit der botanischen Art Phragmites australis. Um Verwechslungen zu vermeiden und um das Wappenmotiv genau zu bestimmen, sind im Einzelfall Wappenstifter/Wappenführende oder Quellen hinzuzuziehen.

Ausnahmefall: Drei „blattlose“ (!) Rohrkolben (Andrichsfurt)[2]

Die Figur Rohrkolben wird gewöhnlich mit einem charakteristischen zylindrischen beziehungsweise kolbenförmigen Blütenstand („schwarzer Kolben“) auf einem Halm („Stängel“) mit langen, vom Stängel leicht abstehenden, nach Möglichkeit wechselständigen und zweizeiligen (distichen) schmalen Blättern dargestellt.[1] Die Spitzen der Blätter erscheinen in vielen Wappen nach außen leicht abgerollt oder abgeknickt. Blattlose Rohrkolben sollten gemeldet werden; sie entsprechen nicht der klassischen Darstellungsweise.

Einheitliche Tinkturen für den Blütenstand (Kolben) einerseits und Blattwerk und Stängel andererseits finden sich gewöhnlich nur bei Wappen ohne spezielle Beschreibung der Figur. Oft werden jedoch voneinander abweichende Farben gemeldet. Stängel und Blätter sind häufig grün tingiert, der Kolben schwarz. Obwohl dies die bevorzugte Farbkombination ist, erscheint das Motiv auch in anderen heraldischen Farbkombinationen sowie manchmal, was nicht zu empfehlen ist, in Naturfarbe.

Oft wächst der Rohrkolben in der Heraldik aus einem (grünen) Dreiberg, einem Wellenbalken, Wasser oder dem unteren Schildrand. Das Wappenmotiv Rohrkolben erscheint vorwiegend in Ein-, Zwei- oder Drei, selten in Vierzahl oder mehr als Vierzahl (die genaue Anzahl ist zu melden). Rohrkolben sind entweder aufrechtstehend/pfahlweise, fächerförmig, figurenweise, schräggekreuzt oder in einer anderen gebräuchlichen heraldischen Kombination im Wappen ausgerichtet (was genau zu melden ist).

Schilfkolben (Tafel XXIV. Figur 10. 11.): auch Mooskolben genannt, aus Wasser wachsend, erscheinen im Wappen diverser Geschlechter von Moser und ähnlich klingenden Namens ziemlich häufig, die Stengel und Blätter werden stets grün, die Kolben schwarz dargestellt (..)“

Siebmacher/Gritzner (1889)[3]

Schilf ohne Kolben

Besonders in der neueren Heraldik kommen Schilf oder Röhrichtpflanzen auch ohne kolbenartigen Blütenstand (eventuell aber mit Flugsamen) in Wappen als gemeine Figur vor, teilweise in Anlehnung an das natürliche Pfahlrohr (Arundo donax), an das Schilfrohr (Phragmites australis) oder ähnliches; oder sie werden als längliche und hohle Rohre („Schilfrohre“) dargestellt, wie sie beispielsweise als Musikinstrument oder als Naturbaustoff in Form von Schilfgewebe, Schilfrohrplatten, Dachdeckmaterial verarbeitet werden. In all diesen Fällen sollten die Merkmale der natürlichen Vorbilder bewußt stark betont, streng stilisiert, womöglich bis zum reinen Ornament abstrahiert werden und die Wappenbeschreibung detailliert auf die besondere Darstellung eingehen.

„(..) Das Schilf ohne Mooskolben erscheint gleichfalls, teils aus Wasser wachsend, teils als Garbe in Wappen.“

Siebmacher/Gritzner (1889)[3]

Schilfgarbe / Schilfbündel / Schilfstrauß

Schilfbündel

Schilf erscheint in Wappen manchmal in Form

  • eines Bündels („Rohrbündel“, „Schilfbündel“, „Bund Schilfrohr“ oder ähnlich genannt)
  • einer Garbe („Rohrgarbe“, „Schilfgarbe“ oder ähnlich genannt)
  • eines Straußes

„(..) auch kommt (Tafel XXIV. Figur 12.) eine ganze Schilfgarbe mit Mooskolben vor.“

Siebmacher/Gritzner (1889)[3]

„(..) Ein Bund Schilfrohr: grün in Gold: Overschie, Niederrhein.“

Otto Titan von Hefner: 1861[16]

Die genaue Art und Weise, wie welche Röhrichtpflanzen gebündelt erscheinen (ob als Garbe, Bündel, Strauß et cetera) ist zu melden.

Schilfröhricht / Schilfstaude(n)

Im grünen Schilf stehendes natürliches Wasserhuhn (von Eicke)

Selten findet man in Wappen (zum Beispiel in der Helmzier) eine unbestimmte Anzahl Röhrichtpflanzen (manchmal „Schildstauden“ genannt) in nicht weiter beschriebener, mehr oder weniger willkürlicher Anordung („Röhricht/Schilfröhricht“).

Rohrkolben in der Helmzier (Wappen derer von Guttenberg)

Symbolik

Alle umgangssprachlichen Bezeichnungen für Schilf oder Röhrichtpflanzen werden im Zusammenhang mit redenden Wappen benutzt, zum Beispiel

  • „Rohrkolben“: Rohr AG (Schweiz), Stuttgart-Rohr, Rohrberg, Rohrbach, Kammersrohr, Oberrohrdorf, Ostrohe und so weiter
  • „Mooskolben“: Moser, Moosheim, Haigermoos, Moosdorf, Filzmoos und so weiter

Röhrichtpflanzen erscheinen in Wappen auch, um auf Familien-, Orts- oder andere Namen von Wappenführenden wie Rhede, Rehden, Ried, Reet, Rethwisch (Feuchtwiese mit Reth), Eggersriet oder ähnlich zu verweisen.

Wappenbilderordnung

Weblinks

 Commons: Schilf in der Heraldik – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Commons: Rohrkolben („typha“) in der Heraldik – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 Leonhard, Walter: Das grosse Buch der Wappenkunst. Entwicklung, Elemente, Bildmotive, Gestaltung, Bechtermünz-Verlag 2003. ISBN 3-8289-0768-7. S. 245 und 252.
  2. Wappenbeschreibung: „In Gold auf grünem Dreiberg drei grüne Schilfrohrstengel mit schwarzen Kolben.“
  3. 3,0 3,1 3,2 J. Siebmacher's grosses und allgemeines Wappenbuch, Einleitungsband, Abteilung B: Grundsätze der Wappenkunst verbunden mit einem Handbuch der heraldischen Terminologie (Maximilian Gritzner). Nürnberg: Bauer & Raspe, 1889.
  4. Wappenbeschreibung: „In Silber ein offener schwarzer Flug, zwischen den Flügeln ein pfahlweis gestellter grüner Rohrkolben.“
  5. Wappenbeschreibung: „Gespalten; rechts in Gold ein schwarzer Rohrkolben, links in Blau ein silberner Reiher.“
  6. Wappenbeschreibung: „Unter Schildhaupt mit den bayerischen Rauten in Silber ein grünes Schilfrohr mit schwarzem Kolben, beseitet von je einem grünen Halm mit goldener Ähre, überdeckt mit einem gesenkten blauen Wellenbalken.“
  7. Wappenbeschreibung: „In Silber zwei schwarze Rohrkolben mit grünen Stängeln und Blättern zwischen drei erniedrigten grünen Spitzen.“
  8. Wappenbeschreibung: „Aus schwarzem Schildfuß wachsend in Silber zwei schräggekreuzte, grüne Schilfrohre mit grünen Blättern und schwarzen Kolben.“
  9. Wappenbeschreibung: „Durch einen silbernen Wellenbalken geteilt von Rot über Blau; oben eine goldene Mitra, die mit insgesamt sieben roten Scheiben pfahl- und balkenweise belegt ist, beseitet von je einem schwarzen Rohrkolben mit silbernem Stiel und silbernen Blättern; unten ein silberner, rechtsschwimmender Fisch.“
  10. Wappenbeschreibung: „In Weiss auf grünem Dreiberg drei schwarze Rohrkolben an grünen beblätterten Stängeln.“
  11. Wappenbeschreibung: „Von Silber und Gold schrägrechts geteilt; vorn drei schwarze Rohrkolben mit grünem Stiel und mit je zwei grünen Blättern figurweise; hinten am Spalt ein grüner, links angeschnittener Berg, belegt mit einem silbernen sechsspeichigen Rad.“
  12. Wappenbeschreibung: „Durch einen blauen Wellenbalken erniedrigt von Silber und Gold geteilt. Oben ein grünes Eichenblatt und drei fächerförmig gestellte grüne Rohrkolben mit rotem Samenstand zwischen zwei grünen Schilfblättern.“
  13. Wappenbeschreibung: „Auf silbernem Hügel, der mit einem aus zwei Tragsteinen und einer Deckplatte bestehenden schwarzen Steingrab belegt ist, in Schwarz drei silberne, aus je zwei Blättern und einem Samenstand bestehende Rohrkolben.“
  14. Wappenbeschreibung: „In Silber auf vierfach gewölbtem grünen Schildfuß vier schwarze Schilfkolben mit grünen Stengeln und je zwei paarweise angeordneten grünen Blättern.“
  15. Wappenbeschreibung: „Von Gold und Blau schräglinks geteilt. Oben eine schräglinks mit dem Blatt nach außen gestellte Sense, unten nebeneinander fünf beblätterte Rohrkolben in verwechselten Farben.“
  16. Hefner, Otto Titan von: Handbuch der theoretischen und praktischen Heraldik. Weißenburg, Nordgau. 1861.
  17. Wappenbeschreibung: „In Gold ein sechsblättriges, grünes, mit fünf schwarzen Kolben bestandenes Reetgrasbündel.“
  18. Wappenbeschreibung: „Geteilt und oben gespalten; oben vorne in Schwarz ein rot gekrönter, rot bewehrter goldener Löwe, hinten die bayerischen Rauten; unten in Silber wachsend aus blauen Wellen ein Strauß grüner Blätter mit drei schwarzen Mooskolben. “