Kastell (Heraldik)

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13. Jhr.; Wappen von Kastilien-León: Im 1. und 4. Feld ein goldenes Kastell (von Rot und Silber geviert; im 2. und 3. Feld ein Löwe; zeitgenössisches Porträt von Alfons X.W-Logo.png; *1221 †1284)

Der Ausdruck Kastell (von lat. castellum, =„‚[Wall-]Befestigung, verschanztes/befestigtes Lager, Festung/Burg‘“; frz.: château;; engl.: castle) bezeichnet im Wappenwesen eine gemeine Figur.

Darstellung

(Gemeines) Kastell

Die Figur Kastell sollte im Idealfall einem der vielen KastelleW-Logo.png nachempfunden sein, wie sie in der Region Kastilien zum Schutz vor Angriffen der Araber ab dem 9. Jahrhundert errichtet worden sind. Dies trägt dem Umstand Rechnung, dass die ersten heraldischen Kastell-Figuren aus dem Siegel-/Münzwesen ihren Weg in die Wappen der Könige von Kastilien finden. Die Figur Kastell verweist auf den Namen Kastilien, „der erstmals in einer lateinischen Urkunde aus dem Jahr 800 bezeugt (ist), wo von einer Kirche in territorio Castelle („im Burgenland“) die Rede ist“[1]. Spätestens seit der Regierungszeit von Alfons VIII.W-Logo.png (1147–1214) ist das Kastell als Kennzeichen der Könige von Kastilien in Verwendung. Die Figur erscheint in seiner bekanntesten Form als goldenes Kastell, schwarz gemauert, mit drei Zinnentürmen, der mittlere höher, mit blauem Tor und blauen Maueröffnungen auf rotem Grund. Alte Siegel- und Münzbilder zeigen das Motiv auch in anderer Form, teils nur mit zwei Kastelltürmen, die mit einer Mauer verbunden sind (alemannischer Typ), teils mit einem Grafen-/Königsmotiv zwischen den Türmen, teils mit einem kreuzartigen Gebilde dazwischen. Je nach Zeitgeist und Region wird die einfache heraldische Grundform des Kastells in späteren Wappenaufrissen und Derivaten abgewandelt, ab dem 16. Jahrhundert filigran ausgearbeitet und teilweise in einem eher naturalistischen Sinn weiterentwickelt.

Kastell
(Könige von Kastilien bzw. Kastilien; neuere Illustrationen)

Im Jahre 1230 vereint Ferdinand III.W-Logo.png die Königreiche León und Kastilien und deren Wappen (Verschränkung mittels Vierung).

„Die Könige von Kastilien und Leon führten schon in vorheraldischer Zeit redende Bilder, ein Kastell und einen Löwen, als Siegelbilder.“

Könige von Kastilien Könige von León Wappen von Kastilien-León
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Kastell = Burg

Teilweise wird in der deutschsprachig geprägten Heraldik die Figur Kastell deutlich von der Figur Burg abgegrenzt. Beispielweise definiert Maximilian Gritzner 1889 im Handbuch der heraldischen Terminologie[3] die Figur Kastell als eine ganz bestimmte Art Burg („vieltürmig“, „mit Warten“) beziehungsweise als spezieller Zinnenturm mit spezifischen Merkmalen:

Castell (Tafel XXV. Figur 32. 33.): So nennt man vielthürminge Burgen, mit Warten et cetera versehen; es wird aber auch der einfache Zinnenthurm, sobald er mit gezinnten Warten versehen und etwas stark ist, als „Kastell“ angesprochen, wie zum Beispiel im Wappen des Königkreichs Castilien (goldenes Castell in Rot).“

Siebmacher/Gritzner (1889)[3]

Und nach Gert Oswald ist die Figur Kastell durch „besonders hervorgehobene“ Zinnen und durch einen „gedrungenen“ Gebäudestil gekennzeichnet:

Kastell: heraldisch im Gegensatz zur Burg etwas gedrungener, mit besonders betonten Zinnen dargestelltes Wappenbild. Bekanntestes Beispiel sind die Kastelle im redenden Wappen des ehemaligen Königreiches Kastilien.“

Gert Oswald: Lexikon der Heraldik (1984)[4]

Die Verkehrtheit solcher Differenzierungen liegt auf der Hand. Der Wortbedeutung nach verwendet man bereits zu Beginn des Wappenwesen die Ausdrücke Kastell (castellum; „befestigte Stätte“) und Burg („castrum, in allen unsern Sprachen“[5]; „bergende, schützende Stätte“) synonym. Ein Beleg für die heraldische Gleichsetzung der beiden Ausdrücke ist in der Zürcher Wappenrolle zu finden: Darin erscheint das Wappen von Kastilien-León. Der Urheber der Wappenrolle scheint die genaue Darstellung des Wappens und der Kastelle von Kastilien nicht zu kennen (z. B. vertauscht er Aufriss die Felder, zeichnet einen schreitenden Löwen, keinen aufrechten), ist aber immerhin bemüht, die Kastelle „redend“ darzustellen. Dazu zeichnet er die Figur „Burg“ (bzw. einen „Zinnenturm“) in das Wappen Kastilien-León, wie er an anderer Stelle das gleiche Motiv „redend“ zur Darstellung des Morphems "-burg" verwendet (beispielsweise im Wappen derer von „Schowenburg“). Die Figur „Kastell“ ist im Verständnis des Urhebers der Wappenrolle in einem gewissen Sinn das Gleiche wie die Figur „Burg“ (bzw. Zinnenturm).

Aus: Züricher Wappenrolle (1335/1345)
(nach neueren Illustrationen von Runge, 1866)

Die konstruierte und überflüssige Unterscheidung zwischen Kastell und Burg ist in der neueren Heraldik aufgehoben. Beispielsweise besitzen in der Wappenbilderordnung[6] des Herold beide Figuren (und die Figur Schloß [Gebäude]) dieselbe Nummer 8021. Alle heraldischen Regeln, die für die Figur Kastell zu beachten sind, gelten gleichermaßen für die Figur Burg und sind dem entsprechenden Burg-Beitrag zu entnehmen.

HW Gtk-go-forward-ltr.png Hauptartikel: Burg (Heraldik)

Derivate zum Wappen Königreich Kastilien

In Rot goldenes Kastell mit drei Türmen, blauem Tor und blauen Fenstern (Wappen des Königreichs Kastilien)

Das Kastell aus dem Wappen des Königreichs Kastilien erscheint bis heute in vielen romanischen Wappen (zum Beispiel im Wappen Spaniens). Die iberischen Heraldik kennt Dutzende von Darstellungsweisen des Kastells, beispielsweise in Form von vielen kleinen Kastell-Figuren, die ringsum ein Bord belegen oder, frei angelehnt, in Form von Mauerkronen über dem Schild.

Nachbildungen eines realen Kastells

Nachbildungen eines realen Kastells im Wappen müssen in der Wappenbeschreibung nicht explizit erwähnt sein. Es reicht aus, die Nachbildung in der klassischen Kunstsprache der Heraldik genau so zu umschreiben, daß das Motiv in einem Wappen entsprechend stilisiert wiedergegeben werden kann.

Beispiel: Kastell DeutzW-Logo.png
Blasonierung: „In Blau eine silberne (weiße) sechseckig im Grundriss geformte Ringmauer, sechs runden dreizinnigen Türmen an den Ecken, mit je einer schwarzen Fensteröffnung unterhalb der Zinnen, unten und oben je eine über den Giebeln, dreizinnig überbrückte Toröffnungen mit je zwei schwarzen Fensteröffnungen unterhalb der Zinnen.“

  • Ein ergänzender Ausdruck „Kastell Deutz“ ist in der Wappenbeschreibung im Grunde überflüssig. Er gehört nicht in den Blason, sondern in eine vom Blason unabhängige „Symbolbeschreibung“ zum Wappen.

Literatur

  1. Seite „Kastilien“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 2. Februar 2016, 16:41 UTC. URL: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Kastilien&oldid=150980424 (Abgerufen: 26. Mai 2016, 22:13 UTC)
  2. Neubecker, Ottfried: Heraldik. Wappen - ihr Ursprung, Sinn und Wert. Battenberg Verlag 1990. S. 55, 136. ISBN 3-89441-275-5
  3. 3,0 3,1 J. Siebmacher's grosses und allgemeines Wappenbuch, Einleitungsband, Abteilung B: Grundsätze der Wappenkunst verbunden mit einem Handbuch der heraldischen Terminologie (Maximilian Gritzner). Nürnberg: Bauer & Raspe, 1889. S. 114
  4. Oswald, Gert: Lexikon der Heraldik. Mannheim, Wien, Zürich. 1984. S. 221.ISBN 978-3-411-02149-9
  5. Blason ville fr Garidech (Haute-Garonne).svg Lemma Burg. In: Jacob Grimm, Wilhelm Grimm: Deutsches Wörterbuch, Leipzig 1854-1960 (www.woerterbuchnetz.de).
  6. Wappenbilderordnung. Symbolorum armorialium ordo, hrsg. vom Herold - Verein für Heraldik, Genealogie und verwandte Wissenschaften zu Berlin. Bearb. von Jürgen Arndt und Werner Seeger, 2 Bde, 2. ergänzte u. berichtigte Aufl., Neustadt a. d. Aisch 1990-1996 (kurz: WBO). Bd. 1.: Wappenbilder; Bd. 2: General-Index. Band 1: S. 172 und Band 2: S. 57; S. 174 und S. 284.
    Editorische Notiz: Zugleich Neubearbeitung des Handbuchs der heraldischen Terminologie von Maximilian Gritzner (Einleitungsband, Abt. B des Neuen Siebmacherschen Wappenbuches, Nürnberg, 1890).

Weblinks

 Commons: Kastell in der Heraldik – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien