Gestutzt

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Stutzung eines Kreuzes
 
Gemeines Kreuz (ohne Verstutzung)
 
Verstutztes/gestutztes Kreuz (nach WBO, Nr. -606: oben verstutztes Kreuz)
Stutzung eines Sparrens
 
1899: (Gemeiner) Sparren (unverstutzt)
(nach Siebmacher)
 
1889: Sparren, (oben) verstutzt/gestutzt
(nach Siebmacher)
Stutzung eines Pfahls
 
(Oben) verstutzter (abgekürzter) roter Pfahl
 
Unten verstutzter (abgekürzter) roter Pfahl

Die Ausdrücke gestutzt und verstutzt sind in der Heraldik Fachbegriffe, die teilweise synonym verwendet werden, teilweise verschiedene Bedeutungen haben.

  • Gewöhnlich beziehungsweise in einem weiten Sinn beschreiben die Adjektive „gestutzt“ und „verstutzt“ eine Wappenfigur, deren (obere) Spitze abgeschnitten ist.[1]
  • Ist eine Wappenfigur in einer speziellen Art und Weise „gestutzt/verstutzt“, die sich von der Normalform („Stutzung der oberen Spitze“) unterscheidet, so kann man den Ausdrücken eine genaue Beschreibung hinzufügen. Beispielsweise kann man ein Kreuz, bei dem ein anderer als der obere Arm „abgeschnitten“ erscheint, als „unten/rechts/links gestutzt/verstutzt“ bezeichnen; auch die Art der Verstutzung (schrägrechts, schräglinks, lotschnittig, waagschnittig etc.) kann gemeldet werden.

Wortgebrauch

Allgemein

gestutzt von „stutzen“ = „kürzer machen“, „kürzer schneiden [und in eine bestimmte Form bringen]“, „beschneiden“, „kupieren“[2]
verstutzt von „stutzen“, „verstutzen“ = „rings herum beschneiden“, „zuschneiden“, „abschneiden von Bäumen, Körperteilen, Kleidern“, „durch Abnehmung am Ende gleichsam zu einem Stutz oder kurzen Dinge machen“; in älterer Sprache auch: abstutzen, bestutzen; lat.: mutilare, praecidere, truncare[SM 1][3][4], exaratus [SM 2]

Wortgebrauch in der Heraldik

Insgesamt ist die Abgrenzung und Bestimmung der beiden Ausdrücke in der heraldischen Literatur durchweg nicht eindeutig, so dass die Terminologie unterschiedlich angewendet wird. Nach manchen Autoren sind die Ausdrücke „gestutzt/verstutzt“ explizit nur für Heroldsbilder -- nicht für gemeine Figuren -- gebräuchlich:

Gestutzt: Heroldsbild, dessen Spitze abgeschnitten ist.“

Gert Oswald: Lexikon der Heraldik (1984)[5]
Der oberste Sparren (oben) gestutzt
(Wappen La Rochefoucauld)
Stutzungen, vom Schildhaupt ausgehener Balken/Stäbe (nach Galbreath/Jéquier)[6]
 
In Silber drei schwarze verstutze Pfähle im Schildhaupt
(Wappen Jan van EyckW-Logo.png; Blason nach Galbreath/Jéquier)
 
Unter blauem Schildhaupt, darin zwei rote verstutzte Stäbe
(Wappen Innozenz X.W-Logo.png; Blason nach Galbreath/Jéquier)

Andere verwenden sie nur im Zusammenhang mit jenen Heroldsbildern, die tatsächlich eine wie auch immer geartete „Spitze“ haben (Sparren) oder wegen ihrer Länge für eine Stutzung prädestiniert sind (Pfahl); dabei beziehen manche die eigentliche Stutzung auf die obere Spitze, andere auf die unteren Teile (z. B. Schenkel) des jeweiligen Heroldbilds:

Gestutzt wird von solchen Figuren, welche in ihrer normalen Darstellung in spitze Ecken auslaufen, wie z. B die Spitze, der Sparren, dann gesagt, wenn die spitze Ecke abgeschnitten und statt ihrer sonach eine flache, horizontal laufende Begrenzung der Figur bewirkt worden ist.
Rochefoucault -: neun Mal getheilt von Silber und Blau darübergezogen drei rothe Sparren, der oberste Sparren gestutzt.“

Curt Oswalt Edler von Querfurt (1872)[7]

„Hingegen nennt man Pfähle, die vom Schildhaupt oder vom Schildfuß ausgehen und vor der Mitte des Schildes abbrechen, verstutzt. Der Maler Jan von Eyck führte in Silber drei schwarze verstutzte Pfähle im Schildhaupt (.. eine) Abbildung (..) mit dem Wappen des Papstes Innozenz X. (..) zeigt ein Schildhaupt, darin zwei rote oben verstutzte Stäbe (..)
Beim giebellosen Sparren ist die Spitze entweder waagerecht wie in vielen Fällen des Hauses La Rochefoucauld, manchmal sogar schräg (..) abgeschnitten. Wenn einer der Schenkel nicht an den Schildrand stößt, ist der Sparren verstutzt.“

D. L. Galbreath; Léon Jéquier: 1942/1990[6]

Wieder andere Autoren heben hervor, dass die Ausdrücke „gestutzt/verstutzt“ nicht nur im Zusammenhang mit Heroldsbildern gebräuchlich sind, sondern auch bei gemeinen Figuren wie Bäumen [SM 3], Ästen, Hahnenfedern, Bärten et cetera, betonen aber, dass man bei der Beschreibung einer Wappenfigur zu präzisen („besseren“) Ausdrücken greifen sollte:

Gestutzt =von Bäumen und Ästen, besser: geknorrt, braucht von Querfurth S. 52 für den Sparren und ähnliche Figuren, denen die Spitze abgeschnitten ist, wofür wir giebellos respektive querverstutzt sagen.“

Siebmacher/Gritzner (1889)[SM 4]

Beide Termini werden nicht nur in der Bedeutung „abgeschnitten“ (frz.: alaisé [..]) verwendet, sondern manchmal auch in Bedeutungen wie „abgekürzt“ (lat.: depressus)[SM 5], „gekürzt“[SM 6], „verkürzt/abgeledigt“[SM 7], „erniedrigt“, „erniedert“, „gesenkt“ (frz.: abaissé [..]), „entgipfelt“[SM 8], „gipfellos“[SM 9], „giebellos“[SM 10], „geschändet“[SM 11] oder ähnlich. Auch der italienische Ausdruck „ritirato“ wird mit „verstutzt“ gleichgesetzt, wobei dieser in diesem Fall für Heroldfiguren stehen soll, „die den gegenüberstehenden Schildrand nicht erreichen“.[SM 12] Dagegen soll das italienische „smussato“, das ebenfalls mit „verstutzt“ gleichgesetzt wird, nur „ohne Spitze“ bedeuten.[SM 13] Historisch scheint der Terminus „gestutzt“ früher in der Heraldik aufzutauchen als der Terminus „verstutzt“. Beispielsweise findet sich „gestutzt“ bezogen auf Äste bereits in einem Wappenbrief des 15. Jahrhunderts (d. d. Neustadt für Peter Tanman von Sempach vom 20. April 1467):

„M. n. e. fwarczen f. darinn vberegk ab ein ron mit sechs gestutzen essten vnd auf dem fchild einen helme getzirt mit einer gelben vnd swarczen helmedecken, darauf ein halber klymender fwarczer stainbock mit gelffunder zungen.“

Wappenbrief Peter Tanman (1467): zitiert nach Gustav Adelbert Seyler (1885-1890)[8]

In der Heraldikliteratur erscheinen die beiden Ausdrück in größerem Umfang erst ab dem späten 18. Jahrhundert, wobei „gestutzt“ häufiger als „verstutzt“ in den theoretischen Abhandlungen genannt wird.

Darstellung

Gestutztes/verstutzes Kreuz

Die Wappenbilderordnung der Herold (Verein) demonstriert 1990/1996 die Verwendung des Terminus „verstutzt“ anhand von sechs verstutzten Kreuzen, wobei nur Stutzungen mit waagrechten beziehungsweise senkrechten Schnitten thematisiert werden:

Gestutzte/verstutzte Schindeln

Maximilian Gritzner verwendet in seinem Handbuch der heraldischen Terminologie den Terminus „verstutzt“ regelmäßig, wenn er Schindeln beschreibt. Beispielsweise erläutert er die Längsschindel folgendermaßen:

„Längsschindel ((..) ist ein oben und unten verstutzter schwebender Pfal.“

Siebmacher/Gritzner (1889)[SM 14]S. 18</ref>

Gestutzte/verstutze Äste

Gritzner/Siebmacher gebrauchen den Terminus „verstutzt“ auch, wenn astartige Heroldsbilder beschrieben werden. Dahinter steht der Gedanke, dass „Knorren“, „Aststummel“, Gebilde um verloren gegangenes BaumastW-Logo.png oder „abgesägte“ Baum-/Astteile Verstutzungen darstellen. Beispielsweise erläutert Gritzner den Astpfahl folgendermaßen:

„Ast-Pfal (..): ist ein Pfal; dessen Begrenzungslinien in nach oben weisende senkrecht verstutzte Schräg-Aeste (Aststummel), welche sich nicht gegenüberstehen, auslaufen (..)“

Siebmacher/Gritzner (1889)[SM 15]

Gestutzte/verstutzte Hahnenfeder

Nach Siebmacher/Gritzner kommen verstutze/gestutzte Hahnenfedern in Wappen „ziemlich häufig“ vor.[SM 14] Wenn eine Hahnenfeder ohne weitere Bestimmung als „(oben) verstutzte/gestutzte Hahnenfeder“ gemeldet wird, bedeutet dies, dass die Hahnenfedern im Wappen oben an ihrer Spitze (am Federschaft) mit einem geraden Schnitt abgeschnitten erscheint. Im nebenstehenden Beispiel mit sieben Hahnenfedern, von den denen vier ungekürzt und drei gekürzt dargestellt sind,

„(..) ist ausserdem noch zu melden, dass die 3 linken an den Spitzen verstutzt sind, was ziemlich häufig vorkommt).“[SM 14]

Andere Verstutzungen/Verstümmelungen von Hahnfedern sind besonders zu melden. Ist eine Hahnfeder beispielsweise am unteren Ende beziehungsweise am Federkiel abgeschnitten, kann dies angezeigt werden mit: „Hahnenfeder, unten verstutzt/gestutzt“; sind beide Enden verkürzt, kann dies gemeldet werden mit: „Hahnenfeder oben und unten verstutzt/gestutzt“. Eine Hahnenfeder, die komplett in eine andere Form geschnitten ist, kann als „verstümmelte/gestümmelte“ Hahnenfeder blasoniert werden, wobei anzugeben ist, in welcher Art sie „verformt“ ist.

Sieben (4-3) silbern-rote Hahnfedern, die (drei) linken verstutzt

Gestutzer/verstutzter Zickzackbalken

Nach Siebmacher/Gritzner führt die polnische Wappengemeinschaft AbdankW-Logo.png einen verstutzten Zickzackbalken im Wappen. Dieser erscheint beispielsweise auch im Wappen von ObertynW-Logo.png:

„(..) wenn (der Zickzackbalken) an den beiden äusseren Ecken senkrecht verstutzt (also schwebend) wäre, würde (er) das polnische Wappen Abdank sein, von welchem zahlreiche Varianten vorkommen.“

Siebmacher/Gritzner (1889)[SM 16]

Querverstutzer Schrägbalken

3 unten querverstutzte Schrägbalken im Schildhaupt (Tafel VIII. Figur 48): sind, wie der Wortlaut lehrt, unten abgeschnittene Schrägbalken, oder gewissermassen ein Schild mit Schildhaupt, in welch letzteren jene 3 Schrägbalken erscheinen; ähnlich ist Figur 49, wo die bei 48 nur im Schildhaupt befindlichen 3 Schrägbalken bis herunter in den an der Balkenstelle gezogenen Querbalken reichen und sich mit demselben vereinigen, also: »in Blau ein unten von silbernen Malteserkreuz begleiteter goldenre Balken, anstossend an 3 über ihm stehende goldene Schrägbalken.«

Siebmacher/Gritzner (1889)[SM 17]

Verstutzte Schragen

Einzelnachweise

  1. Pierer's Universal-Lexikon: Gestutzt. Band 7. Altenburg 1859. S. 304.
  2. Dudenredaktion (o. J.): „Stutzen“. Internet: Auf Duden online. www.duden.de. Abgerufen: 12. August 2017
  3. Blason ville fr Garidech (Haute-Garonne).svg Lemma Verstutzen. In: Jacob Grimm, Wilhelm Grimm: Deutsches Wörterbuch, Leipzig 1854-1960 (woerterbuchnetz.de).
  4. Adelung, Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart: Verstutzen. Band 4. Leipzig 1801. S. 1156.
  5. Gert Oswald: Lexikon der Heraldik. Bibliographisches Institut, Mannheim, Wien, Zürich 1984, ISBN 3-411-02149-7, S. 160 (Digitalisat [abgerufen am 29. Februar 2020]).
  6. 6,0 6,1 Donald Lindsay Galbreath, Léon Jéquier: Handbuch der Heraldik. Battenberg Verlag, Weltbild Verlag, Augsburg 1990, ISBN 3-89441-259-3, S. 85, 96, 103, 107 (französisch: Manuel du Blason. Lausanne, Lyon 1942. Übersetzt von Ottfried Neubecker, [Tafel 139, Nr. 16 sowie Abbildung 114]).
  7. Querfurt, Curt Oswalt Edler von: Kritisches Wörterbuch der heraldischen Terminologie. Nördlingen: Beck. 1872. Neudruck: Wiesbaden: M. Sändig. 1969. Seite 52.
  8. Seyler, Gustav Adelbert: Geschichte der Heraldik. Wappenwesen, Wappenkunst, Wappenwissenschaft. In: J. Siebmachers großes Wappenbuch. Band A. Repgrografischer Nachdruck der Ausgabe Nürnberg 1885-1889 (1890). Neustadt an der Aisch. 1970. S. 470

Siebmacher

  • J. Siebmacher's grosses und allgemeines Wappenbuch, Einleitungsband, Abteilung B: Grundsätze der Wappenkunst verbunden mit einem Handbuch der heraldischen Terminologie (Maximilian Gritzner). Nürnberg: Bauer & Raspe, 1889.
  1. S. 315: truncatus (lat.): = abgekürzt, verstutzt (wenn ein Pfal, Balken etc. den einen Schildrand nicht berührt.
  2. S. 233: exaratus (lat.) = verstutzt
  3. S. 225: dirimato (it.) = verstutzt, mit Knorren (von Baumstämmen);
    S. 247: grenskurad (sw.) = geknorrt, verstutzt (Stubben)
  4. S. 245
  5. S. 224: depressus (lat.) = abgekürzt, verstutzt (wenn ein Pfal, Balken etc. den anderen Schildrand nicht berührt).
    S. 290: retrait (frz.) = abgekürzt, verstutzt (von Pfählen und Schrägbalken, wenn sie mit dem einen Ende nicht bis gegenüber reichen).
  6. S. 243: gekürzt = von einem unten verstutzten Pfal
  7. S. 289: recortado (sp.) = verkürzt, verstutzt, abgeledigt.
  8. S. 231: entgipfelt: sagt Bernd für „gestutzt“ oder „verstutzt“.
  9. S. 239: rintuzzato (it.): = gipfellos, verstutzt (vom Sparren)
  10. S. 239: franto (it.): = verstutzt, giebellos (vom Sparren)
  11. S. 244: geschändet = alter Ausdruck für einen Hund, dem Schwanz und Behang verstutzt ist (vergleiche Querfurth S. 47)
  12. S. 291
  13. S. 302
  14. 14,0 14,1 14,2 S. 18
  15. S. 17
  16. S. 25
  17. S. 51