Pilz (Heraldik)

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Pilz (lateinisch fungus; altgriechisch μύκης mýkēs = „Pilz“; frz.: champignon; engl.: mushroom) ist in der Heraldik

  • eine seltene, unbestimmte gemeine Figur, die in heraldisch stilisierter Form gewöhnlich einem Hutpilz (Agaricomycetidae)W-Logo.png nachempfunden ist.
  • ein Ober- beziehungsweise Ordnungsbegriff für mehrere seltene gemeine Figuren wie Morchel, Trüffel etc., die den gleichnamigen natürlichen PilzenW-Logo.png nachempfunden sind.

Taxonomie

Beispiel für die Mißachtung der mykologischen Taxonomie in der Heraldik: Im Wappen der franz. Familie Morille = Morchel erscheint ein champignonartiger Pilz (nach 1696)

Obwohl sich der heraldische Ausdruck „Pilze“ an die gleichnamige Gruppierung der Biologie anlehnt, stellt er kein biologisch-mykologisches Taxon dar! Eine mykologische Einordnung eines im Wappen geführten Pilzmotivs ist selten eindeutig. Welches spezielle Mitglied aus der Gruppe der Pilze exakt dargestellt wird, ist meist nur sehr schwer oder gar nicht zu unterscheiden, manchmal reine Spekulation (bedingt durch die heraldische Stilisierung). Wenn beispielsweise eine Familie Champignon heißt und im Wappen einen Pilz führt, so muß der im Wappen dargestellte Pilz nicht notwendig der Gattung der Champignons (Agaricus) nachempfunden sein. Es könnte auch ein Dickröhrling (Boletus) oder ein Pilz einer anderen Pilzgattung im Wappen dieser Familie nachgestaltet sein.

Darstellung

In der Frühzeit der Heraldik ist der Pilz als Wappenmotiv nicht gebräuchlich. Erst in der neueren Heraldik werden Pilze mit Fruchtkörpern in Wappen geführt. Pilze oder pilzartige Wappenfiguren erscheinen mit deutlich stilisierten hut-, keulen-, knollen-, kraus-, glocken-, krustenförmig oder ähnlich gestalteten pilzartigen „Fruchtkörpern“ (angelehnt an ihre natürlichen Vorbilder). Die Differenzierung einzelner Pilzarten und ihre Bennenung in der Wappenbeschreibung stehen in der Heraldik noch am Anfang. Es ist wahrscheinlich, daß in Zukunft genauere Angaben/Namen für pilzartige Figuren Einzug in das Wappenwesen und in die Wappenbeschreibungen finden. Die Wappenbilderordnung des Herold führt im Jahre 1996 lediglich folgende Differenzierung an[1]:

WBO Pilzform Bezeichnung
2551 Champignonartig / dickröhrlingsartig (gemeiner, unbestimmter) Pilz / Champignon
2552 Morchelartig Morchel
2553 Knollenförmig Trüffel

Andere Pilze mit Formen wie zum Beispiel schmierröhrlingsartig, stäublingsartig, bovistartig, blätterpilzartig, erdsternartig oder ähnlich können grundsätzlich ebenfalls in Wappen geführt werden. Es empfiehlt sich, gegebenenfalls die genaue Pilzart zu melden (beispielsweise wurde beim Wappen der Familie Pilz, Langenbrück in der DWR 9004/88 explizit blasoniert: „... Schirmpilz (Parasol)“).

Normalerweise ist ein Pilz mit seinem Hut im Wappen gerade beziehungsweise nach oben ausgerichtet. Spezielle Positionen oder Stellungen wie beispielsweise gestürzt etc. sollten gemeldet werden. Für die gemeine Figur Pilz sind alle heraldischen Farben gebräuchlich. In einigen Wappen sind ein Pilze Naturfarbe tingiert, obwohl dies, traditionell genommen, schlechter heraldischen Stil ist.

Stiel und Hut (manchmal auch die Hutunterseite mit den Leisten, Lamellen oder Röhren) können unterschiedliche tingiert sein, was entsprechend zu melden ist.

Pilzstiel

Eine besondere Stielform des Pilzes wird in der Heraldik gewöhnlich nicht gemeldet. Gleichwohl sind sämtliche Stielformen des Pilzes gebräuchlich, also zum Beispiel:

(Gemeiner / unbestimmter) Pilz

Für den gemeinen, unbestimmten Pilz beziehungsweise für „pilzartige Wappenfiguren“ bestehen ursprünglich keine eindeutigen stilistisch-darstellerischen heraldischen Empfehlungen. In der Regel erscheint der (gemeine) Pilz in Wappen entweder champignonartigW-Logo.png oder dickröhrlingsartigW-Logo.png.

Dickröhrlingsartig

Dickröhrlingsartige Wappenmotive finden sich zum Beispiel in einigen amtlichen Wappen.

Champignonartig

Champignonartige Pilze erscheinen bevorzugt in Wappendarstellungen im Armorial général de France:

Morchel

Die gemeine Figur Morchel wird in der Heraldik mit einem wabenartig gegliedertem Kopfteil dargestellt. Das Kopfteil erscheint „flaschenförmig“, mit einem sich nach oben konisch verjüngenden, abgerundeten Ende. Die einzelnen „Waben“ werden durch unregelmäßige, mehr oder weniger sechseckig bis runde Begrenzungslinien oder durch eine Art Punkttextur angedeutet.

Trüffel

Hallimasch

Weitere Beispiele

Abgrenzung

Die gemeine Figur Pilz wird manchmal mit „pilzartigen“ Motiven verwechselt. So wird das Wappen der Familie Beismann manchmal in den Quellen als Beispiel für ein Wappen angeführt, in dem Pilze erscheinen. Siebmacher gibt jedoch an, daß die betreffenden Motive im Schild des Wappens und in der linken Hand eines Mannes in der Helmzier keine Pilze sind, sondern Druckerballen (vgl. Buchdruckerwappen).

Redende Wappen

Pilze verweisen in Wappen bildlich oft auf den Namen des Wappenführenden. In der deutschsprachig geprägten Wappenkultur erscheinen Pilze zum Beispiel in den Wappen von Familien namens Pilz, Piltz oder ähnlich. Aber auch in anderen Wappenkulturen finden sich redende Wappen: Beispielsweise ist Gribow/Gribov das slawisches Wort für Pilz; tschechisch hrib ist gleich Stein-/Herrenpilz; Lesseps verweist auf les cépes (= Steinpilze); Moreau auf morille (=Morchel) ...

„(..) Moussiére erinnert an Mouseron, und Rabasse soll an die südfranzösische Bezeichnung für die Trüffel erinnern (..) Die Stadt mit dem Pilzwappen heißt Smrzovka, deutsch Morchenstern (..) das tschechische Wort „smrz“ bedeutet „Morchel“ (..)“

Hanns Kreisel (1999)[2]

Der italienische Familienname Fongarini basiert auf Fungo / funghi = Pilz.

Weblinks

 Commons: Pilze in der Heraldik – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Wappenbilderordnung. Symbolorum armorialium ordo, hrsg. vom Herold - Verein für Heraldik, Genealogie und verwandte Wissenschaften zu Berlin. Bearb. von Jürgen Arndt und Werner Seeger, 2 Bde, 2. ergänzte u. berichtigte Aufl., Neustadt a. d. Aisch 1990-1996 (kurz: WBO). Bd. 1.: Wappenbilder; Bd. 2: General-Index.
    Editorische Notiz: Zugleich Neubearbeitung des Handbuchs der heraldischen Terminologie von Maximilian Gritzner (Einleitungsband, Abt. B des Neuen Siebmacherschen Wappenbuches, Nürnberg, 1890).
  2. Kreisel, Hanns; Pilze in der Heraldik. In: Der Tintling 6. 1999. S. 46 f.