Karotte (Heraldik)

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In der Früh-/Blütezeit des Wappenwesens ist eine spezielle Wappenfigur, die eigens zur Darstellung einer Karotte verwendet wird, nicht gebräuchlich.
Karotte, Möhre, Mohrrübe ...
 
faktisch
 
in der Heraldik
(Muster)

Die Ausdrücke

  • Karotte (vom lateinischen Wort carota, dieses von griechisch καϱωτόν karōtón, deutsch ‚Möhre‘, über volkslateinisch carotta; [1] französisch carotte; englisch carrot)
  • Möhre, Mohrrübe (über die alt- und mittelhochdeutschen Namen moraha, morha, mokra, morke, morhe und more aus einem gleichbedeutenden germanischen Wort morhōn, aus welchen mit griechisch tà brákana, „wildwachsendes Gemüse“ und russisch morkov ein unsicheres indogermanisches **mṛk, „essbare Wurzel“ erschlossen werden könnte[2]
  • Gelbrübe, Gelbe Rübe, Rüebli, Riebli, Wurzel, Gartenmöhre und anderes mehr

bezeichnen im Wappenwesen eine seltene gemeine Figur.

Begriffliche Abgrenzung

Muster-Wappenschild-Info.png

Im deutschsprachigen Wappenwesen sind Ausdrücke wie Karotte, Möhre, Mohrrübe et cetera nicht oder nur ausnahmsweise bei der Beschreibung einer entsprechenden Wappenfigur gebräuchlich; bevorzugt wird in den Blasonierungen der vage, mehrdeutige und nicht wohldefinierte Sammel-/Oberbegriff → „Rübe“ gebraucht, womit gemeinhin eine Wappenfigur nach dem Idealbild des charakteristischen Speicherorgans einer ‚Rübe‘W-Logo.png (beta vulgaris), einer ‚Speiserübe‘W-Logo.png (brassica rapa subsp. rapa) etc. gemeint sein kann – nur versehentlich oder ungenau auch das Wurzelorgan einer KarotteW-Logo.png (daucus carota subsp. sativus) bzw. einer anderen MöhrenartW-Logo.png wie der ‚Wilden Möhre‘W-Logo.png (daucus carota subsp. carota).

Wappen Bibritsch, 1605: Nach den meisten Autoren „drei Rüben“, nach Rietstap und WBO irreführend „drei Karotten“ (?)

Bei unkritischem Gebrauch entsprechender Ausdrücke kann es zu mehr oder weniger gravierenden Irreführungen kommen. Beispielsweise bezeichnet der überwiegende Teil heraldischer und anderer Autoren (Alter Siebmacher, Neuer Siebmacher, Friedrich LucaeW-Logo.png, Spener et cetera)[3][4][5][6] die drei Figuren im Wappen der schlesischen Familie Bibritsch ausdrücklich als „Rüben“:

„Ein roter schild / die Ruben weiß / mit grünen blettlin / Auff dem Helm der Fluͤgel wie der Schild ...“

Alter Siebmacher (1605)[3]

Rietstap deutet 1884 die Figuren dagegen irreführend als carottes („Karotten“?):

„De gueules à trois carottes d'argent feuillées de sinople.“

Jürgen Arndt und Werner Seeger übernehmen Rietstaps Deutung unkritisch in die Wappenbilderordnung und geben unter dem Stichwort „Möhre, Mohrrübe“ als Referenzwappen das Wappen Bibritsch an,[8] welches man, wie gesagt, nach den meisten historischen Quellen eigentlich beim Ausdruck „Rübe“ als Referenzwappen anführen sollte.

Geschichte

Wurzel der Karotte (Daucus carota; Ernteware)

Wann ein Karotten-/Möhrenmotiv das erste Mal im Wappenwesen erscheint, ist unklar beziehungsweise nicht ausreichend erforscht. Nach Johann Spörl ist das „Wappen mit Möhre“, welches mit der Jahreszahl 1392 unter den östlichen Arkaden der MartinskircheW-Logo.png in Landshut angebracht ist, redend und wurde angeblich von dem Pfarrer Erhard Möringer geführt (‚Möhre‘ ≙ ‚Möringer‘):

„Das unter dem Christushaupte angebrachte Wappen (eine Möhre im rothen Felde) wird das Wappen Erhard Möringers, des Pfarrers von St. Martin, sein, welcher ad annum 1369 als Pfarrer verzeichnet, und diese Stelle auch noch 1392, da bis zum Jahre 1409, wo ein gewisser Mauritius als Pfarrer auftritt, kein weiterer bekannt ist, eingenommen haben wird.“

Johann Spörl (1855/1856)[9]

Nach Franz Niehoff trifft die Deutung jedoch nicht zu,[10] was die Frage aufwirft, ob die dargestellte Wappenfigur überhaupt einer „Möhre“ nachempfunden ist.

Darstellung

Wiener DioskuridesW-Logo.png Kodex auf Blatt 313r[11]

Die Wappenfigur Karotte (Möhre, Mohrrübe etc.) ist heraldisch stilisiert dem IdealbildW-Logo.png der stark verdickten, spindel- bzw. rübenkörperartigen PfahlwurzelW-Logo.png der gleichnamigen Kulturpflanze (Daucus carota) innerhalb der Familie der Doldenblütler (Apiaceae') nachempfunden. Der Wurzelansatz zeigt in der Normalform zum unteren Schildrand. Alle anderen Stellungen sollten gemeldet werden. Karottenfiguren werden vorwiegend in Ein-, Zwei- oder Dreizahl in einem Wappen dargestellt (im letztgenannten Fall zum Beispiel nebeneinander oder 2-über-1), kommen aber aber auch in einer anderen Mehrzahl vor.

Die Figur erscheint bevorzugt in den heraldischen Farben/Metallen Rot, Silber und Gold oder in der eher unheraldischen Sonderfarbe Orange. Eine komplette Karottenpflanze mit Blütenstand und dem vollen Blattwerk, wie sie in Wiener DioskuridesW-Logo.png (etwa 512) zu sehen ist, ist im Wappenwesen unüblich; teilweise erscheint die Karottenfigur mit heraldisch-stilisiertem, krautähnlichem Blattwerk bzw. mit Laubblättern, was in der Wappenbeschreibung zu melden ist, insbesondere wenn diese eine andere Farbe als der Rest die Figur haben, wobei, falls relevant, auch die Blattanzahl angezeigt werden kann (zum Beispiel: goldene Karotte mit zwei grünen Laubblättern).

Karotte als Nebenfigur

Karotten-Motive erscheinen im Wappenwesen auch als Nebenfiguren, zum Beispiel wie im Wappen von RadicondoliW-Logo.png als ausgerissene Möhren, die von einem Löwen in einer Pranke gehalten werden.

Paraheraldik

Karottenfiguren als heraldisches Motiv sind einem breitem Publikum vor allem durch paraheraldische, sprechende Phantasiewappen der fiktiven Familien von Rübensteiner und von Möhrenfeld sowie di Carotti bekannt, die im Zusammenhang mit dem Comic Mosaik beziehungsweise den Digedags und der Ritter-Runkel-Serie in zahlreichen Varianten abgebildet wurden – und nicht mit faktischen Familienwappen wie jenes der echten von Möhrenfeld verwechselt werden sollten.[12]

Wappenbilderordnung

Weblinks

 Commons: Karotten in der Heraldik – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Friedrich KlugeW-Logo.png, Alfred GötzeW-Logo.png: Etymologisches Wörterbuch der deutschen SpracheW-Logo.png. 20. Auflage. Hrsg. von Walther MitzkaW-Logo.png. De Gruyter, Berlin/ New York 1967; Neudruck („21. unveränderte Auflage“) ebenda 1975, ISBN 3-11-005709-3, S. 353 f.
  2. Letzteres wird nicht in neueren Ausgaben des „Kluge“ vertreten, siehe:
    Friedrich Kluge: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. Bearbeitet von Elmar Seebold. 25., durchgesehene und erweiterte Auflage. 2011.
  3. 3,0 3,1 Johann Siebmacher: New Wapenbuch. Nürnberg, 1605. S. 62 (urn:nbn:de:urmel-876d0c57-c5dd-4e46-bc18-de4db6c45eaa3-00006345-1688)
  4. J. Siebmacher's grosses und allgemeines Wappenbuch, IV. Band, 11. Abteilung; Der Adel von Österr.-Schlesien; Verfasser: C. Blazek; Publikation: Nürnberg: Bauer & Raspe, 1885. S. 6. Tafel 3.
  5. LucaeW-Logo.png: Schlesiens curiose Denckwürdigkeiten, oder vollkommene Chronica Von Ober- und Nieder-Schlesien. Band 2. 1689. S. 1787 f. (Google)
  6. Philipp Jakob Spener: Insignium theoria: seu operis heraldici pars generalis [..]. Band 2. 1717. S. 262 (Google)
  7. Johannes Baptista Rietstap: Armorial général : précédé d'un dictionnaire des Termes du blason (1884). Tome 1, Band 1. 1884. S. 196. (französisch)
  8. Jürgen Arndt und Werner Seeger (Bearbeiter) mit Wappenskizzen von Lothar Müller-Westphal: Wappenbilderordnung. Symbolorum armorialium ordo. Zit.: WBO - Wappenbilder. Hrsg.: Herold, Verein für Heraldik Genealogie und verwandte Wissenschaften (= J. Siebmachers Großes Wappenbuch. B). 2., ergänzte und berichtigte Auflage. Band I. Bauer & Raspe, Inh. Manfred Dreiss, Neustadt an der Aisch 1996, ISBN 3-87947-110-X, S. 128 f. Tafel 32. Figur 2573 (447 S., zugleich Neubearbeitung des Handbuchs der heraldischen Terminologie von Maximilian Gritzner; Einleitungsband, Abt. B des Neuen Siebmacherschen Wappenbuches, Nürnberg, 1890).
  9. Johann Spörl: Der Bau und die Erbauer des Chors zu St. Martin in Landshut. 1855. In: Verhandlungen des Historischen Vereins für Niederbayern. Band 5. Landshut, 1856. S. 266. (Google)
  10. Museen der Stadt Landshut (Hrsg.): Vor Leinberger. Landshuter Skulptur im Zeitalter der reichen Herzöge 1393-1503. Franz Niehoff (Red.). 2001. (Katalog in zwei Teilbänden zur Ausstellung der Museen der Stadt Landshut in der Spitalkirche Heiliggeist vom 23. Juni bis 28. Oktober 2001). S. 220 ISBN: 3924943273
  11. Pedanius Dioscorides: Der Wiener Dioskurides: Codex medicus Graecus 1 der Österreichischen Nationalbibliothek. Teil 2. Kommentar von Otto Mazal (= Glanzlichter der Buchkunst. Band 8/2). Akademische Druck- und Verlagsanstalt, Graz 1999, ISBN 3-201-01725-6, Blatt 312r: Gemeine Möhre (Karotte, gelbe Rübe), Blatt 313r: Möhre. Kommentar: S. 24 (Text tlw. griechisch, tlw. deutsch).
  12. Vgl.: Seite „Wappen im Mosaik“. In: Mosapedia. Bearbeitungsstand: 06. Dezember 2019, 20:47 UTC. URL: http://www.mosapedia.de/wiki/index.php?title=Wappen_im_Mosaik&oldid=272641 (Abgerufen: 23. November 2022, 01:27 UTC)