Vielfraß (Wappentier)

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In der Frühzeit des Wappenwesens sind Vielfraßfiguren nicht gebräuchlich.
Vielfraß
 
in der Wildnis
 
in der (neueren) Heraldik
(Wappen der Kommune BarduW-Logo.png, Norwegen)

Der Ausdruck Vielfraß (von mittelhochdeutsch vilfrāz, „Gefräßiger“, als Name des ‚Bärenmarders‘, gelegentlich zudem der ‚Hyäne‘; althochdeutsch vilifrāz[1]; auch Vielfresser, Bärenmarder, Gierling, Giermagen. Gierschlund oder ähnlich genannt; altnorwegisch fjeldfross; französisch gulo gulo, glouton oder carcajou; englisch wolverine, glutton, carcajou oder quickhatch) bezeichnet in der neueren Heraldik eine seltene gemeine Figur.

Geschichte

1539: Vielfraß nach der Carta MarinaW-Logo.png
1605 Vielfraß im Oberwappen (von QuitzowW-Logo.png; nach Siebmacher; spiegelverkehrt)

Wann zum ersten Mal ein Vielfraß als gemeine Figur in einem Wappen erscheint, ist Stand 2022 unklar bzw. nicht vollständig erforscht. Vorgeblich erfand Erik XIV.W-Logo.png anläßlich der Beerdigung von Gustav VasaW-Logo.png ein Wappen mit schreitender schwarzer Vielfraßfigur in einem silbernen Schild für die Provinz VärmlandW-Logo.png, welches er im Jahr 1567 durch ein Wappen mit Adlerfigur ersetzte (vgl. Värmlands landskapsvapenArmoiries Suède moderne.svg). Die Vielfraßfigur aus dem Värmlandwappen wurde in den Quellen gelegentlich als Biberfigur gedeutet beziehungsweise mit dieser verwechselt.[2][3][4]

Im Alten Siebmacher von 1605 wird eine wolfs-/fuchsartige Figur im Oberwappen derer von QuitzowW-Logo.png ausdrücklich als „Vielfraß“ beschrieben („.. Auf dem helm ein Vielfraß an seiner farb / schwartz vnd braun ..“). Der Wappentheoretiker Maximilian Gritzner informiert im Jahre 1889 darüber, dass es einen Zusammenhang zwischen der Wappen- und der Fabelfigur „Vielfraß“ gibt:

„(..) Vielfrass, in der bekannten merkwürdigen Stellung (wie er z. B. auch auf dem Helme der v. Quitzow vorkommt, d. h. nach der Fabel im Begriff, sich nach der Uebersättigung zwischen 2 Bäumen durchzuklemmen, um den Überfluss los zu werden (..)“

Insbesondere im 16./17. Jahrhundert finden sich außerhalb der Heraldik in den Werken von Olaus MagnusW-Logo.png, Conrad GessnerW-Logo.png, John JohnstonW-Logo.png und anderen Darstellungen oder Erzählungen des Vielfrasses, die zeigen oder davon handeln, wie er sich an Aas oder an Leichenteilen vollfrisst, um sich anschließend zwischen engstehenden Bäumen durchzwängen, damit er seinén Darminhalt möglichst rasch wieder los wird und weiterfressen kann.[6][7] Welche Wechselbeziehungen zwischen diesen Quellen und der Wappenfigur Vielfraß bestehen, ist unklar bzw. von Einzelfall zu Einzelfall wissenschaftlich zu behandeln.

Gritzner deutet auch die kuriose Wappenfigur, die im Wappen derer von AsseburgW-Logo.png zu sehen ist, als Vielfraßfigur („die Stellung, wie [der Wolf] sie im Wappen der von der Asseburg hat [..] dürfte viel eher auf einen Vielfrass [..] hindeuten, als auf einen »zum Sprung geschickten« Wolf“)[5]. Andere halten dem entgegen, dass der ursprüngliche Name der Asseburger „von Wolfenbüttel“ war und die Familie daher ein redendes Wappen mit einer sprungbereiten schwarzen Wolfsfigur führte.

Darstellung

Die (gemeine/heraldische) Vielfraßfigur ist weniger an die natürliche Gestalt der gleichnamigen Raubtierart (lateinisch gulo guloW-Logo.png) angelehnt, sondern eher an ein IdealbildW-Logo.png derselben. Im älteren Wappenwesen wird die Figur „fuchs-“, „dachs-“, „wolfs-“ oder „hundeähnlich“ aufgerissen. Zu dieser Zeit ist die Wappenfigur teilweise nicht oder nur durch besondere Attribute (zum Beispiel durch aus dem Anus fallenden Kot) von den genannten Wappentieren zu unterscheiden und ist wenig oder gar nicht „marderartig“ dargestellt. In der neueren Heraldik erscheint die Vielfraßfigur eher in einer natürlichen („naturalistisch-heraldischen“) Form mit kräftigem und gedrungenem Körperbau, gewölbtem Rücken, breit-rundem Kopf, länglicher, ziemlich stumpf abgeschnittener Schnauze, dickem, kurzem Hals, kurzem, buschigem Schwanz, kurzen, starken Beinen und plumpen, fünfzehigen Pfoten mit scharf gekrümmten Krallen.

Hauptblickrichtung ist heraldisch rechts. Schreitend, aufgerichtet oder auf allen Vieren stehend sind die vorwiegenden Stellungen, in denen der Vielfraß im Wappen vorkommt. Farblich sind bei dem Wappentier alle heraldischen Farbgebungen erlaubt, bevorzugt wird es in Schwarz dargestellt. Wird die Bewehrung (Zähne, Zunge und Krallen oder ähnliches) mit einer zweiten oder mehreren anderen heraldischen Farben abstechend zum Rest der Wappenfigur tingiert, sollte dies gemeldet werden, da diese Einfärbung weder im heutigen noch im frühen Wappenwesen „die Regel“ ist, wie in der Literatur manchmal kolportiert wird.

Vielfraßkopf/Vielfraßrumpf

Die Ausdrücke Vielfraßkopf bzw. Vielfraßrumpf (das ist ein „gestümmelter“ Vielfraß, also nur Hals und Kopf, ohne Vorderbeine) können zur Beschreibung einer entsprechenden Figur in einem Wappen dienen. In der Regel wird weder in der Darstellung noch in der Wappenbeschreibung zwischen einem „Halstück“ (Vielfraßkopf mit Hals bzw. Vielfraßrumpf) und einem „Kopfbild“ (Vielfraßkopf ohne Halsansatz) differenziert. Die genaue Darstellung erfolgt im Rahmen der Gesamtharmonie eines Wappens/Wappeaufrisses und obliegt letzlich der künstlerischen Freiheit. „Vielfraßrumpf" und „Vielfraßkopf" sollten stets „abgerissen" und nicht „abgehauen" in einen Wappen zur Geltung kommen.

Grundsätzlich ist ein heraldisch-stilisierter Vielfraßkopf/-rumpf in einem Wappen nur schwer oder gar nicht von den Kopf-/Rumpffiguren anderer Wappentiere (Bär, Marder etc.) zu unterscheiden, so dass Verwechslungen möglich sind. Vermutlich findet man wegen der fehlenden, eindeutigen heraldischen Unterscheidungsmerkmale einen Vielfraßkopf/-rumpf bislang (Stand 2022) weniger in der „echten“ Heraldik, sondern vorwiegend in der Paraheraldik, insbesondere der Militärheraldik. Beispielsweise erscheint im historischen Parawappen des 40. Infantrie RegimentsW-Logo en.png der USA ein Vielfraßkopf.

Wappenbilderordnung

Ob der Vielfraß als Wappenfigur in die Wappenbilderordnung (WBO) des Herold (Verein) aufgenommen wurde, ist nicht bekannt. In der Ausgabe 1990-1996[8] ist das Wappentier noch nicht erfaßt.

Weblinks

 Commons: Vielfraß in der Heraldik – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wikipedia: Vielfraß – Deutschsprachiger Artikel über den natürlichen Vielfraß
Wiktionary Wiktionary: Vielfraß – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise

  1. Friedrich KlugeW-Logo.png, Alfred GötzeW-Logo.png: Etymologisches Wörterbuch der deutschen SpracheW-Logo.png. 20. Aufl., hrsg. von Walther MitzkaW-Logo.png, De Gruyter, Berlin/ New York 1967; Neudruck („21. unveränderte Auflage“) ebenda 1975, ISBN 3-11-005709-3, S. 821.
  2. Torsten Lenck: Värmlands vapen. runeberg.org. In: Svenska Turistföreningens årsskrift. 1928, S. 294-297, abgerufen am 24. September 2022 (schwedisch, Project Runeberg, Fri Feb 4 17:27:21 2022).
  3. Fredrik Höglund: Värmland 1560-68. In: www.wermlandsheraldik.se. Abgerufen am 24. September 2022 (schwedisch).
  4. Fredrik Höglund: Etikett: järv. In: Under Wermlandsörnen. Tankar om det värmländska symbollandskapet. wermlandsheraldik, abgerufen am 24. September 2022 (schwedisch, Blog: 2010-2017).
  5. 5,0 5,1 J. Siebmacher's grosses und allgemeines Wappenbuch, Einleitungsband, Abteilung B: Grundsätze der Wappenkunst verbunden mit einem Handbuch der heraldischen Terminologie (Maximilian Gritzner). Nürnberg: Bauer & Raspe, 1889. Seite 83. Tafel 15. Figur 36
  6. Olaus Magnus: Historia de gentibus septentrionalibus. Giovanni M. Viotto, Rom 1555, Liber XVIII, Cap. VII De Gulonibus, S. 605f; (Google-Books); 2. Auflage Heinrich Petri, Basel 1567, S. 683 (Digitalisat) = (deutsch) Von dem Villfraß. In: Historien der mittnachtigen Länder. Heinrich Petri, Basel 1567, S. 478–480 (Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek München).
  7. Conrad Gesner: De Gulone. In: Historiae Animalium Lib. I. de Quadrupedibus uiuiparis. Christoph Froschauer, Zürich 1551, S. 623f (Digitalisat der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen) = (deutsch) Von dem Vilfraß. In: Thierbuch Das ist ein kurtze beschreybung aller vierfüssigen Thieren. Christoph Froschauer, Zürich 1583, Bl. 157f (Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek München).
  8. Wappenbilderordnung. Symbolorum armorialium ordo, hrsg. vom Herold - Verein für Heraldik, Genealogie und verwandte Wissenschaften zu Berlin. Bearb. von Jürgen Arndt und Werner Seeger, 2 Bde, 2. ergänzte u. berichtigte Aufl., Neustadt a. d. Aisch 1990-1996 (kurz: WBO). Bd. 1.: Wappenbilder; Bd. 2: General-Index.
    Editorische Notiz: Zugleich Neubearbeitung des Handbuchs der heraldischen Terminologie von Maximilian Gritzner (Einleitungsband, Abt. B des Neuen Siebmacherschen Wappenbuches, Nürnberg, 1890).