Echeneis (Wappentier)

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Dieser Artikel beschreibt die Wappenfigur Echeneis/Remora = ‚Schiffhalter‘; weitere Bedeutungen/Wappenfiguren für remora sind unter Remora (Begriffsklärung) aufgeführt.
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In der Frühzeit des Wappenwesens ist eine Wappenfigur, die eigens zur Darstellung eines Echeneis/Remora verwendet wird, nicht gebräuchlich.
Echeneis
 
in der Natur
 
in der Heraldik
(1591: Wappen Hruschka von Oschkorzina bzw. „Hruška z Oskořína“; Aufriss Gerd Hruška, 2021)

Echeneis (auch Echeneïs, Echenēīs, Echinius, Echinus, Enchirius, Essinus, Esynus oder ähnlich geschrieben; griechisch ἐχενηΐς ekhenēḯs, deutsch Schiffhalter, Schiffshalter; von ἔχω, deutsch ‚halten‘ und ναῦς ná͞us, deutsch ‚Schiff‘; englisch echeneis, suckerfish) ist in der Heraldik eine seltene gemeine Figur.

Die Figur wird in den Quellen auch Remora, ‚Verzögerer‘ (von lat. re-mora ‚Verzögerung, Verzug‘; französisch rémora; englisch remora) und mhd. Urchin für ‚ Igel‘ sowie Sauger, Schiffsauger, Saugefisch, Schildfisch oder ähnlich genannt.

Darstellung

1340-1350: Echeneis, an einem Schiff hängend (nach Koninklijke Bibliotheek, KA 16, Folio 114v)

Die in Wappen dargestellten, heraldisch stilisierten Echeneisfiguren sind nicht einem bestimmten natürlichen Fisch aus der Familie der SchiffshalterW-Logo.png (echeneidae) nachgebildet. Vielmehr lehnt sich ihre Gestaltung einerseits an das schlanke IdealbildW-Logo.png der natürlichen Schiffshalterfische an, andererseits an den tradierten Darstellungen des gleichnamigen legendären Wesens, welches sich nach LukanW-Logo.png, Plinius dem ÄlterenW-Logo.png, Isidor von SevillaW-Logo.png, Bartholomaeus AnglicusW-Logo.png und anderen an Schiffen festhält und diese an der Weiterfahrt hindert beziehungsweise ihre Geschwindigkeit verzögert.

Die ideal-heraldische Echeneisfigur sollte nahezu schlangenförmig gestaltet sein, ohne Rücken-, Bauch- und Afterflossen, mit oberständigem Maul und mit einem abgeflachten Kopf, auf dessen Oberseite eine optisch deutlich hervorgehobene Saugplatte darzustellen ist. Die bevorzugte Richtung im Wappen richtet sich, wenn nichts anderes gemeldet wird, wie bei anderen Wappentieren auch nach heraldisch rechts. Die genaue Ausprägung oder eine besondere Stellung der Echeneis-Wappenfigur (gekrümmt, steigend, schrägrechts gekehrt et cetera) sollte in der Wappenbeschreibung angezeigt werden. Für die Echeneisfigur sind alle heraldischen Farben möglich, nur sollten die Farbregeln der Heraldik eingehalten werden. Wenn die Saugplatte auf dem Kopf oder andere Teile der Wappenfigur eine andere Farbe besitzen als der Rest der Figur, ist dies zu melden.

Echeneis-/Remora-Pfeil

1566: (nach Andreae Alciati, Übersetzung Jeremias Held)
1790: Die „Klugheit“ als Schildhaltern, einen Pfeil mit Remora haltend.

Eine Echeneis-/Remorafigur erscheint im Wappenwesen gewöhnlich nicht als eigenständige oder alleinstehende Figur, sondern kombiniert mit der gemeinen Figur Pfeil und zwar so, dass sich die Echeneis-/Remorafigur um die Pfeilfigur mehrfach windet.

Echeneis-/Remora-Pfeil in der Emblematik

Der Eingang des Echeneis-/Remora-Pfeils in das Wappenwesen hängt vermutlich eng mit der Kunstform EmblemW-Logo.png zusammen, deren Ursprung auf die Humanisten der Renaissance zurückgeht. Sowohl im Wappenwesen wie in der Emblematik erscheint das Echeneis-/Remoramotiv gestürzt (mit dem Schwanz nach oben und dem Kopf nach unten) und um einem ebensolchen Pfeil gewunden. Die Gestaltung symbolisiert gewissermaßen die angedichtete Fähigkeit des Fabelwesens Echeneis-/Remora, trotz tobender Stürme ein Schiff (beziehungsweise einen „fliegenden Pfeil“) verlangsamen und sichern zu können. In der Emblematik verbindet man spätestens seit dem Werk Emblematum liber von Andrea AlciatoW-Logo.png (1492-1550) den „Echeneis-/Remora-Pfeil“ mit dem Motto/Sprichwort „eile mit Weile“ („festina lente“) und mit einem entsprechendem EpigrammW-Logo.png.

Echeneis-/Remora-Pfeil als Attribut der Klugheit

Außerdem ist der „Echeneis-/Remora-Pfeil“ ein Attribut der Kardinaltugend „Klugheit“W-Logo.png. In dieser Bedeutung findet er sich im Wappen der Viscount ScarsdaleW-Logo.png beziehungsweise der Earl HoweW-Logo.png: Die heraldisch-rechte Schildhalterin des Wappens zeigt eine Frauenfigur, die sinnbildlich für die Klugheit (englisch prudence) steht und als Klugheitsattribut einen Pfeil hält, der nach Thomas Moule mit dem Fisch/Fabelwesen „Remora“ (nach anderen mit einer Schlange) umringelt ist.[1]

Geschichte

Wann eine Echeneisfigur zum ersten Mal in einem Wappen erscheint, ist unklar beziehungsweise nicht ausreichend erforscht. Nach Carl Arvid von Klingspor führt die edle, aber wenig bekannte Familie Fariolle de Frauvilles einen „Saugfisch“ im Wappen.[2] Belegbar ist, dass Kaiser Rudolf am 10. August 1591 zu Prag dem Jan Hruška (deutsch ‚Johann Hruschka‘) gemeinsam mit Vít Ostalmius (deutsch ‚Veit Ostalmius‘) und Trojan Nigell ein Wappen mit Echeneisfigur und den Adelsstand mit dem Prädikat „z Oskořína“ (deutsch ‚von Oschkorzina‘) verlieh.

Wappen Hruschka von Oschkorzina (tschechisch „Hruška z Oskořína“)

„Der Schild ist in der Mitte geteilt in ein gelbes oder goldenes Feld und ein schwarzes Feld, mit einem Fisch genannt Remora oder Echeneis mit einer goldenen Krone auf dem Kopf, um einen gestürzten Pfeil gewunden mit dem Schwanz nach oben und dem Kopf nach unten und nach rechts sehend. Auf dem Schild ein Stechhelm mit Decken die rechts schwarz und gelb oder golden und links weiß und rot oder silbern und zinnoberfarben herabhängen. Darauf eine goldene Krone mit zwei Adlerflügeln. Der rechte ist in der Mitte geteilt in oben weiß oder silber und unten in rot oder zinnoberfarben und der linke ist in der Mitte geteilt in oben gelb oder gold und unten in schwarz. Dazwischen ist der Fisch genannt Remora oder Echeneis um einen gestürzten Pfeil gewunden mit dem Schwanz nach oben und dem Kopf, der eine goldene Krone darauf hat, nach unten und nach rechts sehend, wie im Schild zu sehen.“

Aus dem Tschechischen von Gerd Hruška, Chemnitz (2021)
Vgl. Böhmische Saalbücher, Buch 12a, Seiten 317v, 318, 318v

Mehrdeutigkeit des Begriffs Remora

Der Ausdruck Remora ist in der Heraldik mehrdeutig bzw. nicht wohldefiniert; er sollte daher in einer Wappenbeschreibung nach Möglichkeit nicht verwendet werden.

Symbolik

1548: (nach Andreae Alciati)
1659: (nach Emblemes divers; Jean BaudoinW-Logo.png)

Werden das Fabelwesen Echeneis/Remora (beziehungweise der Schiffhalterfisch) und ein Pfeil zusammen dargestellt, stehen sie, wie oben dargestellt, für das Motto „eile mit Weile“ und sind ein Attribut der „Klugheit“.

Grundsätzlich und außerhalb der Heraldik werden mit dem Fabelwesen (beziehungweise dem Schiffhalterfisch) sowohl positive wie negative Konnotationen verbunden, darunter zum Beispiel:

  • Einerseits gelten sie als Sinnbild für Stärke, für „Geduld und Hoffnung“[3] sowie für Verlangsamung/Entschleunigung. Manche Autoren erwähnen, dass der Schildhalterfisch dabei helfen kann, Geburtsschmerzen zu lindern beziehungsweise eine Geburt bis zum richtigen Zeitpunkt zurückzuhalten.
  • Andererseits sind Fabelwesen und Fisch ein Symbol für ein Hindernis, eine Verzögerung und für Stillstand sowie für Neid und Bosheit. In einem übertragenen Sinn stehen sie für diejenigen, die „neue Wege“ mit Zurechtweisungen und Verleumdungen vereiteln wollen; die durch Täuschung und Lügen versuchen, Wachstum und Fortschritt zu unterbrechen; die mit Bosheit, falschen Anschuldigungen und Verleumdungen den Leumund, den Kredit und die Ehre anderer ruinieren.
  • In der antiken Literatur wird unter anderem betont, dass das Fabelwesen für die Niederlage von Marcus AntoniusW-Logo.png in der Schlacht bei ActiumW-Logo.png und indirekt für den Tod von CaligulaW-Logo.png verantwortlich war.

Weblinks

  • Echeneis. In: The Medieval Bestiary. Internet: bestiary.ca, 16. Januar 2011, abgerufen am 2. Dezember 2021 (englisch).

Literatur

  • August Sedláček: Českomoravská heraldika, 1925, S. 446. (tschechisch)
  • Böhmische Saalbücher: Buch 12a, Seiten 317v, 318, 318v

Einzelnachweise

  1. Thomas Moule: The Heraldry of Fish. London, 1842. S. 203. (Google, englisch)
  2. Bernhard Schlegel, Carl Arvid von Klingspor: Svensk heraldik. Stockholm, 1874. S. 56 (Google)
  3. Johann Gottfried Ohnefalsch RichterW-Logo.png: Ichthyotheologie, oder: Vernunft- und Schriftmäßiger Versuch die Menschen aus Betrachtung der Fische zur Bewunderung, Ehrfurcht und Liebe ihres großen, liebreichen und allein weisen Schöpfers zu führen. Leipzig, 1754. S. 632 (Google)