Spinne (Wappentier)

Aus Heraldik-Wiki
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Time to stop 40px.png
In der Frühzeit des Wappenwesens ist eine spezielle Wappenfigur, die eigens zur Darstellung einer Spinne verwendet wird, nicht gebräuchlich.
Spinne
 
faktisch
 
in der Heraldik
(schwarz, mit roter Bewehrung; Wappen ArañuelCoat of Arms of Spain klein.png)

Die Spinne (mhd. kanker; lateinisch araneus; französisch araignée; englisch spider) ist in der Heraldik eine seltene gemeine Figur.  

Geschichte

Im Schildhaupt: Drei Spinnen (Wappen des Hauses RagninaMuster-Kreuz-inv.png)
Spinne im Wappen Macara (ExLibris von Charles Wright Macara; nach Fox-Davies, 1904)

Wann und von wem zum ersten Mal ein Wappen mit einer Spinnenfigur geführt wurde, ist unklar beziehungsweise nicht ausreichend erforscht. Insbesondere in Wappen vor dem 17. Jahrhundert erscheint eine Spinnenfigur zuweilen als einfacher redender Hinweis auf den Familiennamen des Wappenführenden. Beispielsweise führte ein Patrizier-/Adelsgeschlecht der Republik Ragusa namens Ragnina (auch Ranana, Ranane, Ragnana, Rannina, Ranina oder ähnlich genannt; ab 1500 latinisiert Aranei; kroatisch Ranjina, Raninić oder Ranenić), welches etwa ab dem 13. Jahrhundert greifbar wird, ein redendes Wappen mit drei Spinnenfiguren im Schildhaupt (das italienische Wort „Ragna“ heißt „Spinne“). Spinnenfiguren erscheinen im Vergleich mit anderen Wappentieren (Adler, Löwe et cetera) bis heute selten in Wappen. Nach dem Heraldiker Fox-Davies kommen Spinnenfiguren in den Wappen der Familien Chettle und Macara vor.[1] Bei Renesse/Rietstap werden die Familien Lang, Ragnina, und Rukoff aufgelistet.[2]

Spinnenfiguren in historischen Wappen werden teilweise nicht einheitlich gedeutet. Beispielsweise bestimmen in den Jahren 1605, 1827 bzw. 1890 die Heraldiker Johann Siebmacher, von Wölckern und von Alberti die aus einer Schildteilung wachsende Figur im Wappen Dietenheimer (auch Dietenhaimer, Dutenheimer oder ähnlich genannt), die nach einer Wappenbesserung in das Wappen derer von RehlingenW-Logo.png (Rehlinger von Horgan) aufgenommen wurde, als ‚Spinne‘ („.. das ander ober halbeheit gelb / die spinn darin und dz untertheil schwartz ..“);[3][4][5] andere heraldische Autoren wie von Retberg, Seyler und Co. nennen 1884 bzw. 1911 die gleiche Figur (wachsender) ‚Käfer‘.[6][7]

Darstellung

 
Schwarze Spinne im linken Feld (Plans d'El SióCoat of Arms of Spain klein.png)
 
1791, oben: natürliche Spinne (Wappen Lang; nach AT-OeStA/AVA Adel HAA AR 501.52)

Die (gemeine) Spinnenfigur ist dem IdealbildW-Logo.png der gleichnamigen wirklichen Tiere (WebspinnenW-Logo.png; Araneae) nachempfunden, ohne sich an eine bestimmte Spinnenart anzulehnen. Die Darstellung der Figur erfolgt in der Regel planar beziehungsweise in DraufsichtW-Logo.png als langgestrecktes, insektenähnliches Tier mit acht Beinen (im Unterschied zu anderen Insektenfiguren, die nur sechs Beine haben). Die Aufsicht ist nach den Regeln der Heraldik beziehungsweise weitgehend heraldisch stilisiert zu gestalten, jedoch stets in natürlicher Form.

Der Spinnenkopf der Figur ist in der Normalform zum oberen Schildrand gerichtet, genauso wie die vier vorderen Beine sowie zwei Kiefertaster (Pedipalpen), die vier hinteren Beine dagegen zum unteren Schildrand. Andere Stellungen der Gesamtfigur sollten in einer Wappenbeschreibung angezeigt werden (zum Beispiel „gestürzte Spinne“, wenn der Spinnenkopf zum unteren Schildrand zeigt).

Andere Ausrichtungen der Spinnenbeine (zum Beispiel zwei zum oberen, vier zum seitlichen und zwei zum unteren Schildrand) sind gemeinhin unerheblich beziehungsweise obliegen der künstlerischen Freiheit des aufreissenden Wappenkünstlers. Auch bei der Anzahl der Spinnenbeine gibt es einen künstlerischen Spielraum, solange die abweichende Anzahl der Spinnenbeine für die Ästheik eines Wappens vorteilhaft ist und die Achtzahl nicht ausdrücklich in der Wappenbeschreibung festgelegt wurde. Beispielsweise erscheint die Spinne in einem Wappenaufriss des Hamburger Bürgerkapitäns Isaac Weber nicht acht-, sondern lediglich sechsbeinig (vgl. weiter unten die Darstellung im Abschnitt → Spinne im Netz).

Die vorderen Gliedmaße eines Spinnenkopfes, die großen Kieferklauen (ChelicerenW-Logo.png) zählen im Wappenwesen zur Bewehrung der Figur. Sie können in einen anderen heraldischen Farbe als der Rest der Figur tingiert sein, was in einer Wappenbeschreibung gemeldet werden sollte (zum Beispiel erscheint im Wappen von ArañuelCoat of Arms of Spain klein.png eine „schwarze Spinne mit roter Bewehrung“).

Spinne im Netz

Spinne im Netz (Wappen von Aston WebbW-Logo.png)

In einigen Fällen erscheint in einem Wappen eine Spinne im Netz (englisch spider and web), was in der Wappenbeschreibung ausdrücklich erwähnt sein sollte (anderenfalls ist die Spinnenfigur ohne Netz zu gestalten). Beispielweise erscheint im Wappen von Aston WebbW-Logo.png eine Spinne im Netz als redender Hinweis auf den Familiennamen (‚Web[b]‘ = ‚Netz‘).

Spinne in einem Freimaurerwappen

alternative Beschreibung
18 Jhr., unten: Spinne im Wappen der Rigaer Loge „Zum Schwerdt“ (nach Johann Christoph BrotzeW-Logo.png)

Auch im Wappen der Rigaschen Freimaurerloge „Zum Schwerdt“ (Rīgas loža „Pie zobena“W-Logo.png), die 1765 von Gustav Christian von HandtwigW-Logo.png gegründet wurde, erscheint eine Spinnenfigur in einem Netz.

Tarantel

Spinnenfiguren können ein redender Hinweis auf den Namen eines Wappenführenden sein. So verweist beispielsweise die gestürzte „Tarantel-/Spinnenfigur“ im Wappen von Taranta PelignaW-Logo.png auf den Namen der Gemeinde.

Kreuzspinne

Muster: Kreuzspinne
(nach Walter Leonhard)

Ohne Nachweis einer vergangenden oder bestehenden Wappenführung zeigt Walter Leonhard in seinem Werk „Wappenkunst und Wappenkunde“ ein Wappen mit einer Kreuzspinnenfigur.[8] Eine „Kreuzspinne“ ist als Wappentier in der Früh- und Blütezeit des Wappenwesen nicht vertreten. Der Heraldik-Wiki-Redaktion ist Stand 2023 auch kein authentisches Wappen mit einer entsprechenden Figur bekannt. Unklar ist, ob Leonhard ein bestimmtes Wappen mit Kreuzpinnnenfigur im Sinn hatte - oder diese Abbildung exemplarisch auf den emblematischen Charakter von Spinnenfiguren im Wappenwesen hinweist.

Paraheraldik

Auch in der Paraheraldik ist die Spinne eine gemeine Figur. Beispielsweise führt das Haus Webber de FosafríaCoat of Arms of Spain klein.png in der Fantasy-SagaW-Logo.png Das Lied von Eis und FeuerW-Logo.png (im Englischen A Song of Ice and Fire) des amerikanischen Autors George R. R. MartinW-Logo.png ein Fabelwappen, welches in Schwarz eine rot gesprenkelte, silberne Spinne mit silbernen Spinnennetz zeigt. Ferner sind Spinnenfiguren in der Militärheraldik zu finden. Beispielsweise erscheint im Wappen der Unidad de Transmisiones del Mando de Artillería Antiaérea (UTMAAA) in Rot unter einem silbernen Pfeil eine goldene Spinne.

Symbolik

Innerhalb des Wappenwesens wird die Spinnenfigur genutzt, um auf den Namen eines Wappenführenden redend zu verweisen. Beispielsweise führen/führten Familien namens Weber eine Spinnenfigur sprechend im Wappen (‚Weber‘ ≈ ‚webende Spinne‘).

Außerhalb der Heraldik ist die Spinne nach Becker ein Symboltier „mit gegensätzlichen Bedeutungen“, nach Knaurs ein solches „mit negativer Sinndeutung“.[9][10] Zu den Sinndeutungen zählen unter anderem:

  • Volkstümliches Symboldenken: Die Spinne als das „böse“, „totbringende“ Gegenbild zur „guten“ Biene; dem Aberglauben gilt ihr Erscheinen je nach Tageszeit als Glücksankündigung (Abends) – oder als Unheilverheißung (Morgens).[9][10] Sie gilt auch „als Seelentier, in der Annahme, die Seele eines Träumers könne in Gestalt einer Spinne den offenen Mund des Schläfers verlassen und dann dorthin zurückkehren“.[10]
  • Im christlichen Symboldenken „erscheint die Spinne wegen ihres leicht zerreißbaren Netzes als Symbol des Hinfälligen, des eitlen Hoffens und des bösen Triebes“;[9] der „sündhaften Triebe, die dem Menschen das Blut aussaugen“[10]
  • Im islamischen Symboldenken gelten weiße Spinnen als „gut“, schwarze als „böse“.[9]
  • Im indischen Symboldenken gilt die Spinne „als Symbol der kosmischen Ordnung und als »Weberin« der Sinnenwelt“; gleichwie als Symbol der geistigen Selbstbefreiung und auch als Sonnensymbol (mit dem Netz als Emanation des göttlichen Geistes)[9]
  • Im altchinesischen Symboldenken gilt die Spinne als Bote für nahes Glück (etwa die Heimkehr eines »verlorenen Sohnes«)[10]

Wappenbilderordnung

  • DieSpinne wurde in die Wappenbilderordnung (WBO) des Herold (Verein) im Abschnitt Niedere Tiere (Insekten, Amphibien, Fische) und Wassersäugetiere unter der Nr. 3061 aufgenommen.

Siehe auch

Weblinks

Commons: Spinne in der Heraldik – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Literatur

Einzelnachweise

  1. Arthur Charles Fox-Davies: The art of heraldry. An Encyclopedia of armory. London und Edinburgh. 1904. S. 189. Figur 470. (Digitalisat)
    ○ Wappenbeschreibung (Chettle): „Or, three spiders azure.“
    ○ Wappenbeschreibung (ExLibris von Charles Wright McAra oder Macara, Zweig des McGregor-Clans): „Ermine in bend an eradicated oak tree Proper in bend sinister a sword Azure in sinister chief an ancient crown Gules, a chief Or, with a spider Sable, between two thistles Proper.“
  2. AnneBhD: L'Abeille, le Papillon et Autres 'Insectes'. In: La Langue du Blason. Héraldique, armoiries et blasonnement - textes et images. lalanguedublason.blogspot.com, 26. Oktober 2013, abgerufen am 20. Februar 2023 (französisch).
  3. Johann Siebmacher: New Wapenbuch: Darinnen deß H. Röm. Reichs Teutscher Nation hoher Potentaten Fürsten, Herren, und Adelspersonen auch anderer Ständt und Stätte Wapen ... beneben ihrer Schilt und Helmkleinoten. Nürnberg, 1605. S. 207. (Augspurgische Adeliche Patricij. Die Rehlinger; urn:nbn:de:urmel-876d0c57-c5dd-4e46-bc18-de4db6c45eaa3-00006345-3139)
  4. Martin Carl Wilhelm von Wölckern: Beschreibungen aller Wappen der fürstlichen, gräflichen, freiherrlichen und adelichen jetztlebenden Familien im Königreich Baiern; nach heraldischen Regeln entworfen. Band 3. Nürnberg, 1827. S. 236. (Google)
  5. Otto von Alberti: Württembergisches Adels- und Wappenbuch, 3. Heft: „Cachedenier – Feierabend“. Stuttgart, 1890. S. 130. (commons:File:Alberti Wappenbuch H03 S 0130.jpg)
  6. Ralf von Retberg: Die Geschichte der deutschen Wappenbilder. Aus Ralf von Retbergs Nachlasse. 1884. Posthum in: Jahrbuch der k.k. heraldischen Gesellschaft Adler zu Wien. XIII./XIV. Jahrgang. Wien 1886/1887. Seite 20.
  7. Gustav Adelbert Seyler: J. Siebmacher's grosses und allgemeines Wappenbuch, VI. Band, 2. Abteilung; Abgestorbener Württemberger Adel; Publikation: Nürnberg: Bauer & Raspe, 1911. S. 39. Tafel. 31.
  8. Walter Leonhard: Das grosse Buch der Wappenkunst. Entwicklung, Elemente, Bildmotive, Gestaltung. Callway, München 1978, ISBN 3-8289-0768-7, S. 238. Abbildung 26. (Genehmigte Lizenzausgabe für Weltbild Verlag GmbH: Bechtermünz, Augsburg 2000).
  9. 9,0 9,1 9,2 9,3 9,4 Udo Becker: Lexikon der Symbole. Komet MA-Service und Verlagsgesellschaft mbH, Frechen 2001, ISBN 3-89836-206-X, S. 283.
  10. 10,0 10,1 10,2 10,3 10,4 Lexikon der Symbole: Spinne. Knaurs Lexikon der Symbole- 1989/1994/1998. S. 1037. (vgl. LdS, S. 415).