Dolce (Wappentier)

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1550-1555: Dolcefigur (im Familienwappen Dolze, nach BSB-Hss Cod.icon. 272)
Dolcefigur im Siegel der Giovanni Vincenzo Dolce (1482–1555); Abbildung von 1900
1682: Wappen Dolce (nach FreschotMuster-Kreuz-inv.png)

Dolce (auch dolze, dolse, golpe oder ähnlich genannt; von italienisch la dolce ‚die Süße‘) ist ein Fachausdruck der italienischen Heraldik (ohne Entsprechung in anderen Sprachen), der für eine gemeine Figur beziehungsweise ein Wappentier steht. Es wird gewöhnlich den „Un­ge­heu­er-/Fabel­wesen­figuren“ zugerechnet. Die Figur wurde im Laufe der Jahrhunderte nicht einheitlich aufgerissen. Dementsprechend gibt es keine konsistenten heraldischen Regeln für ihre Gestaltung.

Darstellung und Geschichte

Den Ausdruck „Dolce“ verwenden Autoren vorwiegend im Zusammenhang mit Wappenfiguren venezianischer Familien namens Balbi, Dolce, Ghirardo, Grego, Gruaro, Guoro, Loredan, Mosto, Morosini, Padoan, Pisani, Sanudo, Trevisan, Zane, Zen oder ähnlich.[1] Soweit überhaupt originäre Wappen/Siegel dieser Familien vorliegen, stimmt nach dem Heraldiker Alfred Anthony von Siegenfeld die Darstellung der Dolcefigur im 13. Jahrhundert bis auf Marginalien noch mit der heraldischen Pantherfigur überein, wie sie im deutschsprachig geprägten Kulturraum im gleichen Zeitraum gebräuchlich war.[2] Erst etwa ab dem 14. Jahrhundert scheint in Italien der Name „Panther“ für die Wappenfigur „und damit auch jedes Bewusstsein vom Zusammenhang mit dessen Urbild“ sukzessive verloren zu gehen.[2] Das Motiv wird von Aufriss zu Aufriss in Unkenntnis des Panther-Urbildes umgestaltet. Insbesondere in Norditalien entwirft man merkwürdige „Klone“ der Pantherfigur, also Nachbildungen des Originals, die noch ein paar Panthermerkmale besitzen, insgesamt aber anders aussehen. Bei dürftiger Quellenlage finden sich in der späteren Literatur spekulative und unsichere Ansichten (teilweise mit divergierenden Standpunkten) darüber, was die Figur „Dolce“ darstellt und welche Merkmale für sie charakteristisch sind. Im 18. Jahrhundert stellt Johann Christoph WagenseilW-Logo.png ernüchtert fest:

„Was das Wort Dolce, als ein Substantivum gebraucht, welche öfters in Blasonierung der Venetianischen Wappen - doch aber nicht allemal gleich gestaltet -- fürkommet vor ein Thier bedeute, ist weilen gar kein Italienisches Lexikon, so man zu Handen bringen können (..) nicht leicht zu sagen (..)“

Dolce versus Fuchs

Einige Autoren verweisen auf die Gemeinsamkeiten der Dolcefigur mit einer „Fuchsfigur“. Beispielsweise bezeichnet Casimir FreschotMuster-Kreuz-inv.png im Jahre 1682 die Dolcefigur als „fuchsähnliches Tier“ („..questa è una spetie d'animale simile alla volpe“; deutsch: ‚..das ist ein Tier, das dem Fuchs ähnlich ist‘)[4] Und Wagenseil zitiert im Jahre 1724 einen „Gelehrten“, der die Dolcefigur als „zahmen Fuchs“ deutet („.. und ein Gelehrter Italiener zu Padua, welchen ich hierüber zu Rath gefragt, machet in seinem Antwort-Schreiben einen im Hause erzogenen zahmen Fuchsen daraus“)[3].

Dolce als Fuchshase

Allerdings teilt Wagenseil die Meinung des Gelehrten nicht. Für Wagenseil ist die Dolcefigur ein Mischwesen aus Fuchs und Hase, welchem er den Namen „Fuchshase“ verpasst:

„(..) Allein, die Abbildung kommet, sonderlich der Ohren halben, mit diesen Beschreibungen (gemeint sind die Fuchsbeschreibungen - Anmerkung der Redaktion) nicht überein, und stellet ein aus dem Fuchsen und Haasen vermischtes Thier dar. Solcher Ursach willen, könte man irgend, Dolce, einen Fuchs-Haasen, nach der Art, wie man sonst, ein dem Pferd und auch Esel ähnliches Thier einen Maul-Esel nennet, teutschen.“

Siegenfeld bezieht sich im Jahre 1900 vermutlich auf die „Fuchshasen“-Deutung, als er in ironischer Anspielung auf den Eigennamen einen Vergleich der Dolcefigur mit dem Wappentier Hase anstrengt („jenes einem hochbeinigen langschwänzigen Hasen gleichende Tier, das meist auch seinem Äußeren nach die Bezeichnung »la dolce« rechtfertigt“)[2].

Dolce gleich Panthier

Abgesehen von diesem eher unernst gemeinten Vergleich, greift Siegenfeld eine These Rosenfelds aus dem Jahre 1873 auf, dass der Dolce „ein venez. Wappenthier, ähnlich dem Panther“ sei („Panther - Dolce in venetianischer Heraldik genannt“)[5], die vor ihm auch Maximilian Gritzner für plausibel hielt („Dolce (frz., it.): Springendes Tier, ähnlich dem Panther oder Fuchs, lediglich in italienischen Wappen vorkommend.“)[6]. In der Entwicklungsgeschichte des heraldischen Panthers führt Siegenfeld ausführlich und hinreichend schlüssig aus, dass die Dolcefigur nicht von der Pantherfigur zu trennen ist. Das Fazit seiner Forschung lautet:

„Der heraldische Panther ist im Laufe der Jahrhunderte unter dem umgestaltenden Einflusse der Physiologus-Auslegungen aus dem gefleckten Panther der Naturgeschichte (Felis pardus, panthera etc.) hervorgegangen und seinem Ursprunge nach vom Leopard und Pardel der mordernen Heraldik sowie von der italienischen Dolce nicht zu trennen. Wir haben in diesen heraldischen Figuren nur zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Ländern wappenmäßig gewordene, doch der jeweiligen Naturerkenntnis ensprechende Darstellungen einer und derselben Thierspecies vor uns.“

Nach Siegenfeld ergibt sich folgender Stammbaum (von der Heraldik-Wiki-Redaktion um neuere Leopardenfiguren erweitert):

Stammbaum der Leopardenfiguren


 
 
Panther, Leopard (und andere wie Gepard ..) in der Natur
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Schneeleopard
Snow Leopard in Hemis National Park.jpg
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Panther des PhysiologusW-Logo.png
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Lion waiting in Namibia.jpg
in westeuropäischer Darstellung
Fabelwesen aus „Löwe“ + Panther
 
in südostdeutscher Darstellung
„Fabeltier“
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Wappen Eberhardzell.svg
Heraldischer Leo-Pard
(in Westeuropa seit dem 11. Jhr.)
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Siebmacher Panther 02.jpg
Heraldischer Panther
(in Südostdeutschland seit dem 12. Jhr.)
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Coat of arms family it Dolce.jpg
Dolce
(in Italien seit dem 14. Jhr.)
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Wappen Flecken Barenburg.JPG
Natürlicher Leopard
(„heraldischer Pardel“; seit dem 15. Jhr.)
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Muster-Panther-natürlich.png
Natürlicher Panther
(neuere Heraldik)
 
Coat of arms of Almaty.svg
Schnee­leo­pard
(neuere Heraldik)

Nach Georg Scheibelreiter ist der Dolce eine „Sonderform des heraldischen Panthers“.[7] Dieser an sich stimmigen Deutung fügt er 2006 und 2014 Merkmale bei, die in ihrer Verallgemeinerung nicht ernsthaft zur Bestimmung der Dolcefigur in Betracht gezogen werden können. Beispielsweise behauptet er, dass eine Dolcefigur „auf alle Fälle Hufe an den Hinterfüßen“ besitzen würde, was nachweislich in zahllosen Aufrissen nicht der Fall ist; weiter führt er aus, die Figur „ein ganz kurzes, zum Rücken gebogenes Ziegenschwänzchen“ besitzt beziehungsweise „ein zum Rücken gebogenen Stummelschwänzchen“ hat[8], was wohl hier und da mal vorkommt, aber keinesfalls die Regel ist. Grundsätzlich erscheinen die Dolcefiguren nicht mit einer einheitlichen Schwanzform, sondern mal so, mal anders. Eine konsistente heraldische Regel für die eine „normale“ Dolceschwanzform ist nicht erkennbar beziehungsweise unnütz. Außerdem wiederholt Scheibelreiter die abwegige Deutung früherer Autoren, dass der Dolce durch einen „hasenartigen Kopf“ ausgezeichnet sei.[8]

Dolce versus Löwe

Wegen evidenter Gestaltungsunterschiede ist spätestens ab dem 15. Jahrhundert ein Vergleich der speziellen Dolcefiguren mit heraldischen Löwenfiguren nicht angemessen. Trotzdem bringen einige Heraldiker und andere die Gleichsetzung der beiden Figuren bis ins 21. Jahrhundert zur Sprache (vermutlich, weil in dem einen oder anderen Aufriss eines Wappens mit einer angestammten Dolcefigur eine Löwenfigur zu sehen ist). Beispielsweise entfaltet Emmanuel de Boos noch 2001 folgendes Narrativ:

„dolce (mot italien sans équivalent dans le autres langues). Animal chimérique représenté comme un lion rampant, au corps gracile, sans criniére, pourvu d'un museau allongé et de grandes oreilles. Son usage se limite á la Vénétie et la côte dalmate (..)“

„dolce (italienisches Wort ohne Entsprechung in anderen Sprachen). Ein chimärisches Tier, das als aufrechter Löwe dargestellt wird, mit einem schlanken Körper, ohne Mähne, einer verlängerten Schnauze und großen Ohren. Seine Verwendung ist auf Venetien und die dalmatinische Küste beschränkt (..)“

Die Autoren der italienischen Wikipedia kolportieren 2021 unkritisch, dass die Dolcefigur einen „Löwenkörper“ besitzt (und keiner Fuchsart nachempfunden ist).

„Dolce (..) ist ein Begriff, der in der Heraldik verwendet wird, um ein Wappentier zu bezeichnen, das in den venezianischen und dalmatinischen Wappen vorkommt. Es ist ein aufrechtes (steigendes) Tier mit einem Löwenkörper ohne Mähne und einem langem Hals, spitzer Schnauze und Ohren, manchmal gehörnt und Flammen blasend; sein Schwanz ist meist ähnlich wie bei heraldischen Drachenfiguren verzweigt. Einige Autoren (gemeint ist der Autor Antonio Manno - Anmerkung der Redaktion)[10] bezeichnen (die Figur) fälschlicherweise als eine Fuchsart.“

DolceMuster-Kreuz-inv.png, italienische Wikipedia (2021)
(von der Heraldik-Wiki-Redaktion frei übersetzt)
[11]

Einzelnachweise

  1. Christoph Martin WielandW-Logo.png (Hrsg.): Der Neue teutscher MerkurW-Logo.png. Wiemar, 1792. S. 327 f. (Google)
  2. 2,0 2,1 2,2 2,3 Alfred Anthony von Siegenfeld: Das Landeswappen der Steiermark - (Entstehung der Landeswappen, Entwicklungsgeschichte des heraldischen Panthers und Geschichte des Wappens der Steiermark im Rahmen der bajuwarisch-carantanischen Panthergruppe). Graz, 1900. S. 121, 128 ff. (Digitalisat UB Graz)
  3. 3,0 3,1 3,2 Johann Christoph WagenseilW-Logo.png: Der Adriatische Löw. Altdorf, 1724. S. 14, 55, 75, 125, 174 (Google)
  4. Casimir FreschotMuster-Kreuz-inv.png: Li pregi della nobiltà veneta abbozzati in vn givoco d'arme di tutte le Famiglie. Presentato al serenissimo principe, et eccellentiss. senato da D. Casimiro Freschot B. Venezia, 1682. S. 299, 305 (Google)
  5. J. Siebmacher's grosses und allgemeines Wappenbuch, IV. Band, 3. Abteilung; Der Adel des Königreichs Dalmatien; Verfasser: F. Heyer von Rosenfeld; Publikation: Nürnberg: Bauer & Raspe, 1873. S. 1 unter „de Balbi“ und S. 91 unter „Zen“.
  6. J. Siebmacher's grosses und allgemeines Wappenbuch, Einleitungsband, Abteilung B: Grundsätze der Wappenkunst verbunden mit einem Handbuch der heraldischen Terminologie (Maximilian Gritzner). Nürnberg: Bauer & Raspe, 1889/1890. S. 226. Reprint on Demand. Universtitäts- und Landesbibliothek Tirol. 2009. ISBN 3-226-00671-1.
  7. Scheibelreiter, Georg: Heraldik. Oldenbourg Verlag. 2006. ISBN 3-70290-479-4. Seite 66.
    Zitat: „Eine Sonderform des heraldischen Panthers ist der so genannte Dolce in Friaul und Venetien, der auf alle Fälle Hufe an den Hinterfüßen und ein ganz kurzes, zum Rücken gebogenes Ziegenschwänzchen besitzt. Als Wappentier kommt dieses Fabelwesen vorwiegend im Ostalpenraum vor, seltener in der Schweiz und in Süddeutschland.“
  8. 8,0 8,1 Georg Scheibelreiter: Wappen im Mittelalter. Primus Verlag; Imprint der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft [WBG], Darmstadt 2014, ISBN 978-3-86312-025-2, S. 94.
  9. Emmanuel de Boos: Dictionnaire du blason. Paris 2001, ISBN 2-86377-170-1, S. 66 (französisch, Figur 629).
  10. „Dolce. Animale araldico, che trovasi nelle arme venete e dalmate. Specie di volpe, detta anche golpe, rampante e, talora soffiante fiamme.“

    „Dolce. Wappentier, das im venezianischen und dalmatinischen Wappen vorkommt. Fuchsart, auch golpe genannt, aufrecht und manchmal Flammen schlagend.“

    Antonio Manno: Vocabolario araldico ufficiale. Roma, Civelli, 1907. S. 29
  11. DolceMuster-Kreuz-inv.png. (23 November 2020). Wikipedia, L'enciclopedia libera. Tratto il 9 April 2021, 00:18 da //it.wikipedia.org/w/index.php?title=Dolce_(araldica)&oldid=116864903.