Stirnbinde (Heraldik)

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Die Stirnbinde (auch Kopfbinde, Hauptbinde, Haarbinde, kurz Binde sowie ungenau Stirnband oder ähnlich genannt; frz.: bandeau; engl.: headband) ist im Wappenwesen eine gemeine Figur.

Darstellung

Stirnbinde
(Wappen Nałęcz im Laufe der Jahrhunderte)
Das Wappen Nałęcz von Kazimierz Raczyński in Posen
ca. 1425-1466
(zweite Zeile, vierte Spalte; aus Armorial équestre de la Toison d'or, MS4790 Bibliothèque de L'Arsenal, Paris)
ca. 1372
(erste Zeile, vierte Spalte;
aus Armorial Bellenville)
15. Jhr.
(erstes Wappen; aus Armorial Lyncenich/Gymnich, Folio 106)
Vor 1535
(Bischof Dobrogost z Nowego Dworu)
15. Jhr.
(erste Zeile, dritte Spalte; aus Codex Bergshammar)
1370 und 1414
(dritte Zeile, vierte Spalte; aus Armorial Gelre, Folio 53v)
1926 (Reprint; Original aus Stemmata Polonica, welches nach Helena Polaczkówna teilweise eine Kopie einer frühen Arbeit von Jan DługoszW-Logo.png [1415-1480] ist)
1578
Wappen nach Bartosz Paprocki, veröffentlicht in „Gniazdo cnoty ..“
1584
Wappen nach Bartosz Paprocki, veröffentlicht in „Herbów rycerstwa ..“
1597
aus Kronika polska von Marcin BielskiW-Logo.png
1685
(Reprint aus dem Jahre 1905; aus Nomenclator von Wojciecha Wijuka Kojałowicza
1652
(aus Orbis Polonus von Simon Okolski/Szymona Okolskiego)
1705
(verschiedene Versionen; aus Herby polskie .. von Antoni Swach)
1839-1845
(aus Herbarz polski Kasper Niesiecki)
1855
(aus Heraldyce rosyjskiej von Alexander LakierW-Logo en.png)
1889
(aus „Księgi herbowej rodów polskich” von Julisz hr. Ostrowski)
ca. 1661
(Wappen auf dem Grabstein von Stanislaw Sławno an der Kathedrale von Gniezno)
Wappen mit Stirnbinde in der unteren rechten Ecke der Kuppel der Kirche in Sierakow
Stirnbinde an der Fassade des Raczyński-Familienpalasts
Wappen der Haller von Hallerstein, gemalt von Albrecht Dürer: Mohrin als Helmzier, mit Stirnbinde

Die vermutlich älteste Darstellung der Wappenfigur Stirnbinde findet sich auf einem Siegel aus dem Jahre 1293 im Wappen der polnischen Wappengemeinschaft NałęczW-Logo.png. Die Figur im Wappen Nałęcz wird im Laufe der Jahrhunderte nicht einheitlich aufgerissen. Zwei Grundformen lassen sich unterscheiden: Eine kreisförmig gelegte (glatte, geknitterte oder wulstartig gewundene) „[Stirn-]Binde“, unten mit

  • lose kreuzweise übereinander gelegten Enden
  • einem Knoten, die Enden nach beiden Seiten kreuzweise herunterhängend.

Welchem realen Objekt die Figur nachempfunden ist, ist unklar. In diesem Zusammenhang gibt es zahlreiche Spekulationen. In der Literatur wird im Laufe der Jahrhunderte das Motiv als verdrehtes Seil zum Binden von Geitreidegarben, als Kopftuch, Schal, Turban, Helmwulst, Schapel, Hulle, Schärpe/Feldbinde, Tauftuch, Kopfverband und vieles mehr interpretiert. Die Vermutung, dass es sich bei dem Wappenmotiv um ein altes germanisches Runenzeichen handelt (Othala-RuneW-Logo.png, ᛟ), konnte nicht bewiesen werden und gilt seit der Diskussion Otto Hupp versus Bernhard KoernerW-Logo.png im frühen 20 Jahrhundert als widerlegt.[1] Einige Quellen weisen darauf hin, dass der alte polnische Name für ein Kopftuch „Nałęczka“ ist und die Wappenfigur im Wappen „Nałęcz“ womöglich darauf referenziert (redendes Wappen).

Stirnbinde als Nebenfigur

Die Stirnbinde ist im Wappenwesen als Nebenfigur oder als hervorgehobenes Attribut einer Hauptfigur gebräuchlich. Beispielsweise erscheint das Motiv als eine um einen (meist menschlichen) Kopf getragene, eng anliegendes Binde, das vorne quer über der Stirn sowie rechts und links oberhalb der Ohren liegt oder sie ganz oder teilweise bedeckt, wobei an der Rückseite des Kopfes die Bindenenden kurz oder lang abflattern. Stets ist zu melden, in welcher Form die Binde erscheint:

„Zu melden ist (wenn eine Figur eine -- Anmerkung der Redaktion) Kopf-(Stirn)binde (Tafel XIV. Figur 5.) trägt, ferner von letzterer, ob sie wulstartig gewunden, wie in Tafel XIV. Figur 12. oder glatt anliegend geformt, kurze oder lange Enden hat.“

Siebmacher/Gritzner (1889)[2]

Köpfe, die eine Stirnbinde tragen, erscheinen in der Heraldik oft in Schwarz (Mohr oder Mohrin), aber auch in allen anderen heraldischen Farben sowie in Naturfarbe. Stirnbinden werden oft in Gold oder Silber dargestellt, können aber auch in einer anderen oder -- bei wulstartigen Stirnbinden -- in zwei Tinkturen erscheinen.

Stirnbinde (Derivate Wappen Nałęcz)

Stirnbinde
(Derivate des Wappen Nałęcz)
Wappen Wodzierady
Wappen Jaworowa
Wappen Nałęczowa
Wappen Nowego Dworu Mazowieckiego
Wappen Pniew
Wappen Szubina
Wappen Czarnków
Wappen Dąbrowa
Wappen Dobra
Wappen Drużbice
Wappen Fabianki
Wappen Głowaczów
Wappen Jeziorzany
Wappen Kamionnej
Wappen Kurów
Wappen Lniano
Wappen Łoniów
Wappen Milejów
Wappen Moszczenica
Wappen Niedrzwica Duża
Wappen Rokietnic]
Wappen Rypin
Wappen Sitno
Wappen Skarżysko Kościelne
Wappen Sosnowica
Wappen Stanin
Wappen Powiat czarnkowsko-trzcianeckiego
Wappen Powiat nowodworskiego
Wappen Powiat szamotulskiego

Die Stirnbinde aus dem Wappen Nałęcz wurde in viele andere Wappen übernommen.

Stirnbinde im Wappen Korsikas

„Das korsische Wappen zeigt einen Mohrenkopf mit krausem Haar und weißem Stirnband. Dieses Wappen ist eigentlich ein Freiheitssymbol der Korsen, allerdings ist nicht sicher, wer dargestellt ist. Es gibt zahlreiche Legenden um die Entstehung und Bedeutung des Symbols.“[3]

Stirnbinde im Wappen Sardiniens

Die Insel Sardinien führte ab dem 14. Jahrhundert vier Maurenköpfe in der Fahne. Diese erhielten etwa ab dem 17. Jahrhundert eine Stirnbinde. „Beschreibung: In Silber wird ein durchgehendes rotes Kreuz von nach links gewandten Maurenköpfen mit silbernem Haarband bewinkelt. Die Flagge geht angeblich auf Peter I. von Aragon zurück, um an seinen Sieg in der Schlacht bei Alcoraz während der Reconquista zu erinnern.“[4][5].

Abgrenzung

Mann- und Frauenkopf mit Schapel (aus Codex Manesse)

Von der Nebenfigur Stirnbinde sind vergleichbare Motive wie Stirnband, Stirnkette, Stirnreif oder ähnlich nur schwer oder gar nicht abzugrenzen. Vermutlich lehnen sich viele (reifen- oder bandförmigen) Kopfschmuckformen an das SchapelW-Logo.png an (auch Schäppel, chapel, Schappil, Schappelin genannt), das im 12. Jahrhundert aufkommt und fester Bestandteil der Minnekultur ist (von Männern und Frauen gleichermaßen getragen). Gewöhnlich erscheinen diese Kopfschmuck-Figuren im Wappenwesen schmaler und zierlicher als eine Stirnbinde:

„Stirnband, 1) zierliches Band, welches Frauenzimmer vor die Stirn binden, ebenso Stirnbinde, Stirnkette (..)“

Pierer's Universal-Lexikon (1863)[6]

Wappenbilderordnung

  • Die Stirnbinde wurde in die Wappenbilderordnung (WBO) des Herold (Verein) im Abschnitt Gegenstände der Bekleidung sowie Schmuck unter der Nr. 9719 als gemeine Figur aufgenommen (zusammen mit den Motiven Helmwulst, Feldbinde und Schärpe)[7].
  • Der Ausdruck mit Stirnbinde wurde in die Wappenbilderordnung (WBO) des Herold (Verein) im Abschnitt Beziehung von Haupr- und Nebenfigur unter der Nr. -549 aufgenommen.

Einzelnachweise

  1. Vgl.:
    Hupp, Otto: Wider die Schwarmgeister. 3 Teile. 1918/1919
    Hupp, Otto: Runen und Hakenkreuz. München, M. Kellerers Verlag. 1921
    Hupp, Otto: Halali! München. M. Kellerers Verlag. 1923
  2. J. Siebmacher's grosses und allgemeines Wappenbuch, Einleitungsband, Abteilung B: Grundsätze der Wappenkunst verbunden mit einem Handbuch der heraldischen Terminologie (Maximilian Gritzner). Nürnberg: Bauer & Raspe, 1889. S. 77
  3. Seite „Korsika“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 7. Oktober 2015, 13:10 UTC. URL: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Korsika&oldid=146771915 (Abgerufen: 24. Oktober 2015, 17:27 UTC)
  4. Seite „Sardinien“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 23. September 2015, 11:40 UTC. URL: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Sardinien&oldid=146324862 (Abgerufen: 24. Oktober 2015, 17:31 UTC)
  5. Andreas Stieglitz: Sardinien. DuMont Reiseverlag, 2012, ISBN 978-3-77017-267-2, S. 44.
  6. Pierer's Universal-Lexikon. Band 16. Altenburg 1863, S. 841.
  7. Wappenbilderordnung. Symbolorum armorialium ordo, hrsg. vom Herold - Verein für Heraldik, Genealogie und verwandte Wissenschaften zu Berlin. Bearb. von Jürgen Arndt und Werner Seeger, 2 Bde, 2. ergänzte u. berichtigte Aufl., Neustadt a. d. Aisch 1990-1996 (kurz: WBO). Bd. 1.: Wappenbilder; Bd. 2: General-Index.
    Editorische Notiz: Zugleich Neubearbeitung des Handbuchs der heraldischen Terminologie von Maximilian Gritzner (Einleitungsband, Abt. B des Neuen Siebmacherschen Wappenbuches, Nürnberg, 1890).