Ärmel (Heraldik)

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zwischen 1200 und 1400, links: roter Hängeärmel (heraldisches Gurtzeuggehänge in Wappenschildform)

Der Ausdruck Ärmel (auch Hängeärmel, Beutelärmel[1][2], Buchbeutel[3][4], „altertümlich geschnittener Ärmel“, Eselsohr-, Trichter-, Trompeten-, Flügelärmel oder ähnlich genannt; mhd.: ermel; ahd.: armilo = „Armring“, „Armfessel“; mlat.: manica; frz.: manche mal taillée; engl.: maunch, [hanging] sleeve) ist im Wappenwesen eine gemeine Figur, die in unterschiedlichen Ausprägungen in Wappen erscheint.

Darstellung

Complete Guide to Heraldry Fig539 col.png
Ärmelfigur
(1909; Klei­dungs­teil, ohne Arm oder Hand; nach Fox-Davies)
Siebmacher Bekleideter Arm schwebend.jpg
→ Armfigur
(1889; bekleideter Arm, keine Ärmelfigur; nach Siebmacher)
Gempen-blason.png
→ Handfigur
(zum Schwur erhobene Hand in einem Ärmel)


Eine Ärmelfigur erscheint stets als „leeres“ Kleidungsteil, das heißt ohne bedeckenden Arm und ohne aus dem Ärmelloch hervorkommende Hand (bzw. ohne Pfote, Tatze, Pranke, Fuß, Kralle etc.); wird ein Ärmel mit Arm/Hand dargestellt, ist die Figur als eine → Armfigur aufzufassen und sollte entsprechend in der Wappenbeschreibung (Blason) gemeldet werden (oder, wenn der Fall gegeben ist, als → Hand­figur beziehungsweise als eine andere Figur mit Ärmel).

Minnekleinod

Kunstvoll mit Gold-, Perlen-, Edelsteinstickereien und Bortenschmuck verzierte, teilweise gezaddelte, also bogen-, zacken- oder zinnenförmig ausgeschnitte Wechselärmel dienten als modisches Statussymbol und Minnepfand[5] und fanden spätestens um 1200 Eingang ins Siegel-/Wappenwesen. Belegbar ist der Gebrauch von „Frauenärmeln“, die die Damen einem Ritter ihrer Wahl zum Beispiel zur Befestigung an ihrem Schild überließen und nach einem Kampf zurückerhielten[6]:

„Um 1200 ist der Frauen-Aermel ein sehr beliebtes Minnekleinod.“

Gustav Adelbert Seyler (1885-1890)[7]

„Diese als Schmuck getragenen Hängeärmel wurden als separate Teile gefertigt und am Übergewand der Damen angenestelt. In der höfischen Literatur werden sie erwähnt, sie stellten - da gut abnehmbar - bei Turnieren ein Pfand der Zuneigung dar. Man konnte sie also abnesteln, ohne den Arm zu entblößen, denn darunter war ja noch der Ärmel der Cotte. Diese Rolle, die der Ärmel bei höfischen Turnieren spielte, erklärt auch seinen Eingang in die Heraldik (..)“

Bernhard Peter (2010)[8]

Ärmelformen

Europäische Kostüm- und Ärmelmode
(zwischen 700 und 1500)
Vereinigtes KonigreichVereinigtes Königreich Großbritannien 700 bis 1200
Vereinigtes KonigreichVereinigtes Königreich Großbritannien 1300 bis 1500
DeutschlandDeutschland Deutschland 1400 bis 1450
DeutschlandDeutschland Deutschland 1450 bis 1470
DeutschlandDeutschland Deutschland 1450 bis 1500
DeutschlandDeutschland Deutschland um 1500
FrankreichFrankreich Frankreich 900 bis 1400
FrankreichFrankreich Frankeich 1350-1375
FrankreichFrankreich Frankreich und BurgundBurgund Burgund 1430 bis 1500
FrankreichFrankreich Frankreich Ende des 14. Jahrhundert
FrankreichFrankreich Frankreich 15. Jahrhundert
FrankreichFrankreich Frankreich 15. Jahrhundert
BurgundBurgund Burgund 1450 bis 1490
FrankreichFrankreich Frankreich 1485-1510
SpanienSpanien Spanien 1270 bis 1400
SpanienSpanien Spanien 13. Jahrhundert
SpanienSpanien Spanien 1300 bis 1500
ItalienItalien Italien 1200 bis 1400
ItalienItalien Italien 1200 bis 1400
ItalienItalien Italien 1350 bis 1450
ItalienItalien Italien um 1425
ItalienItalien Italien 1425 bis 1500
ItalienItalien Italien 1450 bis 1500
ItalienItalien Italien 14. Jahrhundert
ItalienItalien Italien 14. Jahrhundert
ItalienItalien Italien 15. Jahrhundert
2017; Muster: Trichterförmiger Ärmel mit Hermelinaufschlag

Die Figur Ärmel ist dem gleichnamigen Minnekleinod beziehungsweise in einem weiten Sinn einem traditionellen, überlangen, weiten Kleidungsteil aus dem Hoch- bis Spätmittelalter nachempfunden, das zirka zwischen dem 12. und 15. Jahrhundert entweder als unwechselbarer modischer Bestandteil oder als anzunestelnde beziehungsweise knöpfbare Armwechselkleidung an typisch-traditionellen Kleidern (SurcotW-Logo.png, BliautW-Logo en.png, HouppelandeW-Logo en.png) gebräuchlich war. Ärmelfiguren sind durch die heraldische Stilisierung manchmal kaum als Ärmel erkennbar. Sie werden im Wappenwesen nicht einheitlich dargestellt und ihre Gestaltung ist abhängig von Zeitgeist und lokalem Stil-/Mode-/Kostümbezug (beispielsweise erscheinen Ärmelfiguren in der anglonormannischen Wappenkultur mitunter anders als im Heiligen Römischen Reich).

„In der Heraldik begegnen uns die Ärmel in verschiedenen Formen, beutelförmig mit seitlichem Loch, welches ornamental eingefaßt sein kann, trichterförmig und bei angewinkeltem Arm zusammengeschoben oder gar mit vom Handgelenk herabfallendem Beutel. Die exakte Form des Motivs ist eine Frage der Zeit der Darstellung (..)“

Bernhard Peter (2010)[8]

Es gibt „Ärmel mit sackartigen Anhängsel“ sowie mal mehr, mal minder faltenreiche

„trichterartig weite Ärmeln, lange, röhrenförmige Hängeärmel mit seitlichem, entweder durchgehendem oder nicht durchgehendem Schlitz zum Austritt der Arme, unten offene oder sackartig geschlossene Hängeärmel, Eselsohrärmel, bei denen der Arm sich frei bewegen konnte, die Rückseite aber zungenförmig verlängert war (..)“

Bernhard Peter (2010)[8]

Farbkombination

In frühen anglofranzösischen Wappenrollen (Caerlaverock Wappenrolle, um 1270; Dering Roll, zwischen 1270 und 1280; Armorial le Breton, zwischen 1292 und 1530 und anderen) sind Ärmel und die heraldische Tinktur des Schildes/Feldes in vielfältiger Weise miteinander kombiniert. Beispielsweise erscheint im Wappen Hastings ein roter Hängeärmel auf goldenem Grund oder ein schwarzer auf silbernem, im Wappen de Tony ein roter auf silbernem, im Wappen de la Mare ein silberner auf rotem, im Wappen Reynaud de Moun ein Hermelinhängeärmel im roten Feld und im Wappen Paynel/Paignel ein goldener im grünem.

Wappenbilderordnung

  • Die Figur Ärmel, altertümlich geschnitten wurde in die Wappenbilderordnung (WBO) des Herold (Verein) im Abschnitt Gegenstände der Bekleidung sowie Schmuck unter der Nr. 9726 aufgenommen.

Literatur

Einzelnachweise

  1. Gert Oswald: Lexikon der Heraldik. Bibliographisches Institut, Mannheim, Wien, Zürich 1984, ISBN 3-411-02149-7, S. 63 (Digitalisat [abgerufen am 29. Februar 2020]).
  2. Donald Lindsay Galbreath, Léon Jéquier: Handbuch der Heraldik. Battenberg Verlag, Weltbild Verlag, Augsburg 1990, ISBN 3-89441-259-3, S. 136, 167 (französisch: Manuel du Blason. Lausanne, Lyon 1942. Übersetzt von Ottfried Neubecker).
  3. Georg Scheibelreiter: Heraldik. Oldenbourg Verlag, Wien 2006, ISBN 3-7029-0479-4, S. 82.
  4. Neubecker, Ottfried: Heraldik. Wappen - ihr Ursprung, Sinn und Wert. Battenberg Verlag im Weltbild Verlag, Augsburg 1990, ISBN 3-89441-275-5, S. 136–137 (© EMD-Service für Verleger. Luzern, Schweiz 1990. Deutsche Ausgabe: Genehmigte Lizenausgabe. Titel der amerikanischen Ausgabe: Heraldry. Sources, Symbols and Meaning.).
  5. Brüggen, Elke: Kleidung und Mode in der höfischen Epik des 12. und 13. Jahrhunderts. Heidelberg. 1986/1987. (1989. Beihefte zum Euphorion. 23.) S. 132
  6. ermel. In: Mittelhochdeutsches Wörterbuch Online (MWB Online). Internet: mhdwb-online.de. Abgerufen: 04. September 2017
  7. Seyler, Gustav Adelbert: Geschichte der Heraldik. Wappenwesen, Wappenkunst, Wappenwissenschaft. In: J. Siebmachers großes Wappenbuch. Band A. Repgrografischer Nachdruck der Ausgabe Nürnberg 1885-1889 (1890). Neustadt an der Aisch. 1970. S. 143
  8. 8,0 8,1 8,2 Show-handle-HW.png Bernhard Peter: Besondere Motive: Der Frauenarm mit Hängeärmel. Internet. Erstellt: 2010. Abgerufen: 20. Dezember 2017

Weblinks

 Commons: Ärmel in der Heraldik – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Show-handle-HW.png Bernhard Peter: Besondere Motive: Der Frauenarm mit Hängeärmel