Muschel (Wappentier)

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1335-1345: Drei Muscheln 2:1 im Wappen derer von Buwenburg (nach Züricher Wappenrolle; Aufriss Runge von 1866)
1250-1350: Sparren zwischen drei Muscheln (Wappensiegel der Margaret de Hoyland)
zwischen 1450-1580: Drei (2:1) Muscheln, mit dem Gelenk aufwärtsgekehrt
(Wappen derer von EybW-Logo.png)
1516: Schrägbalken, belegt mit drei Muscheln (Exlibris des Konrad Peutinger, nach Hans Burgkmair d. Ä.)
In Blau eine silberne Muschel (Wappen der Orth ab HagenW-Logo.png)
1335-1345: Muscheln in der Helmzier (Wappen von Schwarber; nach Züricher Wappenrolle; Aufriss Runge von 1866)
1345-1396: Stammwappen Arnolda van Keppel (hier: moderner digitaler Aufriss)
1475–1500: Muscheln im Wappen der Grafen von Sierck (nach Wernigeroder Wappenbuch)

Der Ausdruck Muschel (auch Muschelschale, Muschelklappe oder ähnlich genannt; lateinisch concha; französisch coquille oder vannet; englisch escallop [shell], scallop oder [sea]shell; zoologisch Bivalvia) bezeichnet in der Heraldik

Darstellung

Muschelwappenfiguren sind spätesten seit dem 12. Jahrhundert gebräuchlich.[1] Sie erscheinen heute in nahezu jeder Wappenkultur, selbst in Kulturräumen außerhalb Europas (zum Beispiel im Wappen des afrikanischen Staates Guinea-Bissaus, in dem eine Muschelfigur die Lage des Landes an der Küste Afrikas symbolisiert). Während das frühe Wappenwesen nicht zwischen unterschiedlichen Muschelfiguren unterscheidet, differenziert die jüngere Heraldik unscharf hauptsächlich zwischen folgenden Muschelformen:

Gemeine Muschel (unbestimmt)
  • Links: Schalen verschiedener Meeresmuschelarten
  • Rechts: Muschelfigur
    (Muster, nach Siebmacher, 1889)
Bivalvia.jpg
Siebmacher Muschel.jpg
Jakobs-/Pilgermuschel
  • Links: Linke Schale der Großen Pilgermuschel (Pecten maximus)
  • Rechts: Jakobs-/Pilgermuschelfigur
    (Muster, nach Siebmacher, 1889)
Pecten jacobaeus.jpg
Siebmacher Pilgermuschel 02.jpg
Auster
  • Links: Bélon-Austern
  • Rechts: Austernfigur (Muster, 2019)
Huitres Cancale.jpg
Muster-Austernschale-01.png

Die Differenzierung steht noch am Anfang. Es ist möglich, dass in Zukunft weitere muschelartige Wappentiere Einzug in die Heraldik finden.

Gemeine Muschel (unbestimmt)

Die in Wappen dargestellte gemeine Muschelfigur ist nicht einer bestimmten der etwa 7.500 bis 10.000 rezenten oder der 20.000 fossilen natürlichen Muschelarten nachempfunden; vielmehr lehnt sich die Figur an ein Idealbild einer MuschelW-Logo.png an, das sich von empirisch durchschnittlich gegebenen Realtypen abgrenzt. Wie bei allen Wappentieren ist eine Stilisierung üblich. In der Regel erscheint die gemeine Muschelfigur nicht als vollständiges Weichtier mit einem Muschelgehäuse aus zwei schaligen Klappen; statt dessen wird in Wappen zum Betrachter hin in DraufsichtW-Logo.png die Außenseite nur einer der beiden Klappen der MuschelschaleW-Logo.png, mit ihrem Gelenk/Wirbel zum oberen Schild-/Feldrand gerichtet, dargestellt. Andere Stellungen sind zu melden:

„Die Muscheln coquilles, conchae, zeigen insgemein der Rücken, welches daher nicht angesagt wird (..)“

„(..) Die Muschel erscheint sehr häufig im Wappen und zeigt für gewöhnlich die äussere (gerippte) Seite, was nicht zu melden ist, ebensowenig wenn das Gelenk, nach oben steht, weil solches die natürliche Lage ist. Dagegen muss gesagt werden, wenn sie das Gelenk nach unten kehrt(..)“

Siebmacher/Gritzner (1889)[3]

„Die Jakobs- oder Pilgermuschel (..) zeigt vorwiegend die Außenseite, das Gelenk nach oben.“

Walter Leonhard: Das grosse Buch der Wappenkunst (1978/2000)[4]

Die heraldischen Darstellungen ähneln gewöhnlich der Idealklappe einer Muschel aus der Familie der KammmuschelnW-Logo.png (auch Strahlenmuscheln genannt; Pectinidae)[5], der HerzmuschelnW-Logo.png (Cardiidae) oder der VenusmuschelnW-Logo.png (Veneridae) mit einem fächerförmigen, rundlichen, bauchigen oder eiförmigen Umriss und stilisierten konzentrischenW-Logo.png oder radialW-Logo.png gerippten Rippen oder Rillen („Mantellinien“).

Gewöhnlich werden die Form des Wirbels, des Gelenks oder Schlosses der Muschelfigur nicht gemeldet und der künstlerischen Freiheit des aufreißenden Wappenkünstler überlassen, wodurch in den Wappenabbildungen eine gewisse Formenvielfalt vorherrscht. Besonderheiten sollten allerdings gemeldet werden, wenn sie identitäts- oder bedeutungstragender Teil eines Wappens sind (zum Beispiel: „mit volutenförmigen Wirbel“, „mit schwarzem Schloss“ oder ähnliches).

Tinktur

Die Farbgebung (Tingierung) einer Muschelfigur ist in allen heraldischen Farben möglich; bevorzugt wird sie in Silber oder Gold dargestellt. Alle farblichen Hervorhebungen sollten angezeigt werden.

„Sind die Streifen von anderer Tinctur, so wird es gemeldet, zum Beispiel
„rothe Muschel mit Schwarz gestreift“,
coquille de gueules, rayée (..) de sable;
concha rubro colore nigro striatu“

Innenseite einer Muschelklappe und „hohle Muschel“

Heraldische Darstellungen der Innenseite einer Muschelklappe oder von geöffneten, vollständigen Muschelgehäusen mit zwei Klappen („hohle Muschel“, „offene Muschel“) sind im Wappenwesen weniger gebräuchlich und sollten stets gemeldet werden. Letzere erscheinen oft mit einer Perle im Inneren der Muschelfigur, was ebenfalls in der Wappenbeschreibung angezeigt werden sollte.

„(..) Sind sie (die Muscheln) umgekehrt, so nennt man sie „hohle Muscheln“, vannets, conchae cavae

„(..) Dagegen muss gesagt werden, wenn sie (die Muschel) (..) etwa, wovon uns allerdings nur ein Beispiele bekannt, die Innenseite darin eine Perle zeigt.“

Siebmacher/Gritzner (1889)[3]

Muscheln (Mehrzahl)

Muschelfiguren erscheinen nicht nur in Einzahl im Wappenschild/Feld, sondern in zahlreichen Mehrfachdarstellungen, zum Beispiel Zwei-über-Eins, pfahl- oder balkenweise sowie in anderen Kombinationen, selten oder gar nicht im Dreipass (d. h. mit drei Muscheln, die im gleiche Abstand zueinander stehen und deren Wirbel/Gelenke zum gedachten Mittelpunkt des Wappenfeldes gerichtet sind).

1430-1461: Kreuz, mit Muscheln nach der Figur besetzt (Wappen Roland von UutkerckeW-Logo.png)

In Drei- oder anderer Mehrzahl besetzen Muscheln manchmal bestimmte Heroldsbilder „nach der Figur“ (zum Beispiel das Schildhaupt, einen Schrägbalken oder ähnliches). Beispielsweise erscheint das schwarze Kreuz im Wappen der Familie von Croisil beziehungsweise im Wappen von Roland von UutkerckeW-Logo.png mit goldenen Muscheln nach der Figur besetzt:

Zuweilen sind auch Schildborde mit Muschelfiguren in bestimmter (drei, vier, fünf oder ähnlich) oder nicht festgelegter Anzahl besetzt.

1430-1461: Sparren, von drei Muscheln nach der Figur begleitet (Jean de la Clite in Le grand armorial équestre de la Toison d’or. Manuscrit BNF Arsenal 4790)

Oder Muschelfiguren begleiten eine andere Wappenfigur. Beispielsweise wird der Sparren im Wappen von Jean de la CliteW-Logo.png von drei Muscheln nach der Figur begleitet.

Muscheln in unbestimmter Mehrzahl (besät/bestreut)

Die Muschelfigur kann in unbestimmter Anzahl in einem Wappen erscheinen (zum Beispiel wenn das Wappenfeld oder eine Wappenfigur darin mit Muscheln besät oder bestreut ist). In solchen Fällen erfüllt die Darstellung von vielen kleinen Muscheln teilweise einen subjektiv-ästhetischen Zweck („Wappenverschönerung“) oder wird zur Wappenminderung eingesetzt. Die aufzureisende Bemusterung ist über die Wappenbeschreibung näher zu bestimmen.

Gemeine Muschelfigur versus Jakobs-/Pilgerwappenfigur

Im 18. Jahrhundert grenzt Johann Christian Siebenkees die gemeine Muschelfigur deutlich von der Jakobsmuschelfigur ab, die nach dem Apostel Jakobus dem ÄlterenW-Logo.png benannt ist: Erstere sei „kleiner“ und werde seiner Meinung nach „ohne Ohren“ dargestellt, letztere „mit“ diesen.

„Sind die Muscheln groß, und haben Ohren, so heissen sie Jacobsmuscheln, coquilles de St. Jaques, conchae Jacobaeae.“

Die spätere heraldische Literatur hält die Unterscheidungsmerkmale „Größe“ und „Ohren“ für nicht relevant und unterscheidet gewöhnlich nicht zwischen der Darstellung einer gemeine Muschelfigur und einer Jakobs-/Pilgermuschelfigur.

Muscheln (Tafel XXI. Figur 14. 15.): Hierunter werden, wenn nichts Anderes gemeldet ist, stets die Jacobs- oder Pilgermuscheln verstanden (..)“

Siebmacher/Gritzner (1889)[3]

Womöglich führten Ähnlichkeiten zwischen den heraldisch stilisierten gemeinen Muschelfiguren im Siegel-/Wappenwesen einerseits mit den außerhalb der Heraldik überlieferten Abbildungen und Artefakten der sogenannten JakobsmuschelW-Logo.png beziehungsweise der PilgermuschelW-Logo.png (Pecten pilgrimea) andererseits zu der häufig in der heraldischen Literatur anzutreffenden Empfehlung, die gemeine Muschelfigur stets als Jakobs-/Pilgermuschel zu gestalten. Derartige Empfehlungen rücken unkritisch alle gemeinen Muschelwappenfiguren in die Nähe der Pilger-/Wallfahrtsbräuche. Es besteht jedoch nicht zwingend ein Zusammenhang zwischen einer gemeinen, heraldischen Muschelfigur in einem Wappen und den sogenannten Jakobs-/Pilgermuscheln. Für die landläufigen Annahmen, dass man in der Früh-/Blütezeit des Wappenwesens immer Jakobs-/Pilgermuschel in einem Wappen führte, fehlen stichhaltige Belege. Von den ältesten bekannten Muschelfiguren, die in Wappen oder auf Siegeln erscheinen, kennen wir nur die Bildquellen; es steht nicht fest und ist nicht überliefert, warum sie identitäts- oder bedeutungstragenden Motiv wurden. Auch welche zoologische Muschalarten als Vorbilder für die jeweilige Muschelwappenfigur dienten, ist unklar.

Jakobsmuscheln als redende Figur (Wappen Jacques CœurW-Logo.png)

Definitiv fanden Muscheln nicht in jedem Fall als Erinnerung an einen Kreuzzug oder an eine Pilger-/Wallfahrt zu den heiligen Stätten ihren Weg ins Siegel-/Wappenwesen, sondern auch aus anderen Gründen. Beispielsweise dienten sie dazu, im in einem Siegel oder auf dem Schild einen leeren Raum dekorativ zu füllen; und im Wappen von Jacques CœurW-Logo.png (1395-1456), der zu seiner Zeit als reichster Mann Frankreichs galt, haben die Jakobsmuschelfiguren nichts mit einer Wallfahrt oder einem Kreuzzug zu tun, sondern waren einfach nur ein redender Hinweis auf den Vornamen des Wappenführenden (Jacques = „Jakobs“muscheln), wie die Herzfiguren auf den Nachnamen (Cœur = Herz).

In der Literatur wird teilweise ausgeblendet, dass beim Muschelmotiv symbolkundlich die Ideenverbindungen zu Geburtsorganen, Vulva, Zeugung, Fruchtbarkeit und Sexualität epochen- und kulturraumübergreifend im Vordergrund stehen (seit der Antike, während der Umdeutung durch die Pilgersymbolik, in der Früh-/Blütezeit der Heraldik und im Grunde bis heute).[7] Hier kann nicht der Frage nachgegangen werden, inwiefern die Muschelsexualsymbolik das Wappen-/Siegelwesen tangiert haben könnte (Forschungsarbeiten dazu fehlen oder sind der Heraldik-Wiki-Redaktion nicht bekannt). Mit den Ober-/Sammelbegriffen „Jakobs-“ und „Pilgermuschel“ ist insgesamt jedoch nur schwer zu fassen, welche Muschelform im Einzelfall eigentlich als Wappenfigur dargestellt wird oder aufgerissen werden soll, welche nicht. Zu bedenken ist, dass unter Umständen je nach Zeitgeist und Region andere Muscheln mit unterschiedlicher Gestalt zu den „Jakobs-“ und „Pilgermuschel“ gezählt wurden/werden (vgl. nachstehenden Abschnitt).

Jakobs-/Pilgermuschel

15. Jhr.: PilgerzeichenW-Logo.png aus Blei in Form einer Jakobsmuschel
Sammlung von Jakobs-/Pilger­muschel­schalen

Die Ober-/Sammelbegriffe Pilgermuschel und Jakobsmuschel bezeichnen in der Heraldik eine gemeine Figur. Das Motiv ist nach Walter Leonhard seit dem Jahre 1250 Attribut des Heiligen JakobW-Logo.png und ist bis heute ein Erkennungszeichen der Pilger auf dem JakobswegW-Logo.png nach Santiago de CompostelaW-Logo.png in Spanien:

„Die Jakobs- oder Pilgermuschel, seit 1250 Attribut des hl. Jakobus und zugleich Trinkschale und Abzeichen der mittelalterlichen Pilger, ist seit dieser Zeit ein beliebtes und sehr verbreitetes Wappenmotiv (..)“

Walter Leonhard: Das grosse Buch der Wappenkunst (1978/2000)[4]

Manchmal wurde das Erkennungszeichen auch an der Kopfbedeckung getragen. Es fehlt in der Literatur nicht an Mutmaßungen, an welche zoologische Muschelart sich diese gemeine Figur anlehnt:

„Jakobs-Muschel (..) öfters vorkommende Muschel, welche der unter dem wissenschaftlichen Namen lima rudis vorkommende Muschel etwa zumeist ähnelt.“

Curt Oswalt Edler von Querfurt (1872)[8]

„Jacobmuschel4 (..) eine rundlich bauchige zweischalige Muschel, deren Schloß einem Gewinde gleicht (Musculus pecten, L[innaeus])“

„(Die Jakobsmuschel) ähnelt der Muschel Lima vadis (..)“

Gert Oswald: Lexikon der Heraldik (1984)[10]

Konfusion darüber, welche Muschelarten unter dem Ausdruck „Jakobsmuschel“ zu subsumieren sind, herrscht auch außerhalb der Heraldik, zum Beispiel in der zoologischen Taxonimie. So gab Carl von LinnéW-Logo.png der Mittelmeer-PilgermuschelW-Logo.png den Namen Pecten jacobaeus („Jakobskamm[muschel]“), obwohl diese Art im Mittelmeer verbreitet ist und nicht das Erkennungszeichen der JakobspilgerW-Logo.png sein konnte, die das vermeintliche Grab des heiligen Jakobus in Santiago de Compostela in der Nähe des Atlantiks besuchten. Die heutige Literatur kolportiert, dass die „echte“ Jakobsmuschel die Große PilgermuschelW-Logo.png, Pecten maximus („Großkamm[muschel]“) sein müsse, die unter anderem im Atlantik verbreitet ist.[11] Derartige Versuche, „die“ ursprüngliche biologische Jakobs-/Pilgermuschel zu bestimmen, wirken wie nachträgliche Bestimmungen durch Wunschdenken. Ob Pilger im Mittelalter nur eine bestimmte Muschelart zum Wasserschöpfen und als Pilgererkennungszeichen benutzten, scheint mehr als fraglich; vernünftiger wirkt die Annahme, dass jede Muschelart, die für diese Zwecke geeignet war, von den Pilgern genutzt wurde, sei es, dass sie in der Nähe des jeweiligen Pilgerorts am Strand aufgesammelt oder dort als Abzeichen zum Verkauf angeboten wurde. Zumindest sind in Wappenabbildungen die Muschelformen, die als Jakobs-/Pilgermuscheln beschrieben wurden, nicht immer einheitlich, sondern im Detail unterschiedlich gestaltet (teils mit, teils ohne „Ohren“, teils fächerförmig, teils halbkreiförmig et cetera). Maximilian Gritzner bestimmt 1889 eine fächerförmige Muschelfigur mit Ohren als die bevorzugte Jakobs-/Pilgermuschelform.

Jakobs-Pilgermuschel (Tafel XXIX, Figuren 68. bis 71.): Dieselben kommen vorzugsweise in der Form Figur 69. häufig vor. Zu melden ist, wohin das Gelenk der Muschel gekehrt ist.“

Siebmacher/Gritzner (1889)[12]

Auster

Auster (auch Austernmuschel, Austernschale oder ähnlich genannt; lateinisch ostrea, zu griechisch ὄστρεον ostreon „Muschel“, „Auster“; französisch huître; englisch oyster) ist in der Heraldik eine gemeine Figur. Im 19. Jahrhundert ging Maximilian Gritzner noch davon aus, dass Austern vermutlich nur in einem Wappen erscheinen.

„Auch Austern (!) kommen (Tafel XXI. Figur 16.) wo(h)l als Unicum, in Wappen vor!“

Siebmacher/Gritzner (1889)[3]

Heute sind weit mehr Wappen mit Austernfiguren bekannt. Beispielsweise erscheinen im Wappen Bleicken drei (2:1) goldene Austernmuschel (DWR, Nr. 7182/77). Bevorzugt finden sich Austernfiguren im französischen Wappenkulturraum.

Muschel als Beizeichen

Muschelfiguren sind im Wappenwesen als Differenzierungszeichen (Beizeichen, Brisur) gebräuchlich.

„Auch als Beizeichen wird sie (die Muschel) verwendet.“

Walter Leonhard: Das grosse Buch der Wappenkunst (1978/2000)[4]

Zum Beispiel erscheinen im Wappen und Wappenderivaten des Hauses von ChâtillonW-Logo.png Muscheln als Beizeichen (im goldenen Schildhaupt drei rote Muscheln, um 1267: Peter von Châtillon, Herr zu Pacey)[13].

Auch die drei Muscheln auf dem Schrägbalken im Wappen von „Lady Di“W-Logo.png aus dem Hause Spencer stellen ein Beizeichen dar („ursprünglich war der Schrägbalken (..) schwarz, andere Familienzweige bekamen andere Zeichen wie zum Beispiel drei goldene Lilien oder ähnliches“).[14] Ihre Söhne, William, Duke of CambridgeW-Logo.png und Harry, Duke of SussexW-Logo.png, nahmen das Spencer-Muschelbeizeichen in ihre Wappen auf (in ihren Wappen erscheint als Beizeichen ein silberner Turnierkragen, den jeder Prinz von Wales verwendet, besetzt mit den roten Spencer-Muschelbeizeichen). Die Weitergabe eines Differenzierungszeichens aus der mütterlichen Linie gilt eher agnatisch-orientierten Wappenliebhabern manchmal als unheraldisch, ist aber spätestens in der Blütezeit des Wappenwesens nachweisbar.

Im kanadischen Wappenkulturraum steht das Muschelschalen-Beizeichen - ausgehend vom Stammwappen - für die sechste Tochter:

Muscheln in der christlichen Heraldik

Wappen Innozenz VI.W-Logo.png an der Madrider Kirche St. Genesius

Muscheln (bevorzugt Jakobs-/Pilgermuschel) sind im christlichen Wappenwesen sehr gebräuchlich. Beispielsweise führt Benedikt XVI.W-Logo.png in seinem Papstwappen unter anderem die Große Pilgermuschel (diese war bereits in seinem Wappen als Erzbischof von München und Freising enthalten). Im Bildteil seiner Autobiografie werden hierfür mehrere Deutungen angeboten:

  1. als Bezug zu Benedikts Promotionsthema AugustinusW-Logo.png, in dessen Vita die Muschel als Zeichen der Unerschöpflichkeit Gottes eine Bedeutung hat. Die Tingierung im Wappen des Erzbischofs in silber-blau und blau-gold zeigt die in Wasser (das Meer) getauchte Muschel mit Bezug auf diese Deutung
  2. als Hinweis darauf, dass das Lebes eines Christen als Pilgerweg zu Gott verstanden werden kann
  3. die Andeutung einer Kontinuität mit Johannes Paul II.W-Logo.png, der sich in seinem Amt in diesem Sinn auch als Pilger verstanden hat
  4. als Ausdruck Benedikts Verbundenheit zu Regensburg und der dortigen SchottenkircheW-Logo.png St. JakobW-Logo.png

Benedikt XVI. ist nicht der erste Papst, in dessen Wappenschild eine Muschel erscheint; vor ihm führte beispielsweise Papst Innozenz VI.W-Logo.png (1285/92-1362) Muscheln in seinem Wappen.

Wappenbilderordnung

Paraheraldik

Das Motiv Muschel erscheint auch in der Paraheraldik , insbesondere in Logos (beispielsweise als Kennzeichen des Mineralölkonzerns ShellW-Logo.png, des Virenscanners ClamWin für WindowsW-Logo.png oder von JavaScript Interpreter SHell).

Siehe auch

Weblinks

 Commons: Muschel in der Heraldik – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Commons: Wappen mit Jakobsmuschel – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Ralf von Retberg; Adler (Verein) (Hrgs.): Kleine Bemerkungen zur Wappenkunde. In: Heraldisch-genealogische Zeitschrift. III. Jahrgang. Nr. 9. Wien. September 1873. S. 30
  2. 2,0 2,1 2,2 2,3 Siebenkees, Johann Christian: Erläuterungen der Heraldik als ein Commentar über Herrn Hofrath Gatterers Abriss dieser Wissenschaft. Nürnberg. 1789. S. 84 f.
  3. 3,0 3,1 3,2 3,3 J. Siebmacher's grosses und allgemeines Wappenbuch, Einleitungsband, Abteilung B: Grundsätze der Wappenkunst verbunden mit einem Handbuch der heraldischen Terminologie (Maximilian Gritzner). Nürnberg: Bauer & Raspe, 1889/1890. S. 96. Tafel 21. Figuren 14. und 15. Reprint on Demand. Universtitäts- und Landesbibliothek Tirol. 2009. ISBN 3-226-00671-1.
  4. 4,0 4,1 4,2 Walter Leonhard: Das grosse Buch der Wappenkunst. Entwicklung, Elemente, Bildmotive, Gestaltung. Callway, München 1978, ISBN 3-8289-0768-7, S. 238 (Genehmigte Lizenzausgabe für Weltbild Verlag GmbH: Bechtermünz, Augsburg 2000).
  5. Fritz Gosselck, Alexander Darr, Jürgen H. J. Jungbluth, Michael Zettler: Trivialnamen für Mollusken des Meeres und Brackwassers in Deutschland. Mollusca, 27(1): 3-32, 2009 PDF (S. 23/24)
  6. Armorial de la Table Ronde, BnF MS 4976, folio 138 recto.
  7. Lexikon der Symbole: Muscheln. Knaurs Lexikon der Symbole, S. 735. 1989/1994/1998. LdS: S. 296.
  8. Querfurt, Curt Oswalt Edler von: Kritisches Wörterbuch der heraldischen Terminologie. Nördlingen: Beck. 1872. Neudruck: Wiesbaden: M. Sändig. 1969. Seite 69 f.
  9. Bernd, Christian Samuel Theodor: Die Hauptstücke der Wappenwissenschaft: Die allgemeine Wappenwissenschaft in Lehre und Anwendung: nach ihren Grundsätzen in Europas Ländern aus den Quellen dargestellt, und mit Tausenden von Beispielen wirklicher Wappen aus jenen Ländern (..). Band 2. Bonn, 1849. (Google). S. 263
  10. Gert Oswald: Lexikon der Heraldik. Bibliographisches Institut, Mannheim, Wien, Zürich 1984, ISBN 3-411-02149-7, S. 211 f.
  11. Vgl. zum Beispiel: Seite „Jakobsmuschel“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 24. April 2019, 01:52 UTC. URL: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Jakobsmuschel&oldid=187853354 (Abgerufen: 21. Mai 2019, 12:21 UTC)
  12. J. Siebmacher's grosses und allgemeines Wappenbuch, Einleitungsband, Abteilung B: Grundsätze der Wappenkunst verbunden mit einem Handbuch der heraldischen Terminologie (Maximilian Gritzner). Nürnberg: Bauer & Raspe, 1889/1890. S. 140. Tafel 29. Figuren 68. bis 71. Reprint on Demand. Universtitäts- und Landesbibliothek Tirol. 2009. ISBN 3-226-00671-1.
  13. Donald Lindsay Galbreath, Léon Jéquier: Handbuch der Heraldik. Battenberg Verlag, Weltbild Verlag, Augsburg 1990, ISBN 3-89441-259-3, S. 97 (französisch: Manuel du Blason. Lausanne, Lyon 1942. Übersetzt von Ottfried Neubecker).
  14. Show-handle-HW.png Bernhard Peter: Besonderheiten britischer Heraldik. Internet. Erstellt: 2006, 2011, 2012. Abgerufen: 28. Mai 2019