Beizeichen

Aus Heraldik-Wiki
Wechseln zu: Navigation, Suche

Beizeichen (auch Bruch genannt; französisch brisure; englisch cadency) sind Zeichen in den Wappen, welche zur Unterscheidung abgeteilter Linien oder zur Kennzeichnung jüngerer Geburt und unechter Abkunft (letzteres nur bei den westlichen Nationen) dienen.

„Beizeichen (..): spezielle Darstellung zur Kennzeichnung der Wappen von Nebenlinien, jüngeren Mitgliedern der Familie oder sonstiger Personen, die an sich gemeinsam mit dem Hauptstamm das gleiche Wappenbild führen.“

Gert Oswald: Lexikon der Heraldik (1984)[1]

Grundlagen

Das Charakteristische des Beizeichens ist, dass der Wegfall desselben das Wappen nicht ändert, sondern vielmehr die ursprüngliche Gestalt wiederherstellt. Tritt die betreffende Figur selbständig auf (wie z. B. nicht selten der Turnierkragen), so ist sie kein Beizeichen, sondern Hauptbild.

Nationales

Deutschland

„In Deutschland wurden die Beizeichen in sehr vielfältiger Art geschaffen, z. B. durch Veränderung des Helmkleinodes oder der Tinktur, durch Vermehrung, Verminderung oder Stümmelung der Figuren. Die wichtigsten figürlichen Beizeichen, die in Deutschland vorkommen, sind der Stern und der Turnierkragen (..) Man hat auch sphragistische Beizeichen, die den Zweck haben, zwei dem Bild und der Größe nach ähnliche Siegeltypen durch ein in die Augen fallendes Merkmal unterscheiden zu können.“

Meyers Großes Konversations-Lexikon (1905)[2]
Ecu d'argent à un lambel à cinq pendants de gueules.svg Turnierkragen Erster Sohn Der Turnierkragen wird auch als Bank, Steg, Rechen oder Brücke bezeichnet. Generell wird er verwendet, wenn der älteste Sohn sein Wappen von dem seines Vaters differenzieren will (Wappenbrecher).
Ecu d'argent au croissant de gueules.svg liegender Mond Zweiter Sohn
Blason Ville 73 Aix-les-Bains.svg Stern Dritter Sohn Der fünfzackige Stern war ursprünglich ein Spornrädchen und wird in Frankreich oft mit sechs Zacken dargestellt.
Blason ville fr Sarcelles (Val-d'Oise).svg Merlette Vierter Sohn Die Merlette ist ein heraldisch gestutzter kleiner, entenartiger Vogel ohne Schnabel und Füße.
Wappen Meissenheim.svg Ring (Annulet) Fünfter Sohn
Blason Condé-sur-Noireau.svg Lilie (fleur-de-lis) Sechster Sohn
Ledenice CZ CoA.svg Rose Siebter Sohn
Blason Annoeullin 59.svg Kreuz Achter Sohn

Für weibliche Nachkommen gibt es in der deutschen Heraldik keine Beizeichen.[3]

England

In England unterscheiden sich die Wappen in den Familien durch sogenannte „Brisuren“ (=Beizeichen). Es sind der Turnierkragen, Schrägfäden oder Borde. Sie zeigen die Zugehörigkeit in Art und Stellung zum Familienzweig. Auch der Einbruch gehört dazu. In England ist die Belegung des Turnierkragens mit gemeinen Figuren zur weiteren Unterscheidung/Wappenbesserung verbreitet. Für die Differenzierung der einzelnen Familienlinien werden kleine gleichartige Figuren (Herzen, Rauten, kleine Schragen) im Schild platziert. Sie werden in diesem Fall als Beizeichen gewertet.[3]

Ehefrau Erster
Sohn
Zweiter Sohn Dritter Sohn Vierter Sohn Fünfter Sohn Sechster Sohn Siebenter Sohn Achter Sohn Neunter Sohn
Familienmitglied Coa Illustration Shield Lozenge.svg Lambel.svg Croissant d or.svg Heraldic mullet-sable.png MartletSable (English).svg Cercle noir 100%.svg Fleur-de-lis-fill.svg Rose BVA.svg Cross-Moline-Heraldry.svg Heraldic double quatrefoil octofoil.png
Raute Turnierkragen mit drei Lätzen Mond (crescent), liegend Stern (mullet) Merlette Ring (annulet) Lilie Rose Kreuz Achtblatt

Britische Königsfamilie

UK Arms 1837.svg
Prince of Wales Arms.svg
William of Wales Arms.svg
Henry of Wales Arms.svg
Andrew Duke of York Arms.svg
Beatrice of York Arms.svg
Wappen der Königin Elisabeth II. Wappen des Charles Mountbatten-Windsor, Prince of Wales Wappen von William Mountbatten-Windsor, Prince Wappen von Henry Mountbatten-Windsor, Prince Harry Wappen von Andrew Mountbatten-Windsor, Duke of York Wappen von Princess Beatrice Mountbatten-Windsor, Princess of York
Eugenie of York Arms.png
Edward Earl of Wessex Arms.svg
Anne Princess Royal Arms.svg
Richard Duke of Gloucester Arms.svg
Edward Duke of Kent Arms.svg
Michael of Kent Arms.svg
Wappen von Eugenie Mountbatten-Windsor, Princess of York Wappen von Edward Mountbatten-Windsor, Earl of Wessex Wappen von Anne Mountbatten-Windsor, Princess Royal Wappen von Richard, Duke of Gloucester Wappen von Eduard Georg Windsor, 2. Duke of Kent Wappen von Michael, Prince of Kent

Kanada

Das kanadische Beizeichensystematik folgt im Allgemeinen dem englischen System. Allerdings muss in der kanadischen Heraldik ein Wappen, unabhängig vom Geschlecht des Wappenführenden, stets eindeutig sein; daher entwickelten die kanadischen Heraldiker eine Reihe von einzigartigen Beizeichen für Töchter, die ausschließlich im kanadischen Wappenkulturraum gebräuchlich sind:

Männliche Linie


Cadency.svg
Weibliche Linie


für den ersten Sohn:
ein Turnierkragen
für die erste Tochter:
ein Herz
für den zweiten Sohn:
ein liegender Mond
für die zweite Tochter:
ein Hermelinschwänzchen
für den dritten Sohn:
ein Stern
für die dritte Tochter:
eine Schneeflocke
für den vierten Sohn:
eine Merlette
für die vierte Tochter:
ein Tannenzweig
für den fünften Sohn:
ein Ring (Annulet)
für die fünfte Tochter:
ein Roch
für den sechsten Sohn:
eine Lilie
für die sechste Tochter:
eine Muschelschale
für den siebten Sohn:
eine Rose
für die siebte Tochter:
eine Harfe
für den achten Sohn:
ein Kreuz
für die achte Tochter:
eine Schnalle
für den neunten Sohn:
ein Achtblatt
für die neunte Tochter:
ein Clarichord

Die heraldische Praxis in Kanada ist weit davon entfernt, sich starr an die Bezeichensystematik halten, wie sie die obige Liste vorgibt. Statt dessen etablieren sich bei den Wappenführenden eigene Gestaltungsunterschiede, die man am besten in öffentlichen Wappenregister begutachten kann (siehe zum Beispiel die verschiedenen Familienwappen Armstrong, Ravignat und Bradford).

Frankreich

Französische Königsfamilie

Blason France moderne.svg
Dauphin Arms.svg
Blason duche fr Orleans (moderne).svg
Blason duche fr Anjou (moderne).svg
Blason duche fr Berry (moderne).svg
Blason pays fr Dombes.svg
Armes Bourbon-Conti.png
Blason Bourbon Vendôme.png
Wappen des Monarchen Wappen des Dauphin von Frankreich Wappen des Herzog von Orléans Wappen des Herzog von Anjou Wappen des Herzog von Berry Wappen des Fürst von Condé]] Wappen des François de Bourbon, prince de Conti/Fürst von Conti Wappen des Herzog von Vendôme]][4]

Bulgarien

Der Fürst von Bulgarien führte als Sohn des Prinzen Alexander von Hessen aus nicht ebenbürtiger Ehe den hessischen Löwen mit dem Turnierkragen als Beizeichen.

Italien

Haus Savoyen

Blason duche fr Savoie.svg
Blason duche it Piemont.svg
Blason duche Genes.svg
Blason duche Aoste.svg
Armoiries Comte de Soissons Savoie-Carignan.svg
Wappen des Monarchen Wappen des Fürst von Piemont Wappen des Herzog von Genua Wappen des Herzog von Aosta Wappen des Fürst von Carignan[5][6]

Portugal

Königsfamilie

Armas rei portugal.png
Armas principe beira.png
Armas principe real portugal.png
Armas primeiro infante portugal.png
Armas segundo infante portugal.png
Armas terceiro infante portugal.png
Wappen des Monarchen Wappen des Fürsten von Beira
(Ältester Sohn des Thronfolgers)
Wappen des Kronprinzen Wappen des Ersten Infanten Wappen des Zweiten Infanten Wappen des Dritten Infanten

Spanien

Erster Sohn Zweiter Sohn Zweiter Sohn Dritter Sohn Vierter Sohn Fünfter Sohn Sechster Sohn
Modern French shield.svg Lambel (couleur).png Croissant d or.svg Étoile d'or.svg Héraldique meuble Merlette (couleur).png Annuet.png Reference for Flags.svg
TURNIERKRAGEN MOND STERN MERLETTE RING-ANNULET LILIE (Fleur-de-lis)[7]

Königsfamilie

Escudo de Juan Carlos I de España.svg
Escudo del Príncipe de Asturias.svg
Coat of Infanta Elena of Spain, Duchess of Lugo.png
Coat of arms of Infanta Cristina of Spain, Duchess of Palma de Mallorca.png
Coat of arms of Infanta Pilar, Duchess of Badajoz.png
Coat of arms of Infanta Margarita, Duchess of Soria.png
Wappen des Monarchen Wappen des Fürsten von Asturien]] Wappen von Elena von Spanien (Infantin) Wappen von Cristina von Spanien (Infantin) Wappen von María del Pilar von Spanien (Infantin) Wappen von Margarita María de Borbón (Infantin)

Literatur

  • Herold, Verein für Heraldik (Hrsg.): Wappen. Handbuch der Heraldik. Als „Wappenfibel“ begründet von Adolf Matthias Hildebrandt, zuletzt weitergeführt von Jürgen Arndt, bearbeitet von Ludwig Biewer und Eckart Henning. Aktualisierte und neugestaltete Auflage. 20. Auflage. Böhlau Verlag GmbH & Cie., Köln, Weimar, Wien 2017, ISBN 978-3-412-50372-7, S. 238–243 (deutsch: Wappenfibel.).
  • Leemans-Prins, E.: Les brisures de la haute noblesse de Pays-Bas septentriounaux. Bern. 1968.

Einzelnachweise

  1. Gert Oswald: Lexikon der Heraldik. Bibliographisches Institut, Mannheim, Wien, Zürich 1984, ISBN 3-411-02149-7, S. 58.
  2. Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 2. Leipzig 1905, S. 577. Permalink
  3. 3,0 3,1 Walter Leonhard: Das grosse Buch der Wappenkunst. Entwicklung, Elemente, Bildmotive, Gestaltung. Callway, München 1978, ISBN 3-8289-0768-7 (Genehmigte Lizenzausgabe für Weltbild Verlag GmbH: Bechtermünz, Augsburg 2000).
  4. Ottfried Neubecker, Roger Harmingues, Le Grand livre de l'héraldique, Bordas, 1976 (réimpr. 1982), 288 p. ISBN 2-04-012582-5.
  5. Heraldique Europeenne Accessed 18. April 2009.
  6. Jiri Louda, Michael Maclagan, Les Dynasties d'Europe, Bordas, 1981 (réimpr. 1993), p. 242-243. ISBN 2-04-027013-2 .
  7. Avilés, José de Avilés, Marqués de, Ciencia heroyca, reducida a las leyes heráldicas del blasón, Madrid: J. Ibarra, 1780 (Madrid: Bitácora, 1992). T. 2, pp. 234-242. ISBN 84-465-0006-X.

Weblinks

 Commons: Beizeichen in der Heraldik – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Show-handle-HW.png Bernhard Peter: Einführung in die Heraldik: Motive und Schildbild
Show-handle-HW.png Bernhard Peter: Einführung in die Heraldik: Der Turnierkragen

Siehe auch


Muster-Wappenschild-Info.png

Dieser Artikel basiert auf dem Beitrag „Beizeichen“ aus der freien Enzyklopädie Wikipedia in der Version vom 25. April 2010 (Permanentlink: [1]). Der Originaltext steht unter der GNU-Lizenz für freie Dokumentation bzw. unter CC-by-sa 3.0. In der Wikipedia ist eine Liste der ursprünglichen Autoren verfügbar.