Wehrgehenk

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Goldenes Wehr-/Schwertgehänge mit silbernen Beschlägen
(an schrägrechtem goldenem Schwert in roter Scheide)
820/830: Wehr-/Schwertgehänge
(Detail aus: Stuttgarter Psalter Folio 23 - Miniatur 158v)

Die alten Ausdrücke Wehrgehenk(e) und Wehrgehäng(e), die erst im Dreißigjährigen Krieg als Verdeutlichungen zu den noch älteren Gehenk[e]/Gehäng[e] sowie Wehr aufkommen[1] (frz.: baudrier; engl.: sword belt) sind im Wappenwesen mehrdeutig und bezeichnen einerseits mehrere besondere Wappenfiguren, andererseits ein Unterscheidungsmerkmal für Schildhalter. Seit Ende des 18. Jahrhunderts ist der Ausdruck „Wehrgehänge“ in Verwendung, während früher beide Begriffe nebeneinander genutzt wurden:

„So halten sich beide Wörter lange die Waage. Wehrgehäng(e) scheint im Vordringen, seit sich AdelungW-Logo.png dafür eingesetzt hat.“

Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (1854-1960)[1]

Heute verwendet man diese Termini in der Regel nicht mehr. Statt dessen spricht man von einer „Garnitur“, wobei teilweise die „Wehr“ (=Waffe), für die die Garnitur konstruiert ist, namentlich ergänzt wird (Schwertgarnitur, Degengarnitur et cetera).[2]

Darstellung

Wehrgehänge (arma bandata)

In einem weiten Sinn ist die seltene gemeine Figur Wehrgehänge (lat.: arma bandata[3]) einem Satz aus Gurten, Gurtbändern, Stoffbändern, Riemen, Seilen oder ähnlichem nachempfunden, an dem eine (Stich-)Waffe/Wehr „hängt“ (gegebenenfalls einschließlich aller Bestandteilen aus Metall). Das Wehrgehänge kann sich aus einem Hüft-/Leibgurt, einem Schultergurt oder einer Kombination von beiden sowie möglicherweise dem eigentlichen Waffen-/Wehgurt (beispielsweise einem Schwertgurt) zusammensetzen. Das Wehrgehänge dient beispielsweise dazu, eine Waffe an den Körper zu gürten oder um diese, wenn man sie nicht benötigt, mit dem Gurten an einem Haken oder ähnlichem „aufzuhängen“. In der altrömischen Armee nutzen die Soldaten bis zum Centurio ein Schulter-Wehrgehänge (lat.: baltĕusW-Logo.png[4]), die römischen Offiziere dagegen einen Leibgurt (lat.: cinctoriumW-Logo.png[5]); zudem ist ein „Kriegsgürtel“ (lat.: cingulum militareW-Logo.png; kurz: cingulum =„Gürtel“) gebräuchlich, an dem als Waffe beispielsweise ein PugioW-Logo.png „hängt“. Wehrgehänge-Figuren in Wappen, die man eindeutig einer Zeit vor dem Wappenwesen zuordnen kann, widersprechen in gewisser Weise einem eher traditionellen Heraldikverständnis bzw. gelten manchen Heraldikern als unheraldisch.

In einem engeren Sinn ist die seltene gemeine Figur Wehrgehänge dem gleichnamigen Gurtzeug nachempfunden, das Teil einer mittelalterlichen Rüstung ist und der Befestigung eines Schwerts am Körper dient („Schwertgehänge“, „Schwertgurt“).

„Mit dem Terminus Schwertgurt (auch Schwertgehänge) meint man üblicherweise einen kompletten Satz von Ledergurten einschließlich aller Bestandteile aus Metall, der zum Tragen eines Schwertes diente. Geschlossene (von ein und demselben Schwertgurt stammende) Zusammenstellungen der Beschläge werden als „(Schwertgurt-)Garnitur“ bezeichnet.“

Šimon Ungerman (2011)[2]

Als solches erscheint die Figur „Wehrgehänge/Schwertgehänge“ in Wappen gewöhnlich als Nebenfigur, die nur selten oder gar nicht in der Wappenbeschreibung erwähnt wird.

Wehrgehänge im Wappen Omans

In der neueren Heraldik bezeichnet der Ausdruck „Wehrgehänge“ mitunter wappenschildlose Wappenmotive, die in der Früh-/Blütezeit des Wappenwesens nicht vorkommen. Beispielsweise erscheint im Wappen Omans ein komplettes Wehrgehänge (bestehend aus einem waagerechten Gurt in dem ein Handschar [arabischer Krummdolch] in einer Scheide und zwei gekreuzte Krummschwerter hängen).

„Moderne“ Wehrgehänge, die sich erst mit dem Aufkommen der Feuerwaffen und nach der Früh-/Blütezeit des Wappenwesens etablierten (zum Beispiel das BandelierW-Logo.png, auch Bandolier oder Bandalier; französisch bandoulière oder spanisch bandolera, „Bändchen“ genannt, das ist ein über Schulter gelegter, schräg über den Oberkörper getragener breiter Lederriemenn für die Befestigung von Munitionsgegenständen oder ähnlichem), widersprechen in gewisser Weise einem eher traditionellen Heraldikverständnis bzw. gelten manchen Heraldikern als unheraldisch.

Wehrgehänge (Schrägbalken)

HW Gtk-go-forward-ltr.png Hauptartikel: Schrägbalken
„Wehrgehänge“: altheraldisches Synonym für einen Schrägbalken
(Wappen Rottau/Rautäuer)

In der Heraldik des 18. Jahrhunderts wird mehr oder weniger nebulös der Schrägbalken manchmal als „französisches Wehrgehänge“ gedeutet, das über der rechten Schulter liegt und zur linken Seite führt.

„Die Schrägbalken heißen bey den Franzosen Wehrgehänge.“

Johann Christian Siebenkees (1789)[6]

Wehrgehänge (Rautenschrägbalken)

„Wehrgehänge“ =Rautenschrägbalken
(hier im Wappen derer von Metzradt)

Für Querfurth, Gritzner und Oswald ist der Ausdruck Wehrgehänge eine heraldisch veraltete Fachbezeichnung für schräggelegte zusammenhängende Wecken oder Rauten auf der schrägen (oder linksschrägen) Teilungslinie[7].

„Wehrgänge nannte man früher bisweilen eine schräg über den Schild geschränkte zusammenhangende Reihe von Rauten oder Wecken. Fig. 131. Metzradt -: von Roth und Silber (rechts) geschrägt durch ein dazwischen geschränktes Wehrgehänge von fünf goldenen Rauten oder auch Wecken.“

Curt Oswalt Edler von Querfurt (1857)[8]

„Wehrgehänge = alter Ausdruck für einen Rauten-Schrägbalken“

Siebmacher/Gritzner (1889)[9]

„Wehrgehänge: altheraldischer Bezeichnung für eine schräg über den Wappenschild gelegte, zusammenhängende Reihe von Rauten oder Wecken, zum Beispiel im Wappen derer von Metzrad.“

Gert Oswald: Lexikon der Heraldik (1984)[7]

Wehrgehänge (Schildhalter)

HW Gtk-go-forward-ltr.png Hauptartikel: Schildhalter

In Teilen der älteren Heraldik ist „Wehrgehänge“ (griech.: telamōne, telamones) ein Synonym für den Ausdruck Schildhalter beziehungsweise ein Ordnungsbegriff für „lebendige“ oder „lebendig vorgestellte“ Schildhalter wie Menschen, Götter, Engel, Tiere, Fabelwesen im Gegensatz zu „leblosen“ Schildhaltern (angelehnt an den römischen Ausdruck Telamon, der neben dem Wort AtlantW-Logo.png in der Architektur eine Stütze/Säule in Form einer oft überlebensgroßen, männlichen muskulösen Figur bezeichnet).

„Eine andere Lehre theilt die Schildhalter nur in lebende, telamones, und in leblose, sustentacula.“

„Telamōne (..) in der Heraldik jetzt ungebräuchlicher Ausdruck für Schildhalter“

Brockhaus` Konversationslexikon (1902-1910)[11]

„Telamonen (griech.: Wehrgehänge): in der älteren Heraldik mitunter für Schildhalter verwendeter Begriff.“

Gert Oswald: Lexikon der Heraldik (1984)[7]

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 Blason ville fr Garidech (Haute-Garonne).svg Lemma Wehrgehenk. In: Jacob Grimm, Wilhelm Grimm: Deutsches Wörterbuch, Leipzig 1854-1960 (woerterbuchnetz.de).
  2. 2,0 2,1 Vgl.: Ungerman, Šimon: Schwertgurte des 9. bis 10. Jahrhundertes in West- und Mitteleuropa. In: Macháček, J. – Ungerman, Š.. Frühgeschichtliche Zentralorte in Mitteleuropa. Studien zur Archäologie Europas 14. 1. vyd. Bonn: Verlag Dr. Rudolf Habelt GmbH, 2011. s. 575-608, 34 s. ISBN 978-3-7749-3730-7.
  3. Pierer's Universal-Lexikon: Lexikoneintrag zu »Arma«. Band 1. Altenburg 1857. S. 721.
  4. Brockhaus' Kleines Konversations-Lexikon, fünfte Auflage, Band 1. Leipzig 1911., S. 145.
  5. Brockhaus' Kleines Konversations-Lexikon, fünfte Auflage, Band 1. Leipzig 1911., S. 348.
  6. Siebenkees, Johann Christian: Erläuterungen der Heraldik als ein Commentar über Herrn Hofrath Gatterers Abriss dieser Wissenschaft. 1789. S. 16.
  7. 7,0 7,1 7,2 Oswald, Gert: Lexikon der Heraldik. Mannheim, Wien, Zürich. 1984. S. 394. ISBN 978-3-411-02149-9
  8. Querfurt, Curt Oswalt Edler von: Kritisches Wörterbuch der heraldischen Terminologie. Nördlingen: Beck. 1872. Neudruck: Wiesbaden: M. Sändig. 1969. Seite 171.
  9. J. Siebmacher's grosses und allgemeines Wappenbuch, Einleitungsband, Abteilung B: Grundsätze der Wappenkunst verbunden mit einem Handbuch der heraldischen Terminologie (Maximilian Gritzner). Nürnberg: Bauer & Raspe, 1889. S. 322
  10. Biedenfeld, Ferdinand, Freiherr von: Die Heraldik oder populäres Lehrbuch der Wappenkunde für ... als Anhang zu desselben Verfassers Ritterordenswerk. Weimar 1846. S. 56
  11. Brockhaus` Konversationslexikon, 1902-1910; Autorenkollektiv, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien, 14. Auflage, 1894-1896; 15. Band, Seite 666 [Suche = 65.668] im Internet seit 2005; Text geprüft am 24.6.2010; publiziert von Peter Hug; Abruf am 4.1.2016 mit URL: http://elexikon.ch/telamone