Rechen (Heraldik)

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Dieser Artikel erläutert die gemeine Figur. Zum Heroldsbild (Farbteilung) siehe Spitzenschnitt; zum gleichnamigen Beizeichen siehe Turnierkragen.
Rechen
 
in der bildenden Kunst
(1410; nach Les Très Riches Heures du duc de Berry)
 
als gemeine Figur
(1450–1480: Wappen derer von RechenbergW-Logo.png, Franken)
 
als Heroldsbild
(hier „Fränkischer Rechen“; nach Rüxner Turnierbuch, 17. Jhr.)

Die Ausdrücke Rechen (mhd. reche; lateinisch rastrum oder rastellus; französisch râteau; englisch rake) und Harke bezeichnen im Wappenwesen eine Wappenfigur (gewöhnlich eine gemeine Figur, in einem besonderen Sinn auch ein Heroldsbild; die Verwendung des Ausdrucks ‚Rechen‘ für das Beizeichen ‚Turnierkragen‘ gilt als veraltet).

Geschichte

1459: Wappen derer von RechenbergW-Logo.png (nach Ingeram-Codex)
Wappen der Truchseß von WilburgstettenW-Logo.png (nach Pontifikale GundekarianumW-Logo.png; Nachtrag des 14./15. Jhr.)
15. Jhr.: Rechen und gestürzter Rechen in den redenden Wappen derer von Rechenberg und derer von Rechenstein (nach St. Galler Wappenbuch von Rösch)
 
um 1460: (Truchseß von Waldeck, nach Berliner Wappenbuch)
 
um 1459: (Truchseß von Waldeck, nach Ingeram Codex)
 
Wappen derer von HeimerdingenW-Logo.png (nach Codex Haggenberg)
In Silber zwei schräggekreuzte rote Rechen
 
 
Rechen in Wappenvarianten der Kostka von PostupitzW-Logo.png
 
 
Rechen im Wappen derer von RiesenburgW-Logo.png bzw. Boresch von RiesenburgW-Logo.png

Wann genau die gemeine Figur Rechen/Harke zum ersten Mal in einem Wappen erscheint, ist unklar beziehungsweise nicht ausreichend erforscht. Ralf von Retberg datiert ein erstes Auftreten auf das 15. Jahrhundert und führt als Referenz das redende Wappen des fränkischen Adelsgeschlechts von RechenbergW-Logo.png an (‚auf rotem Grund ein goldener Rechen‘).[1] Das Wappen gleicht dem Wappen der Truchseß von WilburgstettenW-Logo.png, die aber nach Siglinde Buchner mit den Rechenbergern weder eine genealogisch nachweisbare Stammesverwandtschaft bilden noch irgendwelche Herrschaftsräume gemeinsam hatten.[2]

Da die genannten und etliche andere Familien mit einer Rechenfigur im Wappen schon vor dem 15. Jahrhundert greifbar sind, liegt es nahe, dass das Motiv früher Eingang in das Wappenwesen fand. Beispielsweise sind Herren von HeimerdingenW-Logo.png zwischen 1258 und dem 16. Jhr. greifbar; sie gelten als ein Zweig bzw. als Stammgenossen der Truchsess von Waldeck, die von 1140 bis 1553 erwähnt werden. Beide Familien führten, wie die Wappenbücher des 15. Jahrhunderts belegen, nicht nur einen, sondern ‚in Silber zwei schräggekreuzte rote Heurechen‘ im Wappen – man kann vermuten, dass sie Rechen nicht erst beim Erlöschen als Kennzeichen führten, sondern bereits beim Blühen ihrer Linien (quod esset demonstrandum; „was zu beweisen wäre“).

Wappenderivate

Zu den Familien, die neben den zuvor genannten in der einen oder anderen Form ein Rechen respektive eine Harke im Wappen führten, gehören die Kostka von PostupitzW-Logo.png, die von RiesenburgW-Logo.png, von Schkölen, von Ummendorf, von WitzendorffW-Logo.png, von Neuhauser und zahlreiche andere adlige gleichwie bürgerliche Häuser sowie die Wappengemeinschaften ChocimirskiCoat of Arms Polish Crown 01.png und GrabieCoat of Arms Polish Crown 01.png.

In der neueren Zeit übernahm man die Rechen-/Harkenfiguren aus den Wappen dieser Familien teilweise in Ortswappen. Zum Beispiel referenzieren die Rechenfiguren in den Wappen der Orte RechenbergW-Logo.png, OstheimW-Logo.png, WilburgstettenW-Logo.png und MitteleschenbachW-Logo.png auf frühere Ortsherren.

Darstellung

Rechen/Harke als Gemeine Figur

Die gemeine Figur Rechen ist dem IdealbildW-Logo.png des gleichnamigen Garten-/ArbeitsgerätsW-Logo.png nachempfunden, welches man teilweise auch als Harke bezeichnet. Die Figur wird nach Retberg als „eine Art Holz- oder Eisenkamm (das ist ein „Holm“ mit mehreren kurzen Fortsätzen, den „Zinken“, der auch „Rechen-/Harkenbank“, „Rechen-/Harkenbalken“ und anderes mehr genannt wird) mit einem in seiner Mitte rechtwinklig angefügten langen Stiele“ dargestellt.[1] Im Wappenwesen gibt es keine bindende Gestaltungsvorschrift für die Darstellung des „Rechen-/Harkenbalkens“ und seiner Befestigung am Stiel. Rechen-/Harkenfiguren erscheinen beispielsweise sowohl mit einfacher als auch mit dreifach gegabelter Stielbefestigung. Gemeinhin ragen die Zinken des Rechen-/Harkenfigur nur auf einer Seite aus dem Holm heraus (wenn es der Gesamtharmonie eines Wappen zuträglich ist, könnte die Figur aber auch so gestaltet sein, dass die Zinken auf beiden Seiten herausragen). Welcher Rechen bzw. welche Harke (‚Heurechen‘, ‚Laubrechen‘, ‚Gartenharke‘ etc.) in welcher Stellung und in welcher Anzahl und in welchen Tingierungen dargestellt wird, kann in der Wappenbeschreibung präzisiert sein.

Die Figur erscheint einerseits einzeln in einem Wappen, aber auch in Mehrzahl (zum Beispiel schräggekreuzt) sowie mit anderen landwirtschaftliches Arbeitsgeräten wie einer Sense.

 
Rechen im Herb GrabieCoat of Arms Polish Crown 01.png

Rechen (Tafel 30. Figur 33 bis 35.) ziemlich häufig, in der bekannten Form. Figur 35., drei Rechen im Dreipass um einen Ring gestellt, ist das polnische Stammwappen Grabie III, Figur 33.: Grabie I.

Siebmacher/Gritzner (1889)[3]

Rechen als Nebenfigur

Gelegentlich erscheinen eine oder mehrere Rechen-/Harkefiguren als Nebenfiguren oder als eine Art Armatur und mit anderen Wappenfiguren wie einer Garbe, einer Sense et cetera zu einem komplexer gestalteten Wappenbild kombiniert.

Rechen/Harke mit kurzem oder ohne Stiel

Rechen-Harkenfiguren mit keinem oder einem kurzen Stiel sind als ausdrücklich als solche in der Wappenbeschreibung zu melden. Beispielsweise erscheint im Wappen von WischW-Logo.png „eine goldene Harke mit abgebrochenem Stiel“.[4] und im inoffiziellen Wappen von HattendorfW-Logo.png lediglich ein sogenannter „Rechenkopf“.

Rechenholm

Auch der Holm eines Rechens ist in der Heraldik eine gemeine Figur. Beispielsweise erscheinen im Wappen von KrakauschattenW-Logo.png balkenweise zwei anstoßende ‚Rechenholme‘, der obere silbern mit aufwärts gekehrten Zinken, die untere rot mit gestürzten Zinken (in der Wappenbeschreibung vage als „Rechenbänke mit Zähnen“ beschrieben)[5].

Rechen als Heroldsbild („Frankenrechen“)

Rechen als Heroldsbild

HW Gtk-go-forward-ltr.png Hauptartikel: Spitzenschnitt
HW Gtk-go-forward-ltr.png Hauptartikel: Fränkischer Rechen

Mehr oder weniger umgangssprachlich ist der Ausdruck „Rechen“ auch im Zusammenhang mit Wappenschnitten wie dem Spitzenschnitt, dem Zahnschnitt et cetera gebräuchlich (unabhängig von der Anzahl der Spitzen). Beispielsweise bezeichnet man das Heroldsbild im Wappen Frankens in der Alltagssprache gewöhnlich als „Fränkischen Rechen“.

Rechen versus Turnierkragen

Turnierkragen, veraltet auch ‚Rechen‘ genannt
HW Gtk-go-forward-ltr.png Hauptartikel: Turnierkragen

In der älteren heraldischen Literatur wird der Turnierkragen gelegentlich als ‚Rechen‘ beziehungsweise ‚Heurechen‘ bezeichnet. Retberg kritisiert im 19. Jahrhundert die synonyme Verwendung:

„Die Schartenbinde oder die Bank (gemeint ist der ‚Tunierkragen‘ – Anmerkung der Redaktion), wie es öfters vorkommt, ebenfalls Rechen zu nennen, führt zu Mißverständnissen. welche in der Wappenkunst ebensowohl wie überhaupt vermieden werden sollte.“

Seine Kritik setzte sich insofern durch, dass man die Ausdrücke heute gemeinhin nicht mehr bedeutungsgleich verwendet.

Wappenbilderordnung

  • Die gemeine Figur Rechen wurde in die Wappenbilderordnung (WBO) des Herold (Verein) im Abschnitt Andere Erzeugnisse von Menschenhand: Landwirtschaftliches Gerät, Jagd- und Fischereigerät unter der Nr. 9519 aufgenommen.

Weblinks

 Commons: Rechen in der Heraldik – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Show-handle-HW.png Bernhard Peter: Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 573 Bischofsstadt Eichstätt. Willibaldsburg, Reste des Schaumbergbaus – Abgerufen: 13. Dezember 2022

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 1,2 Ralf von Retberg: Die Geschichte der deutschen Wappenbilder. Aus Ralf von Retbergs Nachlasse. 1884. Posthum in: Jahrbuch der k.k. heraldischen Gesellschaft Adler zu Wien. XIII./XIV. Jahrgang. Wien 1886/1887. Seite 54.
  2. Siglinde Buchner: Die Herren von Rechenberg und die Truchsesse von Rechenberg. In: Alt-Gunzenhausen, Beiträge zur Geschichte der Stadt und Umgebung. Verein für Heimatkunde Gunzenhausen. 2002.
  3. J. Siebmacher's grosses und allgemeines Wappenbuch, Einleitungsband, Abteilung B: Grundsätze der Wappenkunst verbunden mit einem Handbuch der heraldischen Terminologie (Maximilian Gritzner). Nürnberg: Bauer & Raspe, 1889/1890. S. 143. Tafel 30. Figur 33. bis 35. Reprint on Demand. Universtitäts- und Landesbibliothek Tirol. 2009. ISBN 3-226-00671-1.
  4. Kommunale Wappenrolle Schleswig-Holstein
  5. Mitteilungen des Steiermärkischen Landesarchivs 33, 1983, S. 36.