Retorte (Heraldik)

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In der Früh-/Blütezeit des Wappenwesens sind Retortenfiguren nicht gebräuchlich.
(Gemeine) Retorte
 
auf goldenem Dreifuß/-bein mit schwarzem Stativkreis (Wapppen von Burgkirchen an der Alz, gestiftet am 4. Mai 1956)
 
1681: Retorte
(alchemistisches Gefäß)
Alambik
 
mit Destillierhelm und Auffanggefäß (Wapppen von Laméac, Frankreich)
 
(Abbildung in einer mittelalterlichen Handschrift)

Der Oberbegriff Retorte (von lateinisch vas retortum, „zurückgedrehtes Gefäß“; frz.: retorte; engl.: retort) bezeichnet eine seltene gemeine Figur, die in mindestens zwei Ausprägungen/Grundformen in der neueren Heraldik vorkommt:

  • als (gemeine) Retorte
  • als Alambik

Darstellung

Grundsätzlich sind sowohl der Figur (gemeine) Retorte als auch die Figur Alambik einem Gefäß zur Trennung von Stoffen durch Erhitzen und anschließendes Abkühlen (Destillation) nachempfunden. Derartige Figuren sind nach Oskar Göschen erst nach dem Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) im Wappenwesen gebräuchlich:

„Nach dem dreißigjährigen Krieg begann man auch in deutschen Landen die Bestimmung der Wappen - die erbliche - außer Acht zu lassen (..) in neuerer Zeit sind Figuren (..) verliehen worden, welche (..) eine besondere, nach Zeit und Ort bestimmte Begebenheit verewigen sollen (..) Retorten mit Spirituslampen (..) welche schwerlich ein Siegelstecher ins Petschaft graben, und noch viel weniger ein Heraldiker verstehen kann.“

Oskar Göschen (1877)[1]

(Gemeine) Retorte

Die Figur (gemeine) Retorte ist im Gegensatz zu der Alambik gewöhnlich ohne destillierhelmartige beziehungsweise ohne abnehmbare Gefäßteile und nicht in Kombination mit einem anderen Gefäß darzustellen. Sie erscheint mit einem Kolben, der in ein langes, gebogenes, sich zum Ende hin verjüngendes Rohr übergeht. Die Figur ist in der Normalstellung der Kolben nach außen rechts gewendet, wobei das Rohr zur heraldische linken Seite des Wappens auszogen ist. Andere Lagen der Figur im Wappen oder eine Krümmung des Rohrs in eine andere Richtung (nach schrägrechts, nach heraldisch rechts und so weiter) sollten gemeldet werden. So zeigt beispielsweise die Wappenbilderordnung des Herold abweichend von der Normalsstellung eine Retorte nach mit dem Kolben nach außen links gewendet und mit nach heraldisch rechts gezogenem Rohr. Die Retorte erscheint nur selten oder gar nicht alleinstehend und als Hauptfigur in einem Wappen, sondern gewöhnlich als Nebenfigur (meist in Ein-, selten in Zwei- oder Mehrzahl). Bei zwei gekreuzten Retorten zeigen gewöhnlich die beiden Kolben der Retorten jeweils nach außen und liegen oberhalb der Rohre, die jeweils schrägrechts- bzw. schräglinks nach unten ausgezogen sind und sich im Zentrum des Wappenschilde überkreuzen. Andere Überkreuzungen sind zu melden. Wird die Figur Retorte mit einem oder mehreren Geräten (Dreifuß/-bein, Spiritus-/Öllampe et cetera) kombiniert, ist dies so genau wie möglich in der Wappenbeschreibung anzugeben. Die Figur ist in der Regel ohne Kolbeninhalt und nur in einer heraldischen Farbe aufzureißen. Allgemein werden bei Darstellung des Wappenmotivs die heraldischen Metallfarben (Silber, Gold) bevorzugt.

Farbe, Form und Menge von Inhalt im Kolben der Figur Retorte sollten, falls wesentlicher Bestandteil des Wappens, gemeldet werden. Beispielsweise erscheint die silberne Retorte im Wappen von Lenzing „zur Hälfte blau“ gefüllt.

Nach der Wende und friedliche Revolution in der DDRW-Logo.png und der deutschten Wiederverinigung (1989/1990) gibt es in der kommunalen Heraldik vereinzelt die Tendenz, das Retorten-Motiv mit seinem Bezug zur Chemie-Industrie aus Wappen wieder zu entfernen (vgl. zum Beispiel die Wappen von Staßfurt und Premnitz).

Alambik

Die Figur (gemeine) Alambik (abgeleitet vom arabischen al-anbiq (الأنبيق), das wiederum zusammengesetzt ist aus dem arabischen Artikel al und dem griechischen Wort ambyx (ἄμβυξ) für Gefäß.[2]; auch Alambic, Alambique, Alembic, Alembicus und in der Alchemie Caput Mauri, Capitellum oder Galea genannt) ist im Gegensatz zur Retorte stets mit abnehmbaren Gefäßteil („Destillierhelm“) sowie gewöhnlich mit einem Auffangefäß darzustellen, das gemeldet werden sollte.

Anderer Retortenformen

Neben den beiden genannten Retorten können grundsätzlich auch andere Retortenformen beziehungsweise andere historische Destilier-/Kolben-/Glasgefäße in einem Wappen erscheinen. Diese sind unter Angabe ihrer besonderen Charateristika zu melden (beispielweise wenn eine Retorte nicht nur aus einem Kolben besteht, sondern aus zwei „sanduhrartig“ verbundenen).

1629:
A. Alambik,
B. Glaskolben,
C. Kolben,
D. Helm,
E. Absetzschale,
F. und G. Vorlegegefäß,
H. Tonretorte,
K. Krug zum Scheidwasserbrennen,
L. Kolben und Absetzschale,
M. Glastrichter
Fotothek df tg 0000601 Metallurgie ^ Probierkunst ^ Gold ^ Kolben ^ Schale ^ Trichter ^ Retorte.jpg
ca. 1503, links: „sanduhrartige“ Retorte
(Holzschnitt: Alchemist beim Versuch, Metalle zu verwandeln)

Symbolik

Das Motiv Retorte verweist außerhalb der Heraldik in einem weiten Sinn auf die Chemie/Alchemie:

„Die Retorte wird oft als Symbol für die Chemie im Allgemeinen, für ein chemisches Labor, chemische Prozesse oder chemische Technologie verwendet. Beispielsweise zeigt das Barettabzeichen der ABC-Abwehrtruppe der Bundeswehr zwei stilisierte Retorten, umrahmt von Eichenlaub. Auch die Schweizer Armee verwendet dieses Zeichen in der ABC-Abwehr.
Wenn umgangssprachlich etwas aus der Retorte kommt, ist die künstliche oder planmäßige Herstellung einer Sache gemeint, die normalerweise einen natürlichen oder ungeplanten Ursprung hat. Beispiele dafür sind das Retortenbaby, die Retortenstadt und die Retortenband.“

Deutschsprachige Wikipedia (2015)[3]

In der Bilderwelt der Alchemie wird eine bestimmten Art der Retorte, deren Rohr (»Schnabel«) gegen die bauchige Wölbung hin gebogen ist, mit der Vogelsymbolgestalt des Peikans gleichgesetzt.[4]

Auch Satire, Ironie und Karikatur bedienen sich der Symbolik der Retorte.

Paraheraldik

Retorten sind in der Paraheraldik als Logos, Militärabzeichen und ähnliches gebräuchlich (zum Beispiel als zwei vom Eichenkranz eingefasste gekreuzte Retorten mit Eichenblatt).

Wappenbilderordnung

Weblinks

 Commons: Retorte in der Heraldik – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Commons: Alambics in der Heraldik – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Literatur

  • Walter Leonhard: Das große Buch der Wappenkunst. Entwicklung, Elemente, Bildmotive, Gestaltung. Bechtermünz, Augsburg 2001, ISBN 3-8289-0768-7, S. 275 Bild 8.

Einzelnachweise

  1. Göschen, Oskar (Pusikan): Über die Bedeutung von Wappenfiguren (PDF-Dokument, 4.4 MB), Nürnberg. 1877. S. 2
  2. Robert James Forbes: A Short History of the Art of Distillation: from the beginnings up to the death of Cellier Blumenthal. E. J. Brill, Leyden 1948 (Reprint 1970), S. 23.
  3. Seite „Retorte“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 7. Dezember 2015, 17:22 UTC. URL: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Retorte&oldid=148843273 (Abgerufen: 12. Dezember 2015, 22:38 UTC)
  4. Lexikon der Symbole: Pelikan. 1989/1994/1998. Verlag Droemer Knaur. S. 820 (vgl. LdS, S. 328)