Zeltnagel (Heraldik)

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Zeltnägel-Grundformen im Wappenwesen
 
Mit abgewinkelter Kerbe
(nach Curt Querfurt)[2]
 
Mit gerader Kerbe
(nach Hefner)[3]
 
Zylindrisch-konisch
(nach Hefner, Siebmacher)[3][4]
(nach Auffassungen aus dem 19. Jahrhundert)
12./13 Jhr: Zeltnägel im Gebrauch
(Detail aus der Madrider Bilderhandschrift des SkylitzesW-Logo.png)
1573: Zeltnägel im Einsatz
(Erzherzog Ferdinand von Österreich besucht Konstanz)
Einfache Zeltnägel
 
 
Links: Holzpflock als Urform aller Zeltnägel
Rechts: Hölzerner Schneezeltnagel

Der Zeltnagel (auch Zelthaken, Leinennagel, Seilnagel, Spannnagel, Erdnagel, Keil, Zapfen oder ähnlich genannt; frz.: clou de tente; engl.: tent-peg oder pick; fälschlicherweise manchmal mit einem Zelt-HeringW-Logo.png gleichgesetzt) ist in der Heraldik eine Wappenfigur beziehungsweise eine seltene gemeine Figur, die in unterschiedlichen Formen in Wappen erscheint.

Teilweise sind die Grundformen der Figur aus heraldischen Standardwerken des 19. Jahrhunderts abgeleitet, als systematisierende Heraldiker entsprechende, ihnen nicht geläufige Wappenmotive ohne textkritische Nachweise rückwirkend als „Zeltnagel“ interpretieren.

Darstellung

Die gemeine Figur Zeltnagel sollte dem gleichnamigen historischen und einfachen ZeltnagelW-Logo.png nachempfunden sein, wie er zur Früh- und Blütezeit des aktiven Wappenwesens (etwa 11. bis 15. Jahrhundert) gebräuchlich ist (länglich, unten spitz zulaufend). Als von ihrer Funktionalität beherrschte Gebrauchsgegenstände können Zeltnägel je nach Anwendung im Detail unterschiedliche Konstruktionsformen besitzen, die möglicherweise auch regional bedingt sind. Die romanische bis gotische Buchmalerei zeigt einige Darstellungen von Zelten mit Zeltnägeln. Nach diesen Abbildungen sind Zeltnägel

  • teils einfache, teils speziell hergestellte Holzpflöcke (zum Beispiel unten keilförmig zugespitzt, oben mit einer Kerbe beziehungsweise einem rechteckigen Einschnitt unterhalb des „Zeltnagelkopfes“, die zum Halten eines Spannseils oder einer Seilverspannung dienen.)
  • teils wahrscheinlich aus Metall gefertigte Stifte (Bolzen, Pinn), die manchmal am oberen Ende angeknickt oder rundgebogen sind.

Da das Motiv selten als zentrale Wappenfigur in Wappen erscheint, gibt es keine expliziten heraldischen Vorgaben, außer jene, die für die Tingierung und für gemeine Figuren allgemein gelten (insbesondere für die „Nagel-Figuren“). Wenn die einzelnen Teile (Schaft, Kopf und Spitze) der Figur Zeltnagel besondere Merkmale aufweisen (zum Beispiel eine Kerbe für ein Spannseil) oder diese für die Darstellung der spezifischen Wappenfigur relevant sind, sollten die Besonderheiten möglichst exakt gemeldet („blasoniert“) werden. Der Zeltnagel erscheint hauptsächlich in Ein-, Zwei oder Dreizahl im Wappen. Eine größere Anzahl ist selten. Bei Mehrzahl sollte die Stellung der einzelnen Zeltnägel im Schild/Feld zueinander gemeldet werden (zum Beispiel: „zwei über eins“, „fächerförmig", „links-“ oder „rechtschräg gestellt“). Auch die Ausrichtung der Zeltnägel ist zu melden, wenn sie vom Standard -- der Zeltnagel senkrecht, der Zeltnagelspitze in Richtung unterer Schildrand weisend, eine potentielle Kerbe auf der heraldisch linken Seite -- abweicht.

„Unheraldische“ Zeltnägel

Darstellungen von modernen Zeltnägeln, wie sie in der Neuzeit industriell gefertigt werden, sind im Wappenwesen nicht gebräuchlich. Wenn neuere Zeltnageltypen oder moderne Zeltngagelmerkmale in Wappen erscheinen, widerspricht dies in gewisser Weise einem eher traditionellen Heraldikverständnis. Genauso sind Zeltnägel, die man eindeutig einer Zeit vor dem Wappenwesen zuordnen kann, nicht für jeden ein heraldisches Motiv bzw. gelten manchen Heraldikern als unheraldisch. Merkmale, die aus unterschiedlichen Epochen der Zeltnagelgeschichte stammen, sollten nicht miteinander vermischt werden, um potentiellen Stilbrüchen vorzubeugen.

Abgrenzung, Verwechselungen und Verballhornungen

Drei Zeltnägel, fächertig gestellt
(nach Siebmacher)

Die gemeine Figur Zeltnagel ist teilweise nur sehr schwer oder gar nicht von ähnlichen Wappenfiguren abzugrenzen. Insbesondere bei historischen Wappen ist nicht immer zweifelsfrei geklärt, ob eine dargestellte gemeine Figur tatsächlich einen „Zeltnagel“ zeigt -- oder zum Beispiel einen anderen „Nagel“, einen Meißel, einen Keil oder ein ganz anderes Wappenmotiv (Mauerbrecher[2], Degen[1], Ahle, Wagensprit, Zapfen[3] oder ähnliches). Querfurth erkennt im Jahre 1872, Gritzner 1889, dass im Zusammenhang mit dem Wappenmotiv Zeltnagel „Verwechselungen“ und „Verballhornungen“ stattfinden.

Zeltnägel (Tafel XXV. Figur 62.): (..) Die zur Befestigung der das Zelt haltenden Zeltleinen dienenden, in die Erde gestockten Zeltnägel erscheinen sowohl wie in Figur 62 (von Preen), aber auch in anderer Gestalt, beispielsweise im Wappen der von Kropff in Preussen; hier sind die Figuren merkwürdiger Weise aus Unverständnis in alles andere Mögliche, sogar in moderne Degen (sic!) verballhornisiert worden.“

Siebmacher/Gritzner (1889)[1]

Zeltnägel gehören zwar zu den selten vorkommenden Bildern, dürften aber doch nicht unerwähnt gelassen werden (..) Brüggemann spricht diese Figuren als „Mauerbrecher“ (..) an, was allerdings unrichtig ist und etwa nur aus einer Verwechselung mit den Mauerhaken (..) erklärlich erscheint.“

Curt Oswalt Edler von Querfurt (1872)[2]

Pfrieme, keine Zeltnägel (von Preen)

In der Sekundärliteratur werden die drei fächerartig gestellten Wappenfiguren im Wappen derer von Preen teilweise als „Zeltnägel“ beschrieben; im Siebmacher werden sie treffender als Pfrieme bezeichnet. „Pfrieme“ ist ein alter Ausdruck für eine AhleW-Logo.png beziehungsweise für ein einfaches Werkzeug, mit dessen Hilfe Löcher in verschiedene Materialien gestochen oder vorhandene Löcher geweitet werden können.

„Wappen von Preen (Tafel 14.): In Silber drei keilförmig zusammengestellte rote Pfriemen (Preine oder Preene soll einen Pfriemen bedeuten) (..)“

Siebmacher (1858)[5]

Wagenspriete, keine Zeltnägel (von Döberitz, von Hagen)

Keine Zeltnägel, sondern Ha­ken/Wa­gen­spriete
(Wappen derer von HagenW-Logo.png)

In der Sekundärliteratur werden die zwei unten spitz zusammengesetzten Wappenfiguren im Wappen derer von Döberitz (auch Doeberitz, Doberitz und anders) beziehungsweise derer von Knebel-DöberitzW-Logo.png teilweise als „Zeltnägel“ beschrieben; im Siebmacher werden sie treffender als Haken und als Wagenspriete bezeichnet. Das Wagenspriet (kurz: Spriet oder Spreit, auch „Wagenspreet“) ist an einem Leiterwagen „ein starkes an einem Ende in Gestalt einer Gabel gespaltenes Holz an dem Hinterwagen, welches denselben mit dem Vorderwagen verbindet; im Hochdeutschen die Schere“.[6] Im Wappen Döberitz erscheint das Motiv je nach Wappenaufriss mit den Einschnitten teils nach Innen, teils nach Außen gekehrt, stets aber ohne Ringe oder andere Objekte, die in anderen Wappen die Wagenspriete zusammenhalten (zum Beispiel im Wappen derer von HagenW-Logo.png).

„Wappen Döberitz (..) Rot mit 2 weißen unten spitz zusammengesetzten Wagensprieten (..) Anmerkung: In einer von Stechow'schen Ahnentafel ist der Schild weiß, die Rungen, die mit den Ausschnitten nach aussen gekehrt sind, rot tingiert.“

Siebmacher (1880)[7]

In der heraldischen Terminologie wird das Wagensprit folgendermaßen beschrieben:

„Wagensprit (Tafel XXXIX. Figur 94.): Eine oft sehr verkannte Figur ist das Wagensprit, d. h. der die beiden Leiterbäume verbindende, oben mit einem Einschnitt für die Wagenkette (zum Zusammenhalten der Ersteren) bestimmte, über der Hinterachse befindliche Wagenobertheil. Gewöhnlich ist das Wagensprit durch einen oder mehrere Ringe zusammengehalten (..)“

Siebmacher/Gritzner (1889)[8]

Zeltpfähle, keine Zeltnägel (von Kropff)

In der Sekundärliteratur werden die drei beringten Wappenfiguren im Oberwappen derer von Kropff teilweise als „Zeltnägel“ beschrieben; im Siebmacher werden sie jedoch als „Zeltpfähle“ oder nur als „Pfähle“ bezeichnet. Unter optischen Gesichtspunkten unterscheiden sich die „Zeltpfähle“ signifikant von den Wappenfiguren derer von Preen und von Döberitz.

„Kropff, Stammwappen: (..) auf dem Helm drei rote Pfähle, oben durchlöchert und mit silbernen Ringen durchzogen.“

Siebmacher (1857)[9]

Wappenbilderordnung

  • Die gemeine Figur Zeltnagel wurde zusammen mit dem Ausdruck Nagel in die Wappenbilderordnung (WBO) des Herold (Verein) im Abschnitt Handwerksgerät unter der Nr. 9342 aufgenommen.

Weblinks

 Commons: Zeltnägel – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Commons: Wappen der Familie von Preen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 1,2 J. Siebmacher's grosses und allgemeines Wappenbuch, Einleitungsband, Abteilung B: Grundsätze der Wappenkunst verbunden mit einem Handbuch der heraldischen Terminologie (M. Gritzner). Nürnberg: Bauer & Raspe, 1889. S. 116 und Tafel XXV. Figur 62.
  2. 2,0 2,1 2,2 Curt Oswald von Querfurth: Kritisches Wörterbuch der heraldischen Terminologie. Verlag der C. H. Beckʼschen Buchhandlung, Nördlingen 1872, S. 177.
  3. 3,0 3,1 3,2 Otto Titan von Hefner: Grund-Saeze der Wappenkunst. Bauer & Raspe, Nürnberg 1858, S. 32, Tab. VIII, Bild 211.
  4. J. Siebmacher's grosses und allgemeines Wappenbuch, II. Band, 6. Abteilung; Der Adel in Baden; Verfasser: C.A. Freih. von Graß, A. von Bierbrauer-Brennstein; Publikation: Nürnberg: Bauer & Raspe, 1878. Tafel 72
  5. J. Siebmacher's grosses und allgemeines Wappenbuch, III. Band, 6. Abteilung; Der blühende Adel der Großherzogthümer Mecklenburg; Verfasser: O.T. von Hefner; Publikation: Nürnberg: Bauer & Raspe, 1858. S. 16 Tafel 14.
  6. Adelung, Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart, Band 4. Leipzig 1801, S. 238.
  7. J. Siebmacher's grosses und allgemeines Wappenbuch, VI. Band, 5. Abteilung; Der abgestorbene Adel der Provinz und Mark Brandenburg; Verfasser: G.A. von Mülverstedt, Ad. M. Hildebrandt; Publikation: Nürnberg: Bauer & Raspe, 1880. Seite 22. Tafel 12.
  8. J. Siebmacher's grosses und allgemeines Wappenbuch, Einleitungsband, Abteilung B: Grundsätze der Wappenkunst verbunden mit einem Handbuch der heraldischen Terminologie (Maximilian Gritzner). Nürnberg: Bauer & Raspe, 1889. S. 141
  9. J. Siebmacher's grosses und allgemeines Wappenbuch, II. Band, 3. Abteilung; Der Adel des Königreichs Sachsen; Verfasser: O. T. von Hefner; Publikation: Nürnberg: Bauer & Raspe, 1857. Seite 36. Tafel 40.