Kissen (Heraldik)

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Dieser Artikel behandelt die Wappenfigur Kissen/Helmkissen; für das Kissen, das zur Schutzvorrichtung für Turnierpferde verwendet wurde, siehe „Stech-/Rennkissen“.
Kissen
 
in der bildenden Kunst
(Kissenstudien, nach Albrecht Dürer)
 
in der Heraldik
(um 1480; redendes Wappen derer von Kussnach; nach Grünenberg)

Der mehrdeutige Ausdruck Kissen (kurz Küssen, in Österreich Polster oder ähnlich genannt; mittelhochdeutsch küssen, küssîn, küsse; althochdeutsch chussîn, chussi; lateinisch cussinus, *coxinus, coxa; französisch coussin, quissin; englisch cushion) bezeichnet in der Heraldik

In der heraldischen Literatur wird der Ausdruck Kissen (Küssen, Helmkissen) nicht konsistent abgegrenzt von Pfühl, das ist im eigentlichen Sinn ein größeres mit Federn gefülltes Ruhekissen, besonders als Bettunterkissen (auch Pfüllen genannt; mittelhochdeutsch phulwe, pfulwe, pfülwe, pfülw, pfuliwî; althochdeutsch phulawi, pfuliwi, phulwo; lateinisch pulvinus, pulvinar, plumatum von lateinisch pluma ‚Flaumfeder‘; englisch pillow).[1]

Pfüllen = alter Ausdruck für Kissen, abgeleitet von mittelhochd. pfülwe, pfuliwî.“

Siebmacher/Gritzner (1889)[2]

Geschichte

1305-1315: In Blau ein silbernes Kissen, damasziert von silbernen Linien in Quadraten mit je einen silbernen Punkt in der Mitte
(Wappen Der von SuoneggeW-Logo.png, nach Codex Manesse)

Wann die Wappenfiguren, die mit den Ausdrücken „Kissen“, „Küssen“, „Pfühl“, „Polster“ etc. bezeichnet werden, erstmals in einem Wappen/Siegel erscheinen, ist unklar beziehungsweise nicht ausreichend erforscht. Ralf von Retberg geht davon aus, dass Kissenfiguren erst seit dem 15. Jahrhunderts als Motiv auf Wappenschilden in Erscheinung treten:

„(..) Als eigentliches Wappenbild kommt das Küssen (Kissen) übrigens erst im 15. Jahrhundert vor (Küßnach).“

Geht man davon aus, dass die Figur im Wappen von SuoneggeW-Logo.png im Codex Manesse ein Kissen darstellt, so wäre das erste Erscheinen einer Kissenfigur im Schild früher zu datieren (Ende des 13., Anfang des 14. Jahrhunderts; also in etwa in dem Zeitraum, in dem bildliche Darstellungen von „Helmkissen“ ebenfalls nachweisbar sind, beispielsweise im Codex Manesse).

„Von Suonegge (..) Das Wappen: in Blau ein silbernes Kissen, von weißen Linien in Quadrate geteilt (damasziert) und mit je einem kleinen weißen Kreis in der Mitte verziert. Die übereck gestellte Schildfigur bildet auch das Zimier, das an drei Ecken mit schwarzen Büscheln besteckt ist. Das Wappen der Freien von Saneck ist ein anderes.“

Ingo F. Walther, Gisela Siebert (1988/1992)[4]

Kissenfigur alias Kopfbedeckung?

Kissenartige Kopfbedeckungen
1218 (Siegel von Eustatia, Gemahlin Daniels von Bethune; nach Olivarius Vredius, 1642)
1600-1650 (Jäger, nach Adriaen BrouwerW-Logo.png)

Auf den ersten Blick scheint das Erscheinen der Wappenfiguren mit den realen, gleichnamigen mit weichem Füllmaterial befüllten Beutel zur Unterpolsterung und Stützung von Körperteilen in Zusammenhang zu stehen. Christian Samuel Theodor Bernd stellt dagegen im 19. Jahrhundert die fragwürdige These auf, dass es zwischen den heraldischen Kissenfiguren und diversen mittelalterlichen Kopfbedeckungen zumindest teilweise einen Zusammenhang geben würde:

„Ursprünglich mag es theils Nachahmung einer vor Jahrhunderten - gleich dem Wulste - gebräuchlichen Kopfbedeckung sein, die man wie einen Deckel auf den Kopf band und womit man die Frauen auf Siegeln (..) und in Kupferstichen, Personen überhaupt in der Tracht alter Zeit (..) bedeckt siehet, und die man ins Wappenwesen (..) und auf dem Helme übertrug, gleich dem Wulste, den Hüten und Mützen aller Art; theils mag es auch nichts anderes als ein Kissen haben sein sollen, um als Unterlage für eine Helmzierde zu dienen.“

Kissenfigur alias aufblasbare Schwimmhilfe?

Aufblasbare Schmwimmhilfe für Soldaten (in Form eines Kissens)
1405: (Entwurf: Konrad KyeserW-Logo.png)
1459: (nach Hans TalhofferW-Logo.png)

Unklar ist, ob es zwischen der aufblasbaren Schwimmhilfe für Soldaten, die der fränkische Kriegstechniker Konrad KyeserW-Logo.png in einer Skizze ca. 1405 inklusive Blasebalg entwarf und den Kissenfiguren des Wappenwesens einen Zusammenhang gibt. Tatsächlich erscheinen die Schwimmhilfe in Keysers Skizze oder die Schwimmhilfe in Hans TalhoffersW-Logo.png Werk (1459) exakt in der Form, wie Kissenmotive für Wappen überliefert sind.

Darstellung

Die (unbestimmte) Figur Kissen/Helmkissen ist gewöhnlich dem Idealbild eines viereckigen (zuweilen runden), flachen, gepolsterten (mittelalterlichen) Kissens mit an den Ecken herabhängenden Quasten oder Trotteln beziehungsweise mit Knöpfen, Borden, runden Bommeln etc. nachempfunden.

„Kissen (..) welche (..) den Näh- oder Rückenkissen ähnlich sehen. Sie sind gewöhnlich mit Quasten oder Troddeln an den Ecken besetzt, oder auch mit Schellen und dergleichen (..)“

Curt Oswalt Edler von Querfurt (1872)[6]

„(..) Kissen sind meist an den 4 Ecken mit Knöpfen und Trodeln (Quasten) versehen, auch mitunter mit goldenen Eckborden, was zu melden ist.“

Siebmacher/Gritzner (1889)[7]

Bevorzugt erscheint eine Kissenfigur in Gold, Silber oder Rot, selten wird sie in einer anderen heraldischen Farben wie zum Beispiel Grün dargestellt.

Bequastet

In der Regel erscheint eine Kissenfigur „mit Quasten“, was nicht zu verwechseln ist mit „bequastet“ (französisch huppé; englisch tasselled). Letzgenannter Ausdruck ist in der Heraldik mehrdeutig:

  • Erscheinen die Quasten eines Kissens in einer anderen heraldischen Tinktur als die eigentliche Kissenfigur, kann dies mit dem Ausdruck [Farbname]-bequastet beschrieben werden (also zum Beispiel: „rotes Kissen, goldenbequastet“).
  • „Bequastet“ ohne Farbangabe kann verwendet werden, wenn Wappenfiguren, die eigentlich keine Quasten tragen, explizit mit diesen dargestellt werden sollen (zum Beispiel: „bequastes rotes Posthorn“; kommt aber auch in der zuvor genannten Bedeutung vor, etwa so: „goldenbequastes rotes Posthorn“).

„bequastet - wenn Schnüre an Fahnen, Wappenmänteln und so weiter Quasten tragen sowie Farbe der Quasten an Kissen (sofern andersfarbig)“

Herold - Verein für Heraldik, Genealogie und verwandte Wissenschaften: Wappenbilderordnung (1990-1996)[8]

Helmkissen (Kissen im Oberwappen)

Erscheint im Oberwappen eine Kissenfigur, ist grundsätzlich zu unterscheiden, ob

  1. sie in irgendeiner gestalterischen Form das Schildbild wiederholt (zum Beispiel durch Aufbringung bestimmter Figuren aus dem Schild oder durch Verwendung der gleichen Hauptfarben aus dem Schild).
  2. sie dagegen komplett ohne gestalterische Referenz zum Schildbild dargestellt wird (womöglich nicht einmal in der Wiederholung der Schildfarben).
  3. ob sie als Unterlage für ein andere Wappenfigur dient.

Im ersten Fall gilt das Kissen manchen Autoren als „Hilfskleinod“; im zweiten Fall wird es von einigen als autonomes „Helmkleinod“ angesprochen; im dritten Fall wird es gewöhnlich weder als Hilfs-, noch als autonomes Helmkleinod angesehen, sondern mehr oder weniger als unwesentliche „Unterlage“, die bei Bedarf auch entfallen kann. Im Oberwappen erscheint ein Helmkissen (kurz: Kissen) hautpsächlich in folgenden Stellungen, die erst in der neueren Heraldik differenziert betrachtet werden:

Ausgespreizt Wenn ein Kissen mit einer Seite und somit in Quadrat- oder Rechteckgestalt auf dem Helme befestigt ist, kann man es als „ausgespreizt“ beschreiben.
Beispiel
  • 1335-1345: Auf dem Helm: Ausgespreiztes Helmkissen
    (Wappen derer von Kemnath; nach Zürcher Wappenrolle; Aufriss Runge, 1866)
Liegend Erscheint eine Kissen auf dem Wappenhelm als Unterlage für andere Helm-/Hilfskleinoden beziehungsweise als als wichtiger verbindender Teil zwischen Helm und eigentlicher Helmzier, kann man es als „liegend“ beschreiben; in diesem Fall ist das Helmkissen weder ein wirkliches Hilfskleinod noch ein vollständiges Helmkleinod.

Kissen (..) erscheinen in Wappen selten, mehr auf den Helmen als Unterlage eines Thieres oder eines Gegenstandes, dann „liegend“.“

Siebmacher/Gritzner (1889)[7]
Beispiel
  • 1450-1480: Liegendes goldenes Kissen mit goldenen Quasten an roten Bommeln als Unterlage für eine eine mit den Spitzen nach oben gerichtete, liegende rote Mondsichel
    (Wappen derer von WoellwarthW-Logo.png, nach dem Scheiblerschen Wappenbuch)
Auf einer Kante/Ecke stehend Wenn im Oberwappen ein (viereckiges) Kissen mit einer seiner vier Ecken und somit in Rauten- oder Kantenwürfelgestalt auf dem Helme befestigt, kann man es als „aufrecht stehend“, „auf einer Kante stehend“, „auf einer Ecke stehend“ oder ähnlich beschreiben.[6]

„Als Helmzier auf eine Ecke gestellt, vertritt es nicht selten die Stelle eines Schildes, mit dem aus dem Schilde wiederholten oder mit einem dem Schilde fremden und solcher Weise übergetragenen Wappenbilde.“

Beispiel
  • 1605: Auf dem gekrönten Helm: Auf eine Kante stehendes, golden-bequastes rotes Kissen (Wappen der Schenk von SiemauW-Logo.png, nach Siebmacher)

Helmkissen als Unterlage

1450-1480: Liegendes, grünes Kissen als Unterlage für ein Fohlen (Wappen der Füll von Cammerberg)

Das Helmkissen eignet sich als Unterlage für Helm- und Hilfskleinode:

„So siehet man wirklich Kugeln, Halbmonde, Hörner et cetera darauf gelegt oder gestellt, oder Hunde, Katzen, Affen et cetera darauf sitzen oder stehen.“

Kissen (gemeine Figur im Wappenschild)

Wappen Redman
(drei Hermelinkissen; coussins d'hermine; Wappen Redman; nach Surrey Roll)
jeweils auf einer Kante stehend und mit Quasten
jeweils ausgespreizt, goldenbequastet
Drei schräglinks gestellte Kissen (Polster), 2:1 (ursprüngliches Wappen des Earldoms MorayW-Logo.png)
um 1546: Gewürfeltes, mit Rosetten belegtes Kissen mit Quasten, oben ein Kreuz (Wappen Pfister, nach Siebmacher, 1858)

Gelegentlich erscheint ein Kissen als eine gemeine Figur im Wappenschild. Wird in diesem Fall in der Wappenbeschreibung lediglich der Ausdruck „Kissen“ oder „Küssen“ verwendet, gilt die Wappenfigur als weitgehend „unbestimmt“, wodurch der aufreißende Wappenkünstler an keine exakt vorgegebene Kissen-Ausprägung gebunden ist. Im Prinzip kann er jede überlieferte mittelalterliche „Kissenform“ im Wappen darstellen. Üblicherweise erfolgt die Darstellung des Kissens in diesem Fall quadratisch oder rechteckig mit Quasten; ein „rundes“ Kissen sollte ausdrücklich gemeldet werden.

Kissen (Tafel XXIX. Figur 9. 10.) (..) In der Art wie Figur 9. abgebildet heissen sie „ausgespreizt“, in der Form wie Figur 10. „auf einer Kante“ stehend (z. B. auf dem Helme der Freiherren von Crailsheim in Bayern).“

Siebmacher/Gritzner (1889)[7]

Abgrenzung

Wappen derer von Grafeneck
 
1450-1480: mit Raute, aber ohne Helmkissen im Oberwappen (nach Scheiblerschen Wappenbuch)
 
um 1460: mit Raute und Helmkissen als Unterlage im Oberwappen (nach Berliner Wappenbuch)

Ein Kissen ist in der Heraldik schwer oder gar nicht von ähnlichen Motiven abzugrenzen. Beispielsweise erscheint im Oberwappen derer von Grafeneck als Wiederholung des Schildbilds teilweise eine Raute bzw. ein rautenförmiges Schirmbrett, teilweise ist das Motiv aber ähnlich wie ein Kissen gestaltet (mit Quasten/Trotteln, Federbüscheln oder anderen Verzierungen). Ein Unterschied zwischen beiden Motiven kann man annehmen, wenn nicht nur eine Raute in einem Aufriss des Wappens erscheint, sondern eine Raute, die auf einem Kissen als Unterlage ruht (wie zum Beispiel im Berliner Wappenbuch).

In der Früh-/Blütezeit der Heraldik erlaubte man sich zudem viel künstlerische Freiheit, was die genaue Ausprägung eines Kissens im Oberwappen anbetraf. So führt dasselbe Geschlecht bald eine Kissen allein in der Helmzier, bald ein Kissen zwischen Büffelhörnern, mal ein auf der Ecke stehendes, mal ein ausgespreiztes Kissen, teilweise war das Kissen auf einer Stange montiert, teilweise nur angestemmt, bald hatte es rote, bald goldene oder silberne Quasten et cetera (vgl. beispielsweise die Kissen im Oberwappen derer von CrailsheimW-Logo.png).

Wappenkissen

1600-1650: Kissenbezug mit Wappen

Wappenkissen („Kissenbezüge mit Wappen“) sind mit Wappen oder besonderen heraldischen Elementen geschmückte Gebrauchs- und Zierkissen. Sie finden sich in den verschiedensten Gestaltungen und Materialien.

Wappenbilderordnung

Weblinks

 Commons: Helmkissen in der Heraldik – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Blason ville fr Garidech (Haute-Garonne).svg Lemma Pfühl. In: Jacob Grimm, Wilhelm Grimm: Deutsches Wörterbuch, Leipzig 1854-1960 (www.woerterbuchnetz.de).
  2. J. Siebmacher's grosses und allgemeines Wappenbuch, Einleitungsband, Abteilung B: Grundsätze der Wappenkunst verbunden mit einem Handbuch der heraldischen Terminologie (Maximilian Gritzner). Nürnberg: Bauer & Raspe, 1889/1890. S. 283. Reprint on Demand. Universtitäts- und Landesbibliothek Tirol. 2009. ISBN 3-226-00671-1.
  3. Ralf von Retberg: Die Geschichte der deutschen Wappenbilder. Aus Ralf von Retbergs Nachlasse. 1884. Posthum in: Jahrbuch der k.k. heraldischen Gesellschaft Adler zu Wien. XIII./XIV. Jahrgang. Wien 1886/1887. Seite 22.
  4. Ingo F. Walther, Gisela Siebert: Codex Manesse. Die Miniaturen der Grossen Heidelberger Liederhandschrift. Frankfurt 1988/1992. S. 139. Tafel 67.
  5. 5,0 5,1 5,2 Bernd, Christian Samuel Theodor: Die Hauptstücke der Wappenwissenschaft: Die allgemeine Wappenwissenschaft in Lehre und Anwendung: nach ihren Grundsätzen in Europas Ländern aus den Quellen dargestellt, und mit Tausenden von Beispielen wirklicher Wappen aus jenen Ländern (..). Band 2. Bonn, 1849. (Google). S. 376 ff.
  6. 6,0 6,1 Querfurt, Curt Oswalt Edler von: Kritisches Wörterbuch der heraldischen Terminologie. Nördlingen: Beck. 1872. Neudruck: Wiesbaden: M. Sändig. 1969. Seite 73.
  7. 7,0 7,1 7,2 J. Siebmacher's grosses und allgemeines Wappenbuch, Einleitungsband, Abteilung B: Grundsätze der Wappenkunst verbunden mit einem Handbuch der heraldischen Terminologie (M. Gritzner). Nürnberg: Bauer & Raspe, 1889. S. 137
  8. Jürgen Arndt und Werner Seeger (Bearbeiter): Wappenbilderordnung. Symbolorum armorialium ordo. Zit.: WBO - General-Index. Hrsg.: Herold, Verein für Heraldik Genealogie und verwandte Wissenschaften (= J. Siebmachers Großes Wappenbuch. B). Band II. Bauer & Raspe, Inh. Manfred Dreiss, Neustadt an der Aisch 1990, ISBN 3-87947-100-2, S. 44 (393 S., zugleich Neubearbeitung des Handbuchs der heraldischen Terminologie von Maximilian Gritzner; Einleitungsband, Abt. B des Neuen Siebmacherschen Wappenbuches, Nürnberg, 1890).