Merlette

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Merletten im Wappen derer von Eynatten
Zwei Merletten im Wappen Heinerscheid.

Die Merlette (auch Merle genannt; frz.: merlette; engl.: [martlet] sans beak) ist seit der Frühzeit des Wappenwesens (Heraldik) als Wappentier beziehungsweise als gemeine Figur ohne Schnabel und Beine gebräuchlich .

Darstellung

Die Merlette ist ein heraldisch gestutzter kleiner, entenartiger Vogel. Ihm fehlen Schnabel und Füße. Sie wird in Ein-, Zwei-, Drei- oder Vielzahl in Wappen dargestellt.

Merletten oder Merlen (Tafel XIX. Figur 26. 27.): nennt man Enten ohne Schnabel und Füsse, welche besonders häufig in Rheinischen, Französischen und Englischen Wappen vorkommen. Im letzteren ist die Merlette als Beizeichen jüngerer Linien sehr gebräuchlich. (..)“

Siebmacher/Gritzner (1889)[1]

Siebmacher Merletten.jpg

Die Merlette ist seit der Frühzeit der Heraldik in dem französischen und dem rheinischen Wappenwesen verbreitet.

Theoriebildung

Im Jahre 2014 untersucht Bernhard Peter in einem Beitrag auf seiner heraldischen Webseite die vielen, Wappensagen, Legenden und spekulativen Theorien, die in der heraldischen Literatur rund um die Entstehung der Merlettenfigur kolportiert werden. Sein Fazit lautet:

„(..) Über die Entstehung des Motivs gibt es die von einigen Heraldikern vertretene und u. a. von Oswald kolportierte Theorie, es handele sich um eine Auszeichnung, die nur von Rittern geführt wurde, die in den Kreuzzügen eine Verwundung davontrugen. Dabei handelt es sich jedoch mangels Beweises um eine romantisch-verklärende Legendenbildung. Eine andere, ebenso unbewiesene Theorie assoziiert mit dem Verlust der Bewehrung entwaffnete Feinde. In manchen Werken findet man abenteuerliche Theorien wie die, daß rote Merletten für getötete, schwarze für gefangene Feinde stünden. All das entbehrt jeder beweisbaren und plausiblen Grundlage. Zurückhaltung bei solchen nachträglichen Deutungsversuchen ist angebracht.

Wie bei vielen ungewöhnlichen Wappenmotiven, insbesondere bei regionaler Häufung, ist es jedoch besser, von einer Mode und einer Form der Geschmacksbildung durch Vorbild auszugehen, die zur Verbreitung mit geographischem Schwerpunkt führte. Eine viel weniger weit hergeholte Erklärungsmöglichkeit wäre die oft praktizierte farbliche Absetzung der Bewehrung von der Farbe des Körpers, die sich bei mangelndem Kontrast dahingehend verselbständigt hat, daß nur noch der Vogelkörper ohne die farblich abweichende Bewehrung verwendet wurde. Insbesondere wenn ein Schildmotiv nicht nur gemalt, sondern aus anderem Material appliziert wurde, können abgesetzte Kleinteile leicht abhanden gekommen sein. Diese Erklärung wird gestützt durch die Tatsache, daß erst die Beine und später der Schnabel bei den Darstellungen verloren gingen, daß sich dieses Motiv also sukzessive entwickelte. Daneben gibt es auch Wappen, die im Schild die gestümmelten Vögelchen, in der Helmzier aber einen vollständigen Vogel aufweisen; auch dieser Befund spricht für ein Verlorengehen als Wurzel des Motivs. Eine wiederum andere Theorie geht davon aus, daß die Vögel auf der Kleidung z. B. mit aufgenähten farbigen Applikationen erzeugt wurden, wobei Kleinigkeiten wie Extremitäten aufgrund der Mindestgröße der Applikationen einfach weggelassen wurden, im Prinzip der gleiche Gedanke wie der vorige. Ein weiterer Gedanke ist der, daß diese kleinen Vögel oft in langgestreckten Feldern als Füllung eingesetzt wurden, auf Borden, im Zwischenraum zwischen Balken etc., und durch das Weglassen der Extremitäten konnte man Platz sparen und die Figur größer machen. Frühe Beispiele lassen zudem den Schluß zu, daß es sich dabei um redende Wappen handelte: 1185 taucht die Merlette zum ersten Mal auf im Wappen Mello (Normandie), und der etymologische Bezug Mellot - Merlot - Merloz - Merle ist offensichtlich. In der Mitte des 14. Jh. taucht die Merlette als redendes Wappenbild für Familien des Namens Oisery, Oisy, Loiseau etc. auf, auch hier ist der Bezug zum Wort "Vogel" = "oiseau" offensichtlich.

Aus den genannten Gründen ist es unangemessen, in das Motiv mehr als das Vorhandensein kleiner Vögel hineinzuinterpretieren, und für das Weglassen der Extremitäten sind mehrere eher praktische Gründe denkbar, oder es beruht auf schlichter, möglicherweise modischer Konvention ohne sachlichen Grund. Spekulationen wie den eingangs erwähnten sei jedenfalls eine klare Absage erteilt. (..)“

Bernhard Peter (2014)[2]

Abgrenzung

Merlette versus gestümmelter Amsel

In der heraldischen Literatur interpretiert man die Figur „Merlette“ teilweise als eine gestümmelte Amsel. Hintergrund dieser Auslegung ist, dass in der französischen Sprache der Ausdruck „Merlette“ eine Verkleinerungsform von „Merle“ ist, was auf Deutsch „Amsel“ heißt. Es gilt jedoch zu beachten:

Merletten oder Merlen (..) zu unterscheiden von der gestümmelten Amsel, welche Schnabel und Bein-Rudera aufweist.“

Siebmacher/Gritzner (1889)[1]

Martlet

2015: Martlet im Wappen von Andrew Harclay, 1. Earl of CarlisleW-Logo.png (Gestaltung: Alexander Liptak)
Martlets im Wappenschild von William de ValenceW-Logo.png (1296)

Die in der französischprachig und rheinländisch geprägten Wappenkultur gebräuchlich Figur „Merlette“ ist von der Figur „Martlet“ zu unterscheiden, die in der englischsprachig geprägten Heraldik auch als Beizeichen verwendet wird und einer (Mehl)Schwalbe ohne Füße (=„martlet“) ähnelt.

Wappenbilderordnung

  • Die Merlette wurde in die Wappenbilderordnung (WBO) des Herold (Verein) im Abschnitt Teile lebender Organismen, Abnormitäten, Verstümmelungen unter der Nr. (4001)-785 aufgenommen.

Siehe auch

Weblinks

 Commons: Merletten (französichsprachig-geprägte Heraldik) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Commons: Martlets (englischsprachig-geprägte Heraldik) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise und Literatur

  • Gert Oswald: Lexikon der Heraldik. Bibliographisches Institut, Mannheim, Wien, Zürich 1984, ISBN 3-411-02149-7, S. 270 (Digitalisat [abgerufen am 29. Februar 2020]).
  1. 1,0 1,1 J. Siebmacher's grosses und allgemeines Wappenbuch, Einleitungsband, Abteilung B: Grundsätze der Wappenkunst verbunden mit einem Handbuch der heraldischen Terminologie ( M. Gritzner). Nürnberg: Bauer & Raspe, 1889. S. 91
  2. Show-handle-HW.png Bernhard Peter: Besondere Motive: Merlette – Abgerufen: 14. Januar 2021


Muster-Wappenschild-Info.png

Dieser Artikel basiert auf dem Beitrag „Merlette“ aus der freien Enzyklopädie Wikipedia in der Version vom 13. August 2010 (Permanentlink: [1]). Der Originaltext steht unter der GNU-Lizenz für freie Dokumentation bzw. unter CC-by-sa 3.0. In der Wikipedia ist eine Liste der ursprünglichen Autoren verfügbar.