Midaskopf

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Midaskopf/-büste/-rumpf im Wappen Janorinski (nach Siebmacher)

Die Ausdrücke Midaskopf, Midasrumpf, Midasbüste (frz.: buste de midas, tête de midas; engl. midas head, head of midas) bezeichnen im Wappenwesen eine Wappenfigur, die in der heraldischen Literatur nur vage beziehungsweise nicht einheitlich bestimmt ist.

Darstellung

Wappen von Herda
 
Aufriss als Midasbüste
 
Aufriss als Midaskopf (mit Hals)
(nach Siebmacher)
1893: Jüngling mit Eselsohren, aus dem unteren Schildrand wachsend (Wappen Dráchovský z Dráchova)

Die Figur Midaskopf/-büste/-rumpf ist grundsätzlich dem menschlichen Kopf eines Mannes mit (langen, spitzen) Tierohren nachempfunden. In der Früh-/Blütezeit des Wappenwesens ist keine scharfe Grenze vorhanden, ob die mit diesen Ausdrücken bezeichneten Figuren als a) Kopf ‹ohne Hals›, b) als Kopf ‹mit Hals› oder c) als Kopf ‹mit Hals und Oberkörper› im Wappen zu gestalten sind. Die genaue Darstellung obliegt damals dem Wappenkünstler bzw. der künstlerischen Freiheit und wird gewöhnlich im Rahmen der Gesamtharmonie eines Wappens umgesetzt. Erst in der neueren Heraldik unterscheidet man vage zwischen einem Midaskopf („Kopf eines Mannes mit Tierohren“, meist durch einen mehr oder weniger geraden Schnitt am Hals begrenzt) und einer Midasbüste („Brustbild“, „1/2 ‹schwebender› Mann mit Tierohren“, wobei Hals und Ansätze von Rumpf/Oberkörper dargestellt werden). Im Wappenschild ist die Figur im Profil, schwebend und nach heraldisch rechts blickend als Grundstellung üblich. Andere Stellungen (z. B. in Frontalansicht, hersehend, den Betrachter ansehend, en face) sind zu melden.

Im Normalfall handelt es sich bei den Tierohren der Figur um „Eselsohren“[1][2][3][4][5]. Je nach Wappenbeschreibung und Wappenaufriss sind die Tierohren auch als „Pferdeohren“ oder „Hasenohren“ sowie als „(Teufels-, Widder-)Hörner“ beschrieben beziehungsweise gestaltet. Die Tinktur der Tierohren folgt im Wappenwesen keiner einheitlichen Festlegung und sollte stets gemeldet werden. In der Helmzier erscheinen die Tierohren der Figur oft in der Farbe des Wappenschilds, einer Tinktur der Helmdecke, seltener und eigentlich unheraldisch in einer Sonderfarbe (Grau oder Fleischfarbe). Die Figur Midaskopf/-büste/-rumpf erscheint stets mit dem Kopf eines Mannes; Eselsohren am Kopf einer Frau, eines Jünglings, eines Kindes et cetera sind in Wappenbeschreibungen als solche anzusprechen (das Morphem „Midas-“ kann dabei entfallen).

Verbreitung

Die Figur Midaskopf/-büste/-rumpf/-wird beispielsweise von folgenden Familien/Personen (zumeist in der Helmzier) geführt: Vitzum von Basel, Sir Bermond Armand de Preissac, von Stainach, von Janorinsky, Dráchovský z Dráchova. In der Literatur wird im Zusammenhang mit dem Midaswappenmotiv vor allem auf das Wappen des thüringisch-hessischen Adelsgeschlechts von Herda verwiesen.

Begriffsgeschichte und Symbolik

ca. 1410-1414: König Midas mit Eselsohren urteilt im Wettbewerb zwischen Apollo und Pan
Narr mit Kappe mit zwei eselsohrartigen Zipfeln (Holzschnitt von Heinrich Vogtherr dem JüngerenW-Logo.png, um 1540)

Im Wappenwesen sind Ausdrücke wie Midaskopf, Midasbüste oder Midasrumpf vermutlich erst seit dem 18. Jahrhundert zur Bezeichnung einer gemeinen Figur gebräuchlich. Sie verweisen auf den mythischen König MidasW-Logo.png. Nach einer Erzählung „erkannte Midas bei einem musikalischen Wettstreit zwischen dem hässlichen Pan und dem wohlgestalteten Apollon, den Vertretern der Syrinx und der Kithara, Pan den Preis zu, wofür ihm Apoll die Ohren zu zwei Eselsohren lang zog (..) Midas verbarg diese Schmach unter einer Phrygischen Mütze. Nur sein Barbier entdeckte sie. Der wagte zwar nicht, das Geheimnis einem Menschen zu verraten, konnte aber dem Drang, es weiterzusagen, nicht widerstehen, grub am Flussufer ein Loch und rief dreimal hinein: „König Midas hat Eselsohren!“ Dann warf er es wieder zu. Doch das Schilfrohr hatte mitgehört und flüsterte es anderen Binsen weiter, wenn der Wind rauschte, so dass am Ende alle Welt es wusste.“[6]

Ob die heraldische Figur „Männerkopf/-rumpf/-büste mit Tierohren“ wirklich in Anlehnung an den sagenhaften König Midas Eingang in das Wappenwesen fand, ist unklar. Einerseits kann dies aufgrund der spärlichen zeitgenössischen Quellenlage nicht ausgeschlossen werden; andererseits erscheinen die Midaswappen gewöhnlich ohne königliche Attribute (wie z. B. eine Krone). Zum Dritten sind außerhalb der Heraldik Ohren symbolkundlich im Lauf der Jahrtausende mit zahllosen negativen wie positiven Konnotationen besetzt, von denen viele Gründe dafür sein können, dass man eine Menschfigur mit übergroßen Tierohren ins Wappenwesen übernimmt:

Eher positive Ohrensymbolik[7]
  • Sitz des Gedächtnisses (am Schädel, hinter den Ohren)
  • Gedanken- und Gefühlswelt (das Ohr ist das Organ, durch welches das Innere erschüttert wird; Hildegard v. Bingen)
  • Empfängnis Jesu (naiv dargestellt durch das Eindringen der Taube des Heiligen Geistes in die Ohren von Maria)
  • Göttliche Eingebung (Klingeln in den Ohren)
  • Hervorbringung von Göttern und Heroen (in einigen Mythologien aus dem Ohr ihrer Mutter)
  • Zeichen von Reichtum, Adel und Verdiensten (große Ohren können mit mehr Schmuck verziert werden als kleine)
  • Besiegelung von Rechtsgeschäften (ein als Zeuge dienender Jüngling wird geohrfeigt oder an den Ohren gezogen, um sich das Vorgang dauerhaft zu merken)
  • Schlauheit (vgl.: es faustdick hinter den Ohren haben)
  • Exotik, Fremdheit, Unbekanntes (übergroße Ohren stehen bis in die Gegenwart für Menschen oder menschenartigen Wesen aus entfernten Welträumen, vgl. VulkanierW-Logo.png)
Eher negative Ohrensymbolik[7]
  • Zeichen für den Teufel (der Esel erhielt bei der Schöpfung die langen Ohren des Teufels)
  • Narren-/SpottattributW-Logo.png: Ab dem 13 Jhr. wandelt sich die Kopfbedeckung Gugel zu einer Narrenkappe mit Eselsohren
  • Zeichen für das Laster der Trägheit (acedia)
  • Zeichen für Dummheit, Unwissenheit (vgl. das heutige Schimpfwort „dummer Esel“)
  • Zeichen für Häresie/Ketzerei (beispielweise erscheint in antireformatorisches Flugblättern des 16. Jhr. die „Göttin der Häresie“ mit Eselsohren)

Innerhalb der Heraldik mißt man den Eselsohren mit wenigen, eher ironisch gemeinten Ausnahmen, keinen Symbolgehalt bei, es sei denn, man kann ein redendes Wappen belegen.

„Die häufigen Eselsohren dürften auch nicht ohne Bezug sein; zufällig trifft es, dass mehrere durch Sparsamkeit reich gewordene Geschlechter in Augsburg und Köln sie führten, und dies wird auch das einzigemal sein, wo eingebildete Bedeutung der Bilder -- Esel für Sparsamkeit -- durch Beispiele belegt werden kann. Solche Zimier liess damals nicht lächerlich, wie es wohl jetzt der Fall wäre, seit der Esel bei uns unverdient zum Symbol der Dummheit geworden ist; im Mittelalter heissts nie dummer, wohl "grober Esel", man hatte im Wappenwesen stets den wilden im Auge, der eher Ungestüm, Trotz und Wildheit ausdrücken konnte.“

Pusikan (1877)[8]

Teufelsfratze

Helmzier: Rotgekleideter Midasrumpf, mit rotem Gesicht, schwarzem Haar und Bart; im Siebmacher in Klammern mißverständlich „Teufel“ genannt;[9] (Wappen der von HeßbergW-Logo.png im Scheiblerschen Wappenbuch)

Die Figur Midaskopf/-büste/-rumpf wird in der Literatur teilweise fälschlich als „Teufelsfratze“, „Teufelsgesicht“, „Teufelsmaske“ oder ähnlich beschrieben. Die Verwendung dieser Ausdrücke verweist auf die mittelalterliche Auffassung, dass der Esel bei der Schöpfung die langen Ohren des Teufels erhielt. Im Wappenwesen ist die Figur „Teufelsfratze“ jedoch streng von der Figur „Midaskopf/-büste/-rumpf“ zu unterscheiden. Letztere ist stets als Menschenkopf mit Menschengesicht auszuführen, dessen einzige Besonderheit die langen Tierohren sind; erstere eher als Fabel-/Dämonen-/NeidkopfW-Logo.png mit einem fratzenhaft-verzerrten, verunstalteten, hässlichen, möglicherweise furchteinflößenden, grimassierenden Menschengesicht und einer Vielzahl animalischer Attribute (Tierhörnern, Habichtsnase, vergrößerten Eck-/Fangzähnen, zottiges Fellhaar, die Ohren eher fledermaus-, weniger eselsartig stilisiert et cetera) sowie womöglich mit anderen Eigenschaften, die im Kontext mit einem Teufelsmotiv gebräuchlich sind (zum Beispiel Feuerflammen, die aus Gesichtsöffnungen wie den Ohren hervorschlagen).

Wappenbilderordnung

  • Die Figur Midaskopf wurde in die Wappenbilderordnung (WBO) des Herold (Verein) im Abschnitt Teile lebender Organismen, Abnormitäten, Verstümmelungen: B. Obere bzw. vordere Teile: 3. Menschen unter der Nr. 7011-715 aufgenommen.

Weblinks

 Commons: Midaskopf in der Heraldik – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Literatur

  • Volborth, Carl Alexander von: Fabelwesen der Heraldik in Familien und Städtewappen, Stuttgart und Zürich 1996 Belser-Verlag, auch 2001. S. 95 f.

Einzelnachweise

  1. Reinhard, Johann Paul: Vollständige Wappenkunst. Johann Paul Reinhards, hochfürstl. Brandenburg-, Ansbach- und Culmbachischen Hofraths ... vollständige Wappenkunst. Nürnberg. 1778. S. 82.
  2. Biedenfeld, Ferdinand, Freiherr von: Die Heraldik oder populäres Lehrbuch der Wappenkunde für (..). Weimar 1846. S. 36.
  3. J. Siebmacher's grosses und allgemeines Wappenbuch, Einleitungsband, Abteilung B: Grundsätze der Wappenkunst verbunden mit einem Handbuch der heraldischen Terminologie (Maximilian Gritzner). Nürnberg: Bauer & Raspe, 1889. S. 149
  4. Querfurth, Curt O. von: Kritisches Wörterbuch der heraldischen Terminologie. C. H. Becksche Buchhandlung, Nördlingen 1872, S. 89.
  5. Oswald, Gert: Lexikon der Heraldik. Bibliographisches Institut, Mannheim/Wien/Zürich/Leipzig 1984, ISBN 3-411-02149-7, S. 271.
  6. Seite „Midas“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 25. Juli 2016, 11:29 UTC. URL: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Midas&oldid=156437826 (Abgerufen: 23. September 2016, 20:18 UTC)
  7. 7,0 7,1 Die meisten Angaben formlos bzw. frei entlehnt aus: Lexikon der Symbole: Ohr. 1989/1994/1998. S. 315; oder aus: Deutschsprachiger Wikipedia. Div. Lemma. Internet. Abgerufen 24. September 2016.
  8. Pusikan: Ueber die Bedeutung der Wappenfiguren. Nürnberg. 1877. S. 41.
  9. J. Siebmacher's grosses und allgemeines Wappenbuch, II. Band, 1. Abteilung; Der Adel des Königreichs Bayern; Verfasser: O. T. von Hefner; Publikation: Nürnberg: Bauer & Raspe, 1856. S. 39, Tafel 38