Bewindfahnet

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Bewindfahnet ist eine veraltete und unnütze VerdeutschungW-Logo.png des französischen heraldischen Fachausdrucks girouetté. Sie wurde durch den Heraldiker Christian Samuel Theodor Bernd im 19. Jahrhundert eingeführt;[1] der verdeutschte Ausdruck ist als Fachwort weder in der heraldischen Praxis noch in der heraldischen Literatur gebräuchlich.

Syntax

HW Gtk-go-forward-ltr.png Hauptartikel: Windfahne

Wenn eine Wappenfigur (Turm, Schiff, Kirche) mit einem Windrichtungsgeber (Wind-/Wetterfahne, Wind-/Wetterhahn et cetera) aufzureissen ist, wird in heutigen Wappenbeschreibungen gewöhnlich nicht der Ausdruck „bewindfahnet“ verwendet, sondern folgende Syntax benutzt:

[..] mit [Richtungsangabe] Windrichtungsgeber
Beispiele (nicht „bewindfahnet“, sondern ...)
  • Rundturm (..) mit pfeilförmiger silber-schwarzer Windfahne
    (Wappen HerrnhutW-Logo.png)[2]
Wappen herrnhut.PNG
  • Burg (..) mit (..) goldenen linkswehenden Wetterfahnen (..)
    (Wappen SchleusingenW-Logo.png)[3]
Wappen Schleusingen.png

Begriffsgeschichte

18. Jhr.: Burg mit drei Windfahnen (Wappen David de Proissy Chtr. Sgr. Chastelain d'Aippe)

Der französisch-heraldische Fachausdruck girouetté ist spätestens ab dem 17. Jahrhundert gebräuchlich. Beispielsweise findet er sich 1657 in dem Werk Trésor héraldique ou Mercure armorial .. bei der Beschreibung des Familienwappens Chastelain.[4] Der für seine theoretisch-terminologischen „Neuerungsversuche“ bekannte, von Querfurt dafür kritisierte „neuerungsdürstige Mann“,[5] Christian Samuel Theodor Bernd, verwendete 1849 für girouetté den Ausdruck „bewindfahnet“ in seinem Werk Die Hauptstücke der Wappenwissenschaft. Die Verdeutschung wurde zwischen 1850 und 1900 vereinzelt und unkritisch von einigen Wörterbuch-Autoren übernommen. Beispielsweise wird 1860 im Wörterbuch der Deutschen Sprache und 1877 im Illustrirten Archäologischen Wörterbuch der Kunst des germanischen Alterthums „bewindfahnet“ folgendermaßen erläutert:

„Befahnen, tr.: mit einer Fahne versehen (..) Bewindfahnet, Bernd Wapp. 2, 257“

Wörterbuch der Deutschen Sprache (1860)[6]

„bewindfahnet, adj. (Heraldik), frz. girouetté, von einem Thurm gesagt, der mit einer Windfahne von abstechender Tinktur versehen ist.“

Illustrirtes archäologisches Wörterbuch der Kunst des germanischen Alterthums (1877)[7]

Die Berndsche Verdeutschung „bewindfahnet“ setzte sich in der heraldischen Kunstsprache des deutschsprachigen Kulturraums und in der heraldischen Fachwelt jedoch nie durch. Schon 1889 empfiehlt der Heraldiker Maximilian Gritzner eine andere Übersetzung des Fachausdrucks girouetté.

„girouetté (frz., engl.) = mit Windfähnlein (von Thürmen et cetera).“

Siebmacher/Gritzner (1889)[8]

Angelehnt an Gritzners Übersetzung, formulieren rund 100 Jahre später die Autoren der Wappenbilderordnung des Herolds folgende Übertragung:

„girouette (frz.) - Wetterfahne (..)
 girouetté (frz.) - mit Windfähnlein (zum Beispiel Türme und so weiter)“

Herold - Verein für Heraldik, Genealogie und verwandte Wissenschaften: Wappenbilderordnung (1990-1996)[9]

Empfehlung

Es empfiehlt sich, den veralteten Ausdruck nicht in Wappenbeschreibungen zu verwenden beziehungsweise es ist für diesen Ausdruck das Gleiche festzuhalten, was Querfurt beim Ausdruck „entgipfelt“ zu den Wortschöpfungen des Heraldikers Bernd sagte:

„(..) so dürfte auch dieser Bernd'sche Neuerungsversuch, wie so viele andere Abmühungen dieses neuerungsdürstigen Mannes, als unbrauchbar und höchstens zur chaotischen Verwirrung in der heraldischen Terminologie noch mehr beitragend zu verwerfen sein. Man muss sich hier nur wundern, dass selbst bessere Köpfe durch derartige Nutzlosigkeiten sich auch mit verwirren lassen!“

Curt Oswalt Edler von Querfurt (1872)[5]

Weblinks

Siehe auch

Einzelnachweise

  1. Bernd, Christian Samuel Theodor: Die Hauptstücke der Wappenwissenschaft: Die allgemeine Wappenwissenschaft in Lehre und Anwendung: nach ihren Grundsätzen in Europas Ländern aus den Quellen dargestellt, und mit Tausenden von Beispielen wirklicher Wappen aus jenen Ländern (..). Band 2. Bonn, 1849. S. 257. (Google).
  2. Wappenbeschreibung: „In Silber ein blauer Einberg, darauf innerhalb einer mittig offenen Umfassungsmauer ein dreibogiger blauer Rundturm mit umlaufender Dachbalustrade und zentralem flachkegelbedachtem Aufsatz mit pfeilförmiger silber-schwarzer Windfahne.“
  3. Wappenbeschreibung: „In Blau eine aus dem unteren Schildrand wachsende silberne Burg aus drei Rundtürmen mit roten Glockendächern, goldenen linkswehenden Wetterfahnen mit Knopf als Abschluss, die Flankentürme zur halben Höhe schwarz gefugt mit schwarzem Rundbogenfenster darüber, der erhöhte Mittelturm mit zwei schwarzen Rundfenstern über eingefasstem offenem goldenem Portal, darin auf grünem Dreiberg eine schwarze, rotbewehrte Henne.“
  4. Charles Segoing: Trésor héraldique ou Mercure armorial, où sont demonstrées toutes les choses nécessaires pour acquérir une parfaite connoissance de l'art de blazonner (..) Paris, F. Clouzier, 1657. S. 392. Google)
    „Chastelain: d'azur au château d'argent, girouetté de trois panonceaux de même.“
  5. 5,0 5,1 Querfurt, Curt Oswalt Edler von: Kritisches Wörterbuch der heraldischen Terminologie. Nördlingen: Beck. 1872. Neudruck: Wiesbaden: M. Sändig. 1969. Seite 34.
  6. Daniel Sanders: Wörterbuch der Deutschen Sprache. Mit Belegen von Luther bis auf die Gegenwart. Band 1. A-K. Leipzig, 1860. S. 388.
  7. Hermann Alexander Müller; Oscar Mothes: Illustrirtes Archäologisches Wörterbuch der Kunst des germanischen Alterthums, des Mittelalters und der Renaissance, sowie mit den bildenden Künsten in Verbindung stehenden Ikonographie, Kostümkunde, Waffenkunde, Baukunde, Geräthkunde, Heraldik und Epigraphik (..). Erste Abteilung. A–H, Buchhandlung Otto Spamer, Leipzig/Berlin 1877, S. 193. (Google)
  8. J. Siebmacher's grosses und allgemeines Wappenbuch, Einleitungsband, Abteilung B: Grundsätze der Wappenkunst verbunden mit einem Handbuch der heraldischen Terminologie (Maximilian Gritzner). Nürnberg: Bauer & Raspe, 1889/1890. S. 246. Reprint on Demand. Universtitäts- und Landesbibliothek Tirol. 2009. ISBN 3-226-00671-1.
  9. Jürgen Arndt und Werner Seeger (Bearbeiter): Wappenbilderordnung. Symbolorum armorialium ordo. Zit.: WBO - General-Index. Hrsg.: Herold, Verein für Heraldik Genealogie und verwandte Wissenschaften (= J. Siebmachers Großes Wappenbuch. B). Band II. Bauer & Raspe, Inh. Manfred Dreiss, Neustadt an der Aisch 1990, ISBN 3-87947-100-2, S. 141 (393 S., zugleich Neubearbeitung des Handbuchs der heraldischen Terminologie von Maximilian Gritzner; Einleitungsband, Abt. B des Neuen Siebmacherschen Wappenbuches, Nürnberg, 1890).